Kritik: Game of Thrones 4.02 „The Lion and the Rose“/ „Der Löwe und die Rose“.

„What good is an empty cup?“

Game of Thrones funktioniert am Besten, wenn die Serie eine oder gleich mehrere überraschende Wendungen anbieten kann, die vielschichtigen Figuren aneinander anecken oder die Erzählweise besonders fokussiert ist. „The Lion and the Rose“ erfüllt alle diese Kriterien – und ist trotz seiner Highlights eine nur durchschnittliche Episode der Serie. (Was für die Serie immer noch heißt: ziemlich gut.)

Quelle: Youtube Screencap. © HBO. No copyright infringement intended, this is for educational purposes only.

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Halb Kings Landing erscheint, um der Vermählung von König Joffrey Baratheon und Margaery Tyrell beizuwohnen. Es dauert nicht lange, bis die Adelsgäste einander näher auf den Zahn fühlen und Zwietracht säen, vor allem aber Joffrey selber nützt die Gunst der Stunde, um der versammelten Gemeinde seine Macht zu demonstrieren – an Tyrion…

Ab hier gibts wie immer volle Spoiler für die Episode. Für Game of Thrones spezifisch: Ich habe alle Bücher gelesen, werde diese Rezension allerdings für jene schreiben, für die die TV-Serie Erstberührung mit dem Material ist. Kommentare werden moderiert, um Spoilern vorzubeugen.

Die purpurne Hochzeit.

König Joffreys Wacht ist beendet, und ein ganzes Königreich atmet hinter vorgehaltener Hand erleichtert auf. Joffrey war eine Figur, die man zu hassen lieben konnte, und so muss man fast mit einem lachenden und einem weinenden Auge auf dessen (wirklich beeindruck mit Makeup ausgestatteten) Leichnam blicken. Ich werde das kleine Monster vermissen: seine pompösen Reden, seine lächerlich überhebliche Gestik, und vor allem auch seine Tendenz, wirklich alles und jeden verbal zu attackieren und dabei Unmengen an Konflikten heraufzubeschwören – „the whole world is mine to torment“ war sein Leitspruch, jetzt scheint das jemandem endgültig zu weit gegangen sein.

Joffreys letzter Auftritt ist auch sein großartigster: „The Lion and the Rose“ bringt seine sadistische Ader auf famose Art zur Geltung. Eine unterschwellige Anfeindung an Tyrion folgt der nächsten, und jede ist herrlicher anzusehen als die vorherige. Joffreys Gemeinheiten sind ein wahres Freudenfeuerwerk, aber noch viel mehr Spaß macht es, die Reaktionen des versammelten Königshofes zu beobachten. Bis auf Cersei hält niemand viel von Joffrey, und ein jeder Charakter muss sich seine Verachtung für den jungen König verbeißen. „The Lion and the Rose“ ist eine der gemächlichsten Episoden der Serie, und nimmt sich Zeit, diese unzähligen Reaktionen einzufangen – und selbst Cersei ist es ein klein wenig unangenehm, zu sehen, wie sich der junge König bei seiner Hochzeit aufführt.

Die Dialoge sind selbst für Game of Thrones außergewöhnlich scharf geschnitten. Besonders liebe ich, wie Tyrions Antworten auf Joffreys Anfeindungen von Würde und Witz gekennzeichnet sind, die Joffrey die Chance gewähren, sein Gesicht zu wahren („A fine vintage, a shame it spilled“), während sich Joffrey lediglich auf seine Macht zu stützen weiß. Zugegeben: Die Verhöhnung Tyrions durch das Schauspiel von fünf Kleinwüchsigen ist ein cleverer Schachzug, aber sobald Joffrey improvisieren muss, versagt ihm sein Verhandlungsgeschick, und gibt sich einer Lächerlichkeit preis, die nicht ganz unverdient ist. Wunderschön ist, wie Joffrey es schafft, das nicht zu realisieren: Tyrion aus purem Hohn mit Wein zu übergießen, weil ihm keine guten Argumente einfallen, lässt nicht Tyrion dumm dastehen, sondern den König selbst. Joffrey sich so in diese Machtphantasie hineinsteigern zu sehen ist ein höllisches Vergnügen: Unendlich langsam scheinen die Sekunden zu vergehen, als er Tyrion zum Mundschenk degradiert, und spätestens dann ist klar: Diese Folge wird nicht glücklich enden, dafür haben sich hier zu viele Emotionen aufgestaut. Und dann heißt es: Willkommen bei der purpurnen Hochzeit.

Das Fest und die Verdächtigen.

Wer wars? Im Grunde besitzt beinah jeder Hochzeitsgast einen Grund dafür, Joffreys Regentschaft ein jähes Ende zu bereiten. Ich werde jetzt gar nicht erst so zu tun, als wüsste ich nicht aus den Büchern, wem für Joffreys Ableben zu danken ist, sondern wende mich lieber dem Fest und seinen diversen kleinen Unterhaltungen zu. Im Grunde ist dieses Hochzeitsmahl ja eine einzige Szene, die bewundernswerte 25 Minuten lang dauert – da hätte sich How I Met Your Mother ja etwas abschauen können. Und die Serie hat keine Kosten und Mühen gescheut, diese Szene auch wirklich die Opulanz zu verleihen, die König Joffreys verdient: Das gigantische Set ist so detailreich, dass man die Szene getrost ein zweites Mal sehen und neue Aspekte erblicken kann. Für Hobbydetektive ist sie allerdings nichts – wissend, dass Joffrey mit Wein vergiftet werden würde, habe ich genaustens darauf geachtet, ob man durch das Beobachten der Kelche und Weinflaschen in irgendeiner Weise erkennen kann, wer der Täter ist. Sagen wirs mal so: Beweise gibt es keine.

Es gibt viele Einzelszenen dieser Hochzeit zu lieben. Ich bin kein Fan davon, Cersei Brienne so direkt die Frage zu stellen, ob sie ihn liebt, und Brienne eine so klare Antwort geben zu sehen, aber davon abgesehen rittern die anderen Einzelgespräche um den Favoriten. Jaimes Warnung an Loras etwa, seine Schwester nicht zu heiraten, fand eine erstklassige Pointe, während sich Tywin und Olenna ganz staatsmännisch ums Geld streiten. Der Prinz aus Dorne tauscht ein paar entzückend passiv-aggressive Zeilen mit den Lannisters aus, während Joffrey der von Sigur Rós verkörperten Spieltruppe verächtlich Goldtaler entgegenschleudert. Und war es nicht auch schön, Joffrey versehentlich eine Taube bei der Tortenüberraschung erschlagen zu sehen? Joffrey bemerkt hingegen gar nicht erst, wie unelegant das ist, sondern ist vielmehr stolz, mit seinem neu getauften „Widow’s Wail“ ein zweites Opfer gefunden zu haben (nachdem er ein unvorstellbar kostbares Buch zu Kleinholz zerhackt hatte).

Es tut der Episode so unglaublich gut, für all diese Momente – manche wichtiger, manche weniger – Zeit zu finden. Hier in King’s Landing ist gut ein Drittel der Besetzung vertreten, und eine gute Anzahl von ihnen haben einander noch gar nicht kennen gelernt oder haben noch eine Rechnung miteinander offen, oder haben gerade sonst ein paar Intrigen im Hinterkopf. Loras zum Beispiel – darf ich vorstellen, Prinz Oberyn Martell? Die eifersüchtige Cersei bringt zuerst Brienne mit ihrer flexiblen Loyalität ins Schwitzen und setzt daraufhin alles in Gange, um der (ganz wie ihre Großmutter) teuflisch klug und diplomatisch agierenden Margaery Tyrell ein Bein zu stellen. Game of Thrones stellte schon einige sehr epische Schlachten und Wendungen dar, hier wird die Monumentalität des eigentlich nicht ganz so freudigen Ereignisses (Joffrey heiratet, juhu) durch die breite Riege der anwesenden VIPs von Westeros ausgezeichnet eingefangen.

Quelle: Youtube Screencap. © HBO. No copyright infringement intended, this is for educational purposes only.

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Es ist wirklich eine außerordentlich produzierte und geschriebene Szene. Beeindruckt bin ich unter anderem auch, wie kleine schon bekannte oder noch wichtig werdende Details im vermeintlichen Smalltalk verwendet werden, um die Figuren besser zu charakterisieren oder verbal anzugreifen. Pycelle etwa wurde in Staffel 2 mal von Tyrion mit einem jungen Mädchen im Bett erwischt, scheinbar hat sich der eklige alte Greis nicht verändert. Mace Tyrell, Margaerys Vater, von dem vorher nur verächtlich von Olenna gesprochen wurde, ist tatsächlich so ein Wiesel. Oder das Schauspiel der fünf Kleinwüchsigen, das den Krieg auf perfide Weise verballhornte, indem sich über Renlys Homosexualität lustig gemacht oder über Robb Starks verlorenen Kopf gelacht wird. Loras entfernt sich vor Entrüstung von der Gesellschaft, Varys sieht alles andere als erfreut aus, Sansa ist völlig aufgelöst – und selbst Olenna Tyrell schäumt innerlich vor Wut. Es ist eine Szene, an der man sich kaum satt sehen und schreiben kann.

Die erste Hälfte…

Nur zu schade, dass diese Episode noch eine weitere Hälfte besitzen muss, und diese mitunter das schwächste Material der gesamten Serie besitzt. Schon lange hat Game of Thrones keine solch öden Szenen wie jene auf Dragonstone gezeigt. Nicht nur, dass die Szenen selber keinerlei Momentum besitzen, das Stannis wieder in irgendeine Richtung treiben würde – die gezeigten Szenen zerstören auch jene Aufbruchsstimmung in Stannis Camp, die zum Ende der 3. Staffel aufkam. Zudem spielt die Serie da Töne, die sie schon öfters erklingen hat lassen: Das ist nicht die erste Person, die Stannis verbrennen lässt, und für Selyses Bruder haben wir genauso wenig Interesse wie die anonymen Opfer zuvor – da kann die Inszenierung des Feuers noch so hübsch sein. Melisandre ist eine spannende Figur, aber wenn ich sie nochmal sagen höre, dass die Nacht dunkel und voller Terror sei, kehre ich Stannis endgültig den Rücken zu – und das sage ich als langjähriger Stannis-Unterstützer.

Ebenfalls vergleichsweise ziemlich schwach: Shae – aber wenigstens scheint die Serie hiermit zum Ende ihrer Beziehung mit Tyrion gekommen sein. Das Problem ist, dass sich die Serie hier ein ums andere Mal wiederholt hat, und selbst in dieser Folge tut die Serie kaum etwas anderes: Tyrion kommt ins Zimmer, Shae bietet ihm Sex an, Tyrion lehnt ab, die beiden streiten wegen Sansa, Shae stürmt davon – das sollte sich bereits bekannt anhören. Shae hat nicht nur die Gastfreundschaft von King’s Landing überbeansprucht, jetzt gehts mit ihr also nach Penthos. Vielleicht tritt sie dort ja irgendwie Daenerys Regime bei.

Bran ist für gewöhnlich mit ähnlicher Handlungsstrangs-Isolation geplagt wie Stannis, erlebt hier aber einmal eine gute Woche. Ich bin generell kein allzu großer Fan von kryptischen Traumsequenzen, aber Brans Blick durch den Heart Tree war sehr hübsch gemacht – ist es doch der Beweis, dass der Gott des Lichtes nicht die einzige Entität in Game of Thrones‚ Universum ist, die göttliche Kraft besitzt. Die dreiäugige Krähe haben wir schon lange nicht mehr gesehen – schön, hier endlich Bestätigung dafür zu finden, dass sie einen (zwar eine mysteriöse und unerklärliche, aber immerhin) Wegweiser für Bran darstellt. Und die Kinematographie war ohnehin erste Sahne.

Der dritte im Bunde ist Reek, ein gebrochener Mann, der ehemals auf den Namen Theon Greyjoy hörte. Theons Leiden wird zwar von Bolton beschrieben, die Auswirkungen sehen wir aber stets nur im Hintergrund dieser Szenen: Reek humpelt, Reek geht geduckt und Reek zittert unentwegt. Ein paar der schlimmsten Leiden hat die Serie zum Glück im Buch gelassen, aber auch so wird klar: Der Mann, den man in Staffel 2 nur verachten konnte, muss einem jetzt einfach Leid tun. Währenddessen erkunden wir mit ihm das gruselige Dreadfort und die Ramsey-Roose-Dynamik – schön, hier endlich auch mal eine andere Seite von Ramsey, eine unterwürfige aber offensichtlich hin- und hergerissene, zu sehen.

Wofür man „The Lion and the Rose“ aber schlussendlich in Erinnerung behalten wird, ist die zweite Hälfte der Folge – und die war schlichtweg spektakulär schön. Ich würde jetzt einfach gerne weiter beschreiben, was auf diesem Hochzeitsfest noch wunderschön war – habe ich schon die vielen Schausteller erwähnt, oder dass Tyrion mit Sansa durch Joffreys Verhöhnungen erstmals auf der selben Seite steht? Aber dafür ist es vielleicht besser, diese zweite Hälfte der Folge einfach noch einmal zu sehen, denn selten zuvor hatte eine Game of Thrones einen solch unmittelbaren Wiederseh-Wert.

Mehr Bla:

– Ich liebe, wie selbst Joffreys letzte Geste eine von eitler Gehässigkeit gekennzeichnet ist: Er zeigt auf Tyrion, obwohl er in Wirklichkeit keinerlei Beweise für dessen Verbrechen hat.- Pycelle ein junges Mädchen zu raten, sich doch von ihm untersuchen zu lassen… yuck! Andererseits: Schön zu sehen, dass die Serie nicht auf ihn vergessen hat.

– Der Vorspann von letzter Woche setzt sich also aus den Lokalitäten beider Episoden zusammen, jetzt wissen wir das auch.

– Tyrion und sein Knappe begegnen Prinz Oberyn und dessen Gefährtin direkt neben einer leicht gekleideten Akrobatin. Mir gefällt, wie genüsslich Oberyn an dieser vorbeigeht, und wie Podrick seinen Blick kaum ablassen kann.

– Das Recht Westeros‘ sieht im Übrigen vor, dass nun Joffreys Bruder Tommen die Thronfolge annehmen wird – wenn nichts dazwischen kommt natürlich…

– „There is only one hell… the one we live in now.“ Für gewöhnlich bin ich Fan von Melisandre, und ich finde auch Shireens Dilemma ein interessantes, aber das war schon eine klein wenig kitschige Zeile.

– Joffreys Sterbeszene ist einfach fabelhaft gemacht. Der Blutstrom auf Joffreys Gesicht sah unheimlich authentisch aus – vor allem beeindruckend ist, dass er in mehreren Stufen an Intensität zunimmt, ohne einen Kontinuitätsfehler aufzuweisen. Und dieses unglaubliche Augen-Makeup! So schön ist schon lange niemand mehr gestorben. Ebenfalls sehr gelungen ist eine Einstellung, wie Joffrey wild rudernd am Boden liegt, was gelungen hervorhebt, wie kümmerlich der König da verreckt.

– An dieser Stelle nochmal ein Lob an die Ausstattung. Wahnsinn, was diese Hochzeit gekostet haben muss. So unglaublich viele Dinge sind da maßgeschneidert – von den Kostümen über die Tischgedecke (Löwen, Blumen, Hirsche) bis hin zu den Wänden.

– Achso, übrigens, und Sir Dontos hat natürlich auf jeden Fall was mit Joffreys Tod zu tun, allzu überrascht/ entsetzt scheint er nicht zu sein.

Fazit: 8,0 von 10 Punkten.

Hätte die Episode lediglich aus der zweiten Hälfte bestanden – sie hätte sofort eine 10 verdient. Joffreys schillernde Hochzeit ist ein früher Anwärter auf den Höhepunkt der Staffel. Deren Opulenz wird lediglich von ersten Hälfte der Episode ein wenig getrübt – mit Stannis und Shae weiß bzw. wusste die Serie nicht recht was anfangen.

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3 Gedanken zu “Kritik: Game of Thrones 4.02 „The Lion and the Rose“/ „Der Löwe und die Rose“.

  1. Shae hat mich nie gestört, im Gegenteil. Dem Rest stimme ich aber absolut zu. Zwei anständige, längere Szenen mit Khaleesi oder Arya und the Hound statt der Ausflüge zu Bran und Stannis: Diese Folge hätte dann ganz locker eine der bisher fünf besten werden können. Chance, trotz grandioser Hochzeit, leider vertan.

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