Kritik: Cop Stories 2×06 „Kleinvieh“.

„Wie lang willstn den Platz no frei halten?“ – „Bis I ihn vergessen hab.“

Nach zwei vergleichsweise (bei Cop Stories sind die Grenzen da fließend) charakterbasierten Folgen lässt „Kleinvieh“ wieder die Dogan-Storyline aufflammen. Der Titel ist missverständlich – in dieser Folge geht es eigentlich um einen neuen großen Fisch.

Quelle: Cop Stories DVD Screencap. (c) ORF, Hoanzl, Gebhard Productions. No copyright infringement intended, this is for eductational purposes only.

Ein Drive-by Shooting in Wien – und Sylvester und Helga sind auch noch Zeugen. Sylvester kann den Täter stellen, aber weder der noch das Opfer wollen reden…

Cop Stories läuft jeden Dienstag auf ORFeins, 21.05 Uhr. Die Folgen können HIER in der TVthek bis zu 7 Tage nach Ausstrahlung angesehen werden. Ab hier gibts wie immer volle Spoiler für die Episode.

Dogan, Berischer und ein Maulwurf.

Am Ende der letzten Folge, „Dreck„, hatte ich mich noch gefragt, wie die Dogan-Handlung wohl weiterlaufen wird, nachdem all dessen Partner und Verwandte von der Bildfläche verschwunden sind. „Kleinvieh“ liefert die Antwort: Indem ein neuer Hauptantagonist eingeführt wird, der mit Dogan Geschäfte führt. Berischer heißt er, und ist in dieser Folge Opfer eines „Drive-by shootings, die Wiener Version halt„. Wir erhalten noch nicht viele Informationen über diese Figur (abgesehen von einem außerordentlich guten Modegeschmack), was darauf schließen lässt, dass Cop Stories noch viel mit Berischer vor hat. Weitere Indizien: das prominente Gesicht (Cornelius Obonya), ein Foto auf der Rückseite der DVD-Hülle, und natürlich eben die Tatsache, dass die Serie ihn zuerst als Opfer einführt, was der Figur noch viel Spielraum, besonders in Bezug mit Dogan, einräumt.

Dass die Figur in gleich zwei Handlungssträngen auftaucht (Drive-by shooting, Notizbuch von Dogan) spricht nicht nur dafür, wie wichtig sie für den Verlauf der weiteren Staffel zu werden verspricht, sondern auch, dass die Serie hier wieder handlungszentrierter wird. So gut wie alle Handlungsbögen von Cop Stories, die sich über mehrere Episoden strecken, drehen sich um die persönlichen Dilemmas der Polizisten – einzig der Dogan-Handlungsstrang, der ja schon immer von der Spielzeit her der voluminöseste war (vgl. auch Fahri Yardims hervorgehobene Platzierung im Vorspann), umfasst eine breitere Auswahl an beteligten Hauptfiguren, nicht zuletzt bedingt durch Altans Ableben. In der Tat ist schon „Kleinvieh“ nicht ganz so charakterbasiert wie es etwa die zwei Folgen davor waren, und auch die Zukunft verspricht vor allem Dank dem Hinweis, es könne sich ein Maulwurf unter den Polizisten geben, in diesem erhöhten Tempo weiterzuerzählen.

 Das klingt zuerst wie ein ausgelutschtes Klischee (und ist es schlussendlich ja auch), bislang vermeidet es Cop Stories allerdings, in die typischen Klischee-Fallen zu tappen. Zum einen ist da das starke Ensemble: Obwohl es 10 Hauptfiguren gibt, kommt für mich keine davon als Maulwurf in Frage – davon sind alle zu konsistent charakterisiert. Zusätzlich vermeidet es die Serie, eine neue Nebenfigur im Kommissariat in Staffel 2 eingeführt zu haben, die sich als Täter anbieten würde. Und so fühle ich mich direkt in Leilas Lage hineinversetzt: Es kann doch niemand von uns sein – gibt es also überhaupt einen Maulwurf, oder denke ich einfach zu viel darüber nach? Wie verlässlich ist dieser Autohehler überhaupt?

Zum anderen sind da die Puzzle-Teilchen, die die Serie uns bereits zugespielt hat – das Giftpäckchen aus „Dreck“ zum Beispiel, das in „Kleinvieh“ keinerlei Erwähnung findet. Das lässt mich vermuten, dass es sich dabei nicht bloß um einen gewöhnlichen Diebstahl handelt, sondern wohl eher von besagtem Maulwurf orchestriert wurde, um wer weiß was damit anzustellen – ich wäre überrascht (um nicht zu sagen enttäuscht), wenn wir bis zum Ende der Staffel dieses Gift nicht zu Gesicht bekommen. Ein Lob der Serealität: Genau solche Gedankengänge werden durch Episoden-übergreifende Erzählstränge ermöglicht, und machen den Reiz von seriell erzählenden Serien ja überhaupt erst aus.

Weil die Ermittlungen rund um Dogans Drogenhandel wieder im Zentrum der Episode stehen, wird wenig Wert auf ein der Folge übergeordnetes Thema gelegt – stattdessen verleiht eben dieser Fall „Kleinvieh“ seine Struktur. Nicht zuletzt deshalb wirkt allerdings die Schlussmontage loser miteinander verknüpft, an diesem Feierabend finden sich weniger Parallelen als bei den zwei Folgen zuvor. Andererseits: Weil die Folge einen so starken Fokus besitzt, kann sie ausnahmsweise die ersten paar Minuten der Folge auflockern. Zwar sollte von vorne herein klar sein, dass sie Dogan nicht so einfach schnappen können, trotzdem kann man über das Tempo zu so früher Stund‘ erfreut sein.

Und die Guten.

Ansonsten wird die Folge von den üblichen Nebengeschichten geprägt. Manche sind nur kurze Weiterführungen der Geschehnisse der Vorfolge: Romans Date wird nur kurz in der Montage angeschnitten, und Helgas neues Dilemma mit Toni besitzt nur unwesentlich mehr Handlung: Nach nur einem einzigen Tag fährt Toni seinen Sportflitzer zu Schrott. (Warum er davon spricht, seit zwei Monaten keine Versicherung mehr dafür bezahlt zu haben, wo er es doch erst in der Folge zuvor erworben hat, verstehe ich nicht – überhaupt wirkt der Dialog hier ungewöhnlich gestellt.) Helga starrt das Auto gleich in zwei Szenen verzweifelt an – das Symbol der Einfältigkeit ihres Mannes, der es nicht einmal fertig bringt, sich die Schuld für den Unfall einzugestehen. (Ich liebe den Establishing Shot hier: weit und breit kein anderes Auto, der Hydrant ist einwandfrei zu sehen.)

Quelle: Cop Stories DVD Screencap. (c) ORF, Hoanzl, Gebhard Productions. No copyright infringement intended, this is for eductational purposes only.

Nicht ganz so warm werden kann ich bei Lukas‚ ehemaligem Liebhaber Christian. Ich weiß nicht genau, was ich mir erwartet hatte, was sich dieser von Lukas erwarten würde, aber dass Lukas den Job hinter verschlossenen Türen lösen würde – das ist dann doch eher fad. Es ist schön, dass Lukas ein wenig auf fremdes Terrain geholt wurde – normal ist er es, der kühl reagiert und an sein eigenes Wohl denkt; doch die Präsenz von Christian bringt ihn dazu, plötzlich den Moralposten spielen zu müssen. Vielleicht ist auch der derzeitige Lukas erst durch diese Beziehung entstanden und kühlte erst durch was auch immer Christian getan hat ab. All das (und die hübschen Lokalitäten) lenkt aber nicht davon ab, dass die beiden bloß reden, reden, reden – dafür hätte man um Christian nicht so ein Geheimnis machen müssen.

Viel besser gefällt mir hingegen Florians erster Termin bei der Kindertherapeutin. Das hätte sehr fad sein können, aber Cop Stories weiß hier dessen Ängste sehr gut einzufangen. Bloß durch die Anwesenheit der Therapeutin ist das Klima im Spielzimmer ein völlig Fremdes. Da kann die Therapeutin noch so gutmütig sagen, dass Florian einfach so tun solle, als wäre sie nicht da – das Wissen um die Beobachtung liegt ihm zu tief im Nacken. Und so erleben wir den eigentlich liebevollen Flo als überbemühten, übervorsichtigen, um nicht zu sagen verdächtigen Vater. Gut möglich, dass ihm weitere Zeit mit seiner Tochter untersagt wird – die kurze Einstellung, wie er abends allein im Umkleideraum sitzt, spricht davon, dass er sich dessen durchaus bewusst ist.

Mein Favorit ist allerdings die Handlung rund um Sylvester, bei dem die Serie immer wieder unter Beweis stellt, dass sie weiß, welche Hebel sie da drücken muss. Sylvester ist ein selbstsicherer Mann, der aber gerne dazu neigt, seine Grenzen zu unterschätzen – und wird eben besonders dann getestet, wenn ihn die Situation dazu zwingt, aus seinem Komfortbereich herauszutreten. Cop Stories ist selten besser, als wenn Sylvester sein selbstzufriedenes Grinsen aus dem Gesicht gewischt wird – das war schon bei der Pilotfolge („Bahöh„)  ausgezeichnet, als Sylvester glaubte versehentlich einen Verdächtigen bei einem Handgemenge umgebracht zu haben, und funktioniert auch hier ausgezeichnet: Mit der Ernsthaftigkeit der Situation sieht er sich gezwungen, seine Grinsemaske abzulegen, und der wahre Sylvester, der auch mal die Nerven verlieren kann, kommt ans Licht.

Er will es nicht zugeben, aber: Die kurze Schießerei hat ihn doch recht mitgenommen – aber für Tina und die anderen Kollegen grinst er wieder. Und da beginnt er dann zu denken: So professionell, wie er das geregelt hat, kann er „seinen“ Fall auch selber regeln – nicht wissend natürlich, dass er sich da mit Gegnern anlegt, die ein paar Kaliber zu groß für ihn sind. Trotz seiner Standfestigkeit wäre Sylvester kein guter Kandidat für die Kripo, denn: Er lässt sich zu sehr von seinen eigenen Gefühlen leiten. Das macht sich auf nicht wirklich destrukive Weise auch schon im Präsidium bemerkbar, aber wird erst gefährlich, wenn es dadurch sein Urteilungsvermögen im Fall selber beeinträchtigt. Es wäre da nicht die hässlichste tragische Ironie, wenn seine, nennen wir sie mal so, „Empathie“ für Ramona ihr noch zum Verhängnis werden würde, was auch seiner Beziehung mit Tina im Wege stehen würde…

Quelle: Cop Stories DVD Screencap. (c) ORF, Hoanzl, Gebhard Productions. No copyright infringement intended, this is for eductational purposes only.

Ausgezeichnet fungiert hier Bergfeld als Parallele – dieser ist es ja, der Sylvester erst das Verhör mit dem Verdächtigen führen lässt. Dabei wird auch Andreas wohl demnächst erfahren, was für Probleme allzu enge Beziehungen am Arbeitsplatz bringen – gerade wegen seiner Lügen gegenüber beiden Frauen wird dieser Konflikt wohl kaum friedlich enden. Während es bei Sylvester der Über-mut ist, der ihn in Teufels Küche bringt, ist es bei Andreas seine Feigheit. Wenn er also Sylvester an Ramonas Tür mit Blicken zur Schnecke macht (ein wirklich ausgezeichnet gespielter Moment), schimpft er in Wirklichkeit auch mit seinem Spiegelbild – aber es ist eben leichter, mit jemand anderem ins Gericht zu fallen, vor allem für jemanden wie Bergfeld, der beruflich zwar Mut zeigt, aber mit sich selber nicht ins Reine kann.

Noch mehr Bla:

– Diese Kritiken ziehen sich stets auf die DVDs. Wie ich letzte Woche erfahren habe, unterscheidet sich die Musikuntermalung erheblich – in Zukunft werde ich es vermeiden, einen Artikel nach einem der Liedtexte zu strukturieren…

– Kein eigener Absatz für die Mathias-Storyline, die schwächste seit Langem: Mathias‘ Gutmütigkeit nimmt zu häufig die Form von Einfalt an, und diesmal gab es ein paar sehr konstruierte Wendungen – wieso etwa ausgerechnet Vickerl die Kinder bei sich aufgenommen hat, bleibt offen.

– Erst im Nachhinein fällt mir auf, dass „Jössas!“ und „Dreck“ im Grunde die Ruhe nach dem Sturm darstellen, was die Haupthandlung (Jagd nach Dogan) betrifft, und dementsprechend charakterzentrierter waren.

– Ich bin kein großer Fan dieser Attentate, wo wichtige Zeugen in Polizeigewahrsam umgebracht werden – das stellt unsere Polizisten als ungemein inkompetent dar, und riecht ein wenig zu sehr nach Hollywood.

– „Wie wärs mit Anklopfen?“ Ein toller Moment, um zu zeigen, dass sich Sylvester auf unbekanntem Terrain befindet.

Fazit: 7,5 von 10 Punkten.

Schön, dass der Dogan-Handlungsstrang wieder Fahrt aufnimmt, und das von neuer Seite – aber ob Berischer auch tatsächlich ein interessanter Antagonist wird, bleibt abzuwarten. Sylvester zeigt, warum er die spannendste Figur ist, während Mathias beweist, warum er nicht aus der Rolle des Comic relief ausbrechen kann.

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Ein Gedanke zu “Kritik: Cop Stories 2×06 „Kleinvieh“.

  1. Pingback: Not A Recap: Copstories S02E06 – Kleinvieh | Bruttofilmlandsprodukt

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