Kritik: Vorstadtweiber – Staffel 1

„Ihr Mann hat sie gedeckt!“ – „Eben nicht.“

Die erste Staffel der Vorstadtweiber entpuppte sich als Publikumsmagnet – gut nachvollziehbar also, dass eine zweite Staffel schon bestellt ist. Vom Staffelauftakt war meine Meinung eher gedämpft; Neun Folgen später sieht die Sache in einigen Dingen schon ganz anders aus – ganz rund läuft die Serie aber noch nicht.

Quelle: ORF TVthek Screencap. (c) MR Film, ORF. No copyright infringement intended, this is for educational purposes only.

Bei Maria, Nicoletta, Waltraud, Sabine und Caroline klicken, wie es der Vorspann und der Teaser angekündigt haben, endgültig die Handschellen. Ihre Männer sind schön aus dem Schneider, aber lassen die Sache dann doch nicht auf sich beruhen – irgendwie lieben sie ihre Frauen ja doch. Der wahre Täter, Jochen Schnitzler, ist währenddessen noch auf freiem Fuß…

Das Finale kann HIER in der TVthek bis zu 7 Tage nach Ausstrahlung angesehen werden. Ab hier gibts wie immer volle Spoiler für die Episoden.

Drehbuchautor Uli Brée hat nicht gelogen: Die erste Staffel Vorstadtweiber hat in ihrer zweiten Hälfte deutlich an Tempo und Plot-Dichte zugenommen, und die Serie weiß da wirklich mit ihrer komplexen Geschichte und ihren Verwirrungen zu beeindrucken. Vorstadtweiber balanciert viele Handlungsstränge gleichzeitig, und auch wenn sie manchmal ein wenig darunter ächzt, hält die A-Storyline rund um den Autobahn-Bau erstaunlich gut dem narrativen Druck stand. Besonders gelungen ist deren Ende: Die Vorstadtweiber haben eine neue, konfliktreiche Aufgabe vor sich (dank den magischen Händen ihrer Anwältin Tina), die der Serie eine klare und spannende Richtung für die zweite Staffel vorgeben.

Einhergehend mit der zunehmenden Zuspitzung rund um die Grundstück-Rechte erweiterte sich auch die Darstellerriege der Serie. Die neuen Figuren in der Politik – allen voran West, Jochen und dessen Joffrey-Baratheon-Verschnitt-Pressesprecher – sind die neuen Antagonisten und verdrängen damit die Ehegatten, welche sich teilweise als doch recht anständig herausstellen. Besonders Hadrian, Carolines Ehemann, entpuppt sich als doch vielschichtiger als gedacht – die Beziehung mit Caroline ist nicht nur die gesundeste Serie, sondern auch die ehrlichste. Bertram wird zwar seine oberflächliche Lobbyisten-Rolle nicht los (Gab es eigentlich auch Folgen, in der er das nicht betonte?), aber auch dieser wird zunehmend humanisiert. Und dann sind da noch die zwei Polizisten, Vater und Sohn – eine tolle Idee, die durch ihre Übertriebenheit gelegentlich punkten kann, gelegentlich aber auch die Grenzen der Glaubwürdigkeit sprengt.

Überhaupt, die Dialoge: ein echtes Wechselbad der Gefühle. Manchmal echte Highlights – siehe Zitat zu Beginn – manchmal aber auch eine der größten Schwachpunkte der Serie. Es fühlt sich so an, als wäre ein Großteil der Energie ins Plotting und gute One-Liner geflossen, anders kann ich mir eine solche Szene nicht erklären: „Meine Damen und Herren, ich darf vorstellen: unser neuer Parteiobmann, und Kanzlerkandidat, Dr. Joachim Schnitzler!“ – „Grüßgott, freut mich ja sehr, dass Sie hier sind, herzlich willkommen, ich bin der neue Kanzlerkandidat!“ Und Szene. Es ist ein wenig ähnlich wie das repitive Lobbyismus-Bashing: Die Serie weiß nicht recht, wie viele Redundanzen sie verwenden soll – ohne dass es dabei darum ginge, Gelegenheitsfernsehende anzusprechen – oder wann sie eine Szene beenden soll.

Auch schwach an den Dialogen ist der Umgang mit der Gender-Frage. Ganz klar: Eine Serie, die sich (bewusst) so vielen Hausfrauen-aus-edlem-Hause-Klischees bedient wie Vorstadtweiber, muss sich auch mit Sexismus auseinandersetzen. Zu Gute halten kann man der Serie, dass sie das durchwegs tut; wenig schön ist hingegen, wie plump sie das so oft umsetzt – etwa in der Form des rundlichen Polizisten (der Sohn), der ein wenig plausibles Problem mit Frauen hat, sowie den hohlen, sexistischen Kommentaren der Ehemänner und Liebhaber. Da besteht Verbesserungspotential für Staffel 2.

Die Entwicklung der Vorstadtweiber.

Widmen wir uns den fünf Hauptfiguren – auch hier haben die gerademal 10 Folgen beträchtliche Arbeit geleistet. Die enttäuschendste Entwicklung hat wohl Sabine durchgemacht: War diese in Folge 1 noch jene, die am ehesten etwas aus eigener Kraft erreicht und sich nicht in ihrer Rolle als Hausfrau definieren konnte, erlitt sie scheinbar doch noch den Rückfall in ihren Bitch Mode. Wofür war ihre Lehrstunde mit der türkischen Putzfrau denn gut? Davon war in der zehnten Episode nichts mehr zu spüren. Nicht, dass ihre Entscheidungen im Staffelfinale – Bertram auszunützen und mit ihrer Freundin gemeinsame Sache machen – verwerflich wären, aber Staffel 1 endet damit, dass sie einen Job zugeschoben bekommt, den sie sich nicht verdient hat. Das ist nicht nur vollkommen entgegen der zu Beginn eingeschlagenen Richtung, sondern lässt einen unzufrieden zurück. Man will halt ans Karma glauben.

Waltraud ist jenes Vorstadtweib, zu der es am Schwierigsten war, eine Verbindung herzustellen – keine der anderen Damen ist so sehr von Selbstsucht getrieben wie sie. Ihr ständiges Beschuldigen anderer für ihre eigenen Fehler generierte über weite Teile hinweg wenig Sympathiewerte. So war es eine tolle Entscheidung, ihr die größten Schocks der Staffel unterzujubeln, um sie zu reformieren – die Schwangerschaft und der Tod ihres Mannes lassen sie gleich menschlicher wirken. Schade, dass gerade letzteres sehr kurz kam, das Ableben Josefs war dann doch recht schnell verdaut. Vielleicht lassen sich die Konsequenzen seines Verscheidens in Staffel 2 noch ein wenig breiter austreten.

Caroline hat eine nur untergeordnete Rolle in den letzten paar Episoden, und so wird sie als Stimme der Vernunft verwendet. Das funktioniert, sie erdet die Serie und gibt ihr einen glaubwürdigen Einstiegspunkt in die Welt der Vorstadtweiber – obwohl ausgerechnet sie zu Beginn eine Affäre hatte, ist Caroline die ehrlichste der Damen, ein spannender Widerspruch. Als einzige Beziehung hat mir jene zwischen Hadrian und ihr wirklich Sympathien abgewonnen. Eine Figur muss nicht sympathisch sein, um zu gefallen, aber bei Caroline ist das ein merklicher Pluspunkt.

Nicoletta… wirkt manchmal ein wenig, als stamme sie (gemeinsam mit Francesco) aus einer anderen Serie, weil sie als einzige nichts mit der Autobahn am Hut hat und gleichzeitig so isoliert endet. Wie sie allerdings Teil des Verwirrungsspiels rund um die falschen, aber durchaus plausiblen Annahmen des Polizistenduos geworden ist, war sehr spannend – und eben auch Testament dafür, wie ausgeklügelt da die Geschichte verwebt war. Schlussendlich war die Gestohlene-Klamotten-Storyline ein wenig schwachbrüstig, und Nicoletta wirkte in Folge 10 ein wenig blass (nicht zuletzt, weil alle anderen Damen so viel zu tun hatten) – insgesamt wäre da mehr rauszuholen gewesen.

Und dann ist da noch Maria, die wohl kontroverseste Figur der Serie. Ihr Charakterbogen von der stummen Hausfrau zur selbstbestimmten Unternehmerin ist ziemlich augenscheinlich, und dazu noch von der besten Metapher der Serie umrahmt: Sie hat gelernt, sich selber den Penis umzuschnallen, wenn ihr Mann schon so ein Schlappschwanz ist. (Vielleicht ein kontroverses Statement der Serie, aber künstlerisch äußerst gelungen: visuell einprägsam, schockierend, mutig.) Der Punkt, an dem sie in den späteren Folgen der ersten Staffel, und insbesondre in der letzten Szene des Staffelfinales, ankommt, ist ausgezeichnet – eine Figur solch einen Wandel zu vollziehen sehen zeigt die großen Vorteile des seriellen, Episoden-übergreifenden Erzählens.

Nur: Der Wandel ist zu groß, weil sie viel zu mausgrau angefangen hatte. Subtilität war dabei keine Stärke der Vorstadtweiber – die Konsequenz, mit der ihre Entwicklung durchgezogen wurde, allerdings schon. Vielleicht war das Skript Schuld, vielleicht die Regie, vielleicht hat Drassl zu Beginn überspielt – aber in den ersten Episoden war Maria zuzusehen schlichtweg eine Tortur. Eine Tortur, von der sich die Serie zum Glück per Design ihres Bogens lösen konnte: Sobald für sie ihre heile Welt zu bröckeln begann und schließlich gänzlich einstürzte – ein Prozess, dem sich die Serie dankbarerweise sehr intensiv widmete – wurde sie zur dynamischsten Vorstadtweiber-Figur. Für Staffel 2 heißt das nur das Beste, wenn sie ihre Schwäche hinter sich gelassen hat – insbesondere dank des grandiosen Endes.

Quelle: ORF TVthek Screencap. (c) MR Film, ORF. No copyright infringement intended, this is for educational purposes only.

Die letzte Szene ist zwar nicht ganz ohne Bauchweh zu genießen – Georgs Dialogzeilen wirken so dermaßen aufgesetzt (und zudem out of character – in den Szenen zuvor sahen wir sie noch in trauter Einigkeit), dass man sich einfach fragen muss, wie es diese Zeilen ins fertige Produkt schaffen konnten – aber ist ein toller Schlussstrich für den größten Bogen der Serie, und Beweis für eine schlussendlich doch sehr gelungene Charakterisierung Marias. Schick ist dabei zudem auch, wie dieser Schlussstrich gleichzeitig als Cliffhänger funktioniert: Er vermittelt ein Gefühl von Vollendung (ihres Wandels), während er jede Menge Lust auf mehr macht. Gemeinsam mit dem Rausschmiss der Schwiegermutter und dem baldigen Familienzuwachs seitens Simons hat sich Marias Status Quo grundlegend verändert.

Und so nehme ich ein im Grunde positives Bild von Vorstadtweiber mit in die Serienpause. Zwar weist die Serie einige Schwachpunkte auf, aber keine, die sich nicht beheben lassen würden. Besser noch: Vorstadtweibers erste Staffel endet auf starker Note, die nicht nur eine zweite Staffel herbeisehnen lässt, sondern auch das Vertrauen erweckt, dass die zweite Staffel besser sein kann als die erste. Es gibt auch zum Staffelende einiges zu kritiseren, aber weniger als noch beim Staffelauftakt. Die Vorstadtweiber sind zwar, bis auf Maria und Caroline, noch Baustellen, aber bis auf Sabine hat die Serie ständig dazugelernt, wie sie diese besser in Szene setzt. (Bei Sabine gilt das Gegenteil: Was in Episode 1 vielversprechend war, ist am Ende oberflächlicher denn je.) Es ist aber gerade die größte Stärke von Vorstadtweiber, die Vertrauen in eine zweite Staffel setzen lässt: dass die Serie fähig ist, eine komplexe Geschichte zu erzählen, die ihre Figuren gemeinhin verändert. Jetzt muss sie nur noch lernen, das ein wenig empathischer zu tun.

Noch mehr Bla:

– Die Beerdigungs-Szene im Teaser des Piloten wird hier endlich kontextualisiert. Sehr gelungen ist, wie wir hier noch ein paar weitere Informationen erfahren, die in Folge 1 noch zu große Spoiler gewesen wären. Seit Erscheinen der Polizisten in Folge 8 ist auch deren Rolle geklärt. (Ganz verstanden habe ich es aber noch nicht, warum so viele Filmteams anwesend sind.)

Quelle: ORF TVthek Screencap. (c) MR Film, ORF. No copyright infringement intended, this is for educational purposes only.

Zur Sicherheit: Regenschirme.

– Eine der vollkommen unverständlichen Dinge der Umsetzung: Warum tragen die Figuren Regenschirme, wenn es offensichtlich nicht regnet? Und das in gleich mehreren Szenen.

– Prämisse und Konklusion… einer der billigeren Momente der Serie, den Herrn Polizisten als dumm und später auch sexistisch dastehen zu lassen. Nicht nur, dass so niemand redet: Auch das Publikum wird für dumm verkauft.

– Die Idee mit dem Hilfsprojekt hingegen ist denkbar elegant. Es passt charakterlich zur durchtriebenen Tina, es schafft ein neues, Problem-bespiktes Szenario für Staffel 2, und es löst das rechtliche Problem der Damen, während sie dieses Schauspiel, dass dias Hilfsprojekt immer ihr Plan war, in der nächsten Staffel aufrecht erhalten müssen.

– Mein Lieblingsdetail der gesamten Serie ist es, dass Nicoletta mit bürgerlichem Namen eigentlich bloß Nicole heißt. Während die meisten Menschen Abkürzungen ihrer Namen als Spitznamen annehmen, versucht Nicole natürlich, extravagant zu sein.

– Auch ein grandioses Schlussbild: Simon rockt in Waltrauds Haus, diese sieht fassungslos ihrer Zukunft entgegen. Auch das ein kraftvoller Schlussstrich, der jede Menge neue Probleme verspricht.

– Ich besitze kein medizinisches Fachwissen, dennoch zweifle ich ein wenig an der anatomischen Korrektheit von Georgs Tod. Die Umsetzung, insbesondere das zu Boden trickelnde Blut, war da ein wenig lasch.

Fazit: 6,5 von 10 Punkten.

Vorstadtweiber hat durchaus noch Luft nach oben – etwa im Bereich Dialoge – aber beweist ein Händchen dafür, die diversen Handlungsstränge der Staffel zusammenzuziehen. Nicht alle Figuren und Bögen funktionieren gut, aber die Tendenz ist, wie das Beispiel Maria zeigt, steigend – das lässt für Staffel 2 hoffen.

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