Kritik: Game of Thrones 4.04 „Oathkeeper“/ „Eidwahrer“.

„A man with no motive is a man nobody suspects.“

Oathkeeper“ ist nicht eine von Game of Thrones‚ besten Folgen, aber bestimmt eine der schönsten. In „Oathkeeper“ dreht sich nämlich alles um gebrochene Eide und gegebene Schwüre – denn egal ob in King’s Landing, an der Mauer oder in Mereen, jedermanns und -fraus Worte sind Wind, wenn keine Taten folgen. Das gleiche gilt für Game of Thrones, vor allem dessen missglückte Missbrauchsszene in der Vorfolge…

Source: YouTube: Game of Thrones: Oathkeeper promo. (c) HBO. No copyright infringement intended, this is for educational purposes only.

Während Daenerys und Co. sich Mereen einverleiben, geht das Ringen um die Macht in King’s Landing ein wenig subtiler von statten – dort ist jetzt Tommen der Schlüssel zur Macht, und die Tyrells machen sich da sogleich emsig an die Arbeit…

Ab hier gibts wie immer volle Spoiler für die Episode. Für Game of Thrones spezifisch: Ich habe alle Bücher gelesen, werde diese Rezension allerdings für jene schreiben, für die die TV-Serie Erstberührung mit dem Material ist. Kommentare werden moderiert, um Spoilern vorzubeugen.

Das Lied von Eis und Feuer.

Oathkeeper“ beginnt mit Feuer und endet im Eis, was nicht nur einen sehr schönen Kreis zieht, sondern wohl auch  eine Hommage an den Titel der Game of Thrones als Vorlage dienenden Buchreihe, A Song of Ice and Fire, ist. Früher oder später (wahrscheinlich erst sehr viel später) werden diese zwei Extrempunkte der Geschichte – jenseits des Meeres und jenseits der Mauer – aufeinander stoßen müssen, derzeit sind sie unter anderem Vorboten dafür, was noch kommen wird. Die Weißen Wanderer/ White Walkers haben noch kaum bis gar nie eine tragende Rolle in der Geschichte von Game of Thrones passiert, obwohl sie schon seit Folge 1, eigentlich sogar schon seit des Prologs, Teil der Serie sind. Detto Daenerys Targaryen, die nur äußerst peripher den Wettlauf um den Thron von Westeros tangiert hat. Beide werden offensichtlich erst in der Gesamtreichweite der Serie eine tragende Rolle spielen – „Oathkeeper“ ist die Erinnerung der Serie, dieses in Staffel 1 gegebene Versprechen nicht vergessen zu haben.

Interessant dabei, wie unterschiedlich diese beiden Sequenzen wirken, obwohl sie im Grunde den gleichen Restriktionen aufliegen. Ich erwähne in diesen Kritiken häufig, dass Game of Thrones trotz eines außergewöhnlich hohen Budgets und dem mitunter größten Schauspieler-Ensemble des Fernsehmediums gelegentlich Probleme damit hat, die Größe seiner Geschichte zu stemmen – und Daenerys‘ Eroberung Mereens ist das beste Beispiel dafür. Die Belagerungsszenen letzter Woche waren noch äußerst imposant, in dieser Episode musste man sich hingegen mit stellvertretenden Einzelszenen begnügen. Es wirkte alles fast ein wenig zu einfach; das Eindringen in Mereen, die komplette Übertölpelung der Meister, und schließlich die Hissung der Targaryen-Flagge. Besonders jene Szene, in der ein Mob aus geschätzten 40 Sklaven einen einzigen Meister in die Ecke treibt, wirkt merkwürdig gestellt – und schade auch, dass wir Daario Naharis, Ser Barristan Selmy, Jorah Mormont und Grey Worm nicht in Aktion sehen dürfen. Schon klar, dass das Budget für die Serie nicht unerschöpflich ist – Szenen wie die Eroberung Mereens aber leiden dann leider dafür.

Die letzte Szene wirkt hingegen erst dadurch imposant, dass sie stellvertretend für eine größere Macht ist. Ein neuer Weißer Wanderer wird geboren – was in Staffel 2 noch wie Humbug klang stellt sich nun als schreckliche Wahrheit dar. Was die Szene aber herausstechen lässt ist die wunderschöne Cinematographie, die dabei die mitunter schönsten Bilder der Serie einfängt. Eine eisige Einöde könnte mit Leichtigkeit langweilig wirken, aber bei der Reise des Wanderers in deren geheimnisvollen Hain fallen einem schier die Augen aus. Apropos, Augen… wow. Eine äußerst ikonische Szene, ohne dass sie eigentlich für die Handlung allzu wichtig erscheint.

In King’s Landing.

Von alledem unbeeinflusst geht das Intrigieren in King’s Landing weiter, und ich möchte da auch gleich auf Jaimes kontroverse Szene in „4.03 Breaker of Chains“ eingehen: Ich gebe zu, mich da ein wenig von der Buchvorlage blenden gelassen zu haben, und die Szene darum nicht eingehend auf ihre Konsequenzen studiert zu haben. Es stellt sich nämlich heraus (etwa im Interview von Alan Sepinwall mit dem Regisseur: HIER), dass die Szene nicht als Vergewaltigung gedacht war, während die bewegten Bilder etwas anderes erzählen. Ich denke aber, dass das die Qualität von „Breaker of Chains“ nicht schmälert, nun aber auf jeden Fall Konsequenzen für die Figur des Jaime haben wird, die dem Team wohl nicht recht sein dürfte.

De facto ist Jaime nun ein Vergewaltiger, während er in dieser Episode jedoch wieder äußerst positiv portraitiert wird. Er kümmert sich um seinen Bruder, er legt für ihn ein gutes Wort bei seiner Schwester ein, er trainiert mit Bronn, er vermacht Brienne sein vallyrisches Schwert – und dennoch ist es im Grunde widerlich, sich herbeizuwünschen, dass sein Abschied von Brienne kein endgültiger ist. Besonders merkwürdig ist allerdings seine Interaktion mit seiner Schwester – die beiden erwähnen den Vorfall nicht nur nicht mit einem einzigen Wort, sie verhalten sich auch beide so, als sei alles im Lot. Im Nachhinein ist also Jaimes Vergewaltigungsszene als einziger Fauxpas des Regisseurs/Cutters von „Breaker of Chains“ zu bewerten. Man muss sich halt jetzt selber erstmal beibringen, dass die Vergewaltigung gar keine war – was auch im übertragenen Sinne wirklich das Letzte ist, das Game of Thrones hier hätte tun sollen.

Und das ist so unendlich schade, denn gerade Jaimes Interaktion mit Brienne war stets eine der am Besten realisierten Beziehungen, und auch in „Oathkeeper“ geben ihre komplexen Gefühle füreinander den titelgebenden Ton an. Nachdem Jaime ihr schon die Geschichte anvertraut hatte, warum er der Kingslayer genannt wird, vertraut er hier nun auch sein Schwert an – Oathkeeper, denn jedes großartige Schwert besitzt einen Namen. Brienne soll tun, was Jaime nicht tun konnte – ihren Eid an Catelyn Stark einhalten, während sie damit auch gleichzeitig Jaimes Versprechen an Catelyn einlösen würde. Dieser Eid besitzt keinerlei diplomatischen Vorteile für Jaime, und er wird dadurch auch seinen Ruf als Eidesbrecher ablegen können. Stattdessen tut er es für sich selber wegen, und auch ein Funke Gerechtigkeit dürfte, trotz des Verhaltens der Vorwoche, eine Rolle spielen.

Source: YouTube: Game of Thrones: Oathkeeper promo. (c) HBO. No copyright infringement intended, this is for educational purposes only.

Die Tyrells scheinen indes keinen Fuß je falsch zu setzen, und auch ihre neuerste Finte scheint zu funktionieren: Tommen manipulieren, noch bevor Cersei ihn unter ihre Fittiche bringen kann, weil sie zur Zeit noch zu sehr mit Joffreys Tod beschäftigt ist. Dabei entpuppt sich Tommen als wohl naivste Schachfigur der gesamten Stadt: Seine Putzigkeit (Ser Pounce!) ist dabei eine erfrischende Abwechslung zur sonst durchwegs finsteren Riege in der Hauptstadt, und es wird spannend, wie Cersei und Margaery sich hier früher oder später (wahrscheinlich eher früher) miteinander überwerfen werden. Margaerys Verführungstechniken sind jedenfalls köstlich – sie weiß, wie sie dem kleinen Jungen große Augen machen kann; ein angetäuschter Kuss ist dabei nur das kleinste Kunststück.

Inzwischen geben Olenna und Littlefinger zu, dass sie sich für das Attentat verantwortlich zeigen. Ich bin überrascht, dass dieses Geheimnis so zeitig gelüftet wird, anstatt wie etwa den Mord an Jon Arryn (ganz zu Beginn der Serie – was der Grund für Neds Reise nach King’s Landing war),über Jahre hinweg offen zu lassen. Die Motive von Olenna – ich werde sie vermissen, wenn sie King’s Landing wirklich verlässt – sind klar, aber Littlefinger? Ich liebe es, wie Littlefinger den Subtext seiner Reden liebt. Ich denke, dass das Chaos nur eine (seiner vielen) Masken ist: Wenn er sagt, er möchte alles, starrt er die Tochter seiner geliebten Catelyn machtgeil an. Aber irgendwie ist da auch mehr im Busch als bloß ein 40-Jähriger, der da nach dieser jungen Frau (ein Kind ist sie nach 3 Staffeln nun wirklich nicht mehr) lüstert: Sansa ist nicht auf den Kopf gefallen, hat sie doch ein Jahr schwere Schule im Spiel um den Thron hinter sich, und ich habe das Gefühl, dass Littlefinger sehr an ihr schätzt. Littlefinger hat keine Nachkommen, soweit wir wissen – nun, da das Haus Stark quasi kopflos dasteht, will er sich dieses vielleicht einverlieben.

Die fast vergessene Wacht.

In einer erfreulichen Wendung findet die Bran-Truppe endlich wieder eine spannende Zwischenstation: Bran, Hodor, Jojen und Meera stoßen auf Craster’s Keep, wo nach wie vor die Deserteure der Night’s Watch hausen. Dass diese nach mehr als zwei Staffeln Abszenz wieder auftauchen ist eine echte Überraschung, und die Serie hat merklich Schwierigkeiten, diese auch zu kontextualisieren. Selten etwa wurde eine Szene so unoriginell eingeleitet wie die sehr expositionsreichen Worte des Rädelsführers: „Karl Tanner, from Gin Alley, drinking Wine from the skull of Jeor fuckin‘ Mormont.“, gefolgt von ein paar Minuten fluchen. Thematisch gliedert sich diese Sequenz nahtlos in die Episode ein – südlich der Mauer wird beschlossen, dass die Eidesbrecher ausgemerzt gehören, ironischerweise von Jon Snow.

Diese hölzerne Erinnerung, wer diese Männer überhaupt so sind und wie sie eigentlich hier die paar Monate überlebt haben, zahlt sich allerdings mehr als aus: Noch in der selben Episode verwandelt sich die böse Bande, die in naher Zukunft offensichtlich Jons oder Mance Rayders Klinge zum Opfer fallen wird, zu einer äußerst realen Gefahr. Ganz irrational ist Karl ja nicht – er hört etwa auf die „Gift for the Gods„-Chöre, weil er sich damit die Gehorsamkeit der Frauen/Sklaven sichert. Gleichzeitig ist aber auch spannend, was er mit den Gefangenen vor hat – insbesondere, weil Bran selber zwar auf keinen Fall ins Gras beißen kann, seine 3 Gefährten allerdings allesamt entbehrlich sind. Gerade die Kombination aus Jojen und Meera war doch von Anfang an schon so designt, dass beide in etwa die gleiche Rolle ausfüllen: Jojen leert Bran das Grünsehen und Meera ist für die Nahrung zuständig, aber im Falle des Falles scheinen die zwei Reed-Geschwister sich gegenseitig auch ersetzen zu können.

Insofern war ich zuerst nicht ganz so begeistert, dass Jon und Co. diese Abtrünnigen jagen gehen sollen, während doch die Wildlinge im Süden (Ygritte, Tormund und die Thenns) unmittelbar vor der Tür stehen. Jetzt aber sind da nicht nur Jon und seine Freunde, sondern auch Locke, Bran, Hodor, Jojen und Meera im Spiel, von den Weißen Wanderern ganz zu Schweigen – und dann ist da auch noch Mance Rayder und seine Armee von 100.000 Mann. Konfliktherde hat Game of Thrones nach wie vor genug – in dieser Episode hat an Spannung aber erstmals seit langer Zeit der Norden die Nase vorne.

Noch mehr Bla:

– Mir ist bewusst, dass ich mit den deutschen/englischen Bezeichnungen der Eigennamen ein wenig inkonsistent bin. Für gewöhnlich halte ich mich an die Englischen Ausdrücke, aber grade bei den White Walkers fühlt sich das ein wenig künstlich an (wahrscheinlich, weil es bei The Walking Dead auch Walker gibt, und ich diese immer mit deutschen Ausdrücken bezeichnet habe.)

– „Sometimes it is better to answer injustice with mercy.“ – „I will answer injustice with justice.“ Das klingt zwar schöner, aber ich hätte da auf den alten Selmy gehört. Die Sequenz, wie die Männer an die Kreuze genagelt werden, besaß dann aber wieder eine so beeindruckende Stimmung, dass ich der Mhysa im Zweifel aber recht geben muss.

– Tyrions Material ist meist das mitunter best geschriebenste, aber seine Unterhaltung mit Jaime ist auffällig anonym – und das in einer Folge, in der auch die anderen Passagen nicht gerade sehr laut Aufmerksamkeit einheimschen.

– Selbst die Queen of Thorns ist den Garten leid, durch den sie in jeder Episode schlendern muss. Game of Thrones arbeitet nur selten auf der Meta-Ebene, aber das war definitiv ein Seitenhieb auf diese zu häufig genützte Location.

– Eigentlich macht es wenig Sinn für die Queen of Thorns, ihre Enkelin in den Plot gegen Joffrey einzuweihen; Margaery gibt das keinerlei Vorteile. Aber irgendwem muss sie es ja sagen, damit wir Zuseher es mitkriegen.

– Der junge König ist ja irre sicher, wenn selbst Margaery, die ja relativ neu ist in King’s Landing, sich da so einfach einschleichen darf.

– Ich bin ja eigentlich ein wenig enttäuscht, wie unspektakulär die vallyrischen Schwerter aussehen.

– Warum haben die Männer von Craster Wacht eigentlich Ghost am Leben gelassen und monatelang durchgefüttert – außer, dass Jon seinen Wolf natürlich gern am Ende der Staffel(?) zurückbekommen muss?

– Podricks Gesicht, bevor er auf ein großes Abenteuer aufbricht! Wundervoll auch mit entsprechend weiter Linse eingefangen.

– Äußerst amüsant: Als Jon seine Truppe rekrutiert, gibt sich die Musik bei jedem weiteren aufstehenden Mann noch heroischer, bis sie bei Locke einen bedrohlichen Ton anschlägt.

Fazit: 8,0 von 10 Punkten.

Oathkeeper“ hat nicht das spannendste Material der Serie zur Verfügung, aber weiß das Drehbuch sehr gut umzusetzen. Konfuserweise wird Jaimes Verhalten in der vorherigen Episode gänzlich ignoriert – ein rarer, aber unnötiger und gewaltiger Fehltritt in der Figurenentwicklung der Serie. Im Norden stehen die Dinge hingegen spannender denn je.

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2 Gedanken zu “Kritik: Game of Thrones 4.04 „Oathkeeper“/ „Eidwahrer“.

  1. Pingback: Game of Thrones 4.05 “The First of His Name”. | Blamayer TV

  2. „De facto ist Jaime nun ein Vergewaltiger,“

    Im Buch macht er eigentlich recht deutlich, dass es ihm egal ist, was sie denkt, sie schlägt ihm auf die Brust, sie ruft nein, vieles geschieht genauso, wie in der Serie. Die Szene im Buch ist eigentlich nur länger, sie ändert darin – und man könnte hier sagen, weil sie eh keine andere Möglichkeit hat – ihre Meinung

    https://allesevolution.wordpress.com/2014/05/06/game-of-thrones-cersei-jaime-und-vergewaltigung/

    There was no tenderness in the kiss he returned to her, only hunger. Her mouth opened for his tongue. “No,” she said weakly when his lips moved down her neck, “not here. The septons…”
    “The Others can take the septons.” He kissed her again, kissed her silent, kissed her until she moaned. Then he knocked the candles aside and lifted her up onto the Mother’s altar, pushing up her skirts and the silken shift beneath. She pounded on his chest with feeble fists, murmuring about the risk, the danger, about their father, about the septons, about the wrath of gods. He never heard her. He undid his breeches and climbed up and pushed her bare white legs apart. One hand slid up her thigh and underneath her smallclothes. When he tore them away, he saw that her moon’s blood was on her, but it made no difference. “Hurry,” she was whispering now, “quickly, quickly, now, do it now, do me now. Jaime Jaime Jaime.” Her hands helped guide him. “Yes,” Cersei said as he thrust, “my brother, sweet brother, yes, like that, yes, I have you, you’re home now, you’re home now, you’re home.” She kissed his ear and stroked his short bristly hair. Jaime lost himself in her flesh. He could feel Cersei’s heart beating in time with his own, and the wetness of blood and seed where they were joined.

    Er hat auch im Buch zuvor häufiger ein Nein ignoriert, ihr dann folgendes Einverständnis ändert wenig daran, dass er sich über ihren Willen hinwegzusetzen bereit war.

    Problem ist hier eben, dass wir das weitere und den nachfolgenden Verlauf nicht sehen. Wenn sie dann auch noch mit „Hurry…“ weiter gemacht hätte, wären wir nahe am Buch.

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