Kritik: Cop Stories 2×04 „Jössas!“.

„Des Begräbnis is bei denen ganz anders als bei ins Katholiken… owa a sehr würdevoll.“

Herzlich willkommen bei den wöchentlichen Kritiken zu Cop Stories! An dieser Stelle werde ich mich, wie angekündigt, in den nächsten Wochen zur jeweils aktuellen Folge der ORF-Serie äußern. Ich bin leider ein wenig zu spät, um die Vorkommnisse rund um Altans Tod in der Vorfolge, „Todesroller„, zu kommentieren, für deren Nachspiel bin ich nun aber an Bord.

Quelle: ORF TVthek Screencap. (c) ORF, Gebhard Productions. No copyright infringement intended, this is for educational purposes only.

Altans Tod sitzt tief, dennoch ruft bei den meisten wieder die Arbeit. Neben den üblichen Fällen gibt es diesmal auch eine interne Ermittlung – bei dem der Zusammenhalt des Teams auf die Bewährungsprobe gestellt wird…

Ab hier gibts wie immer volle Spoiler für die Episode.

Zunächst einmal war ich ein wenig enttäuscht, dass sich Cop Stories nicht dazu entschloss, die gesamte Episode rund um das Thema Mortalität zu gestalten, sondern wie üblich die verschiedensten Handlungsstränge ohne wirklich rote Schnur zu verfolgen. Altans Tod besitzt deshalb nicht ganz die Resonanz, die er haben hätte können – trotzdem ist „Jössas!“ eine der besseren Cop Stories-Folgen. Vielleicht ist das aber auch ohnehin ein wenig viel verlangt, schafft die Folge es schließlich diesmal, den meisten ihrer Handlungsstränge äußerst treffende Höhepunkte zu verpassen.

Die Ausnahme ist hierbei wohl der JESUS LIVES-Strang, der zwar der kreativste Fall der Folge ist („Sie stören hier ein künstlerisches Happening!“), allerdings unter einer recht lächerlichen, widerspenstigen Antagonistin leidet. Haben denn weder Tina noch Sylvester Handschellen dabei? Auch das Wiedersehen von Vater und Sohn fiel dabei emotional flach – dafür wurde schlichtweg zu wenig Bildzeit investiert, und auch ist nicht wirklich ersichtlich, warum er diese Information der Polizei vorenthält. Aber, und das ist die Hauptsache: Das Zusammenspiel von Sylvester und Tina klappt tadellos. Dass sich Tina nicht eingestehen will, dass sie sich zu Sylvester hingezogen fühlt, zieht sich nun schon seit längerer Zeit durch, und auch hier kommt ihr Respekt für Sylvester – verlässlich, wenn es darauf ankommt – gut rüber. Schade aber, wie wenig der Fall mit Altans Tod zu tun hat.

Äußerst gut gefiel mir dafür Romans Fall, der ganz offensichtlich dafür konzipiert war, um ihn selbst von seiner Mutter zu emanzipieren. Das hätte sehr aufgesetzt wirken können, entsteht aber ausgesprochen organisch. Der Grund dafür hat einen Namen: Ulrike Beimpold, aka Davids Mutter. Ich hebe ja selten schauspielerische Leistungen hervor (weil ich mich mehr für Dramaturgie interessiere), aber die große Emotionsbandbreite dieses Handlungsstrang wird wirklich ausgezeichnet von dieser getragen. Der Fall besitzt aber auch genügend, großteils glaubwürdige Wendungen (die Attacke mit Staubsauger ist zugegebenermaßen eher absurderer Natur), die allesamt neue Emotionen anregen – mal trauert man um den Sohn, mal um die Mutter, mal um die Junkies, und mal verflucht man, wie grausam das Leben schlichtweg spielen kann. Nicht zuletzt sind bei diesem Fall auch die kleineren Details sehr gelungen – ich liebe zum Beispiel, wie die Junkies Davids Mutter zum Abschied ganz unironisch salutieren.

Quelle: ORF TVthek Screencap. (c) ORF, Gebhard Productions. No copyright infringement intended, this is for educational purposes only.

Gerade diese kleinen Details funktionieren hingegen bei Chantal Wiederauftauchen so gar nicht. Das Gesudere des Taxlers etwa wirkt denkbar aufgesetzt, größeres Manko ist aber die fehlende Atmosphäre bei der Hochzeit. Nicht nur, dass die Hochzeitsgäste so unmotiviert wirkten (vor allem beim Abmarsch), sie wussten auch nicht immer was tun (man beachte, wie beläppert etwa der Pfarrer und sein Gehilfe zurückbleiben). Was nicht hilft, ist die pathetische Liebesdeklaration von Matthias: Der Pathos passt zur Figur, dennoch wirkte die ihm gegoltene Aufmerksamkeit bei einer Gangsterhochzeit schlicht unglaubwürdig (und der Text urfad). Da wirkt Cop Stories einfach ein wenig unbemüht, obwohl die Endsituation eine spannende ist: Die sichtlich gerührte Chantal zögert nicht, den Mafioso trotzdem zu heiraten, um Matthias wahrscheinlich das Leben zu retten. Wie sie aber damit davonkommen kann, als Braut ihre Liebe zu einem anderen offen zu deklarieren, bleibt mir schleierhaft.

Die interne Ermittlung.

Strukturelles Highlight der Episode ist allerdings, wie sich die Untersuchung durch die interne Abteilung über mehrere Handlungsstränge ausstreckt und dabei sowohl direkt als auch indirekt den Tod von Altan aufgreift. Einerseits gibt es da natürlich bezüglich Efe, Dogan und Co. ein paar Ungereimtheiten, für die das Team keine allzu guten Erklärungen besitzt. Andererseits schweißt gerade Altans Ableben das Team zusammen – unter anderen Umständen hätte Helga Eberts es wohl nicht durchgehen lassen, Beweismaterial vor der Dorfer von der Internen zu verstecken bzw. sie zu beleidigen (Eberts halt), so aber zog das gesamte Team am selben Strang, und niemand wollte ihr Eberts Namen verraten.

Es gefällt mir sagenhaft gut, wenn Cop Stories es schafft, seine parallelen Geschichten kollidieren zu lassen, zum Beispiel eben, indem die Dame von der Internen bei gleich mehreren Polizisten herumschnüffelt. In Florians Handlungsstrang rund um das Sorgerecht für seine Kinder ist sie ein exzellentes Vehikel, um ihm mitzuteilen, dass er wegen sexuellen Missbrauchs an seiner eigenen Tochter angezeigt wird, und andem Florian daraufhin seine Wut auslassen kann. Cop Stories neigt dazu, Wutausbrüche seitens der Polizisten ein wenig überzustrapazieren, hier liegt die Serie aber goldrichtig. Florian ist der mitunter ruhigste aus der Riege, aus seinen Ausbrüchen kann die Serie das meiste Kapital herausschlagen. Nicht zuletzt funktionieren diese Szenen auch sehr gut, weil die Frau Dorfer durch ihre gelassene, überlegte Art und ihre (unfreiwillig antagonistische) Position als interne Ermittlerin sehr gut zum Ensemble passt. Gerne auch als wiederkehrende Figur!

Und auch Andreas hat die interne Ermittlung am Hals – zumindest bald, laut der Aussage des Staatsanwaltes. Deren Unterredungen drehen sich ja meist im selben Schema: gegenseitige Schuldzuweisungen, anschließende Drohungen und schließlich doch eine unproduktive Zusammenarbeit. Dieser Szenen bin ich mittlerweile ein wenig überdrüssig geworden, aber ich verstehe, dass sie essentiell für diesen Handlungsstrang sind – insbesondere jetzt, wo Altan und Efe von der Bildfläche verschwunden sind.

Gerade aufgrund Leilas geheimer Beziehung zu Altan kurz vor dessen Ableben bleibt dessen Echo aber der Serie wohl noch eine Weile erhalten. Leila wird in dieser Episode bewusst nichts zu tun gegeben, außer in einer Szene an Altans Spind dem Verstorbenen nachzutrauern, indem sie in sein Hemd heult. Sie starrt auch allein aus dem Fenster im Cafe, und auch in der Montage zum Schluss ist sie allein im Bild – es hat schon seinen Grund, warum Leila in dieser Folge nicht zur Aufklärung eines Falles geschickt wird; stattdessen sehen wir sie in ihrer Isolation leiden. Alle trauern um Altan, aber Leila noch mehr als die anderen – und das kann sie vorerst noch mit niemandem teilen.

Quelle: ORF TVthek Screencap. (c) ORF, Gebhard Productions. No copyright infringement intended, this is for educational purposes only.

Crescendo.

Cop Stories tendiert ja häufiger (oder immer?) dazu, Episoden mit einer Montage enden zu lassen. Ich persönlich bin ein großer Fan dieses Stilmittels, aber die Schlussmontage von „Jössas!“ ist auch objektiv betrachtet schlichtweg fantastisch. Da stecken so unglaublich viele kleine, gute Momente drin: Wie egal es Matthias ist, dass er sich von Lukas eine Standpredigt anhören darf; wie Roman seine Lehren aus dem Fall zieht; wie Florian eine Postkarte aus Spanien aus dem Postkasten zieht und sie genau bei dem Wort „loooooove“ wendet, nur um ein großes, gezeichnetes Kinderherz zu sehen; wie Helga zwei mal schauen muss, um im Blumen bringenden Mann ihren Ehemann zu sehen – ja, da beweist Cop Stories, zu welch visueller Poesie die Serie, nicht zuletzt dank ihrer erzählerischen Komplexität, fähig ist. Bitte mehr davon.

Noch mehr Bla:

– Der Song/ Ohrwurm zur Schlussmontage: Scott Matthew – Love Will Tear Us Apart.

– Der Running Gag, dass sich die Kollegen häufig Aufträge einander zuschieben, ist immer wieder witzig, und dazu auch noch sehr gut eingebettet- in der Tat haben da alle Beamten gerade mit Fällen zu tun, die in dieser Episode stattfinden.

– Wie heißt gleich der ständige Gesprächspartner von Oberst Andreas Bergfeld? Er ist doch der Staatsanwalt, oder? Das Ensemble ist schon sehr groß, aber zum Glück besitzt eigentlich jede Figur ihren Wiedererkennungswert, selbst wenn man die Namen vergisst.

– Lukas‘ Besucher aus seiner Vergangenheit: Na, viel wissen wir noch nicht über ihn. Aber toll, wie unglaublich viele unterschiedliche Handlungsstränge diese Serie parallel entwickelt, und hier scheint ebenfalls einer zu entstehen.

– Nur ein kleines Detail, das mir sehr gut gefällt: Der Staatsanwalt erklärt, wie er Andreas die interne Abteilung vom Leib halten kann, nämlich indem er die Berichte nicht termingerecht einreicht. Das wirkt gleich ungemein kompletter und glaubwürdiger dadurch.

– Lassen sich Polizisten eigentlich im echten Leben wirklich so viel von Menschen bieten? Ich selber habe öfter mit amerikanischen Polizisten zu tun gehabt als österreichischen, und die würden, denke ich, da deutlich weniger Geduld haben.

– „I hob jetzt nix vastondn!“, beklagt sich Matthias, weil zu diesem Zeitpunkt eine Bim vorbeifährt. Sowas ist ja sehr schwierig zu filmen, vor allem bei dem engen Drehplan von Cop Stories (magere 6 Drehtage pro Folge). Daraufhin habe ich mir die Szene extra nochmal in der TVthek angesehen, und in der Tat musste man dafür ein wenig schummeln. Im Grunde ist das sogar ziemlich witzig, wenn man darauf achtet: Matthias schaut sich ständig um, wo die Bim ist, damit er genau rechtzeitig für die Zeile auf die Straße geht, nur um anschließend wieder auf den Gehsteig zu wechseln.

– Cop Stories verwendet ja recht viel Popmusik. Gelegentlich sind die wirklich ausgezeichnet ausgewählt (siehe Schlussmontage), aber manchmal stören sie auch mehr, als dass sie helfen, etwa bei der Hochzeit.

– „Des deppate Ehrenkreuz hätten se se a sporn können, etz wo a tot is.“ Erst jetzt im Nachhinein fällt mir auf, wie dieser Satz später in der Folge einen neuen Kontext findet, als sie den vermeintlichen Erlöser vom Kreuz holen.

– Apropos neuer Kontext: Der Vorspann hat ja nun eine neue Form, in dem statt Fahrim eine kurze Laufszene inszeniert wird. Mir gefällt dabei wahnsinnig gut, wie Claudia Kottals und Serge Falcks Blicke eine gänzlich andere Bedeutung annehmen, nun, da sie nicht mehr Altan anblicken, sondern die Leere, die seine Figur hinterlässt.

Fazit: 8,0 von 10 Punkten.

Jössas!“ ist ein Paradebeispiel dafür, wie gut Cop Stories darin ist, unterschiedliche Handlungsstränge zu verknüpfen, während gleichzeitige Staffeln-überspannende Bögen weiterentwickelt werden – und das alles, während auch noch ein paar Kriminalfälle gelöst werden. Ab und zu mögen Antagonisten oder Komparsen nicht ganz glaubhaft wirken, aber das ist schließlich nebensächlich: Um die Entwicklung der Hauptfiguren geht es, und die kriegt Cop Stories hier nahezu perfekt hin.

Cop Stories läuft jeden Dienstag auf ORFeins, 21.05 Uhr. Die Folgen können HIER in der TVthek bis zu 7 Tage nach Ausstrahlung angesehen werden.

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6 Gedanken zu “Kritik: Cop Stories 2×04 „Jössas!“.

    • Ich meinte dessen Gesprächspartner – der ständig schimpfende Staatsanwalt (oder welche Position er auch immer einnimmt), derjenige, der Altan die Schuld für alle zwielichtigen Dinge der Operation in die Schuhe schieben will, um sich die Hände reinzu waschen.

  1. Der Gesprächspartner heißt Staatsanwalt Hofmeister. Der Oberst heißt aber trotzdem Andreas Bergfeld und nicht Martin Bergfeld (was immer im Text steht)…

  2. Pingback: Kritik: Cop Stories 2×05 “Dreck”. | Blamayer TV

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