Kritik: The Walking Dead 2×05 „Self Help“/ „Selbsthilfe“.

„Welcome to the human race, asshole.“

Die neuerliche Aufteilung der großen The Walking Dead-Riege in „Four Walls and a Roof“ wirkt sich äußerst positiv auf die Serie aus. Folgen wie „Self Help„/ „Selbsthilfe“ zeigen, wie figurenbetonter und gleichzeitig dramatischer die Serie sein kann, wenn sie ihren Nebenfiguren Platz einräumt.

Quelle: Offizielle AMC The Walking Dead Homepage. (c) AMC. No copyright infringement intended, this is for educational purposes only.

Schon nach wenigen Meilen explodiert der Motor des Busses, mit dem Abraham, Rosita, Eugene, Maggie, Glenn und Tara gestartet waren. Während Abraham darauf besteht, unverzüglich die Reise nach D.C. fortzusetzen, wollen sich die anderen erst noch von den Verletzungen erholen – ein Streit bricht aus…

Ab hier gibts wie immer volle Spoiler für die Episode.

Abraham.

Schon seit geraumer Zeit fordere ich mehr Flashbacks für The Walking Dead. Der Staffelauftakt („No Sanctuary„) verwendete zwar dieses narrative Mittel, bekleckerte sich dabei allerdings nicht sonderlich mit Ruhm. „Self Help“ ist da schon wesentlich pfiffiger – Abrahams Vorgeschichte ist essentiell, um zu verstehen, warum er Eugene überhaupt dessen äußerst vage Schilderung seiner Fähigkeiten glaubt und warum ihn die Enttäuschung, dass Eugene in Wirklichkeit kein Wissenschaftler ist, der die Zombieplage beseitigen kann, besonders schmerzt. Nach dem Tod von Abrahams Familie, den er zu allem Unglück noch selbst heraufbeschworen hatte, war es Eugenes Geschichte, die ihn am Leben ließ – eine Mission, für die es Wert war, weiterzuleben und dabei sein Leben zu riskieren.

Ich wusste es ja bereits von den Comics, daher wollte ich nicht allzu sehr auf Eugenes Geschichte eingehen, aber was ich von Kommentaren und anderen Meinungen im Netz gelesen habe, ist das nicht die größte Überraschung, dass Eugenes Geschichte erfunden war. „Self Help“ zeigte zwar schon,d ass es sich bei Eugene tatsächlich um einen guten Lügner handelt: Als er ausplaudert, dass das Entfernen der Seuche mit Raketen und Seuche-Radien zu tun habe, bringt er es glaubhaft rüber, dass er das nur versehentlich erzähle – in den Folgen zuvor waren seine „It’s classified.“ hingegen so künstlilch, dass der einzige Hinweis, dass es sich bei ihm tatsächlich um den Mann handle, der er behauptet zu sein, jener war, dass Abraham ihm blind vertraute. Und das weiß The Walking Dead hier ausgezeichnet zu erklären.

Was man der Rückblende allerdings ankreiden kann – vor allem im Vergleich zu Serien wie Lost, die sich diesem Erzählmittel ebenfalls bedienen – ist, dass sich diese Rückblende ziemlich zieht. Die Rückblenden sind stets nur von kurzer Natur, trotzdem sind einige davon ein wenig redundant und merkwürdig geschnitten -es braucht eine gefühlte Ewigkeit, bis Abraham vom Leichnam des getöteten Mannes aufblickt und seine Familie ansieht, während das ja eigentlich nur eine kurze Szene ist. Die Hintergrundgeschichte ist ein wenig zu kurz und wirkt deshalb über die gesamte Folge hinweg ziemlich gestreckt – und ist dabei, bis auf den rettenden Eugene weitaus überraschungsfrei.

Die Wahrheit kommt ans Licht.

Dass die letzten beiden Szenen überhaupt solch ein emotionales Gewicht besitzen, ist der ausgezeichneten Charakterarbeit dieser Folge zu verdanken. Vor „Self Help“ wurde uns noch wenig Material gegeben, um uns überhaupt um Abraham und Eugene, vor allem aber um die bislang völlig anonymen Rosita und Tara(!) zu kümmern. Gut, so wirklich möchte ich die letzteren zwei immer noch nicht als Protagonisten bezeichnen, aber Abraham und Eugene besitzen nun tatsächliche Identitäten, auf deren Interaktion mit den anderen Figuren ich mich wirklich freue.

Die dank der Aufteilung entstandene geringere Gruppengröße führt aber dazu, auch Tara und Rosita zumindest ein bisschen Zeit zu widmen, und siehe da: Die beiden besitzen zwar immer noch nicht so etwas wie eine einzigartige Geschichte, aber wir sehen sie mit den anderen agieren und denken. Ich war regelrecht überrascht, wie viel Chemie Tara und Eugene da aus dem Hut zauberten, während Eugene Abraham und Rosita beim Pudern zuschauten (und mir gefiel auch, wie lapidar Rosita das hinnimmt, dass Eugene perverserverweise einfach zuschaut). Bislang hielt ich Tara immer bloß für eine anonyme Mitläuferin, die wohl bald das Zeitliche segnen wird; Jetzt, wo sie ihre erste bedeutsame Beziehung mit jemandem aufbaut, gehört sie nun endlich wirklich zur Gruppe dazu.

Quelle: Offizielle AMC The Walking Dead Homepage. (c) AMC. No copyright infringement intended, this is for educational purposes only.

Überhaupt ist durch diese eine Episode dank zahlreicher kleiner Momente ein beachtliches Zusammengehörigkeitsgefühl entstanden. Gelungen ist zum Beispiel, wie sich die Gruppe den Buchladen zu Nutze macht – sei es Wasser aus dem Klosett oder Fäden aus Buchrücken, um Abrahams stets offene Wunde an der Hand (übrigens eine sehr hübsche wiederkehrende Metapher, das macht The Walking Dead selten!) zu nähen. Oder die kleinen Plauschs in der Nacht, etwa jener zwischen Glenn und Abraham – da herrscht echte Chemie.

Self Help“ ist darum eine gänzlich figurenbetonte Folge, und das eine erfolgreiche. Nicht nur, dass ich nun nach dieser Folge deutlich interessierter daran, was mit diesen 6 Figuren geschieht, die Folge funktioniert auch als in sich geschlossenes Konstrukt ausgezeichnet. Stellvertretend für die gesamte Folge ist dabei der Busunfall: Zuerst griff ich mir kopfschüttelnd an die Schläfen – muss die Serie denn schon wieder einen völlig unprovozierten Autounfall fingieren, um für Drama zu sorgen? Doch ich hätte es besser wissen müssen; Wissen müssen, dass sich The Walking Dead von seinen alten Wegen getrennt hat – dass der Autounfall aus einer Entscheidung einer Figur resultiert, und dass diese Entscheidung dann noch in der selben Folge zentral thematisiert wird. Bemerkenswert, wie kausal in dieser Episode alles verbunden ist – wie all Abrahams Entscheidungen durch seine Vorgeschichte logisch erklärbar gemacht werden, und wie Eugenes Entscheidung, die Wahrheit zu sagen, damit einhergeht, dass er sich durch den Kontakt mit Ricks Gruppe so geborgen fühlt, dass er seine eigene Sicherheit für sie aufgibt. Das ist das The Walking Dead, das ich sehen will.

Noch mehr Bla:

– „Leute, wir brauchen noch coolere Methoden, um Zombies zu töten„, muss es im Schreibraum geheißen haben, bis irgendwann jemand „fire truck“ auf die Tafel geschrieben hat. Es wurde zu einem erstaunlich amüsanten Moment, der zwar klar die Meta-Ebene aufriss, trotzdem einigermaßen glaubwürdig in die Serie integriert ist.

– Die wortwörtliche Übersetzung des Episodentitels ergibt wenig Sinn. Self help bezieht sich auf die Selbstbedienung im Buchladen.

– Mir gefiel die Inszenierung jenes Kampfes, als unsere Helden aus dem Bus aussteigen. Was eigentlich eine ziemlich normale Angelegenheit für The Walking Dead wäre, wird durch das Darstellen aus Eugenes Blickwinkel zu einer spannenden Schlacht. Obwohl sie sich auf einer weitläufigen Straße befinden, entsteht durch das eingeengte Sichtfeld ein gutes Gefühl dafür, wie eingeengt und hilflos sich Eugene fühlt.

– „I didn’t need to know that, but cool.“ Das ist das erste Mal seit Langem, dass The Walking Dead eine Verwendung für Glenn findet. Ich konnte mich gar nicht daran erinnern, dass Glenn so eine witzige Figur sein kann. Ich wünsche mir deshalb noch viele weitere Szenen mit Abraham und Glenn.

– Laut der Vorschau werden wir nächste Woche Daryl und Carol in Aktion sehen. Ich bin sehr gespannt, handelt es sich dabei wohl um das spannendste Duo der Serie, und die Vorschau macht Lust wie selten zuvor.

-Der brennende Bus war ein wirklich beeindruckender Spezialeffekt. In wie vielen unterschiedlichen Einstellungen der gebrannt hat! Das muss für das Team eine echte Herausforderung gewesen sein.

Fazit: 8,0 von 10 Punkten.

Self Help“ bringt es fertig, eine kohärente Geschichte zu erzählen, die nicht nur stark in den Staffel-Handlungsbogen integriert ist, sondern zudem die Charaktere und ihre Beziehungen in den Mittelpunkt rückt – eine der besten Folgen der Serie, wenn auch ein wenig langsam.

Advertisements

4 Gedanken zu “Kritik: The Walking Dead 2×05 „Self Help“/ „Selbsthilfe“.

  1. Gott sei Dank,

    hast Du den Umfang des Reviews nicht, oder nur marginal gekürzt – entgegen Deiner letzten Ankündigung.

    Überrascht hat mich auch das positive Fazit zur Episode. Nicht, dass sie mir gar net zugesagt hätte, aber für mich als Nicht-Comic-Leser der Twist mit Eugene nicht funktioniert.

    Das war ja sowas von offensichtlich von Anfang an. Ich fand es ja schon extrem unlogisch, dass nur ein Mensch die Lösung kennen soll. Was passiert denn, wenn der abkratzt? Is‘ ja nicht ganz unwahrscheinlich…

    Allerdings war der Kontext mit Abraham das Zünglein an der Waage und hat die Folge gerettet.

  2. Toll geschrieben. Thank you.

    Diese Folge war sehr langsam, aber wenigstens mit ein paar Auflösungen.

    Als der Bus den Stunt hingelegt hatte, dachte ich mir auch erst einmal: Nee, ne? Nicht schon wieder! Kommen die denn nie voran:-)

    Glenns Spruch bzw. Szene war überraschend witzig…mehr davon wäre nicht schlecht .

    Shit, habe die letzten 2 bis 3 Minuten nicht gesehen.Ich kam bis zu dem Punkt, wo der Eugene mit seinem Kopf den Boden küsst. Wieso, hat ihn eig.keiner festgehalten?
    Verdient hat er es auf alle Fälle.

    Blamayer danke.Ich lese sehr gerne, was du schreibst. Mach weiter so. Gruß aus Deutschland-NRW.

  3. Achja, was mir auffiel…die andere Gruppe habe ich dank Abraham gar nicht vermisst.Und das kann nur ein gutes Zeichen sein . So, jetzt bin ich fertig😃

add your bla:

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s