Kritik: Schnell Ermittelt „LEBEN“.

„Stefan sagen, dass ich ihn trotzdem liebe.“

Nach dem melancholischen, in Blautönen getränkten „ERINNERN“ versucht „LEBEN„, zumindest optisch ein Gegenstück zu bilden. Doch die orange getränkten Kornfelder Burgenlands bieten bloß optisch ein Idyll, denn menschliche Abgründe gibt es auch hier.

Quelle: ORF TVthek screencap. No copyright infringement intended, this is for educational purposes only.

Während Angelika ihrem 40. Geburtstag „entgegenfiebert“, beschäftigt sie der Fall eines verletzten Mädchens, das scheinbar niemand vermisst. In der Unfallsortschaft hat sich aber just zur selben Zeit ein weiterer Unfall ereignet, dieser tödlich. Zufall? Angelika glaubt nicht daran…

Ab hier gibts wie immer volle Spoiler.

Rätselraten in Burgenland.

LEBEN“ ist ein so vielschichtiger Begriff, dass er alles heißen könnte, und deshalb auch nichts wirklich aussagt. In jedem Krimi geht es um Leben um Tod – um Leben lassen und Leben nehmen, Leben wertzuschätzen und zu verachten, Leben auszunützen oder nicht. Trotzdem erfüllt der Name seinen Zweck: Er führt Filmdiskussionen unweigerlich zur Thematik, deren unterschiedliche Ausprägungen und Gemeinsamkeiten aber auch nicht sonderlich im Film selber betont werden.

Da wäre zum Beispiel das Leben des kleinen Mädchens, Helene – ist es ein gutes? Wie ergeht es ihrer Mutter dabei, dass sie das Leben ihrer Tochter ruiniert hat – denkt sie, sie dürfe das Leben des Mädchens derart bestimmen? Sieht sie nicht die Parallelen dazu, wie ihr Vater ihr eigenes Leben bestimmt, sogar überstimmt hat? Ebenso kann man das Ganze auf das Thema Religion zuschneidern: Hat der christliche Glaube erst für die ganze Tragödie gesorgt, weil er den Vater in seiner konservativen Haltung gestärkt hat? (Wobei es natürlich seinen Grund hat, warum Inzest als Tabu gilt.) Oder reden wir über das Leben von Kevin, des Bürgermeistersohns, das er selber beenden wollte, bevor ihm das aus der Hand genommen wurde? Und was ist mit seinem Vater, der das Leben seines Sohnes gar nicht erst in Frage stellen möchte? Oder vielleicht geht es mehr darum, dass die Jugendlichen ihre Leben nicht mit Pillen wegwerfen sollen? Es könnte all das gemeint sein, oder nichts davon – die Erklärung des Titels bleibt „LEBEN“ schuldig, die Denkarbeit darf man selber leisten.

Sicherlich Teil der Bedeutung des Titels ist aber der B40. Angelikas Angst vor dem Älter-Werden und Stehen-Bleiben treibt sie dazu, eine Liste anzufertigen, voll mit Dingen, die sie noch davor erledigen will. Angelika will eigentlich nichts von dieser arbiträren Abgrenzung von Lebensabschnitten wissen, lernt dann aber die Gelegenheit zu nützen, um ihrem Privatleben wieder mehr Leben einzuhauchen – und so wird sie durch ihren 40. Geburtstag nicht älter, sondern jünger. Die Liste ist ein spaßiges Gimmick, voller witziger und charakterlich sehr stimmiger Dinge (etwas aus einem Kaufhaus zu fladern, das ist so Angelika Schnell!), stellt aber leider keine Querverbindungen zum Fall her. Dadurch wirkt „LEBEN“ zwar sehr lebendig, aber nicht sonderlich verdichtet. Vignetten wie der kurze Ausflug ins Kosmetik- und Perrückengeschäft wirken ziemlich lose in den Film hineingewoben und kosten ihm einiges an Tempo, so treffend sie Angelika auch charakterisieren.

Das ist schade, denn der kunstvoll konstruierte Fall ist ansonsten kein schlechter. Besonders gut gelingt es dem Drehbuch, die eigenen Denkmuskeln anzuspornen, ohne die Kommissare dumm dastehen zu lassen: Jene Szenen, die Geheimnisse zwischen den Dorfbewohnern ohne Beteiligung der Kommissare ans Licht befördern, sind allesamt gerade kryptisch genug, um womöglich ein paar Hinweise daraus mitnehmen zu können, ohne sich dann aber ärgern zu müssen, dass die Polizei das erst eine halbe Stunde später herausfindet. Paradebeispiel dafür ist die wohl beste Szene des Films, der Abschied von Albert und Marie, die ihre Facetten erst nach und nach enthüllt: Erst ein paar Szenen später erfahren wir, dass es sich hierbei um ein Lebewohl gehandelt hat, und wieder erst später die komplexe Beziehung zwischen den beiden. Untermalt wurde die Szene nebst der äußerst hübschen Inszenierung und Beleuchtung  dazu noch mit einem der stimmungsvolleren Scherpe-Stücke.

Ein wenig anzukreiden ist dem Drehbuch allerdings auch, durchaus ein paar Längen aufzuweisen. Von den oben erwähnten eigenständigen, vom Plot her irrelevanten Angelika-Szenen abgesehen existieren ein paar rote Heringe zu viel – besonders, was das Jugendcamp betrifft. Die Rangelei um die Drogen der zwei Jungs zu Beginn hätte beispielsweise durchaus der Schere zum Opfer fallen können, und auch die Spannung beim Kartoffelschälen hält sich in Grenzen. Ebenfalls ärgert mich die Szene zum Schluss, als der Arzt Angelika wissen lässt, dass die Eltern von Helene verwandt sein müssen, nachdem wir das gerade vor 10 Minuten schon herausgefunden hatten. So kurz er auch sein mag: So einen redundanten Szenenteil kann sich Schnell ermittelt nur leisten, weil nun 90 Minuten pro Fall zur Verfügung stehen, verschwenderisch braucht man deshalb allerdings nicht zu sein.

Medium Fernsehfilm, dritter Versuch.

Ganz eingegroovet hat sich die Serie im Spielfilmformat also immer noch nicht.  Schnell ermittelt ist format-technisch gesehen ja sicherlich ein Unikat: Nach 40 Folgen und 4 Staffeln wird die Geschichte nun im Schneckentempo in Spielfilmen weitererzählt. Einerseits bietet das nun natürlich mehr Spielraum für die Ergründung der Privatleben der Ermittler (bzw. eher eigentlich nur von Angelika), andererseits wird die Weiterentwicklung der Figuren dadurch zu einer echten Herausforderung – einer, der die Serie erst so nach und nach Herr wird. Vor allem natürlich schwierig: Es ist immer wieder ungewiss, wie lange die Spielfilmserie überhaupt noch laufen wird.

Leicht tut sich die Serie dabei natürlich mit der Beziehung zwischen Stefan und Angelika. Schnell ermittelt ist ja weltmeisterlich darin, die Kommen-sie-nun-zusammen-oder-nicht-Spannung der beiden Schnells bis ins Unendliche auszudehnen. Staffel 4 hatte Ulrich als Abwechslung, die Spielfilme lassen sich hingegen wieder auf das bewährte Spiel zurückfallen, die beiden flirten zu lassen, aber dann doch nicht den letzten Schritt zu wagen – was aufgrund der pfiffigen Ausführung trotz der Endlosschleife nach wie vor unterhaltsam ist. Und so steht auf dem Zettel „Stefan sagen, dass ich ihn trotzdem liebe„, ohne dass es Angelika dann auch tun muss – er weiß es ja schließlich schon. Die beiden gehen Bungee springen, aber küssen sich dann nicht. Und indem Schnell ermittelt die Spannung zwischen den beiden aufrecht erhält, bleibt die Beziehung der beiden auf einem interessanten, vielschichtigen Plateau irgendwo zwischen Zuneigung, Wertschätzung und Liebe.

Quelle: ORF TVthek screencap. No copyright infringement intended, this is for educational purposes only.

Nicht so recht weiß die Serie hingegen, was sie mit der SOKO SFLÖ machen soll, außer selbstironisch darüber zu witzeln. Die Beförderung Majas hatte ja schon in den ersten beiden Filmen so gut wie keine Auswirkung – in „LEBEN“ schickt man Bezirksinspektorin Landauer erstmal auf Urlaub, dann wieder in die Recherche. Vielleicht war die Beförderung ein wenig zu optimistisch, oder vielleicht habe ich das bloß immer zu optimistisch interpretiert, dennoch sollte die Serie nun entweder tatsächlich mehr Verantwortung in Maja Landauers Hände geben, oder aber sich reflexiv (in der Geschichte, nicht nur in ihrem Ablauf) eingestehen, dass Majas Platz am Bürostuhl ist. Schade wäre das, denn bis auf ihre Persönlichkeit kommt kaum etwas von ihr – selbst bei der doppelten Laufzeit.

Aber auch wenn die Serie noch nicht so recht zu wissen scheint (oder zumindest durchblicken lässt), wohin sie mit so manchen Figuren überhaupt gehen möchte (siehe auch: Kemal, Kathrin, Jan), so gelingt zumindest die Eingliederung in die Kontinuität. Die Serie wirkt mit kleinen Referenzen zu vorigen Episoden oder Filmen gleich ungemein kompletter: die SFLÖ-Karte von „SCHULD„, Franitscheks Schildkröten (von „4.05 „Wilma Waba„), und Jans Interesse daran, wie sich Franitschek beim Showdown zum Schluss verhalten hat – die Fortführung seines in „SCHULD“ entwickelten Interesses an Waffen. Diese Momente sind es schlussendlich, die gemeinsam mit der präzisen Charakterisierung der Hauptfiguren  (Angelikas Liste! Yoga! Franis Malheur im Straßengraben!) dafür sorgen, dass sich „LEBEN“ von einem gewöhnlichen Krimi abhebt.

Noch mehr Bla:

– Hirsche und Rehe sind zur Zeit in der Serienwelt einfach in.

– Sehr hipster von Marie, noch ein Nokia zu besitzen. Merkwürdig aber, dass sie ihr Handy zu Hause zurücklässt, auch wenn das dem Motto des Camps entspricht – immerhin möchte sie sicher auf dem aktuellen Stand ihrer Tochter sein, falls es Neuigkeiten gibt.

– Kontinuität: Der Wagen, der Helene erfasst, ist ein anderes als jenes von Maries Vater. Oder ist das Absicht?

– Mich überrascht die doch recht positive Darstellung von Marie zum Schluss. Das ist eine Mutter, die einfach ihr Kind im Stich gelassen hat, um der Familie die große Schande zu ersparen. Und die ihr Kind lieber ungeschult und unsozialisiert aufwachsen ließ, statt so zu tun, als wüsste sie nicht, wer der Vater wäre, und halt als alleinerziehende Teenage-Mutter ihre Tochter zu erziehen.

– So sicher das Drehbuch Angelika Schnell auch im Griff hat, bei den Dialogen im und rund um das Jugendcamp fängt es ein wenig zu stottern an („Ich bin so traurig.“), was nicht unbedingt an den Jungdarstellern liegt – auch die Motivationsrede von Betreuer Dieter klang eher aufgesetzt.

– Das ist übrigens auch das wohl einzige Jugendlager, wo Betreuer und Jugendliche im selben Raum schlafen müssen.

– Doof: Die Knochen der heimlich vergrabenen Ehefrau ausgraben, während die Ermittlungen noch im Gange sind.

„Sagen’S der Marie, sie soll ihren Eltern ein anständiges Begräbnis bezahlen.“ Poetisch, wie der Vater bei seinem Tode ins Grab seiner Ehefrau purzelt. Dass er sich überhaupt tatsächlich umbringt und sich nicht von Angelika überreden lässt, ist dem Drehbuch hoch anzurechnen – schön, dass es den Mut hat, hier mit einer erneuten dramatischen Wendung zu überraschen.

– Der Abschiedsbrief: Die musikalische Untermalung und die Bilder dazu sind wirklich äußerst gelungen. Wahnsinnig gut gefällt mir die Wahl, dass der Brief zuerst von Alfred, dann von Marie erzählt wird. Das wirft sofort Fragen auf – ich für meinen Teil vermutete plötzlich, dass Marie die wahre Täterin gewesen wäre, und Alfred würde sie aus Geschwisternliebe decken. (Ihr Nachfragen bei Angelika Schnell über das verletzte Mädchen direkt anschließend erhärtete den Verdacht).

Fazit:

LEBEN“ präsentiert einen spannenden, atmosphärischen Fall und eine interessante Nebengeschichte für Angelika, verknüpft die beiden jedoch nicht. Zu 100% fühlt sich die Serie im Spielfilmformat noch nicht wohl, doch die Bezüge auf frühere Folgen und Filme verheißen Gutes.

Advertisements

add your bla:

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s