Kritik: Game of Thrones 4.06 „The Laws of Gods and Men“.

„I wish I was the monster you think I am.“

The Laws of Gods and Men“ ist eine jener Episoden, die so richtig Mühe haben, in die Gänge zu kommen. Dann aber in King’s Landing angekommen vermag es die Episode, ein selbst für Game of Thrones außergewöhnliches Dialogspektakel zu entfachen.

Quelle: The Laws of Gods and Men Trailer - Screencap. (c) HBO. No copyright infringement intended, this is for educational purposes only.

Daenerys Targaryen lernt, dass das Regieren keine solch einfache Aufgabe ist. Asha setzt zu einer waghalsigen Rettungsaktion für Theon an. Und in King’s Landing kommt es endlich zu Tyrions Gerichtverhandlung – die dann alsbald zur dreckigen Schlammschlacht ausufert, wo alte und neue Wunden gleichermaßen aufklaffen…

Ab hier gibts wie immer volle Spoiler für die Episode. Für Game of Thrones spezifisch: Ich habe alle Bücher gelesen, werde diese Rezension allerdings für jene schreiben, für die die TV-Serie Erstberührung mit dem Material ist. Kommentare werden moderiert, um Spoilern vorzubeugen.

High four für Stannis.

Stannis ist so eine Art Problembär für Game of Thrones: Seit der Niederlage von Blackwater besitzt er weder Armee noch Zuspruch, und wusste seither eigentlich nie recht was tun. Mit „The Laws of Gods and Men“ ändert sich das nun endlich: Dank der Iron Bank zieht er mit vollem Portemonnaie wieder nach Westeros. Dabei machte der Königsanwärter eine ziemlich schmächtige Figur, die selbst der Vertreter der Iron Bank nicht unkommentiert lassen konnte. Es stimmt: Schon seit Staffeln wirft Stannis eigentlich in jeder seiner Episoden mit Worte wie „usurper“ oder „blood right“ um sich, ohne dabei wirklich Gehör zu finden.

Laws of Gods and Men“ löst das sehr gut: Davos‘ Monolog über die düstere Aussicht der Lannister-Regentschaft überzeugt nicht nur mit starker Rhetorik, sondern zeugt auch davon, was für einen tollen und loyalen Zwiebelritter Stannis da an seiner Seite hat. Die Szene mit Salladhor Saan war überflüssig lang, vermittelt aber: wir sehen wieder ein paar bekannte Gesichter, und befinden uns mit Stannis‘ Armee in Aufbruchstimmung. Endlich, muss man sagen: Zum Ende hin der 3. Staffel war eigentlich gesagt worden, Stannis würde nach Norden ziehen; Nun macht es den Eindruck, dass die Drehbuchautoren sich das zwischen den Staffeln noch einmal anders überlegt haben und ihn stattdessen auf diesen Umweg nach Braavos geschickt. Schöne Gegend übrigens!

In „The Laws of Gods and Men“ dreht sich alles um die Frage der Identität. Dass Stannis auch physisch so neben sich steht ist kein Zufall – in der Tat sind die Parolen der vergangenen Episoden lediglich solche. Obwohl er der vielleicht gerechteste Königsanwärter ist – und bestimmt jener mit dem legitimsten Anspruch – besitzt er nicht den Respekt von Westeros. Männer wie Saladhor Saan kennen Loyalität nur als bezahlte Dienstleistung, Männer wie Davos hingegen braucht das Land: Männer, die von Grund auf überzeugt sind, dass ihr Anführer dem Königreich Gutes bringt – nicht, weil Stannis das Recht dazu hat, sondern weil er das Gebieten am Besten könnte.

Königin sein.

Ein paar hundert Meilen südlich hat es sich Daenerys in Meereen auf dem Thron gemütlich gemacht, muss jedoch lernen, dass ihr stolz verkündetes Vorhaben, zu regieren, leichter gesagt ist als getan. Die Dialogszenen sind ein wenig zu lang und eintönig, vermitteln aber sehr schön den langweiligen und problematischen Alltag der Königin. Ihre Drachen etwa werden langsam zur Gefahr – nicht einmal ihre Mutter kann sie zähmen, sagte Jorah einst, und es bewahrheitet sich einmal mehr. (Wo doch die Ziegen so süß gewesen wären!) Der Vorfall akzentuiert aber auch sehr geschickt: Daenerys‘ Führungsstil ist nicht unbedingt langzeittauglich. Sie zahlt den Hirten gleich das Dreifache, was seine Ziegen gekostet hätten – ein unökonomisches, naives Versprechen, das sie langfristig nicht jedem bezahlen kann, der irgendwo Schaden erleidet hat.

Andererseits trifft sie den schrecklich schwierig zu schreibenden Hizadahr zo Loraq, den sie, so viel darf schon mal verraten werden, nicht zum letzten Mal gesehen haben wird. Auch sein Gesuchen bringt sie in die Zwickmühle – soll sie ihr ursprüngliches Urteil überdenken, oder kaltherzig seine Bitte ablehnen? Egal wie sie sich entscheidet – Daenerys kann nicht gewinnen. Hätte sie doch auf Barristan gehört. Und auch ihr Vorhaben, als weltoffene Königin sämtliche Bittsteller persönlich zu empfangen, stößt auf Schwierigkeiten: Es sind so viele, dass sie Daenerys ihre Kraft rauben dürften. Und so steht Daenerys so langsam vor dem Problem, dass sie nicht die Königin ist, die sie versucht zu sein – oder vielmehr, dass es ihr Ideal einer Königin gar nicht geben kann.

Quelle: The Laws of Gods and Men Trailer - Screencap. (c) HBO. No copyright infringement intended, this is for educational purposes only.

Reek.

Die wohl größte Identitätskrise hat aber wohl Reek, ehemals Theon Greyjoy. Der Einfall der Ironborn in Ramsays Festung (welche das ist wurde mir nicht ganz klar) war eine der schwächsten Action-Szenen der gesamten Serie. Nach Yaras spannender Ansprache zu See war das eine ziemliche Enttäuschung, andererseits sollte man auch nicht allzu überrascht sein: Das Budget der Serie ist begrenzt, und dieser Angriff gehört definitiv zu jenen mit geringfügigerer Konsequenz. Dennoch wirkte gesamte Sequenz ein wenig lieblos: Von Ramsays Todesmut, mit nacktem Oberkörper gegen gepanzerte Ironmen zu kämpfen, über die recht beliebig wirkende Herbeirufung der Hunde per Flöte, irgendwo liegt da einfach der Hund begraben. Und auch das Set scheint ein wenig zu klein aus, um glaubhaft als Burg durchgehen zu können.

Dennoch war das mitunter der beste Theon-Moment der letzten zwei Staffeln, weil das Herz dieser Sequenz die Entscheidung des Greyjoy-Prinzen ist, Ramsay selbst für eine Flucht mit seiner eigenen Familie nicht aufzugeben. Ich wünschte, Yara wäre noch ein wenig schockierter ob Theons Zustand gewesen – Theons verstümmelte Gliedmaßen und seine zum Teil abgeschorene Haut kamen nicht so sehr zum Vorschein. (Während ich das schreibe, stelle ich fest: zum Glück. Ugh…) Theon ist ein gebrochener Mann, der nicht nur aufgegeben hat, sich selbst zu befreien, sondern auch die Welt da draußen nicht an sich heranlässt. Insofern hat ihn nun wirklich jeder aufgegeben: „My brother is dead„, erzählt Yara ihren Männern metaphorisch.

Die Gerichtsverhandlung.

Unbestreitbares Highlight der Episode ist hingegen Tyrions Gerichtsverhandlung. Es ist eine Weile her, dass Tyrion in einer Episode den Ton angeben konnte – nach seiner phänomenalen Zeit als Hand des Königs versumpfte er ein wenig in Machtlosigkeit, der mit der Bezichtigung des Mordes an seinen Enkel die Krone aufgesetzt wurde. Nun hört ihm endlich wieder einmal der ganze Königshof zu – aber erst, nachdem sie sich vorher schon durch vermeintliche Zeugenaussagen ein unverrückbares Bild von Tyrion gemacht haben.

Es macht wahnsinnig Spaß, die bisherigen Geschehnisse mit und rund um Tyrion auf solch manipulierte Weise sich noch einmal in Erinnerung zu rufen. Da greift Game of Thrones tief in die Trickkiste: Plötzlich sprechen alle guten Taten Tyrions gegen ihn, auf einmal scheint er selbst alle ehemals Verbündeten gegen ihn zu haben. Pycelle etwa erzählt die Geschichte, wie Tyrion ihn in Staffel 2 kurzzeitig seines Amtes wegen Unfähigkeit und Verrats enthoben hatte – nun schaut das plötzlich aus, als hätte er gegen das Königshaus intrigieren wollen. Seine Verteidigung Sansas in Staffel 2 wird ihm nun als Aufbegehren gegen den König ausgelegt, ebenso wie sämtliche Drohungen, die er Joffrey und Cersei mit auf den Weg gegeben hatte.

Dass alte Feinde wie Cersei, Meryn Trant oder Pycelle versuchen, Tyrion einen Strick zu drehen, ist verständlich, aber plötzlich entpuppen sich selbst vermeintliche Freunde als Verräter – warum, das bleibt uns die Serie vorerst noch schuldig. Die vielleicht größte Überraschung ist in meinen Augen Varrys Verrat. Tyrion bricht es das Herz, dass der einzige Mann, der erkannte, wer die Stadt tatsächlich vor der Invasion von Stannis gerettet hatte, ihn nun den Löwen zum Fraß vorwirft. Was hat sich seither verändert? Im Gespräch mit Oberyn gibt Varys zu, dass er damals wie heute am Spiel um den Thron involviert ist, und auch seine Antwort auf Tyrion, „Sadly, I never forget a thing.“, geben nicht wirklich Aufschluss auf Varys‘ Motive. Was hat er nie vergessen? Jedenfalls löst Game of Thrones das sehr elegant – gewährt Tyrion durch seine erinnernden Worte an Varys‘ noch einen letzten Moment der Selbstbestätigung, bevor er von der nächsten Zeugin die Fassung verliert.

Was Shae dazu treibt, Tyrion dermaßen zu verraten, verstehe ich nicht. Und was ist mit Bronn, der Tyrion versichert hatte, dass Shae verschwunden sei? Für beide fällt mir kein rechtes Motiv ein. Selbst wenn Cersei einen von ihnen oder beide bestochen hätte, vielleicht sogar Folter angedroht hätte: Shaes Zeugnis trieft von Häme. Hätte sie Tyrion nur zum Henker führen wollen, sie hätte es deutlich humaner tun können. Stattdessen tritt sie vor dem versammelten Königshof Tyrions Sexualleben platt, und setzt Tyrion so dem Hohn der gesamten Stadt aus. Ich habe die Liebesgeschichte zwischen den beiden stets für recht eintönig gehalten, aber hier findet sie einen wirklich vorzüglichen letzten Höhepunkt: Wir sehen nicht nur, wie es Tyrion das Herz bricht, sondern wie es ihn sogar dazu treibt, all die aufgestaute Wut endlich loszuwerden.

Sein Schlussmonolog ist wirklich außergewöhnlich – nicht nur in seiner Rhetorik und Darstellung, sondern auch, weil das die Summe seiner Gefühle aus dreieinhalb Staffeln sind, für die er endlich ein Ventil findet. Seine sarkastischen Antworten auf Anschuldigungen zu Beginn der Verhandlung sind ein perfektes Beispiel dafür, wie er seinen Zynismus in sarkastisch-clevere Sprüche verwandelt, anstatt sich von ihm auffressen zu lassen. Dennoch lässt ihn das kleinwüchsig sein nie in Ruhe – nur Persönlichkeiten von wahrer Größe, wie etwa Varys oder Oberyn, vermögen es, darüber hinwegzusehen und ihn wie ein normales Mitglied der Gesellschaft zu behandeln. Für alle anderen fällt es leicht, ihn zum Monster zu deklarieren, und sein genetischer Defekt darf dann sofort als Grund angeführt werden, warum auch sein Geist einen Schaden haben müsse.

All die Lügen und Vorurteile und Gehässigkeiten satt habend verlangt er also ein Urteil per Kampf. Er hat es satt, immer gute Miene zum bösen Spiel zu machen, und entschließt sich, den Spieß umzudrehen. Er gibt dem versammelten Königshof endlich das, was dieser sich schon immer gewünscht hat: Einen Tyrion, der es wert ist, verachtet zu werden. Nach seiner kruden Verkündung, dass er sie alle Stannis zum Opfer hätte fallen lassen sollen, herrscht eine Aura der selbstgerechten Bestätigung. Sie haben es ja schon immer gesagt, dass der Imp ein Monster sei. Tyrion hat mit seiner gewitzten Persönlichkeit keine Chance auf Akzeptanz – stattdessen entschließt er sich, für immer zu Unrecht gefürchtet zu werden. Er selbst zu sein reicht nicht – erst muss er seine wahre Identität verleugnen und eine andere annehmen, um Gehör zu finden.

Noch mehr Bla:

– Mich überrascht, dass Barristan Selmy nicht Teil des Main Casts ist. Der Mann sieht nicht so aus, als ob er demnächst umfallen würde, wo er doch ein so guter Mentor für die junge Königin ist, und seine Präsenz ist von der ganzen Schaar an Anhängern der Khaleesi auf jeden Fall die mächtigste.

– Mace Tyrell, der „oaf of Highgarden„, macht seinem Spitznamen alle Ehre: Wenn Tywin befiehlt, ihm Feder und Pergament zu bringen, tut er das mit äußerster Würde.

– Erinnere ich mich richtig, dass Davos in seiner Erzählung vom Königshaus Lannister Tyrion gar nicht erwähnt hat? Selbst seine klugen Feinde unterschätzen ihn.

– Ein absolut perfekter roter Hering: Jaime bietet seinem Vater an, das Erbe von Casterly Rock anzutreten, damit dieser Tyrion das Leben rettet. Jaime hat dabei das Herz am rechten Fleck, den Kopf nicht so ganz: Tywin hatte von Anfang an vor, seinen jüngeren Sohn lediglich an die Mauer zu verbannen. Dieser Deal platzt dann gleich in der nächsten Szene, aber hätte einen absolut legitimen Anschein gehabt.

Fazit: 8,5 von 10 Punkten.

Einige der Sequenzen von „The Laws of Gods and Men“ fungieren mehr als Brücken für den weiteren Handlungsverlauf, werden aber hervorragend durch die grandios gestaltete Gerichtsverhandlung in King’s Landing ausbalanciert. Die Episode ist Triumph und Untergang der wohl zentralsten Figur der Serie gleichermaßen – ein weiterer Eintrag in Game of Thrones nun schon sehr langen Liste an denkwürdigen Folgen.

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Ein Gedanke zu “Kritik: Game of Thrones 4.06 „The Laws of Gods and Men“.

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