Warum CopStories zum Wegschalten Animiert

CopStories ist eine tolle Serie, die sich durch eine komplexe Dramturgie, einem ausgesprochen breit gefächerten Ensemble und ihrer charakter-zentrierten Erzählweise auszeichnet. Ich schaue und lese gerne CopStories – nicht umsonst verfolge ich die Serie seit der 2. Staffel Episode für Episode. Dennoch schleicht sich in beinah jeder Episode in mir der Drang ein, nach ein paar Minuten wegzuschalten – und das, obwohl ich ein großer Fan der Titelsequenz bin. Warum ist das so? Eine Analyse.

Quelle: Cop Stories DVD Screencap. (c) ORF, Hoanzl, Gebhard Productions. No copyright infringement intended, this is for educational purposes only.

Schon bei meinen Episodenkritiken äußerte ich mich gegenüber der Teaser von CopStories, also jenen Szenen vor dem Vorspann, kritisch. Nun, da ich mich Zuge meiner Diplomarbeit eingehend mit der Struktur von TV-Serien befasse, kam ich nicht umhin, festzustellen, wie der Teaser dieser Serie sich nicht nur von jenen anderer Serien unterscheidet, sondern eigentlich auch dessen dramaturgischen Funktionen widerspricht. So musste ich feststellen: Bei CopStories ist das Cold Opening höchstens lauwarm.

CopStories erzählt in jeder Folge die Geschichte(n) eines Polizeialltags, von Arbeitsbeginn bis Feierabend. Für die Polizistinnen und Polizisten in Ottakring beginnt jeder Tag im Cafe Eisenriegler bei freundschaftlichem Geplänkel über Kaffee und Zeitung. Während sich CopStories dabei bemüht, die österreichische Seele darzustellen (und das dank der unterschiedlichen Persönlichkeiten a la Eberts, Helga oder Matthias auch gut hinbekommt), schafft es die Serie nicht, dabei regelmäßig eine dramatische, interessante Szene zu präsentieren. Anhand der 20 bislang gezeigten Episoden lassen sich fünf Schwachstellen ausmachen:

1.) Der Teaser „teased“ nicht.

Wie der Name schon sagt, soll ein Teaser neugierig machen. Fernsehprogrammierung ist ein ständiger Kampf mit der Fernbedingung – die gesamte Seriendramaturgie beruht darauf, die Zusehenden durch geschickten Einsatz von Cliffhanger, Wendungen, Überraschungen etc. am Fernsehgerät zu halten. Der Teaser erhält dabei eine besondere Funktion: Er muss einen in nur wenigen Minuten dazu verlocken, sich das gesamte Programm anzusehen, und das Interesse über den Vorspann hinweg halten. Man kennt das ja aus Krimis, die mit dem Fund eines Mordopfers oder dem Mord selber beginnen – sofort drängen sich die Fragen auf, wer das warum getan habe.

Das soll nicht heißen, dass CopStories diese Praktik 1:1 emulieren sollte – im Gegenteil, CopStories ist ja ganz bewusst ein Drama (und kein Krimi), und versucht sich gerade durch den Verzicht auf diesen klischeebelegten Beginn auszuzeichnen. Nur: Der allwöchentliche Beginn im Kaffeehaus macht kaum Anstalten, Interesse für die Folge und somit auch die Serie aufkommen zu lassen. Teaser sollten Spannung erzeugen, und einen Hinweis darauf, was die nachfolgende Episode bieten kann, bei CopStories kommt jedoch in den ersten Minuten keinerlei Spannung auf.

2.) Der Teaser verletzt die Regel der Kausalität.

Gute Geschichten sind Ansammlungen kausal verbundener Ereignisse: Eine Sache führt zur nächsten, die zur nächsten führt, die eine Gegenreaktion provoziert, sodass und so weiter. Gute Geschichten stecken voller „und so“s und „aber dann“s. Das Gegenbeispiel kennen die meisten wohl von Geschichten, die Kinder erzählen: Das ist dann oftmals bloß eine Aneinanderreihung zusammenhangsloser Ereignisse („und dann ist das passiert, und dann ist das passiert, und dann..“), die keine kohäsive Geschichte erzählen. Die Teaser von CopStories sind großteils irrelevant für die Geschichten, die in den Episoden erzählt werden, den meisten Teasern der Serie folgt ein ernüchterndes „und dann“.

Folglich könnte auf viele Teaser streng genommen verzichtet werden. Als Fan der Serie will man das natürlich nicht: Man gibt sich doch gern mit den Figuren ab, und oft treffen die Teaser ja auch gute Figurennuancen. Die Kehrseite der Medaille ist allerdings, dass die Teaser dadurch nicht nur das Stigma der Überflüssigkeit erhalten, sondern die Kohäsion der gesamten Folge darunter leidet. So rund CopStories seine Geschichten abrundet, so eckig ist deren Beginn.

3.) Visuelle Impulse fehlen.

Es ist nicht so, dass die CopStories völlig von den Episoden entkoppelt wären – meist gibt es ein oder zwei kleine Verbindungspunkte, etwa wenn der anstehende Job des Tages erwähnt wird oder Flo verschlafen aussieht. Das sind eher kleine Andeutungen anstatt Dinge, die einen unbedingt die Episode anschauen wollen lassen würden, aber lassen immerhin eine Kontinuität erkennen. Nur: Fernsehen ist nunmal ein visuelles Medium. Nur zu hören, dass die Polizisten etwa an diesem Tag die Aktion Saubere Straßen durchzuführen haben, weckt nicht wirklich großes Interesse – sie später dann in konfliktreiche Situationen kommen sehen schon.

4.) Fehlende stakes und nicht-kontextualisierte Cliffhanger.

Es ist ein Phänomen, das ich nun in kürzester Zeit bei zwei Serien beobachten durfte(Vorstadtweiber und CopStories): Gelegentlich wird ein Cliffhanger gesetzt, bei dem das Publikum nicht recht weiß, was er zu bedeuten hat. In anderen Worten: Es fehlen entweder die Stakes (auf gut österreichisch: es geht um nichts) oder sie werden den Zuschauern gegenüber nicht kontextualisiert. Das Publikum soll neugierig werden, und sich nicht fragen müssen, was eine Serie mit einer Handlung versucht auszudrücken – für Verwirrung haben Fernsehzuschauer wenig Geduld.

CopStories Folge 20 (2×10 „Alles Liebe„) zum Beispiel, als der Teaser damit endet, dass Vickerl ein Buch an die Glasscheibe des Cafes presst – nicht nur, dass die Spannung dabei gegen null geht, diese Handlung ist schlichtweg verwirrend: Was soll das bedeuten? Was hat das für eine Relevanz? (Eine Frage, die die Episode schuldig bleibt.) Oder Folge 8 (1×08 „Oida„), in der Mathias zum Ende des Teasers hin Helga mitteilt, dass eine angesuchte Observation nicht bewilligt werden würde, und Helga irritiert „Wie bitte?!“ ruft – und Schnitt. Es ist nicht ersichtlich, warum dies schockierend wäre, weil die Situation viel zu vage ist, und so endet die Szene denkbar schlaff. Weiteres Beispiel: Folge 17 (2×07 „Oh Gott„), in der der Teaser damit endet, dass Vickerl den Polizisten eine gefundene Marienstatue zeigt – passt thematisch gut zur Folge, aber ist als Cliffhanger wirklich denkbar ungeeignet, weil zu diesem Zeitpunkt die einzig passende Reaktion ist, sich zu fragen: „Na und?“ Das Resultat: Bitte weiterschalten.

5.) Manchen Exemplaren fehlt eine Höhepunktdramaturgie.

Jede dramatische Szene ist eine eigene kleine Geschichte, die einen Anfang, eine Mitte und ein Ende besitzt. Zu Beginn wird meist kurz etabliert, wo die Handlung stattfindet und wer handelt, bevor ein Konflikt entsteht und dieser behandelt wird – bis er in einen Mini-Klimax endet. Das mag idealistisch klingen, entspricht aber in seinen Grundzügen der Realität. An den Cafehaus-Szenen von CopStories stört mich nicht, dass sie ein wenig Vignetten-artig aufgebaut sind – meist hört man bei mehreren, kleinen Gesprächsrunden rein (Lukas mit Leila, Mathias mit Helga, etc.), die geschickt miteinander verwoben sind. Was dann aber gelegentlich fehlt, ist ein Konflikt, der mit einem Höhepunkt enden würde.

Vickerl scheint dabei ein besonderer Problemfall zu sein. Neben den zwei oben genannten Teasern kann dabei auch Episode 5 (1×05 „Strizzi„) als Beispiel dienen, in der der Teaser einfach inmitten eines Gesprächs aufhört, das zu nichts geführt hat, während die eigentlich spannende Frage (woher Vickerl eine besonders teure Uhr hat) gar nicht dramatisiert wird. Stattdessen versucht CopStories (erfolglos), den Teaser mit einer Pointe zu enden – von erzählerischem Drang keine Spur.


Dies sind die meiner Ansicht nach fünf großen Schwachpunkte der Teaser von CopStories, die leider die meisten Episoden heimsuchen. Dass die Serie aber auch anders kann, hat sie schon mehrmals unter Beweis gestellt: Der Pilot (1×01 „Bahöh„) etwa beginnt energetisch in medias res, auch Episode 2 (1×02 „Zund„) vermittelt sofort, um was es in dieser Episode gehen wird. Ebenfalls hervorzuheben sind die Teaser zum Staffelauftakt der zweiten Staffel (2×01 „Kinderspül„) sowie die triste Stimmung im Cafe nach Altans Tod (2×04 „Jössas!„) – das sind Teaser, die durch ihre Stimmung (unterlegt mit ansprechenden Bildern: Roman im Krankenhaus bzw. schwarze Anzüge im Cafe) überzeugen, und wirklich stellvertretend für ihre jeweiligen Episoden sind

Diese nachdenklichen Stimmungen sind natürlich nicht in jeder Episode reproduzierbar, und das wäre auch nicht Sinn der Sache. Trotzdem hat CopStories eine Auffrischungskur in Sachen Teaser absolut notwendig. Die Serie darf sich nicht zu sehr darin versteifen, jede Episode gänzlich im Cafe beginnen zu lassen – das mag zwar Teil ihres gewählten Templates sein, sollte sie aber nicht davon abhalten, die Teaser kreativer, spannender, oder abwechslungsreicher in die Serie zu verflechten.

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Ein Gedanke zu “Warum CopStories zum Wegschalten Animiert

  1. Pingback: „CopStories“-Kritik: Ep 1.04: „Und Gusch!“ | Fortsetzung.tv

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