Die moderne österreichische Serie: Cop Stories

Manchmal sieht man den Wald vor lauter Bäumen nicht. Täglich schaue ich, was sich auf dem amerikanischen Fernsehmarkt tut. Ich suche Übersees nach neuen Serien, während ich den Blick für die landeseigenen Perle verliere. Das möchte ich nun ändern – ohne aber meinen Qualitätsanspruch zu verlieren. Da kommt mir Cop Stories ganz gelegen.

Obwohl die Serie sich nun schon in ihrer zweiten Staffel befindet, wage ich zu behaupten, dass die Serie einen vergleichsmäßig geringen Bekanntheitsgrad besitzt. Es ist mir sehr unangenehm, die Serie erst knapp nach dem Start seiner zweiten Staffel vor ein paar Wochen kennen gelernt zu haben, aber scheinbar bin ich nicht ganz allein, die Serie nicht sonderlich gut zu kennen. Magere 3.100 Likes hat die engagierte Facebook-Seite bislang gesammelt, die Quoten sind eher mau (zuletzt 16 Prozent Marktanteil, nachdem im Vorprogramm SOKO Donau 23 Prozent erreichte). Der Lichtblick: Zumindest der ORF scheint sich bewusst zu sein, was er da für eine tolle Serie in petto hat – eine dritte Staffel wurde schon vor Ausstrahlung der zweiten bestellt.

Wir beachten heimische Serien nicht genug, weil wir ihnen zu wenig zutrauen.

Dabei ist das goldene Zeitalter des TVs, das in Amerika in den späten 80ern eingeläutet wurde, bereits zu uns herübergeschwappt. Es herrscht nur noch kein rechtes Bewusstsein dafür, dass die narrative Komplexität von Serien auch bei uns schon Einzug gefunden hat. Es freut mich zu sehen, dass der ORF versucht, dieses Bewusstsein zu schüren – etwa, indem er so ein großes Vertrauen in Cop Stories setzt und der Serie einen vergleichsweise guten Sendeplatz gewährt, in der Hoffnung, dass sich die Zuseher vom seichteren SOKO Donau auch auf das komplexere Cop Stories einlassen. Aber hoffen ist nun mal nur die halbe Miete.

Optimal beworben ist die Serie nicht. Die offizielle Facebook-Präsenz ist bemüht und sehr aktiv, erreicht aber naturgemäß nur jene Menschen, die ohnehin schon Fans sind. Ich würde Freunden gerne zeigen, was die Stärken der Serie ausmachen, ohne sie gleich in eine gesamte Folge in der TVthek schicken zu müssen – aber ein aussagekräftiger Trailer findet sich etwa auf YouTube leider nicht. Oder der Vorspann. Das ist schade, denn die kurzen Trailer auf ORFeins (mit eindrucksvollen Schlagworten wie Liebe, Mut, etc.) sind sehr gelungen – aber einen langen habe ich nicht gefunden. Klar, das ist viel Arbeit, für den ORF aber eine wichtige Investition für die Zukunft: Wenn jetzt ein Bewusstsein dafür entsteht, dass in Österreich Qualitätsserien produziert werden, die sich mit amerikanischen durchaus messen können, dann wird sich das langfristig bei den nächsten Projekten lohnen.

Sicher: Unsere Fernseh-Rezeptionskultur ist eine andere als etwa in den USA. Gerade (großteils junge) Serienfans haben, mit dem Blick auf den internationalen Fernsehmarkt gerichtet, eine enorme Bandbreite an Möglichkeiten, Serien zu verfolgen – warum dann also eine österreichische, die nicht nur mit geringerem Budget produziert werden muss, sondern auch noch mit einem altertümlichen Image zu kämpfen hat? Dennoch existiert auch bei uns der Reiz, exklusiv Premieren mitzuerleben. Neue Episoden von Cop Stories besitzen einen Zeitgeist, den importierte, bereits Monate alte Episoden amerikanischer Serien nicht besitzen. Und nicht zuletzt sprechen uns österreichische Serien auf einer kulturellen Ebene an, die ausländische und/oder synchroniserte Serien nicht erreichen.

Quelle: Offizielle Cop Stories Facebook-Seite. No copyright infringement intended, this is for educational purposes only.

Die Akzeptanz muss aber auch von uns Zusehern kommen, und im weiteren Sinne auch von den Kritikern und Medien. Ich nehme mich da selber an der Nase und muss mir selber vorwerfen, die Serie nicht schon in Staffel 1 verfolgt zu haben. Aber auch der Standard und Co., also die größeren Zeitschriften Österreichs mit Medien-Sparten, sowie die Serienjunkies-Seite müssten da aktiv werden – nicht erst dann am Ende des Jahres beteuern, wie gut ihnen z.B. Janus gefallen habe, sondern von vorne herein den heimischen Serien eine Chance geben und sie auch ihren Lesern nahe legen – und das hoffentlich nicht bloß mit Artikeln, die sich wie blatante Werbungen lesen. Vielleicht generieren Artikel über Serien wie Janus oder Cop Stories  nicht sonderlich viele Klicks, aber wenn den Autoren etwas an heimischer Fernsehkunst liegt – und das tut es ihnen bestimmt, es handelt sich dabei schließlich um Serien-Fans – dann wäre es nicht zu viel verlangt,  diesen Serien mehr Exposition und Aufmerksamkeit zu schenken. Denn nicht nur das Schauen, sondern auch das tatsächliche Befassen mit heimischen Serien ist identitätsstiftend, und somit auch für die Leserschaft von kultureller Relevanz.

Narrative Komplexität.

Warum springe ich allerdings überhaupt für Cop Stories so in die Bresche? Weil die Serie eben jenes selber tut: in eine Bresche springen, die von österreichischen Serien immer weiter vorangetrieben wird. Es geht darum, dass österreichische Serien, wie die amerikanischen und skandinavischen Vertreter, zunehmend an narrativer Komplexität dazugewinnen. Zusammengefasst bedeutet narrative Komlexität, dass Handlungsbögen über mehrere Episoden oder gar Staffeln laufen, Figuren sich langfristig durch die Geschehnisse der Serie entwickeln und Geschehnisse enger ineinander verzahnt werden können. Das ist schwieriger zu schreiben (von der Autorenseite) und schwieriger zu verarbeiten (von der Zuseherseite), bereichert das Sehvergnügen aber ungemein, denn: In Wahrheit geht es uns Zusehern immer um die Figuren und deren Interaktionen.

Cop Stories besitzt diese narrative Komplexität, und ist sich dessen auch sehr bewusst. Die Serie gibt sich betont modern – das beginnt etwa schon beim (englischsprachigen) Namen und der wunderschönen, rasanten, ja gar euphorischen Titelsequenz, die einen deutlichen Kontrast zum altbackenen Tatort-Intro darstellt. Im Gegenzug, um den Standardzuseher nicht zu überfordern, ist die Serie im deutschsprachigen Standard-Genre, dem Krimi, angesiedelt – eine Innovation nach der anderen halt. Deutsche und Österreicher sind bekanntlich sehr scheu, was Genre-Experimente anbelangt; Insofern werden sich die hiesigen Fernsehzuseher erst an die diversen Genre-Variationen gewöhnen müssen, bevor ein Ausbruch aus dem Krimi-Einerlei möglich wird.

Ich denke, dass das Krimi-Etikett maßgeblich dafür verantwortlich ist, dass österreichischen Serien wenig Innovation zugetraut wird. Dabei ist Cop Stories weit mehr als bloß ein Krimi, was schon mal anhand des außergewöhnlich großen Ensembles erkenntlich werden dürfte. Dabei ist wirklich herauszuheben, wie unglaublich sicher die Serie in ihrem Umgang mit diesen Figuren ist – eigentlich alle sind so einprägsam, dass man schon nach zwei, drei Episoden eine gute Vorstellung davon hat, wer diese Figuren sind und wie sie ticken. Verantwortlich dafür sind nicht nur die präzisen, in herrlichen Dialekten belassenen Dialoge, sondern auch die Schauspielriege, die ausnahmslos eine Glanzleistung hinlegt – ein großes Lob hier an die Besetzungsabteilung.

Und jede der 12 Hauptfiguren hat ihre eigene Geschichte, die in moderner Zopfdramaturgie immer wieder weitergesponnen werden, ohne je in Gefahr zu geraten, zu soapig zu werden. Einzig die Figur des Altan hebt sich ein wenig aus dem Ensemble hervor, ist sie doch die einzige, deren Handlungsstrang (sein Bruder ist unter den Fittichen eines Drogen-Mafioso, den die Polizei noch nicht festnehmen will) in jeder Episode ein wenig weitergesponnen wird. Die Serie balanciert das durch je drei bis vier Nebengeschichten pro Folge aus, die nicht nur das Bedürfnis nach abgeschlossenen Handlungen in jeder Folge stillen, sondern auch die Persönlichkeiten der doch sehr unterschiedlichen Polizisten beleuchten – und auch für eine gesunde Prise Humor sorgen. Weil jede Cop Stories-Episode so viele Geschehnisse und Fälle in sich vereinen möchte, kommen einige dieser Nebenhandlungen nicht umhin, überzeichnet zu wirken – das ist allerdings ein Preis, den man für die Dichte des Erzählens gerne in Kauf nimmt.

Cop Stories gehört darum für mich nun wöchentlich zum Pflichtprogramm – nicht nur, weil es mir ideologisch wichtig ist, mehr österreichische Serien zu schauen, sondern weil Cop Stories schlichtweg eine gute Serie ist, die so gut wie alle meine erzählerischen Ansprüche erfüllt. (Wenn ich Zeit finde, werde ich auch episodenbasierte Artikel zur Serie schreiben.) Für die Zukunft wünsche ich mir persönlich noch den Mut, auch in anderen Genres Fuß zu fassen. Ich freue mich aber auch, wenn Serien wie Cop Stories Genrekonventionen aufbrechen, denn für Innovationen schlägt mein Serienherz – hoffentlich auch bald das kollektive österreichische.

Cop Stories läuft jeden Dienstag auf ORFeins, 21.05 Uhr. Die Folgen können HIER in der TVthek bis zu 7 Tage nach Ausstrahlung angesehen werden.

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3 Gedanken zu “Die moderne österreichische Serie: Cop Stories

  1. Hey, freut mich voll, dass du endlich auch was über CopStories schreibst, hab die letzten Wochen immer wieder mal geschaut, ob du darüber vielleicht auch was verlierst. Ein paar episodenbasierte Artikel wären sehr cool (vor allem nach der letzten Episode ;-))!

  2. Pingback: Kritik: Cop Stories 2×04 “Jössas!”. | Blamayer TV

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