Kritik: Cop Stories 2×09 „Muckibude“.

„Du ziehst hauptsächlich Ärger an, mehr ist nicht.“

Ich empfehle Freunden ja wöchentlich, am Dienstag Abend doch den ORF anzuschalten. Diese Woche habe ich das nicht getan, denn knapp vor Staffelfinale setzt Cop Stories dann doch mal eine Folge in den Sand.

Quelle: Hoanzl Cop Stories DVD Screencap. (c) ORF, Hoanzl, Gebhardt Productions, no copyright infringement intended. This is for educational purposes only.

Die von Lukas und seinem ehemaligen Liebhaber Christian Dohringer geplante Finanzrazzia geht endlich über die Bühne. Lukas findet dabei auch die Dokumente, die Christians kriminelle Beteiligung beweisen würden – und entschließt sich, ihm diese auch auszuliefern…

Cop Stories läuft jeden Dienstag auf ORFeins, 21.05 Uhr. Die Folgen können HIER in der TVthek bis zu 7 Tage nach Ausstrahlung angesehen werden. Ab hier gibts wie immer volle Spoiler für die Episode.

Au weh!

Muckibude“ ist die schwächste Folge der Staffel, und das leider aus mehrerlei Gründen. An vorderster Stelle steht dabei, wie untreu die Serie hier Lukas behandelt: Ihn Christian dermaßen auf den Leim gehen zu lassen ist vollkommen uncharakteristisch für ihn, persönliche Involvierung hin oder her. Cop Stories versucht, den Verrat als große Überraschung darzustellen, in Wirklichkeit zeichnete sich das schon in der Vorfolge ganz klar ab – ohne, dass wir mehr als Lukas gewusst hätten. Bei den unlesbaren Daten und Christians lahme Verzögerungstaktik („Des liegt wahrscheinlich an euren alten Polizeicomputern.“) hätten da bei Lukas längst die Alarmglocken schrillen sollen, stattdessen tappst er ihm höchst einfältig in die Falle.

Als Christian das Beweismaterial anzuzünden begann, war ich mir sicher, dass Cop Stories hier die Wendung in petto gehabt hätte, dass Lukas zuvor Kopien gemacht habe – was für einen kühlen Kopf wie ihn doch eigentlich logisch wäre. So aber steht Lukas wie der ärgste Depp da, und das wird der Figur einfach nicht gerecht. Noch dazu kommt, dass Christians Triumph komplett dem Zufall zu verdanken ist: nämlich, dass die Razzia durch die Finanzpolizei vom Staatsanwalt bereits geordert wurde, bevor Lukas dafür die Beweise liefert – das heißt, Christian muss davon ausgehen, dass Lukas die Daten nicht kontrolliert, damit ihm seine Intrige überhaupt aufgeht.

Christian ist seinerseits nicht überzeugend genug, um vielleicht in der nächsten Staffel als Bösewicht wieder in Erscheinung treten zu können – dafür war er viel zu isoliert, war mit niemand anderem außer Lukas in Kontakt getreten. Enttäuschend, wie dieser Handlungsstrang endet, zumindest was Christian betrifft. Dass der Staatsanwalt jetzt mit leeren Händen da steht und auf Lukas wohl nicht so gut zu sprechen sein wird, ist widerum eine spannende Entwicklung – was aber auch der Fall wäre, wenn Lukas eine Kopie der Dokumente gemacht hätte, um zumindest Dohringer das Handwerk zu legen. Das hätte dafür gesorgt, dass diese ehemalige Beziehung in die (zumindest teilweise) Zerstörung beider Karrieren geführt hätte, was zu einer interessanten Feindschaft geführt hätte.

Dabei handelt es sich allerdings nicht um den einzigen ärgerlichen Handlungsstrang. Am schlimmsten stößt mir Florians Begegnung mit der Kickboxerin auf und wie Cop Stories hier eine halbe Vergewaltigung verharmlost. Man stelle sich mal die Situation mit vertauschten Geschlechtern vor: Undenkbar, dass man sich über eine offensichtlich verteidigungslose Frau lustig machen würde, die von einem Mann mittels K.O.-Tropfen oder Drogen zum Sex genötigt würde, weil sie sonst nicht locker sein könne. Cop Stories kann sich daraus retten, indem Florian in der nächsten Episode das strafrechtlich verfolgt, aber die Heiterkeit, mit der diese Szene als Scherz dargestellt wird, lässt darauf schließen, dass die Serie es darauf beruhen lassen wird, dass es sich bei dieser Begebenheit bloß um eine lustige Szene handle. Zuerst echauffiert sich Sylvester zwar, begründet seine Sorge aber damit, dass Florian und er ja Polizisten seien – und bei anderen Menschen sei das korrekt?

Orientierungslose Figuren.

Nicht viel besser, als die falschen Dinge mit den Figuren anzustellen, ist es, nicht zu wissen, was man mit den Figuren machen soll. Roman und seine „Können-wir-nicht-alle-nett-miteinander-sein“-Lösungsmethode empfand ich in Staffel 1 noch recht unglaubwürdig geschrieben; In Staffel 2 wirkt er wesentlich realistischer, aber hat gleichzeitig auch sein Alleinstellungsmerkmal verloren. Was hebt ihn hervor? Die Romanze mit seiner Freundin ist nur ein sehr marginaler Handlungsstrang, die Emanzipation von seiner Mutter ist abgeschlossen, das Theaterstück (Gottseidank) längst vergessen, und die Serie gibt noch keine rechte Richtung vor, wo sie Roman hinmanövrieren will. Darum ist es nicht verwunderlich, wie anonym er im Fall um den an Anabolika verstorbenen Boxer bleibt: Weil die Serie zur Zeit keine Seite dieser Figur findet, an der sie arbeiten und anecken kann.

Nicht unbedingt besser ergeht es Mathias. Es überrascht mich, dass Chantal immer noch nicht zurückgekehrt ist, auch wenn das nicht unbedingt mein Lieblingshandlungsstrang war – zumindest trifft sie Mathias dort, wo es weh tut. Ohne sie tut sich die Serie mit dieser Figur schwer, schiebt ihm öfters die schwächeren oder belangloseren Fälle zu. Das wird zu kaschieren versucht, indem Mathias weit in die Rolle des Comic reliefs gedrängt wird; Meist geht mir das süß-tirolerische Gehabe eher auf die Nerven, gelegentlich kann ich aber auch die humoristische Note davon genießen: Bei Mathias‘ aufmunternten Worten („Ihre Stimme ist ein Geschenk Gottes. […] Sie können sich durch Ihren Gesang selber trösten. Und deshalb müssen Sie singen.“) stehen einem einerseits die Nackenhaare zu Berge, andererseits kann man über diese Übertriebenheit nur lachen – was mit der Ernstheit der Lage zu einem skurilen, aber interessanten Kontrast führt. Das ist sicher beabsichtigt, trotzdem wäre mir lieber, ich würde mit statt über diese Figur lachen.

Konsistenz.

Bei anderen Figuren weiß Cop Stories hingegen genau, worauf sich die Figuren zubewegen. So langsam wird Sylvester zum Beispiel Stammgast in der oberen Etage, was auch Bergfeld nicht ganz entgeht. Mir gefällt, wie da so ein kleiner, vager Zweifel in Bergfelds Stimme mitschwingt, als er anmerkt, wie oft auf Sylvester geschossen wird – Cop Stories nimmt da diesen in der Tat recht unwahrscheinlichen Sachverhalt augenzwinkernd ins Narrativ auf (Sylvester: „Ned scho wieder laufen!“), deutet es schließlich darauf, dass Sylvester in solchen Situationen zu ungestühm und riskant handelt – oder einfach nur den nötigen Biss hat, sich solcher Situationen auch wirklich zu stellen? In meinen Augen deutet das darauf, dass das spätestens in der dritten Staffel einmal nach hinten losgehen wird.

Ebenso konsistent weiß Cop Stories Helga zu charakterisieren. Mir gefällt zum Beispiel, wie sie sich mit den Worten „Mein Name ist Helga Rauper“ vorstellt – so sehr sie auch betont, privat auf Besuch zu sein, verwendet sie das Vokabular und die Tonlage aus dem Dienst. Zuerst war ich noch sehr skeptisch, wie Cop Stories diesen Junkie namens Stevy darstellt. Außerordentlich gut gefällt mir aber, wie viele Handlungsstränge dieser Staffel dabei aufgelöst werden, und wie sie Helgas Entscheidung, Toni am Ende der Folge endgültig zu verlassen, beeinflussen.

Das gestohlene Giftpackerl aus „Dreck“ war also von Toni entwendet worden und hatte nichts mit dem vermeintlichen Verräter unter den Reihen zu tun. Die Irreführung war dabei ausgezeichnet – dass mit dem „Gift“ Drogen gemeint sind, ist im Nachhinein (bzw. für jene, die des Polizeijargons (?) mächtig sind) nachvollziehbar, hätte mich aber nie auf Toni kommen lassen. Dass sich das Rätsel hier derart auflöst, ist Testament dafür, wie sehr sich Cop Stories dem horizontalen, also Episoden-übergreifenden Erzählen verschrieben hat – ohne die Serie intensiv zu verfolgen hat man keine Chance, die Hintergründe dazu zu wissen, und so muss dieser Tausch von harten Drogen gegen blaues Lieferauto für Serienneulinge ziemlich arbiträr wirken.

Quelle: Hoanzl Cop Stories DVD Screencap. (c) ORF, Hoanzl, Gebhardt Productions, no copyright infringement intended. This is for educational purposes only.

1A Setdeko.

Auch ich habe mich ein wenig damit geplagt, zu begreifen, warum Stevy Helga so bereitwillig eine riesige Menge Drogen schenkt und Helga Stevy für die Übergabe dieses Päckchens harter Drogen so dankbar ist und ihn darum nicht anzeigt: Wenn Stevy das blaue Lieferauto zurücknimmt, bleibt ihm kein finanzieller Schaden, wenn er die Drogen weggibt. Und Stevy gibt die Drogen freiwillig weg, anstatt damit Millionen verdienen zu wollen, weil ihm diese ideologisch ein Dorn im Auge sind (und er sich damit vielleicht zum Ziel für Dogan macht) – für ihn kommt nur Cannabis in Frage. Helga hingegen lässt eine Verfolgung von Stevys Straftat nicht nur aus Gutmütigkeit und Attraktion unter den Tisch fallen: Wenn sie behauptet, die Polizei hätte das Päkchen nur irgendwo selber verschlampt gehabt, erspart sie nicht nur sich und ihrem Team jede Menge Fragen, sondern schützt Toni vor der Justiz.

Das steht in scheinbar krassem Widerspruch zu Helgas entsetzlichem Erstaunen über die Neuigkeit, Toni wäre ein „ausgesprochen guter Handwerker„, der fleißig wie der Teufel sein kann – und dann hat er Helga so eine Schmierenkomödie vorgespielt. Das ist, denke ich, der Moment, in dem sie erkennt, dass selbst Stevy sie mit seinen plumpen Eisenbahn-Metaphern-Anmachen besser behandelt, als es Toni tut. Und so rettet sie dessen Hintern vor der Justiz in einem letzten, liebevollen, respektvollen Akt, während sie gleichzeitig erkennt: Ab hier gibt es kein Zurück.

Anders interpretiert ist es aber vielleicht gerade die Toni bevorstehende Strafmilderung, die Helga ihrem Mann als Strafe verhängt: In „Au Weh“ fand er hinter Gittern eine völlig neue Selbstsicherheit; kaum entlassen stottert er hingegen wieder eine halbgare Entschuldigung von sich. Drinnen darf sich Toni vielleicht in seiner Untätigkeit suhlen, draußen muss er hingegen die Scherben seines Lebens selber zusammensammeln – und das bedeutet für ihn verhasste Arbeit. Es ist ein ausgesprochen poetisches Ende, das allerdings mitnichten die Qualität der gesamten Episode widerspiegelt.

Noch mehr Bla:

– „Selbstmitleid is koa Straftat.“ Hübsches Zitat, aber eigentlich in dieser Situation sinnfrei: Was der Vater durchmacht, sind Schuldgefühle, nicht Selbstmitleid. Gut geraten ist halt halb getroffen.

Tinas Handlungsstrang riecht eher nach Beschäftigungstherapie, weil er nichts Neues zu bieten hat. Der Monsieur Falschparker hatte schon in der vorhergehenden Folge auf sie aufgelauert. Schade, das entwertet ein wenig diesen kleinen, exzellenten Moment in „Au Weh„s Schlussmontage.

– Gelungen fand ich auch, wie Eberts und Leila das Schließfach finden. Es mag sich zwar um einen größeren Zufall handeln, aber allein die Beteiligung mehrerer Protagonisten kreiert die Illusion, dass hier alles nach einem größeren Plan ablaufe. Es funktioniert!

– Berischer lässt wirklich auf sich warten. Er beweist zwar eindrucksvoll, dass er der Boss ist („Des Bladl bleib.“), aber jetzt müssen langsam (sprich: im Staffelfinale) auf seine Worte auch Taten folgen.

– „Man, bin I miad. Jetzt scheißma scho die halberte Nacht wegen dem deppatn Schlissl ummanond. Und wos hots brocht? Nix. Mia wissn no immer no nid, welches Schließfach der sperrt.“ Nicht die eleganteste Art von Exposition…

– Bei Martin Bergfeld gibt es nach wie vor leider weder vor noch zurück. Wir erfahren, dass er wohl öfter Abends noch im Büro isst, um die Entscheidung, mit welcher der beiden Frauen er essen gehen soll, noch weiter von sich zu schieben. Das bedeutet auch, dass er sich lieber tiefer und tiefer in die Arbeit stürzt, um so den Problemen aus seinem Privatleben aus dem Weg zu gehen. Beruflich hat Bergfeld alles unter Kontrolle, nur zu Hause, da weiß er nicht was tun.

– Mein Tipp für den Maulwurf: die Staatssekretärin. Sie ist eine der wenigen prominenten Figuren, von der es nicht unglaubwürdig wäre, mit Dogan zusammen zu arbeiten – immerhin hatte sie auch schon in Staffel 1 einen Hang zum Vertuschen von Straftaten. Zudem würde das Bergfelds leidvolle Zwiegespaltenheit zwischen den Frauen beenden. Nicht zuletzt ist es ein wenig verdächtig, wie unnötig sie vom Fund des Dogan-Büchleins erfährt, wo es doch höchster Geheimhaltung unterliegt. Aber wir werden sehen…

Fazit: 4,5 von 10 Punkten.

Schön, dass sich bei Helga alle losen Enden auflösen und Eberts und Leila so nah an Dogan kommen wie schon lange nicht mehr, aber: „Muckibude“ ist eine schwache Cop Stories-Folge, weil sie Vergewaltigung verharmlost und die Lukas-Figur verrät.

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2 Gedanken zu “Kritik: Cop Stories 2×09 „Muckibude“.

  1. Ich hab das eigentlich immer so verstanden, dass in dem gestohlenen Giftpackerl die Drogen vom Dogan aus Folge 3 drin waren, über welche die Leila in Folge 4 ja die Helga fragt, ob sie sie in ihrem Zimmer lagern kann. Deshalb war für mich irgendwie klar, dass es sich bei dem Gift um Drogen handelt. Oder hab ich das einfach falsch interpretiert?

    • Sie haben das schon richtig interpretiert. Mir war bloß der kleine Vermerk entgangen (muss wohl in 2×04 geschehen sein), dass es sich dabei um Drogen von Dogan handle. Ich applaudiere dabei, wie Tony ummittelbar darauf Autos zu kaufen begann – wer clever war, konnte damals schon 1+1 zusammen zu zählen.

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