Reingeschaut: Vorstadtweiber.

„Die muss arbeiten, echt? Blöd gelaufen, hm?“

Vorstadtweiber ist die österreichische Antwort auf Desperate Housewives – geschlagene 10 Jahre nach dessen Erstausstrahlung. Es ist nicht lang genug, um sich des Images eines Abklatsches zu entziehen – noch dazu, wenn man sich so bemüht, das Original regelrecht nachzuäffen. Andererseits: Vielleicht findet sich jetzt ja eine Marktlücke. Der ORF gibt sich sichtlich Mühe: Vorstadtweiber sieht teuer produziert aus, doch ob sich die Mühe auszahlen wird, bleibt abzuwarten.

Quelle: ORF TVthek Screencap. No copyright infringement intended, this is for educational purposes only.

V.l.n.r.: Nicoletta, Sabine, Maria, Waltraud, Caroline.

Fünf Hausfrauen, fünf Freundinnen, ein scheinbar unnatürlicher Todesfall – das sollte bekannt klingen. Maria gibt sich immer Mühe, aber wirkt ständig hilflos – nicht nur in ihrer Ehe. Waltraud befindet sich in liebloser Ehe, weshalb sie ein Verhältnis mit Marias Sohn hat. Caroline hingegen hat ein Verhältnis mit dem Geschäftspartner ihres Ehemannes. Sabine wurde gerade von ihrem Mann für eine Jüngere verlassen. Nicoletta wiederum hat eher geschäftliche Probleme, nachdem ihre Boutique überfallen wurde…

Vorstadtweiber läuft jeden Montag auf ORFeins ab 20.15 Uhr. Die Auftaktfolgen können HIER in der TVthek bis zu 7 Tage nach Ausstrahlung angesehen werden. Ab hier gibts wie immer volle Spoiler für die Episoden.

Zehn Figuren in zwei Serien.

Die fünf Damen funktionieren in den Auftaktepisoden merklich unterschiedlich gut, was zu einem guten Teil an deren männlichen Gegenübern liegt. Um es kurz zu machen: Die Männer sind höchstgradig zwei-dimensional, weil sie viel zu sehr dem Bösewicht-Banker-Klischee entsprechen und sonst beinah keinerlei Facetten aufweisen (bemerkenswerte Ausnahme ist, wie umgehend Carolines Ehemann seinen Sohn aus der Wohnung schmeißt). Die Männer gelegentlich als Kindsköpfe darzustellen, wie etwa beim Abrocken im Porsche, hat Charme, doch sobald sie wieder über ihr illegales Lobbying-Projekt reden, geht der Serie merklich die Luft aus. Vorstadtweiber macht es sich schlichtweg zu einfach, die Antagonisten zu hassen – nicht zuletzt auch deshalb, wie abschätzig sie die Frauen behandeln, was gelegentlich die Grenzen der Glaubwürdigkeit überschreitet (etwa, wenn Marias Ehemann Georg sie einfach ignoriert und stattdessen sein Handy abnimmt). Was ebenfalls nervt: Die Herren werden nicht müde, ihren ausgeführten Beruf zu erwähnen, weil das Drehbuch krampfhaft versucht, so viele ja eigentlich nicht ungelungenen Witzchen über Lobbyisten und Banker wie möglich einzubauen.

Aber auch ein paar der Damenrollen sind problematisch, allen voran die eigentliche Hauptfigur Maria. Die Grundidee dieser Figur, Tragik und Komik in dieser Form zu kombinieren, hat Potential, doch so, wie sie in diesen beiden Folgen gezeichnet ist, wirkt sie wie eine Parodie auf ihre eigene Rolle. Ihre Naivität ist schlichtweg viel zu überspitzt; während die Dramen einiger der anderen Damen realitätsnaher sind – wobei eine außergewöhnliche Konfliktdichte im Privatleben in der Literatur ja gängig ist – wirkt Maria stets wie ein ungewollter (oder vielleicht ungünstig gewollter) Verfremdungseffekt. Gerne würde ich es ihr abkaufen, nicht zu wissen, wie sexuell aktiv ihr Sohn schon ist, aber ihre extreme Unbeholfenheit reißt mich immer wieder aus der Illusion der Serienwelt heraus.

Überhaupt scheint Vorstadtweiber zu Beginn eher zwei Serien in einer zu sein. In der einen befinden sich Maria, Caroline, Waltraud und deren Männer, in der anderen Sabine und Nicoletta. Letztere Handlungsstränge wirken zwar nicht unbedingt weniger künstlich – Sabine arbeitet rein zufällig immer dort, wie die anderen vier Frauen auch sind (und dann kommt noch zufälliger auch noch ihr Ex-Mann auf die Party), und Nicolettas günstiges Gucci-Schnäppchen kommt schon sehr gelegen – aber sind deutlich greifbarer als Figuren. Die beiden werden sofort zu Sympathiefiguren, weil sie ihren Kopf nicht in den Sand stecken, wenn ihnen das Leben übel mitspielt. Die beiden wirken isolierter als die anderen drei Frauen, aber vielleicht wirkt sich gerade das auf Nicoletta und Sabine positiv aus – sie haben (bislang) nichts mit der absurden Lobby-Storyline am Hut.

Umsetzungsschwierigkeiten.

Der ORF scheint großes Vertrauen in die Serie zu haben: Laut Standard ist eine zweite Staffel bereits bestellt, noch bevor Kritikerstimmen und Quotenergebnisse bekannt werden. Die Serie sieht auch teuer produziert aus – Flughäfen gelten ja als mitunter teuerste Drehorte – und weiß auch einen sehr ansprechenden Soundtrack vorzuweisen. Auch der Vorspann weiß optisch zu beeindrucken, auch wenn die Nachahmung des Intros von Desperate Housewives ziemlich einfallslos wirkt – als ob sich die Serie als Nachahmer verkaufen möchte! Trotz des hohen (oder ökonomisch eingesetztem) Budget lassen sich überraschende Mängel in der Präsentation und Produktion entdecken, bei denen es gelegentlich schwierig festzustellen ist, ob Drehbuch, Regie oder Schnitt daran Schuld sind.

Da ist zum Beispiel der Teaser: Ein Blick in die Zukunft, der uns verrät, dass es zu einem Todesfall kommen wird, der scheinbar alle Damen ziemlich mitnimmt, nur um von einem Polizeitrupp unterbrochen zu werden. Die Szene lässt sich gar nicht genug Zeit, die vielen Details auf die Zuseher einwirken zu lassen – erst beim wiederholten Schauen fiel mir beispielsweise auf, dass sich merkwürdigerweise ein Kamerateam beim Begräbnis eingeschlichen hat – warum bloß? Die an sich spannenden aufgeworfenen Fragen formen sich gar nicht erst, weil die Schusselei des Kommissars sowie dessen merkwürdiger Vater unnötig ablenken. „Und, hots da gfolln?“ generiert nicht Spannung, sondern Verwirrung. Gleichzeitig wirkt das Verhalten der Männer (einmal mehr) ziemlich platt – plump wird uns in der ersten Szene mitgeteilt, dass das die Antagonisten sein werden.

Quelle: ORF TVthek Screencap. No copyright infringement intended, this is for educational purposes only.

Zu scheinbar ungewollten Verwirrungen kommt es noch öfter in den zwei Stunden Vorstadtweiber. Etwa in jener Szene, als Nicoletta den Einbruch in ihre Boutique sieht – da ist die Bildsprache nicht in der Lage, die Sachlage zu erzählen. Ebenfalls sehr merkwürdig ist etwa das Ende der zweiten Episode: Während der Pilot noch einen guten Cliffhanger bot, besitzt Folge zwei gar keinen, sondern endet einfach ganz abrupt mit Waltrauds Plansch in den Pool – vollkommen ohne Resolution der Episode. Was ist denn da passiert? Zum Episodenende hin sollte mich eine Folge die nächste sehen lassen wollen, aber „(2)„, wie die Folge offiziell heißt, lässt mich da kalt.

Zum Glück gilt das nicht für die ganze Serie. Blendet man die Abwege der Ehemänner aus (und vielleicht Maria noch dazu, sicherheitshalber), kann Vorstadtweiber einigermaßen überzeugen. Einige Szenen besaßen richtigen Espirt – etwa, als Sabine von ihrer Arbeitskollegin über die positiven Seiten des Reinigungskraftjobs aufgeklärt wird, oder als Sabine Caroline wortlos mitteilt, dass sie da was an der Lippe habe. Oder wie Waltrauds Ehemann wortlos Sex für deren finanziellen Transgressionen einfordert. Gelegentlich geht der Serie ihr Knopf auf, doch leider hat sie ihre Karten nicht sehr günstig für sich selbst gemischt, indem sie den Autobahn-Handlungsstrang so zentral angelegt hat. Ob sich das zum Besseren wandeln wird, indem den Männern doch noch Ecken und Kanten verliehen wird, bleibt abzuwarten – ich werde jedenfalls dranbleiben.

Schlussendlich muss man aber den ORF dafür loben, etwas Neues zu probieren (zumindest Genre-technisch, denn neu ist eine Nachahmung von Desperate Housewives ja per Definition nicht). Nur an der Umsetzung, an der hapert es noch.

Noch mehr Bla:

– Wie auch bei Janus scheint der ORF die Episoden nicht zu betiteln, sondern sie lediglich per Nummern anzugeben. Ich kann mir diesen Trend nicht erklären und halte das für einen groben Marketing-Fehler – ohne Episodentitel fällt es deutlich schwerer, sich später an diese zurückerinnern oder über sie zu sprechen.

– Gleich mehrere Schnitte fallen als störend ins Auge – etwa Nicolettas Autofahrt mit lautem Deutschpop, der abrupt bei ihrer Ankunft abgebrochen wird.

– Witzig: Carolines Ehemann informiert erst sie, anschließend ihren Liebhaber, dass dieser zum Essen eingeladen werden soll. Uncool hingegen, wie wenig sich diese bemühen, zu verheimlichen, dass sie Sex haben.

– Waltrauds Geheimversteck der Einkaufstüten: obenauf im Müllcontainer. Eine geheimniskrämerische Meisterleistung!

– Plotfehler: Es ist sicher nicht auffällig, dass genau jene Grundstücke für „strategisch wichtige Stellen“ kurz vor Baubeginn aufgekauft wurden.

– „Außerdem weiß ich, dass du mit jungen Männern nichts anfangen kannst.“ Was für eine interessante Zeile – empfindet Caroline die Worte ihres Mannes als abwertend oder nicht?

– „Simon! Was machst du denn da?“ – „Äh.. der Nachmittagsunterricht ist ausgefallen.“ Eine der besseren Setups der Auftaktfolgen, Simon scheint also wirklich kein allzu fleißiger Schüler zu sein…

– Episodische Kritiken wird es abseits von dieser hier voraussichtlich nicht geben, aber einer Staffelkritik zum Staffelfinale hin bin ich nicht abgeneigt. Bis dahin werde ich die einzelnen Folgen wohl kurz auf Twitter kommentieren. Hier der Link zum Twitter-Account, auf dem ich mir vorgenommen habe, in Zukunft aktiver zu sein.

Fazit: 5,0 von 10 Punkten.

Vorstadtweiber kommt nicht ans Vorbild heran, weil die Serie für manche Figuren bislang keinerlei Empathie zeigt und deshalb auf Bösewicht-Klischees zurückgreift. Ob sich da noch Figuren-Nuancen finden lassen werden, wird sich zeigen.

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2 Gedanken zu “Reingeschaut: Vorstadtweiber.

  1. Much appreciated! Ich leb zur Zeit in Los Angeles, und die Vereinigten (Staaten) sperren mir die ORF TVthek, sodass mir die Vorstadtweiber leider komplett erspart bleiben. Deshalb, vielen Dank für diese ausführliche Rezension! Hab sie gerne gelesen!

    • Oh, das ist schade – als ich 2013 aus den USA die TVthek verwenden wollte, ging das noch. Haben Sie es schon per Schöner Fernsehen probiert?

      Ich ziehe übrigens in einem halben Jahr auch eine Weile lang nach L.A.

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