Kritik: Schnell Ermittelt „ERINNERN“.

„Jeder Tote soll einen Namen haben.“

Während Schnell ermittelts erster Spielfilm, „SCHULD„, noch im Jahr 2012 ausgestrahlt wurde, ließ die Veröffentlichung des gleichzeitig bestellten und wohl schon seit einem Jahr fertig gestellten „ERINNERN“ gehörig auf sich warten. Nun ist dem ORF der Hoanzl-Verlag zuvorgekommen – mit der Veröffentlichung der DVD vor knapp einem Monat (29.11.2013) fand die Premiere einer Schnell ermittelt-Installation damit erstmals nicht im Öffentlich-Rechtlichen statt. Meine Kopie schickte mir der ORF freundlicherweise quasi unter den Weihnachtsbaum – höchste Zeit also, zu schauen, was für ein Werk man da so lange der Öffentlichkeit vorbehielt.

Schnell ermittelt 5 erinnern staring

Das pensionierte Ehepaar Jaray hat wortwörtlich eine jahrzehntelang eingemauerte Leiche im Keller. Der Fund ruft Angelika Schnell auf den Plan – und nimmt sie mit auf eine Reise in die Vergangenheit. Was hat das Geständnis des senilen Herrn Jarays zu bedeuten? Was ist in der Nachkriegszeit wirklich in diesem Haus geschehen? Und um wen handelt es sich bloß bei der Leiche? „ERINNERN“ kann auf alle diese Frage erstaunlich zufriedenstellende Antworten geben…

ERINNERN“ ist ein ganz anderes Biest als „SCHULD“ – der erste Schnell ermittelt-Spielfilm war beschwingt und flott, sein merklich aus anderer Feder stammender (Katharina Hajos, Constanze Fischer) Nachfolger hingegen melancholisch und ruhig. Das hat seine Vor- und Nachteile: „ERINNERN“ greift spannende Themen auf, ohne dabei allerdings sonderlich spannend zu sein. Es fehlt die Dringlichkeit, den Täter zu finden, obwohl sich die Frau Sonderkommissarin sehr darum bemüht. Der Widerwillen aller Beteiligten (inklusive der Unschuldigen), über die Vergangenheit zu reden, hält die Fortschritte der Ermittlungen merklich auf – was dramaturgisch allerdings eher bremsend wirkt, ist durchaus Sinn und Zweck des Films.

Die Vergangenheit ruhen zu lassen, um die bösen Geister nicht wieder aus der Flasche zu beschwören, ist der thematische Angelpunkt des Films, sicherlich der nachdenklichste der Serie. Als sich der Verdacht erhärtet, dass Ferdinand Jaray doch irgendwie mit dem Mord zu tun hat, hält Franitschek Angelika an und fragt: „Aber willst du […] ein paar alte Leute durch ein Ermittlungsverfahren zerren, von dem wir beide wissen, dass am Ende nix rauskommt?“ Schnell ermittelt drückt da fast zu kräftig auf die Tube, um Angelika in der Gegenargumentation als weiße Ritterin hinzustellen – Franitschek kommt in dieser Szene schon extrem unsympathisch und faul rüber, ihm kauft man da den Chefinspektor kaum ab – aber der Preis des Ermittlungsverfahren wird in der Tat zur wichtigen Frage der Folge. Ginge am Ende vielleicht alles besser aus, wenn Angelika und ihr Team nicht ermittelt hätten – und heißt besser dann auch gerecht? Wem hilft es, einen 50-jährigen Mord aufzuklären?

Mord verjährt nicht, das weiß Schnell ermittelt im Gegensatz zu Franitschek Gottseidank. „ERINNERN“ entpuppt sich als überraschend vielschichtiges Plädoyer wider dem Vergessen. Die Serie vermeidet es, in ihren (nun überraschend doch wieder präsenten) Angelika-Intuitions-Sequenzen in die Kriegszeit einzutauchen, generiert aber durch klug gestreute Indizien dennoch den emotionalen Unterboden für einen fesselnden Monolog gegen Ende der Folge, in dem falsche Hoffnungen und unerfüllte Träume so greifbar nah sind, nur um dann doch zu zerplatzen. Verdattert etwa malt Ferdinand Jaray seine Gemälde, voller stumme Schreie aus der Vergangenheit im KZ – doch weiß er, was er da malt, was er da redet, was er da sagt?

Es ist das ungezeigte Leid, das den zweiten Spielfilm zum wohl schmerzlichsten Werk der Serie macht, nicht zuletzt dank des tragischen Endes. „ERINNERN“ macht seinem Namen alle Ehre, zeigt er doch achtbar die Wichtigkeit, nicht wegzusehen und der Vergangenheit ins Auge zu sehen. Verblüffend mühelos greift der Film dabei verschiedene Aspekte der Holocaust-Aufarbeitung auf – etwa das Recht eines jeden Toten auf einen Namen, oder der Falscharkierung eines Täters als Opfer oder umgekehrt. Zusätzlich generiert der Film mit seiner dunkelblauen Farbgebung und dem gelegentlichen Starren in die weite Ferne genau die Melancholie, die der Name vermuten lässt – eine namentliche Treffsicherheit, die ich an „SCHULD“ damals vermisste. Der Serien-Film-Erstling versuchte sich an ähnlich gequälten Seelen wie im Nachfolger, tat dies aber nur in einem von mehreren Erzählsträngen – „ERINNERN“ widmet sich hingegen voll und ganz den tragischen Schicksalen eines einzigen Vorfalls, und wirkt darum in seinem Fall auch kohärenter.

Schnell ermittelt 5 erinnern old times

Dasselbe kann die Serie in seiner Spielfilmform noch nicht in ihrer Figurenriege behaupten. Gleich mehrere Figuren bleiben in „ERINNERN“ einfach über – Maja weiß mit ihrer Beförderung noch nicht recht was anfangen, der Schuster bleibt leider ganz anonym, und die Handlungsstränge der Kinder sind mehr Ablenkung als wichtige Bestandteile/Spiegel der Haupthandlung – obwohl die allmähliche Entfremdung von Jan und Kathrin eine interessante Schiene ist, deren Lohn sich aber in „ERINNERN“ leider noch nicht eingetrieben wird. Zumindest einen (durchaus pointierten) Moment gibt es, in dem Angelika selber über das Erinnern sinniert und dabei die beiden Hälften (Thematik des Falls und Privatleben der Figuren) des Films verschmelzt, aber das könnte durchaus organischer geschehen.

In „ERINNERN„, so hat es den Anschein, ist das aber weniger wichtig als für gewöhnlich. Das Ehepaar Jaray und die anderen Beteiligten sind die heimlichen Hauptfiguren dieses Falles, Angelika und Franitschek befinden sich mehr in den Rollen der Zuseher und Souffleusen. Nicht, dass sie bei der Ermittlungsarbeit bloß auf ihren Händen säßen – im Gegenteil, es wird sehr viel recherchiert und hinterfragt und herausgefunden. Doch am Ende sind es die Betroffenen, die sich besinnen und erinnern müssen, oder es eben vielleicht auch nicht tun. Für die Aufarbeitung können wir nur die Vermittler und Botschafter sein – wer wirklich damit leben und sterben muss sind die Überlebenden der Nachkriegszeit.

Bei all dem Lob für die stoffliche Aufarbeitung des Falls ist dieser aber dennoch weitaus nicht perfekt. Die 90 Minuten haben schon recht viel Luft zum Atmen, und ab etwa 2/3 der Laufzeit beginnnen erste Zweifel am Ablauf der Dinge aufzutauchen, die der Film dann nicht mehr zu stillen vermag – und das prominenter als von Schnell ermittelt gewohnt. Und wie auch in „SCHULD“ tut sich die Serie sehr schwierig, Action-Szenen in ihren Fluss zu integrieren – die wirken dann nur halb-realisiert. Der Fall hätte bestimmt auf eine Episodenlänge zusammengetrimmt werden können, hätte damit allerdings wohl auch seine leiseren Momente aufgeben müssen – und diese zeichnen „ERINNERN“ schlussendlich aus. Der Film setzt mehr auf die persönliche Investition als auf Spannung, um den Zuseher bei der Stange zu halten, und ist damit bestimmt eine der Besprechungs-würdigeren Werken der Serie.

Fazit: 7,0 von 10 Decken.

ERINNERN“ hält, was der Titel verspricht – Schnell ermittelts zweiter Film ist melancholisch und nachdenklich, mit genügend starken Ankern in der Vergangenheit. Das Ganze geht allerdings zuweilen auf Kosten der Brisanz und Tempo, und nicht alle Ecken des Falls wurden zur Gänze feingeschliffen.

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2 Gedanken zu “Kritik: Schnell Ermittelt „ERINNERN“.

  1. Ich freue mich, ein Blog im Internet gefunden zu haben, der über Schnell ermittelt schreibt! 🙂 (Eine geniale Serie, nicht zuletzt dank der charismatischen Hauptfigur/Darstellerin.)
    Dabei ist mir gleich aufgefallen, dass mir dieser 2. Film nicht bekannt war, obwohl ich seit ein paar Jahren die Serie eigentlich so gut es geht verfolge. Gibt es den bisher nur auf DVD oder wurde er auch einmal ausgestrahlt? Das muss ich dann versäumt haben…

    • Hallo Eva!
      ERINNERN gibt es zur Zeit nur auf DVD und wurde nach wie vor noch nicht im Fernsehen ausgestrahlt. Ein Ausstrahlungsdatum liegt noch nicht in Sicht – die Gründe dafür sind recht verstrickt.

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