Kritik: Game of Thrones 4.07 „Mockingbird“/ „Spottdrossel“.

„If you want justice you’ve come to the wrong place.“

Je weiter die vierte Staffel von Game of Thrones voranschreitet, umso öfter muss sich die Serie mit Füllmaterial begnügen, und „Mockingbird“ war besonders voll davon. Nichtsdestotrotz bleibt die Serie die wohl ergreifendste Serie des Frühlings – wohl auch dank der überraschend konstanten, gewaltigen Cliffhanger einer jeden Folge.

Quelle: Game of Thrones Mockingbird promo - screen cap. (c) HBO, no copyright infringement intended. This is for educational purposes only.

Tyrions Hoffnung auf ein Überleben schwindet: Cerseis Champion wird der Mountain sein, während sein treuer (?) Freund Bronn nicht für den Imp einspringen wird. Dann jedoch erhält er Hilfe von unerwarteter Seite…

Ab hier gibts wie immer volle Spoiler für die Episode. Für Game of Thrones spezifisch: Ich habe alle Bücher gelesen, werde diese Rezension allerdings für jene schreiben, für die die TV-Serie Erstberührung mit dem Material ist. Kommentare werden moderiert, um Spoilern vorzubeugen.

Das Schneeschloss.

Der eindeutig ergiebigste Handlungsstrang gehört ganz und gar Lord Petyr „Littlefinger“ Baelish, dem Meister der Intrige. Wenn Chaos eine Leiter ist, dann wartet oben für ihn bloß Catelyn Stark – und nun, da sie tot ist, hat er die Wahl: Entweder in Nihilismus abzudriften und Chaos Selbstzweck sein lassen, oder aber ihre Tochter zu wählen. Petyrs Kuss mit Sansa besitzt einen Hauch an Pädophilie, obwohl Sansa durch die Ereignisse von Game of Thrones Staffeln 1-3 vom jungen Mädchen zur Frau herangereift war. Trotzdem: Das Kind der Frau, die man liebt, als Proxy zu verwenden? Wäre Sansa am rund 40-jährigen Baelish tatsächlich interessiert, wäre das ein wahnsinnig romantischer Moment gewesen – sein Geständnis, Joffrey nicht aus politischen Gründen, sondern um sich im Namen der Stark an seinen Verbrechen zu rächen, behagt Sansa zumindest. So allerdings, den Kuss gestohlen habend, steht Littlefinger („Call me Petyr.“) als Räuber da – aber Sansa hat ja gar keine andere Wahl, als seine Verbündete zu bleiben, oder?

Sein Verhalten ist verstörend, aber man kann Petyr zumindest nicht dafür schelten, seine Intrigen ohne guten Grund zu gehegt zu haben. Petyr Baelish ist ein vom Schicksal verhöhnter Mann: in zu niederem Stand geboren, um die Frau seiner Träume für sich zu gewinnen, und kurz nachdem Ned aus dem Weg geschafft war, verstarb auch sie. Ganz ohne Laster ist er nicht: Er weiß, dass Catelyn ihn nie wollte, redet sich aber ein, dass es funktionieren hätte können, wäre er damals als Bursche ein Mann von Rang und Namen gewesen – ein Versäumnis, das er nun in mühevoller Arbeit, seinem Lebenswerk, aufgeholt hat. Bei all seinen Schandtaten – wie zum Beispiel, hm, das gesamte Königreich in einen Bürgerkrieg zu stürzen – muss man ihm zu Gute halten: Er hat das alles für die Liebe getan. Ob der Zweck hier die Mittel heiligt, sei dahingestellt.

Und das mit einer Rafinesse, die ihres Gleichen sucht. Wie er erklären möchte, dass Lysa aus der Moon door gestürzt sei, muss noch geklärt sein – aber ein Mann seiner Größe wird auch das bestimmt nicht dem Zufall überlassen. Die Art, wie Lysa von vorne bis hinten von Baelish ausgespielt, hat sie doch wirklich alles für ihn aufgegeben – inklusive ihren eigenen Mann ermordet. Fantastisch, wie diese verrückte, ihren Sohn komplett verzogenen Frau nun plötzlich Empathie auslöst, aber Littlefingers Verrat ist auch unvergleichlich grausam – man beachte, mit welcher Häme er ihr erzählt, immer nur ihre Schwester geliebt zu haben, damit sie während ihres Sturzes ja was zum Denken hat, bevor sie, wie sie selber so schön erzählt hat, von den Bergen gespaltet wird.

Schöne Zitate in langen Szenen.

Um bei diesem Highlight anzukommen, lässt uns Game of Thrones in einer seiner weniger überzeugenden Episoden in allerhand Handlungsströmen kurz hineinschnuppern. In Jons kurzer Szene etwa geht nicht sonderlich viel weiter – sie dient als Erinnerung daran, dass im Norden eine große Schlacht kurz bevorsteht, mehr nicht. Aber auch einige Szenen, die von höherer Konsequenz für die Geschichte sind – etwa Briennes und Podricks zufällige Begegnung mit (Überraschung!) Hot Pie – knistern in „Mockingbird“ nicht so recht. Die Folge weist zwar eine hohe Dichte an zitierwürdigen Sätzen auf („A trick led them to the truth.“, „They can live in my new world or they can die in their own.“, „Could be food.“ – „Could be soldiers.“), dennoch entsteht mehr Leerlauf als für gewöhnlich.

Zum Beispiel Melisandres Unterhaltung mit Selyse, Stannis‘ Ehefrau. Ich bin Stannis-Fan, aber selbst ich muss erkennen: Man, wie frustrierend sein Handlungsstrang doch ist! Ich weiß nicht, was mich mehr nervt: wenn vom Aufbruch (hier: Melisandres letztes Bad – ooh, wie spannend) die Rede ist, dann aber doch nicht aufgebrochen wird, oder wenn vom Aufbruch überhaupt nicht erst die Rede ist. Ich bin gespannt, worin Shireens Bedeutung für die Zukunft liegt, und ich finde auch Melisandres Rhetorik beeindruckend (wenn auch eintönig) – aber die Serie muss die Baratheons jetzt endlich losschicken. Dramaturgisch ist Stannis leider der neue Theon.

Erstmals finde ich auch einige Passagen nicht so gut geschrieben wie von der Serie gewohnt. Gerade Briennes und Podricks Unterredung mit Hot Pie war überraschend lang für minimalen Informationsgehalt. Die Übergabe des in Wolf-Form gebackenen Brotes fand ich zugegebenermaßen wunderschön – ein kleiner Beweis dafür, dass noch Herzen für die Wölfe schlagen, auch nach deren Untergang. The north remembers, auch wenn Hot Pie nicht direkt daher stammt („Winterhell“). Gleich drei Szenen waren dann recht viel für Hot Pies Information, dass Arya „Arry“ Stark noch am Leben ist und sich in der Gefangenschaft des Hounds befindet, bemessen – auch wenn ich meinen Hut dafür ziehe, wie elegant Brienne damit auf die Spur von Sansa, vermeintlich wo sich Arya befände, gelotst wird.

Und auch Danys Techtelmechtel mit Daario wirkt ungewohnt aufgesetzt. Er schwindelt sich in Daenerys‘ Schlafgemächer, bringt ihr wieder Blumen mit und verführt die junge Dame mit dem Versprechen, sein Schwert wäre das ihre – dass die Doppeldeutigkeit davon jetzt nicht hochgespielt wurde, kann man der Serie auf jeden Fall zu Gute halten, aber dennoch fehlte der Szene irgendwo der clevere Funke. Den gab es erst am Tag darauf – wo Game of Thrones es schafft, Daarios Ernennung zum Stadthalter Yunkais in spe nicht als dümmlichen Liebesbeweis von Daenerys darzustellen, sondern als Ausnützen von Daarios Gefühlen für Danys Zwecke. Jorah nicht nur eifersüchtig zu machen, sondern ihn zu einem Konkurrenzkampf aufzumuntern, ist daraufhin das Sahnehäubchen – wirklich perfide eingefädelt, und bringt die Rivalität der zwei Möchtegern-Liebhaber in eine spannende Position.

Der Mountain und die Viper.

In King’s Landing bereitet sich indes der Königshof auf die von Tyrion geforderte Verhandlung per Kampf ein. Der Mountain (ich kenne nicht viele deutsche Übersetzungen und manche nicht besonders gelungen, aber „der Berg“ ist durch seine Prägnanz fast besser als das Original) wurde zum zweiten Mal neu besetzt – diesmal mit wohl einem der beeindruckendsten Hühnen der Welt. Mit Schauspielkünsten scheint er auf ersten Blick jetzt nicht so zu überzeugen, aber dafür wurde er schließlich auch nicht gecastet. Dennoch ist die Wiedereinführung recht gelungen – witzig etwa, wie das erste, was er nach seiner Ankunft in der Hauptstadt tut, das Verstümmeln von Verbrechern/Bettlern ist. Leider kann er physisch nicht ganz so überzeugen wie der Mountain der Buchvorlage (der wirklich unmenschlich groß ist), aber auch so ist klar, dass Bronn nicht lügt: Ein Schlag und du bist Geschichte.

Der ehemalige Leibwächter Tyrions scheint sich aus der Serie zu verabschieden – überraschend, wie ich finde, denn Jamie macht den Anschein, noch eine ganze Weile einen Übungspartner zu brauchen. Schön, wie man für ihn zum Schluss noch einmal die rechten Worte findet – egoistisch, aber auch mit einem (vielleicht nicht ganz ausreichenden) Respekt für Tyrions Taten. „I like you. I just like myself more“, heißt es da von ihm, und selbst Tyrion muss schmunzeln: So hat er ihn kennen und lieben gelernt, sein Söldner. Tyrion hat für ihn nie Kopf und Kragen riskiert – aber das musste er auch nicht. Bronn war kurzzeitig der Kommandant der Schildwachen von King’s Landing, gut bezahlter Söldner und erst tertiär Tyrion ein treuer Freund gewesen. Das waren schöne Zeiten, sinnieren sie, und es war schön, dich kennen gelernt zu haben.

Während Bronns Stern untergeht, geht dafür ein anderer auf – oder sollte ich besser sagen, eine Sonne aus dem Süden. Dornes Prinz wittert seine Chance, es den Lannisters gleich zu tun und seine Schulden zu begleichen – indem er die Gelegenheit, Gregor Clegaine öffentlich und legal hinzurichten, beim Schopfe packt. Damit wird auch endlich klar, warum hier diese neue Figur und im weiteren Sinne auch sein Adelshaus, Haus Martell, eingeführt wurde: Die Geschichte um Elia Targaryen, geborene Martell, war ganz bewusst in den ersten Episoden gepflanzt worden: Nicht bloß um zu verdeutlichen, dass die Martells und die Lannisters auf dieser Erde keine Freunde mehr werden (außer Tyrion und Oberyn), sondern weil noch in dieser Staffel, genauer: nächste Folge, die Zeit für Rache gekommen ist.

Auf dem Papier ist klar, dass der Mountain die Oberhand haben sollte, aber rein erzähltechnisch wäre es wohl zufriedenstellender, wenn der eben erst eingeführte, verdammt coole Oberyn siegreich davongehen dürfte. Andererseits: Es ist doch Sandors großer Wunsch, seinen Bruder eigenhändig zur Strecke zu bringen, und eigentlich ein Konflikt, den die Serie schon seit Staffel 1 aufbaut – will sie diese Resolution einfach unter den Bus schmeißen, und stattdessen mehr darauf achten, wie Sandor damit fertig wird, sich physisch nicht mehr an seinem Bruder rächen zu können? Was übrigens wiederum eine Parallele zu Aryas Rachefeldzug ist – es war wohl kein Zufall, dass die diese Woche erwähnt wurden…

Quelle: Game of Thrones Mockingbird promo - screen cap. (c) HBO, no copyright infringement intended. This is for educational purposes only.

Wie der Zweikampf ausgehen wird (und ob er überhaupt stattfinden wird – was beim Titel „The Mountain and the Viper“ aber eher im wahrscheinlichen Bereich liegt) sehen wir dann ja nächste Woche. Inzwischen freue ich mich, wie diese zwei auf Papier eigentlich verfeindeten Tyrion und Oberyn sich in dieser präkaren Lage finden. Beide lieben das huren, den Alkohol und das Leben – und so unterschiedlich sie auch für das Schlachtfeld gerüstet sind, so verbindet sie ihre Empathie und ihr Verstand. Oberyn hat schon mehrmals verdeutlicht, dass die Bewohner Dornes die wohl modernste Auffassung von Toleranz besitzen – und zwar nicht nur gegenübern Bastarden, sondern auch Menschen wie Tyrion, die physisch nicht der gesellschaftlichen Norm entsprechen.

Und so finde ich Oberyns Erzählung von Tyrions Geburt erstaunlich rührend. Diese funktioniert auf gleich so vielen Ebenen – etwa, dass Tyrion als Baby genau so das Recht hatte zu leben, wie Elia Targaryen es hätte. Oder, dass sich Cersei bereits bei Tyrions Geburt entschieden hatte, ihn für immer zu hassen – nichts, auf das er je hätte Einfluss haben können. Und nicht zuletzt ist es ein Treueschwur des Prinzen, der besagt: Wir haben die selbe Agenda, den selben Verstand, und diesmal auch: denselben Feind.

Noch mehr Bla:

– Littlefinger hätte ruhig sagen können: „The things we do for love.“

– Sobald Robin in der selben Szene auftauchte wie das (wirklich wunderschöne) Schnee-Winterfell war dieses natürlich zur Zerstörung predestiniert. Man, war die Ohrfeige gerechtfertigt! „I didn’t ruin it!“ zu rufen, während er in die Schneeburg wiederholt eintritt, ist schon ein mächtiges Stück – nicht nur ein sehr hübsch gestalteter Moment, sondern auch eine fabelhafte Charakterisierung.

– Die Kampfszene zwischen Sandor, Arya, Rorge und dem zweiten Verbrecher war extrem antiklimatisch. Seit wann lässt sich der Hound so einfach von hinten attackieren? Rorge ins Herz zu stechen war zwar eine nette Punchline, aber gerade hier hätte man

– Sehr klasse, wie Melisandre ihr Badesalz neben Mixturen liegen hat, die auf gar keinen Fall in das Bad hineinfallen dürfen.

– Sexposition-Alarm bei Melisandre! Aber Daario sehen wir dafür wir nicht nackig…

– Zur Zeit leistet sich Game of Thrones, rein budget-mäßig, eine große Schlacht pro Staffel – wenn überhaupt. Ich frage mich, wie die Serie die größeren militärischen Konflikte gegen Ende der Serie handhaben wird. In Amerika unterzeichnen Schauspieler ja für Serien Verträge, die ihnen zusprechen, mehr zu verdienen, je länger eine Serie auf Sendung bleibt. Bei derzeitigem Stand dürfte es mindestens 7 Staffeln geben, und spätestens dann dürfte die Entlohnung der großen Schauspielerriege ziemlich zu Buche schlagen – außer natürlich, der halbe Maincast kommt bis dahin um. (Durchaus eine realistische Entwicklung.)

– Wie mir freundlicherweise mitgeteilt wurde: Game of Thrones pausiert für eine Woche, die Rezension „The Mountain and the Viper„/ „Der Berg und die Viper“ kommt dann wie gewohnt rechtzeitig in zwei Wochen.

Fazit: 7,5 von 10 Punkten.

Die bislang schwächste Folge der 4. Staffel hat ein paar Längen, weiß aber mit absolut formidablen Cliffhangern zu bestechen. „Mockingbird“ kocht jede Menge Spannung auf, diese darf dann in den nächsten Episoden gegessen werden.

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3 Gedanken zu “Kritik: Game of Thrones 4.07 „Mockingbird“/ „Spottdrossel“.

  1. ich kann dich beruhigen, die nächste Folge gibts erst in 2 Wochen.
    der zweite Verbrecher, der Sandor gebissen hat, war übrigens – wie passend – Biter 😉

    • Wow, tatsächlich – vielen Dank für den Hinweis! Da bin ich jetzt echt überrascht – meines Wissens nach hat die Serie noch nie pausiert, und bei ihren rekordverdächtigen Reichweiten im US-Fernsehen hätte sie es auch nicht nötig. Da hab ich ein richtiges Glück, hurra.

  2. Pingback: Kritik: Game of Thrones 4.08 “The Mountain and the Viper”/ “Der Berg und die Viper”. | Blamayer TV

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