Kritik: Cop Stories 2×08 „Au Weh“.

„Geh einfach scheißen.“

Was macht eine Cop Stories Folge zu einer guten? Das ist bei der komplizierten Dramaturgie dieser Serie gar nicht so einfach zu sagen. Abgesehen davon, dass mich ein Fall überraschen oder berühren soll, muss er aber auch Konsequenzen für die Hauptfiguren besitzen, sei es persönlicher oder arbeitstechnischer Natur. „Au Weh“ bietet beides – großteils.

Cop Stories 2.08 Sylvester Schule

Die Familie des Attentäters Jankowitsch steht unter Polizeischutz, trotzdem soll der Sohnemann zu seinem Geburtstag die Schule besuchen – aber nur unter Aufsicht der Polizei (in der Form von Sylvester). Es sollte ein turbulenter Schultag werden…

Cop Stories läuft jeden Dienstag auf ORFeins, 21.05 Uhr. Die Folgen können HIER in der TVthek bis zu 7 Tage nach Ausstrahlung angesehen werden. Ab hier gibts wie immer volle Spoiler für die Episode.

Au weh!

Um ehrlich zu sein missfällt mir die Namensgebung der Cop Stories-Folgen sehr. Bei Cop Stories ist es natürlich sehr schwierig, aus einer Episode das einende Element zu finden – für „Au Weh“ wäre das zum Beispiel die Verantwortung, anhand derer man die Polizisten in ihrer Arbeitsweise und ihren Erfolgen vergleichen kann. Da wäre das ein äußerst hilfreicher Fingerzeig, um bei dieser komplexen Serie besser die Parallelen und Unterschiede zwischen den Figuren hervorzuheben, und würde auch für einen größeren Wiedererkennungswert sorgen. Bei „Jössas!“ erinnert man sich gleich, dass darin der skurille Jesus-Fall enthalten war – aber warum ging es für die Polizisten? „Au Weh“ besitzt hingegen nur den vagesten Hinweis auf seinen Inhalt, und könnte genauso gut der Titel jeder anderen Folge sein.

Er bezieht sich am Ehesten noch auf den Fall der vom Vater missbrauchten Frau, der einerseits durch seine Tragik schon zu berühren wusste – insbesondere die Tatsache, dass diese schwer Suizid-gefährdete Frau ausgerechnet mit einem scheinbar geistig zurückgebliebenem Mann zusammen ist. Wie es wohl dazu kam und wie diese beiden gebrochenen Seelen Stützen füreinander sind?

Immerhin kann Leila die verloren geglaubte Spur von Dogan wieder aufnehmen, indem sie unwahrscheinlicherweise den Schlüssel im Leichnam von Michael findet – Saw lässt grüßen. Die Geschichte bewegt sich in Babyschritten fort, nächste Folge wird wohl der Suche nach dem Schließfach gewidmet, und das Staffelfinale bietet dann aller Voraussicht nach die letzte Konfrontation. Kein schlechter Plan, um die Geschichte über die ganze Staffel zu strecken.

Verantwortung.

Apropos strecken: Das könnte man durchaus vom Bergfeld’schen Beziehungsdreieck behaupten. In „Au Weh“ beläuft sich das lediglich auf das Erörtern von der Hintergrundgeschichte der Bergfeld’schen Ehe. Das ist zwar äußerst expositionslastig, aber da es sich um die 18. Folge der Serie handelt, kann man da schon mal ein Auge zudrücken. Dooferweise ändert das aber nichts am Status Quo: „Ich weiß überhaupt nicht mehr, was ich machen soll.“ In der Tat eine schwierige Situation, doch Cop Stories sollte sich da bald etwas einfallen lassen, bevor sich dieser Handlungsstrang zu sehr wiederholen beginnt.

Schnell eskaliert hingegen der Handlungsbogen rund um Helgas Ehemann, der nicht nur des Drogenhandels überführt wird und das zugibt, sondern sich auch endgültig von Helgas Fuchtel befreit. Nachdem wir Helga bereits viele Male aufgrund dessen Egoismus und Unfähigkeit explodieren sehen haben, ist es hier eben ihr versteinertes Schweigen, das davon spricht, wie endlos frustriert und enttäuscht sie sich fühlt. Selbst wenn Toni einsichtig wäre, würde das ihre Familie schwer treffen – wie soll sie das ihren Kindern erklären? Die werden denken, die Mama habe den Papa eingesperrt. Schlimmer macht es bloß Tonis schlecht durchdachte Mischung aus Naivität und Häme („Du weißt gar nicht, wie schwer das ist. Du hast es nie schwer.“). Geradezu genüsslich spricht er von all der Zeit, die er seine Frau los sein wird, und verabschiedet sich mit einer Verdammung. Mal sehen, wie lange diese Uneinsichtigkeit auch hinter Gittern währen wird…

Während sich Toni also immer weiter von der Verantwortung drückt, wird Lukas langsam von dieser überhäuft. Während mich die frühen Kapitel der Geschichte rund um Lukas‘ Ex-Liebhaber Christoph eher kalt ließen, ist dieser Handlungsstrang spätestens seit „Au Weh“ in voller Fahrt. Die Daten, die Christoph Lukas zuspielt, sind fehlerhaft, womöglich sogar mit einem Virus versehen – wollte Christoph Lukas also von Anfang an an der Nase herumführen? Warum kontrolliert Lukas nicht selber zuerst die Daten?

Lukas muss umgehend dem Staatsanwalt die Daten geben, doch ausgerechnet da bricht bei Iris die Fruchtblase. Cop Stories hätte das als billigen Zufall verkaufen können, stattdessen ist das die vollkommen logische Konsequenz von Lukas kürzlicher Entwicklung: Der betont kühle Chefinspektor bemüht sich, in seinem Privatleben aufzutauen – jetzt allerdings, wo sein „Gefallen“ für Christoph zu einem Problem für ihn werden könnte, hat das schwerwiegende Konsequenzen für sein Berufsleben. Und auch nun, wo er die Chance hätte, die Situation zu klären, setzt er sein Privatleben an vorderste Stelle – bei der Geburt seines Sohnes mehr als verständlich. Trotzdem sehen wir gerade, wie sich Lukas beruflich in ein Netz voller loser Enden verheddert – hoffentlich tut es ihm die Serie nicht gleich.

Besonders gelungen auch, wie „Au Weh“ das mit der Vermutung verknüpft, es könne einen Verräter unter den Polizisten geben. Lukas spielt Dogan bestimmt keine geheimen Daten zu, sein möglicher Verrat wäre jener an Bergfeld – falls der Staatsanwalt diese Drohung wahr macht. Für Lukas stellt das nicht nur eine Probe seiner Loyalität gegenüber seinem Team dar, sondern auch ein Test für ihn als Person: Wie machtgierig ist er noch? Zugegebenermaßen wäre es keine große Überraschung, wenn er dieses unmoralische Angebot ablehenen würde. Allerdings würde es sich dabei um einen ausgezeichneten Entscheidungspunkt für Lukas handeln, der mit seiner anderweitigen Entwicklung kongruent ist, und ich kann mir kaum vorstellen, dass Cop Stories dieses gefundene goldene Ei auslassen wird.

Lukas ist allerdings nicht der Einzige, der da an seinen Aufgaben wächst: „Inspektor“ Sylvester wird nach seiner Heldentat in der Schule bereits zum zweiten Mal in den Verhörraum gelassen. Dort ist er zwar keine große Hilfe und gibt schnell auf, trotzdem scheint ihn der Erfolg ungemein zu beflügeln – Tina ist out, Romana ist in! Es wäre nicht Sylvester, wenn es nicht ein Spiel mit dem Feuer wäre, mit einer polizeilich beschützten Person eine Beziehung/ Affäre einzugehen, und trotzdem liebäugelt er damit. Wir sehen, wie ihn seine bisherige Cop Stories-Karriere stärker gemacht hat: Als sich der missratene Benni – eine Episodenfigur aus der 1. Staffel, die Sylvester Kopfzerbrechen bereitete – als Mitschüler von Romanas Sohn entpuppt, weiß Sylvester von Anfang an, wie er mit dem Kleinen umzugehen hat. Bewundernswert ist auch, wie sich in dieser Folge Respekt Bennis für Sylester bildet: Durch die Rettung von Sylvester lernt Benni diesen zu schätzen.

Leider gab es diesen Moment zum Schluss nicht, in dem Benni Sylvester auch tatsächlich diesen Respekt zollt – dafür müssen wir uns wohl bis zu seinem nächsten Erscheinen (in der nächsten Staffel?) gedulden müssen. Ansonsten ist die Schlussmontage wieder äußerst gelungen – irre, wie viele kleine, aber wichtige Momente sich darin verstecken. Die nicht gerade mit Chemie sprühende, beginnende Zusammenarbeit von Eberts und Leila ist da noch der fadeste Teil; Jene Szenen versprühen den meisten Espirt, die eine weitere Nuance oder Wendung zum vorher bereits etablierten Ende hinzufügen. Wie hübsch sich Romana etwa doch gemacht hat, um sich bei Sylvester zu bedanken; Oder wie Roman entdeckt, dass sich Tina ein Buch zur Offiziersausbildung gekauft hat (was wiederum in die Hände des Verantwortungs-Themas spielt); Oder wie „die Frau“ für Florian beim Boxen im Vordergrund steht; Oder wie Lukas sein Kind erstmals sein Kind kritisch beäugt, während Iris ihm dabei strahlend zusieht. Toll, toll, toll.

Quelle: Cop Stories DVD Screencap. (c) ORF, Hoanzl, Gebhard Productions. No copyright infringement intended, this is for educational purposes only.

Mein Favorit in dieser Episode ist allerdings die kurze Beobachtung, wie sich der Falschparker mit einer Rose bei Tina bedankt, und vielleicht auf ein zweites Date hofft. Hier ist es nicht bloß ein poetisches Bild oder eine logische Schlussfolgerung eines der Geschichten, sondern außerdem noch glatt eine komplette Inversion eines Handlungsstranges. Und das völlig überraschend! Florian hatte noch so halb gewarnt, dass diese Methodik nicht Usus werden sollte; und schon bekommt Tina ihren Denkzettel – ihre Körpersprache sagt uns ganz klar, dass sie daran kein Interesse hat. Wie dieser kleine Fall völlig nonverbal in ein paar Sekunden eine gänzlich andere Bedeutung erlangt, ist einfach unglaublich schön. Das I-Tüpfelchen ist wie immer der Cliffhanger, diesmal eher emotionaler Natur: Nach all diesen kleinen Happy Ends (bewusst wurden etwa die misshandelte Frau oder der als Polizist verkleidete Täter nicht gezeigt) folgt das Ende der Rauper-Ehe. Toll, toll, toll.

Noch mehr Bla:

Roman und Mathias schwimmen zur Zeit übrigens völlig; Während Mathias aber früher oder später seiner Chantal wieder nachlaufen wird, weiß ich bei Roman nicht wirklich, wo sich diese Figur hinbewegen soll.

– Meine Befürchtung von Folge 4, dass Leila schwanger sein könnte, hat sich indes nicht bestätigt. Puh.

– „Du darfst mir gar nix toan, stimmts, Frau Lehrerin?“ – „Nein, Benny.“ Haha, ausgezeichnet! Mir gefällt auch, wie schnell Sylvester beginnt, mit der Lehrerin zu flirten. Ich bin da mittlerweile aber auch voreingenommen: Sylvester ist schnell zu meiner Lieblingsfigur herangewachsen, und das obwohl Steinocher in Janus  für mich eine der schwächsten Rollen verkörperte (zum Glück in einer Gastrolle). Obwohl auch ich zugeben muss, dass seine Verhandlungsstrategien in Gefahrensituationen früher oder später ins Auge gehen müssen.

– Wie unglaublich anders Cornelia Invancan außerhalb der Uniform aussieht, ich hätte sie beinahe nicht erkannt!

– Und vielleicht kann ma no irgendwer sagen, was das da draußen für eine Blutlache ist.“

– Leider ist das Kaffeehaus wieder da. Den Teaser erwähne ich in Zukunft lediglich, falls er mir mal positiv auffallen würde. (Angabe ohne Gewähr.)

„I wanna be with you, live with you, dream with you, my love.“ So heißt es im Liedtext zur Abschlussmontage, zumindest auf der DVD. Google wird nicht fündig – wie heißt dieses Lied bloß?

Fazit: 8,0 von 10 Punkten.

Was Cop Stories ausgezeichnet kann: Enden. Neben der tollen Schlussmontage besticht „Au Weh“ allerdings auch durch ausgezeichnet verwobene Fälle, vor allem jene von Sylvester und Lukas.

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2 Gedanken zu “Kritik: Cop Stories 2×08 „Au Weh“.

  1. Pingback: „CopStories“-Kritik 2.09: „Muckibude“ – Fortsetzung.tv

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