Kritik: Game of Thrones 4.03 „Breaker of Chains“/ „Sprengerin der Ketten“.

„There has never lived a more loyal squire.“

Das große Highlight der beginnenden 4. Staffel von Game of Thrones war die Vorfolge, „The Lion and the Rose„, aber „Breaker of Chains“ ist die bessere Episode Fernsehen – sogar eine der besten der Serie. Trotz etlicher Handlungsstränge verliert die Folge nie ihre Traktion, während sie die Grenzen zwischen gut und böse weiter verschwimmen lässt denn je.

Quelle: YouTube. © HBO. No copyright infringement intended, this is for educational purposes only.

King’s Landing scheint von Tyrion Lannisters Schuld am Mord des Königs überzeugt zu sein – alle Hebel werden in Bewegung gesetzt, um das Urteil schnell und eindeutig zu fällen. Die Night’s Watch sieht sich gleich mehrerer neuer Gefahren gegenüber, während Daenerys beginnt, Mereen zu belagern.

Ab hier gibts wie immer volle Spoiler für die Episode. Für Game of Thrones spezifisch: Ich habe alle Bücher gelesen, werde diese Rezension allerdings für jene schreiben, für die die TV-Serie Erstberührung mit dem Material ist. Kommentare werden moderiert, um Spoilern vorzubeugen.

Chaos ist eine Leiter.

Es sieht so aus, als ob Joffreys Tod den King’s Landing Erzählstrang der gesamten Staffel maßgeblich leiten wird – und das ist wahnsinnig spannend. Das wirft beinah alle Figuren in der Hauptstadt der 7 Königreiche in neue Richtungen. Podrick Payne etwa, der loyalste Knecht aller Zeiten, wächst einmal mehr über sich hinaus, als Tyrion in eine brenzlige Zwickmühle gerät. Was für eine absolut großartige Szene – nicht nur, weil dieser stille, unbesungene Held endlich seinen Moment in der Sonne erhält, sondern auch, wie irre geschickt die Serie hier den Status Quo auf den Tisch legt, ohne aufgesetzt zu wirken. Es ist im Grunde ja ein ziemlich komplexer Konflikt: Wie sieht die Beweislage aus? Wie funktioniert so eine Gerichtsverhandlung in Westeros? Wessen Allianz kann sich Tyrion sicher sein? Wer wird wem wieviel Druck machen, um eine Falschaussage zu erzwingen?

Schon mal nicht für Tyrion spricht, dass Sansa erfolgreich aus King’s Landing geflüchtet ist, offensichtlich mit der Hilfe einer gerissenen Person – immerhin hat Tywin doch gleich die halbe Stadt mobilisiert, um sie aufzuhalten. Lord Peter „Littlefinger“ Baelish feiert dabei seinen glorreichen Einstieg in die 4. Staffel, während „Sir“ Dontos dafür seinen Kopf hinhalten muss. „A bolt to the heart buys silence forever„, erzählt ihr ein Mann, der weiß, wie man im Spiel um den Thron seinen Kopf behält. Littlefinger hat also offensichtlich den Mord in die Wege geleitet – sonst wäre Dontos nicht so gleich bei Sansa zur Stelle gewesen, um sie aus der Stadt zu schleusen. Aber wer hat das Gift in Joffreys Kelch gegeben? Der Mord passt jedenfalls perfekt in Baelishs Repertoire, ist er doch nur eine weitere Stiege auf der Leiter ins Chaos – nur, was hat er für ein Motiv? Einerseits ist King’s Landing nun in Aufruhr, andererseits hätte Joffreys Regentschaft die 7 Königreiche langfristig auf jeden Fall mehr stabilisiert, als es die Regentschaft des kümmerlichen, aber zumindest anständig wirkenden Tommen Baratheon wohl tun könnte.

Baelish ist eine der vielen endlos faszinierenden Figuren der Serie, die auf dem moralischen Kompass nur schwer einer Himmelsrichtung zuzuordnen sind. Einerseits ist der kalkulierte und kaltblütige Mord zu verachten – und es scheint Baelish auch recht egal zu sein, wer dafür verantwortlich gemacht wird. (Ich glaube Tyrions Vermutung, er würde absichtlich vom Mörder als Opferlamm hingestellt, nicht. Es war purer Zufall, dass Joffrey Tyrion zu seinem Mundschank degradierte – sonst hätte er so unbeteiligt wie alle anderen gewirkt.) Andererseits tut er dem Reich, wie Tyrion erwähnt, im Grunde etwas Gutes, und auch Sansa erfährt nach über einem Jahr Gefangenschaft in King’s Landing endlich ihre Rettung – selbst nach dem Tod seiner geliebten Catelyn kümmert er sich um deren Familie, aber eben sicher nicht aus ganz uneigennützigen Gründen. Baelish, so viel haben wir schon in früheren Staffeln erfahren, ist nur sich selbst der Nächste, versucht also im Grunde, alle Adelshäuser gegeinander auszuspielen – und schon allein für sein Geschick gebührt ihm dafür nur der höchste Respekt.

Tywin ist mit Sicherheit der derzeit mächtigste Mann von King’s Landing, und auch hier liegt Tyrion 100%ig richtig: Der packt die Gelegenheit bei allen Schöpfen, die er habhaft werden kann. Joffrey konnte er nie recht bändigen, Tommen hingegen ist die perfekte Marionette. Er beweist die selbe Rafinesse, die auch sein jüngerer Sohn inne hat, und verdient sich so einen Level von Anerkennung, den man ihm nach der Initiierung der Roten Hochzeit (die in dieser Episode erstmals auch so genannt wird) gar nicht mehr zugetraut hat – Gerechtigkeit für Elia für Gerechtigkeit für Joffrey anzubieten ist einfach ein grandioser Schachzug. Aber das ist das Formidable an der Figurenzeichnung von Game of Thrones – selbst die Bösewichte, wie Tywin doch im Grunde einer ist, sind so clever und charismatisch, dass man sich beinah wünscht, sie auf ewig in der Serie zu haben, während Game of Thrones ja geradezu prädestiniert dazu ist, immer wieder Figuren zu verlieren – es können halt nicht alle gleichzeitig am Throne sitzen. Seine Familie zu verteidigen ist eine komplexe Aufgabe, wenn der Sohn den Neffen (vermeintlich) umbringt und die Tochter auf eine Bestrafung besteht – aber nach der Ernennung von Oberyn zum dritten Schiedsrichter in der Gerichtsverhandlung sowie neuem Ratsmitglied erscheint seine Wahl eindeutig.

Aber auch der von ihm aufgesuchte Prinz von Dorne ist ein Mann mit einer komplizierten Agenda. Oberyn Martell gesteht Tywin ganz offen, mit Tyrion über Elia Martell, seiner ermorderten Schwester, gesprochen zu haben. Ich liebe die unvergleichliche Selbstgefälligkeit des Prinzen, und ich spreche dabei nicht nur von seinen sexuellen Eskapaden (die übrigens erstmals in der Serie männliche Genitalien zeigen – Game of Thrones hat sich scheinbar, zumindest ein wenig, die Kritik wegen seines sexistischen Voyeurismus angenommen). Seinen Hass auf die Lannisters trägt er mit Stolz auf der Brust, und er macht gar nicht erst einen Hehl daraus, Tywin und den Mountain das Handwerk legen zu wollen. Tywins Angebot an Dorne, Teil des königlichen Rats zu werden, nimmt er beinah höhnisch entgegen – bietet diese Position seinem Haus doch die perfekte Gelegenheit, die Lannisters zu unterwandern. Ich liebe es, wie ein in die Ecke gedrängter Tywin hier einen Kompromiss eingehen muss, der über kurz oder lang für jede Menge Konflikte sorgen wird.

Shades of Grey.

Es ist offensichtlich, dass Game of Thrones sich in dieser Episode Mühe gegeben hat, diverse moralische Kompasse zu beleuchten, ohne dafür aber vollends seine Geschichte verbiegen zu wollen. Daenerys Targaryen ist nach wie vor die heilige Mhysa, die unnachgiebig für Freiheit und Gerechtigkeit sorgt. Für gewöhnlich halte ich ihre Erzählpassagen für die Schwächsten, aber in „Breaker of Chains“ ist sie trotz ihrer zwei-dimensionalen Aufrichtigkeit eine Offenbarung. Die beginnende Belagerung Mereens ist nicht nur eine Augenweide, sondern ein gelungener Mix aus imposantem Epos und amüsanten Details. Auch hier wird ein Penis ins Bild gehalten, aber wesentlich integraler als in Oberyns Bettszene: Die Provokation des Champions von Mereen ist köstlich, Daarios Siegesguss die perfekte Antwort. Besonders hübsch auch: Daario zeigt Daenerys sein bestes Stück, während er dadurch den Feind verhöhnt – eine absolute Win-win-win-Situation. Und auch Daenerys imposante Ansprache an die Sklaven der Stadt hatte den nötigen Wumms. So kann die Mutter der Drachen, die titelgebende Brecherin der Ketten, auch mal ohne ihre Kinder schwer beeindrucken.

Das Kunststück von „Breaker of Chains“ ist es allerdings, auch die kleineren Momente zählen zu lassen. Die Stannis- und Davos-Szenen sind etwa deutlich gelungener als noch in der Vorwoche, weil die Serie in dieser Folge nicht mehr gänzlich auf der Stelle tritt. „I will not become a page in somebody else’s history books.“ Stannis‘ Inaktivität lähmt seinen Handlungsstrang nun schon seit Ende der 2. Staffel – aber ohne Armee und Geld erobert es sich schwer. Davos scheint jetzt die große Idee zu haben: Genauso wenig, wie Bravos den Unterschied zwischen Pirat und Schmuggler kennt, wird die Bank von Braavos es unterscheiden, welcher der König der rechtmäßige ist – solange er seine Schulden bezahlt.

Aber auch die nicht ganz so tragreichen Szenen sind gelungen. Aryas und Sandors Handlungsstrang ist beispielsweise von wenig Konsequenz – im Gegensatz zu den anderen Handlungssträngen steht hier nicht halb Westeros auf dem Spiel, sondern lediglich das Überleben der beiden. Dabei findet die Serie eine interessante neue Seite am Hound, um die Beziehung der beiden einen neuen Anstoß zu geben: Gerade, als Arya beginnt, dem Hund wirklich zu trauen und mit ihm Lügengeschichten zu spinnen, muss sie erkennen, dass sein in der Staffelpremiere erwähnter Code ein grausam pragmatischer ist. Für kurze Zeit glaubte ich wirklich, dass die beiden auf dem Bauernhof bleiben werden und so vielleicht wieder mit der Bruderschaft ohne Banner in Kontakt kommen werden. Stattdessen bricht der Hound das in Westeros ursprünglich hoch angesehene Gastrecht. Man ist gewillt, den Hound hier einfach als Bösewicht abzustempeln, trotz seiner diversen Heldentaten in den Staffeln zuvor. Der Hound ist ein tragisch gefallener Mann – und es wird sich zeigen, ob sein in dieser Episode nur gespielter Respekt für Aryas Werte am Ende der Staffel ihn nicht doch noch übermannen kann.

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Auch Ygritte wird in dieser Episode von ihrer dunkelsten Seite gezeigt. Es wäre zu einfach, den grausamen Überfall auf das Dorf den kannibalistischen Thenns in die Schuhe zu schieben – Ygritte und Tormund sind mindestens ebenso verantwortlich und zeigen ebenfalls keine Gnade. Der Raubzug bringt die Brüder von der Night’s Watch in eine echte Zwickmühle – sie können es sich nicht leisten, das Fort zu verlassen, vom König aus dem Süden ist auch nicht wirklich Hilfe zu erwarten, und zu alledem kommt noch hinzu, dass die Verräter aus Staffel 2 Mance Rayder womöglich Bescheid geben könnten, wie schwach bemannt die Mauer doch in Wahrheit ist. Einfach großartig, wie umsichtig die Serie Konflikt über Konflikt stapelt, und es keine „richtige“ Lösung gibt. Da verlieren selbst Allyser Thorne und Janos Slynt ihre großkotzige Art – schön, die Bruderschaft einmal wieder am selben Strang ziehen zu sehen, und das haben wir den Konfliktherden unmittelbar vor und hinter der Mauer zu verdanken.

Und selbst Sam bekommt sein Fett ab, findet sich in einem moralischen Dilemma wieder, in dem er so oder so verliert. Ich finde sein Geflirte mit Gilly wundervoll („there’s a hundred men picturing you at night“,  sagt er, während er seinen Kopf wegdreht), sie aber in Moletown zu quartieren wirklich überraschend. Es hat so unglaublich danach ausgeschaut, dass sie sich in letzter Sekunde noch weigern würde, dort zu verweilen, und sich lieber im Castle Black von Sam beschützen zu lassen, als dass ihre Beziehung den Bach runtergeht, bevor sie überhaupt beginnt.

Breaker of Chains“ bringt so viele Figuren in neue, ungewohnte, komplizierte Situationen. Einerseits fungiert sie damit natürlich als große Setup-Folge, aber gleichzeitig ist sie schlichtweg fantastische Unterhaltung – eine schwierig zu erzielende Kombination. Wie immer gibt es eine vielzahl an denkwürdigen Zitaten, die die Geschichte bereichern. Schön auch, dass Tyrions „and the day will become when your joy will turn to ashes“ sich nicht bloß als heiße Luft herausstellt, sondern ihm jetzt ordentlich in den eigenen Hintern beißt. Die Serie weiß nunmal, wie sie die Geschichte stets als Konsequenz des Vorangegangenen geschehen lassen kann – und aus „Breaker of Chains“ wird viel folgen.

Mehr Bla:

You did wonderful work on Joffrey, the next one will be easier.“ Die Queen of Thorns bestätigt, wie clever Margaery sich politisch betätigt. Die Tyrells haben es faustdick hinter den Ohren, und Olenna dicker als alle anderen. Was für eine köstliche Figur.

– Sex auf Joffreys Grabstätte ist schon der ultimative Mittelfinger an den verstorbenen König, ausgerechnet von den zwei Figuren, die ihn am meisten geschätzt haben.

–  Missendais Übersetzung der Worte des Champions sind wirklich wohl überlegt.

– Daario ist so ein charismatischer Kotzbrocken – ich muss fast immer schmunzeln, wenn er am Bildschirm zu sehen ist. Wie er Daenerys zuzwinkert, bevor er sich dem Champion stellt, ist wunderbar witzig. Ich fand es dann schade, wie antiklimatisch der Kampf war – da hätte ich mir schon einen schönen Schwertkampf gewünscht.

Fazit: 9,5 von 10 Punkten.

Breaker of Chains“ besitzt keine Serienhöhepunkt wie die purpurne Hochzeit, aber macht das mehr als wett, indem die moralischen Richtschnuren der Protagonisten auf die Probe gestellt werden.

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2 Gedanken zu “Kritik: Game of Thrones 4.03 „Breaker of Chains“/ „Sprengerin der Ketten“.

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