Kritik: Game of Thrones 4.01 „Two Swords“/ „Zwei Schwerter“.

Tell you father I am here, and tell him the Lannisters aren’t the only ones who pay their debts.

Game of Thrones ist die vielleicht ambitionierteste Serie aller Zeiten. Mit fantastischem Quellmaterial, üppigem Budget, einem vertrauensvollen Auftraggeber und einem immensen Hype geht die Serie nun in ihre 4. Staffel. Die Handlungsbögen der Serie sind so dicht miteinander verwoben, dass trotz deren großer Spannweite und Vielfalt kaum Platz bleibt, um die einzelnen Episoden mit einem soliden thematischen Rückgrat zu versehen. „Two Swords“ ist der beste Beweis dafür, dass Game of Thrones dank der Stärke seiner Geschichte, der Drehbücher sowie deren Umsetzung eine der wenigen Serien ist, die das gar nicht braucht.

Quelle: Gameofthrones.wikia.com. © Helen Sloan, HBO. No copyright infringement intended. This is for educational purposes only.

© Helen Sloan, HBO

Beinah das gesamte Westeros scheint nun in der Macht der Lannisters zu sein. Nach dem Coup der Roten Hochzeit schmiedet Familienoberhaupt Tywin schon wieder neue Pläne. Ein Dorn im Auge könnten da aber nicht bloß die Tyrells sein: Aus dem Süden kündigt sich ein neuer Mitspieler im Kampf um den Thron an: Oberyn Martell, Prinz von Dorne – und der hat mit den Lannisters noch eine Rechnung offen…

Ab hier gibts wie immer volle Spoiler für die Episode. Für Game of Thrones spezifisch: Ich habe alle Bücher gelesen, werde diese Rezension allerdings für jene schreiben, für die die TV-Serie Erstberührung mit dem Material ist. Kommentare werden moderiert, um Spoilern vorzubeugen.

Verworren und verwoben.

Two Swords“ ist ein ganz klassischer Staffelauftakt: Wir schauen bei den meisten Hauptfiguren vorbei, sehen sie neue Pläne schmieden, und lernen auch gleich ein paar neue Gesichter kennen, die wir in Zukunft noch häufiger sehen werden. Wichtigster Neuzugang ist dabei der Prinz von Dorne, Oberyn Martell, genannt „die Viper“. Ich verspreche: Dorne ist das letzte große Adelshaus, das die Serie einführen wird – wobei durch die begrenzte Laufzeit aber ohnehin nicht ganz klar ersichtlich ist, welche Adelsfamilie nun einen großen Einfluss hat und welche nicht. Dorne mag zwar ein kleines Königreich sein, dafür hat es sich allerdings auch noch kaum bis gar nicht im Bürgerkrieg beteiligt – weshalb sie gerade jetzt für die Lannisters eine Gefahr darstellen.

Game of Thrones besitzt eine ausgefeilte Hintergrundgeschichte, die die Geschichte entscheidend motiviert. Dafür muss die Serie auf sehr klar erkennbare Exposition zurückgreifen, indem der Prinz Tyrion eine Geschichte erzählt, die er ohnehin schon längst kennt. Anders kann die Serie es aber auch kaum lösen, all die in Buchform geschmeidiger eingebetteten Hintergrundinformationen an den Mann zu bringen: Prinz Oberyns Schwester Elia Sand war die Ehefrau von Rhaegar Targaryen, Sohn von Aerys II – jener verrückte König, den Robert Baratheon 15 Jahre vor Serienbeginn vom Thron gestoßen hatte. Dorne hatte also große Macht inne, war darum auch nicht Teil der Rebellion gegen den damaligen König. Dass Gregor Clegane, „the Mountain“, Elia und deren zwei Kinder auf bestialische Art auf den Geheiß von Tywin Lannister ermorderte, bedeutet, dass Dorne mit den Lannisters noch eine Rechnung offen haben – und diese ganz im Stile der Lannisters auch bezahlen möchten.

Two Swords“ ist voller solch toller Zeilen, die ein Echo bereits gehörter Zitate sind, und das verleiht der Folge eine Unmenge an Textur. George R.R. Martins monumentales Quellmaterial strotzt nur so vor wunderschöner Prosa, und Drehbuchautoren Benioff und Weiss schnappen sich die besten Zeilen davon. Game of Thrones‚ schwierigste Aufgabe ist es, die immense Größe der Geschichte kohärent zu erzählen – trotz der 5+ weit auseinander liegenden Handlungsorte der Episode (King’s Landing, Mereen, Riverlands, Castle Black und Wildlingscamp) ist „Two Swords“ für Game of Thrones-Verhältnisse immer noch eine recht konzentrierte Episode, und trotz der ein-stündigen Laufzeit bewegt sich die Geschichte nur in kleinen Schritten fort.

Durch die vielen Referenzen auf frühere Geschehnisse – etwa Tywins Bemerkung, der frühere Besitzer von Ice, Ned Stark aus Staffel 1, würde die valyrische Klinge nicht länger benötigen – versichert die Serie aber ständig, dass sie wisse, was sie tue. Game of Thrones beweist dabei, wie gut sie die Geschichte ihrer Figuren kennt, und kann damit ihren Figuren Glaubhaftigkeit verleihen, ohne auf hölzerne Exposition zurückgreifen zu müssen. Das ist ein Privileg, das sich die Serie über drei Jahre fantastischer Geschichtenentwicklung erwirtschaftet hat, und das sie nun ordentlich ausschöpft. Und an dem teilzuhaben ist ein wahrer Genuss.

Gleichzeitig leidet die Serie aber auch daran, einfach eine ZU große Geschichte für eine Umsetzung am Bildschirm zu sein. Die Serie bemüht sich, durch das vielmalige Zeigen von Daenerys‘ Armee eine visuelle Vorstellung dafür zu kreieren, was für Ausmaße dieser Krieg um den Thron von Westeros besitzt. Das gelingt, aber verdeutlicht auch, wie viele spannenden Entwicklungen die Serie nicht zeigen kann – sei es aus budgetären Gründen oder schlichtweg, weil sonst narrativer Stillstand entstehen würde. Wir erhalten am Ende der Folge etwa eine Vorstellung davon, wie schrecklich die Lebensbedingungen in den Riverlands geworden sind: einerseits durch das sehr schicke Panorama der Zerstörung bei Folgenende, andererseits durch Pollivers Prahlerei über die bereits getätigten und die noch bevorstehenden Plünderungen/Vergewaltigungen/Folterungen.

Die Kunst einzelner Szenen.

Genauer mit vielen ihrer Kriegsbrandherde beschäftigen kann sich die Serie nicht, sondern muss einzelne, repräsentative Szenen dafür finden. Zum Glück tut das die Serie mit Bravour, etwa bei dem lang-ersehnten Wiedersehen von Polliver und Arya. Hier verwebt Game of Thrones geschickt eine Momentaufnahme des Kriegsgeschehens in den Riverlands – Polliver und Konsorten üben brutale Selbstjustiz, die Bevölkerung ist ihnen völlig hilflos ausgeliefert – mit der Reise zweier unserer Protagonisten, Arya und dem Hound. Es ist eine rundum grandiose Sequenz: von der spannenden Dynamik zwischen den zwei (lediglich in der Statur) ungleichen Helden bis hin zur tollen Umsetzung des Schwertkampfes kann es da nichts auszusetzen geben. Und die Dialoge, mein Gott wie gut ist diese Szene geschrieben: So humorvoll und gewitzt wurde noch keinem Soldaten sein Todesurteil verkündet.

In dieser Sequenz kann man aus dem Schwelgen ja gar nicht herauskommen. Ich liebe zum Beispiel, wie lang Polliver seine Schandtaten ausführt, und mit jedem Satz wächst der Horror beim Zuseher – während Polliver vergnügt an seinem Hühnchen weiterknabbert. Ebenfalls fantastisch ist, wie die gesamte Begegnung von vorne herein schon zur Eskalation verdammt ist, und die Serie sich äußerst viel Zeit nimmt, die Spannung bis aufs Letzte zu melken. Und wenn man der Ansicht ist, ein interessanter Handlungspunkt müsse gut mit Setup und Payoff umgehen, der wird in der Begegnung von Arya und dem Hound mit Polliver eine wahre Freude haben: Das Echo von Lommys („What the f***’s a Lommy?„) letzten Worten, Aryas Wiedervereinigung mit Needle, das Pony, Hühnchen, … Wow. Einfach die höchste Form der Erzählkunst, so perfekt können Szenen geschrieben und umgesetzt werden.

Natürlich kann nicht jede Szene so gut sein, aber es ist schon erstaunlich, dass beinah jede Folge von Game of Thrones zumindest eine Szene besitzt, auf die man schon seit langer Zeit gespannt gewartet hat. (Siehe dazu auch: nächste Folge…) Aber nicht alle Figuren entwickeln sich so spannend wie Arya und der Hound, und manchmal wird ihnen dann überraschend viel Material gegeben, obwohl die Bildzeit anderer Figuren vielleicht wichtiger wäre. Ich denke dabei an Shae: Diese hat nicht nur außerhalb von Tyrion und Sansa kaum Schnittstellen mit anderen Figuren, sondern tritt schon seit einigen Folgen vollkommen auf der Stelle: Sie ist trotz Tyrions nicht existenter Gefühle für Sansa eifersüchtig auf sie. Das ist leider weder sympathisch noch spannend, und erfüllt nicht wirklich die Erwartungen, die die „Hure mit geheimnisvoller Vergangenheit“ von Staffel 1 versprach. Darum ist das definitiv die derzeit schwächste Storyline – vielleicht hilft da die heimlich lauschende Dienerin von Cersei ja aus.

Auch ein wenig Sorgen bereitet mir Daenerys. Diese hat zwar mittlerweile eine ansehnliche Schar von interessanten Beratern, aber könnte so langsam mal beginnen, sich ihren Weg nach Westeros zu bahnen. Wir sind nun in der vierten Staffel, und nach wie vor beläuft sich der gegenseitige Einfluss von Westeros und dem Reich über dem Meer auf ein Minimum. Daenerys hat nun eine schlagkräftige Armee und groß genuge (und irre schön animierte – wirklich der Wahnsinn!) Drachen, um ein Wörtchen um den Thron mitreden zu können. Jetzt fehlt nur noch ihr Wille, aber der ist scheinbar komplett auf die Befreiung der Sklaven Mereens beschränkt.

Quelle: Gameofthrones.wikia.com. © HBO. No copyright infringement intended. This is for educational purposes only.

Ein neues Gesicht gibt es bei Dany, obwohl es keine neue Figur darstellt: Daario Naharis wird nun von Michiel Huisman dargestellt. Die Show hat sich den Schauspielerwechsel natürlich nicht ausgesucht, aber es ist schon merkwürdig, dass die Serie Ed Skrein nicht gleich für mehrere Jahre unter Vertrag genommen hatte – schon in Staffel 2 war ja abzusehen, dass Game of Thrones wohl noch viele weitere Jahrel aufen wird. Auch ist es verwunder- und auch ein wenig ärgerlich, einen physisch so anderen Daario für Staffel 4 zu verwenden – noch dazu einen, der noch weiter von der Romanvorlage entfernt ist, in der er seine Haare knallblau färbt. So wirkt er zwar hübsch genug, um Dany (in stilisiert kitschiger Art) den Kopf zu verdrehen, aber wirkt neben Jorah, Barristan, Grey Wurm und Missendai ziemlich facettenlos. Aber wir befinden uns ja auch noch ganz am Anfang der Staffel – vielleicht verdrehen Daario Naharis und Shae auch mir noch den Kopf.

Insgesamt war es ein absolut formidabler Einstand für die neue Staffel – alles andere wäre aber auch eine echte Überraschung gewesen. Obwohl mit Robb, Catelyn und Talysa die mitunter zentralste Handlungsplattform weckgefallen ist, hat die Serie mehr Bälle gleichzeitig in der Luft denn je. Brans kleine Truppe sowie Stannis (der einzig wahre König, ähem) und seine rote Priesterin haben ihren ersten Auftritt noch vor sich, genauso wie Littlefinger, Varys, Gendry oder die Greyjoys. „Two Swords“ fand aber genau das richtige Maß dafür, wieviele Figuren uns in einer Auftaktfolge zugemutet werden können. Hoffentlich kann die Serie dieses Gespür beibehalten, denn nach wie vor gilt: Game of Thrones steht und fällt nicht mit seiner Geschichte – denn die ist über aller Zweifel erhaben klasse. Stattdessen geht es darum, wie die Serie sie umsetzt – aber auch dafür gab es eigentlich noch nie Grund für Zweifel.

Mehr Bla:

– Willkommen bei den Kritiken zur 4. Staffel von Game of Thrones. Ich werde versuchen, sie regelmäßig innerhalb von 24 Stunden nach der Premiere zu veröffentlichen. Diese Woche gab es Verspätung, weil ich mir die Staffelpremiere in einer Sky Night im Kino ansehen wollte. Lasst euch sagen: Game of Thrones auf der großen Kinoleinwand ist ein wahres Erlebnis.

– Noch einmal der Hinweis: Spoiler zu zukünftigen Geschehnissen der Serie werden in den Kommentaren nicht toleriert. Ansonsten natürlich: frei Schnauze!

– Ich komme gar nicht dazu, auf jede Einzelzeit einzugehen, die mir bei solch Episoden so einfällt. *winkt* Joffreys lächerliche Statue, Joffreys Gehässigkeiten an Jaime, Olenna Tyrell, Brienne und Jaime, die Thenns (die verdammt cool aussehen, deren Kanibalismus man aber meilenweit kommen sah), … so viele gute Momente.

– Mir gefiel, wie Janos Slynt der einzige Mann der Night’s Watch war, der über Jons Sichtung von Riesen lachte, während sogar Alliser Thorne schlucken muss.

– Das CGI von Game of Thrones gehört wirklich zum Besten der TV-Landschaft – nun gut, das darf man sich ja auch fast bei dem gigantischen Budget erwarten, und die Serie stellt für HBO ja auch eine wahre Cash-Cow dar, soweit ich weiß. Trotzdem: So gut sieht Animation meist nur im Kino aus. Besonders beeindruckend: Als Drogon, der schwarze Drache, wegfliegt, lässt ein kurzer, kräftiger Windstoß Danys Kleid flattern.

– Qyburn gibt Cersei Medizin gegen gewisse Symptome, Jaime ist zu spät gekommen: Hat Cersei einen neuen Lover, und wenn ja, wen?

– Ice aus einem Kadaver eines Wolfes zu ziehen, daraufhin einzuschmelzen und anschließend den Wolf in den Ofen werfen – das funktioniert alles auf der symbolischen Ebene, aber ist schon ein wenig sehr dick aufgetragen. Andererseits: echt hübsch anzusehen. Auch die Schmelzung des Eisens.

– Sir Dontos taucht zum ersten Mal seit knapp 20 Folgen auf. Tonal war das ein großer Überraschungsmoment: Der völlig verwahrlost aussehende Dontos setzte zu einer bewegenden Ansprache darüber an, mit der von ihm verschenkten Kette noch ein letztes Mal seinen Namen im Sonnenlicht zu sehen, bevor er für immer von der Bildfläche verschwinden würde. (Um ehrlich zu sein klingt Dontos aber ohnehin nicht besonders ritterlich.)

– Bei Game of Thrones-Episoden versagt mein Bewertungssystem für die Qualität einer TV-Episode ein wenig. Es gibt keine schlechte Folge von dieser Serie, alle sind irgendwie ähnlich gut – eben weil die Serie keine oder kaum thematisch zentrierte Folgen bietet, sondern stets handlungsorientiert arbeitet. Beinah jede Episode treibt den Plot gleichermaßen vorwärts, hat aber auch individuell starke Momente – wie etwa die Begegnung mit Polliver.

Fazit: 8,5 von 10 Punkten.

Game of Thrones ist zurück! Damit ist eigentlich fast schon alles gesagt. Die Serie ist gewohnt stark wie immer, leidet aber auch stets ein wenig unter ihrer gewaltigen Pompösität. Dennoch gibt es nichts Vergleichbares im Film- und Fernsehmedium – und häufig hat man das Gefühl, dass die Serie die Limitierungen seines Mediums bis zum Äußersten ausnützt.

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