Kritik: The Walking Dead 4.16 „A“ / „Terminus“.

„Something happened – that ain’t you.“

Terminus“ ist die einstweilige Endstation – mehr The Walking Dead gibts erst im Herbst wieder. Die im Original lediglich mit „A“ betitelte Folge ist die spannendste der Staffel, hinterlässt aber dennoch einen faden Beigeschmack – war das nun wirklich eines Staffelfinales würdig?

Quelle: AMC / The Walking Dead, photo by & rights belong to Gene Page/AMC. No copyright infringement intended, this is for educational purposes only.

Kurz vor Terminus werden Rick, Michonne und Carl von Joes Bikergang eingeholt. Als Joe einen Blutzoll verlangt, greift Rick zu drastischen Mitteln – und riskiert dabei, seinen Sohn zu entfremden…

Ab hier gibts wie immer volle Spoiler für die Episode.

Spannung durch Charakter.

A“ ist zum Fingernägel abnagen spannend, und das trotz schlechtester Voraussetzungen: Wir wussten ja, dass die Konfrontation zwischen Ricks und Joes Banden kommen würde, und wir wussten, dass Terminus eine Falle zu sein scheint. Mehr noch allerdings: Rick, Carl, Daryl und Michonne sind jene vier Figuren, die The Walking Dead am Meisten am Herzen liegen, und deren Tod ich für äußerst unwahrscheinlich halte. So von der Geschichte geschützt hätte eigentlich nie ein Zweifel daran bestehen können, dass sie Joes Überfall mehr oder weniger unverschont überstehen sowie den finalen Showdown überleben – und trotzdem waren das irr intensive Momente, die vor allem nach den längsemeren Episoden der Vorwochen eine willkommene Abwechslung darstellen.

Besonders faszinierend ist, wie diese Action-Szenen mehr als bloß solche sind, sondern absolut von den Entscheidungen der Protagonisten getrieben sind – und es ist enorm befriedigend, Rick und Co. sich aus scheinbar auswegslosen Situationen zu winden (naja, mehr oder weniger). Es wäre so einfach gewesen, die Protagonisten mittels einer externen Kraft aus dem Schlamassel zu holen (etwa Carol und Tyreese, die für die nächste Staffel tatsächlich zur Aorta der Hauptfiguren werden). Stattdessen greift Rick zur Extremmaßnahme, beißt Joe einfach in die Halsschlagader – vollkommen überraschend, grotesk, morbid, und irgendwie auch genial.

Oftmals sind Ablenkungen in solch Pattsituationen ein wenig gekünstelt, aber diesen WTF-Moment hat sich die Serie redlich verdient. Rick reicht mit seiner Tat bewusst in tiefe Sphären, es handelt sich um mehr als bloß eine Verzweiflungstat. Es ist eine bestialische Attacke, die wundervoll unterstreicht, zu welch Menschen man werden muss, um in dieser Welt zu überleben. Das geht ganz mit Ricks Identitätskrise einher, eingespielt als Flashbacks vom Gefängnis: Rick wollte doch Vorbild für seinen Sohn sein, indem er sich beim Versuch, eine Zivilisation (samt Landwirtschaft und Anbau) wieder aufzubauen, zivilisiert verhält. Die Flashbacks sind zwar teilweise ziemlich hölzern (der Kontrast zwischen dem mit Lego spielenden Patrick und dem mit Waffen spielenden Carl etwa wirkt schon sehr aufgesetzt), erfüllen aber ihren Zweck. Nun, durch Joes Bande in die Ecke gedrängt, ist er gezwungen, seinen eigenen Worten den Rücken zu kehren.

The Walking Dead verwendet das Blut im Gesicht als Metapher: Rick ist egal, wie blutrünstig er aussieht – um sich das Blut abzuwaschen, müsste er wertvolles Wasser verschwenden – einen Kompriss, den Rick nicht eingehen möchte. Das Blut wirkt wie Kriegsbemalung, die dazu dient, seine Feinde in Angst und Schrecken zu versetzen. Stattdessen schüchtert er damit allerdings seine Freunde und Familie ein, sieht damit gar nicht mehr wie er selbst aus. Das merkt auch Daryl an, aber Rick scheint damit einverstanden zu sein: Solange er Carl damit am Leben halten kann – und wenn wir ehrlich sind hat sein bestialischer Akt wirklich ihre Hintern gerettet – ist er zu allem bereit.

The Walking Dead kombiniert da wirklich ein paar interessante Ideen und Metaphern mit Ricks und Carls Charakterbögen, und zeigt sich darin geschickt wie noch nie. Ricks Dilemma, einerseits der geborene Anführer zu sein, andererseits diese Bürde nicht immer (er)tragen wollen, ist eines der Hauptthemen der Serie, das in Staffel 4 mit Hershels Rat, seinem Sohn ein besseres, friedlicheres Vorbild zu sein, eine neue Facette dazugewann. Auf dieser ist die Serie in dieser Staffel immer wieder zurückgekommen, in „Terminus“ findet erfährt sie eine schöne Wendung – hier hat die Serie den Charakterbogen über die Staffel konsequentest umgesetzt. Mir gefällt auch, wie die Serie das von Carls Seite beleuchtet: Der ist dessen überdrüssig geworden, dass sein Vater ihn als verantwortungsloses Kind betrachtet, das damals beim Ende von Staffel 3 den feindlichen Jungen bloß aus Leichtsinn erschoss. Vielleicht hat die aktuelle Staffel ein wenig zu häufig die Carl-Rick-Beziehung vom selben Blickwinkel betrachtet, aber man kann sich nicht beklagen, die Serie hätte in Sachen Figurenentwicklung geschlampt – im Gegenteil, das ist die stärkste Veränderung der Serie.

Terminus.

Nicht verändert hat sich hingegen, dass The Walking Dead kein sonderliches Geschick für einen zufriedenstellenden Staffelklimax beweist. „A“ fühlt sich viel mehr wie eine Episode inmitten einer Staffel an – mit dem Finale der 4. Staffel bricht kein neues Zeitalter an, und es wird auch nicht wirklich irgendein Handlungsstrang zu Ende geführt. „Savage“, prophezeite Robert Kirkman, seines Zeichens Schöpfer der Comicvorlage und Produzent der Serie, „people are going to talk about this one.“ Nur leider hat Kirkman da vollkommen übertrieben – die einzig brutale Szene passierte nach zehn Minuten, sonst bleiben die großen Wendungen aus.

Am meisten ärgert mich, denke ich, allerdings die letzte Szene. The Walking Dead bemüht sich sichtlich, einen epischen Cliffhänger für die halbjährige Pause zu kreieren, inklusive bewegender Ansprache Ricks. Stattdessen ist es einer der unfreiwillig komischen Dialoge, aus denen die Serie längst herausgewachsen hätte sein müssen: „They’re gonna feel pretty stupid when they find out“ meint Rick großspurig, und es klingt, als hätte er schon einen Plan – sonst würde er sich ja nicht klüger fühlen. Er stellt die Frage schon so, dass jemand geradezu fragen muss, was er damit meint. „They’re screwing with the wrong people.“ sind dann die lahmarschigen letzten Worte der Staffel, und zeigen, dass Rick (und vielleicht auch die Drehbuchautoren) keinen Schimmer haben, wohin die Reise gehen wird, und wie sie diese starten wollen. Schön, dass versucht wird, die Staffel auf einer hoffnungsvollen Note zu enden (niemand ist gestorben, unsere Helden werden zurückschlagen), aber authentisch sieht anders aus.

Die Ankunft in Terminus war zwar schlussendlich dramaturgisch nicht besonders zufriedenstellend, aber zumindest äußerst spannend – und das durchwegs. Vom sich langsam anschleichenden Verdacht, dass der Gruppe um Glenn etwas zugestoßen sein muss, bis hin zur Gewissheit, dass Gareth, Mary und Co. Böses im Schilde führen, während man nur darauf abwartet, dass Rick die Situation eskalieren lässt, ist da alles dabei. Das ist große Spannungskunst, die kurz vergessen lässt, wie sicher Rick, Carl, Daryl und Michonne ja eigentlich als Figuren sind. Es hilft natürlich, dass die Terminus-Truppe darauf verzichtet, die vier mit Kugeln zu durchlöchern (außer Mary, komischerweise, die Rick einen Kopfschuss verpassen möchte). Das macht die Frage, was diese Menschen von Terminus bloß mit Rick & Co. vorhaben, umso dringlicher.

Quelle: AMC / The Walking Dead, photo by & rights belong to Gene Page/AMC. No copyright infringement intended, this is for educational purposes only.

Der letzte Spannungsmoment der Folge und Staffel – Rick, Carl, Daryl und Michonne sind umzingelt und werden aufgefordert, einer nach dem anderen in den Container zu steigen – hat dann sogar etwas, wofür die Serie in ihrer Zombiemetzelei mittlerweile kaum noch Zeit hat: Ästhetik und Poesie. Gareth nennt die vier (in einer wirklich extrem angespannten Szene) nach den Rollen, die sie erfüllen: Rick ist der Rudelsführer, Daryl der Bogenschütze, Michonne die Samurai, und Carl das Kind. Es ist natürlich ein wenig augenzwinkernd – in schwächeren Staffeln wäre man dazu geneigt gewesen, diese Bezeichnungen zynisch als detaillierte Charakterbeschreibungen zu bezeichnen. Aber The Walking Dead zeigt da sichtlich reflexives Selbstbewusstsein: Gareth sieht nur Stereotypen in ihnen (vor allem bei Carl als „kid“ ersichtlich), gerade das wird ihm dann aber hoffentlich/vielleicht das Genick brechen. Lassen wir uns überraschen.

Insgesamt hat sich Staffel 4 wahnsinnig gemausert, vor allem was ihr Interesse an den Figuren in der zweiten Hälfte anbelangt.  Diese zweite Hälfte wird nicht als spannendste Strecke von Episoden von The Walking Dead eingehen, aber sie hat die größte Schwäche der Serie – die Beliebigkeit vieler Figuren – großteils getilgt. Größere charakterliche Baustellen gibt es von peripheren Figuren wie Rosita abgesehen nur noch bei Glenn und Maggie. Was die Serie jetzt noch entwickeln muss, um eine umfassend gute Serie zu werden, ist ein zielgerichtetes narratives Modell, denn der bloße Überlebenswunsch ist mittlerweile einfach ein zu vages Ziel, um immer noch spannend zu sein. Die Serie hat kurzfristig Terminus und langfristig Washington D.C. im Visier, und letzteres wäre in der Tat ein Ziel, das Rick und Co. eine höhere Aufgabe geben könnte – insgesamt darf man also auf jeden Fall optimistisch sein. Vor allem, nachdem The Walking Dead seine beste Staffel bislang hinter sich hat.*

Mehr Bla:

– *: Na gut: Die Rückkehr des Governors war eher nicht so gut, von dem sehen wir besser einfach mal ab.

– Was bin ich froh, dass Joe und seine Bikergang tot sind. Das waren die hanebüchensten Figuren der Serie seit Langem, besonders mit ihren übertrieben ernst genommenen Regeln grenzten sie gelegentlich an die Lächerlichkeit. Auch in dieser Folge: Daryls charakterliche Einschätzung von Rick, Carl und Michonne als „good people“ wird sofort zur Lüge deklariert, und schon hagelt es eine Prügelstrafe für ihn. Huh? Naja, jetzt ja egal. Zum Glück.

– Schöner Charakterelement: Michonne bestrafte sich einst selbst, indem sie ihren Verlobten und Freund als Zombies mit sich führte. Eine Erklärung, die irgendwie 30 Folgen zu spät kommt.

– Dass Beth im Staffelfinale gar nicht aufgetaucht ist, lässt mich hoffen. Das lässt den Autoren den Freiraum, sie noch am Leben zu lassen, und dank der guten Chemie zwischen Daryl und ihr sowie der investierten Zeit in ihrem Charakter bin ich optimistisch, noch mehr von ihr zu sehen.

– Habe ich das richtig gesehen: In einem Zwischenhof am Terminus-Areal liegen menschliche Überreste? Dass das nur kurz eingeblendet wurde, rechne ich der Serie hoch an: Da werden wir nicht mit der Erklärungskeule erschlagen, dass da Kannibalen am Werke sind, aber dennoch darf man es begrüßend aufnehmen. Überhaupt muss man einmal mehr das Setdesign loben, das in „Terminus“ einfach rundherum gelungen war: Gareths Hauptquartier hat genau die richtige verunsichernde Aura, der merkwürdige Gedenkraum lässt dutzende Fragen zu, und auch das Äußere des Containers war ansprechend. Ich bin vor allem froh, dass dieses neue Set, das scheinbar ein längerfristiger Schauplatz der Serie werden dürfte (Gareth, der Anführer, ist eine der Hauptfiguren der nächsten Staffel), nicht dem Gefängnis gleicht oder ähnelt, sondern sehr einzigartig wirkt.

– Zufällige Begegnung mit einem Menschen mitten im Wald, der genau zu dem Zeitpunkt stirbt, in dem Rick und Co. ihn sehen? Check. Manche Dinge ändern sich nie.

– Michelle MacLaren dürfte mittlerweile die gefragteste Regisseurin der TV-Branche sein. Einfach fantastische Arbeit. Aber auch das Editing ist gerade in dieser Folge wirklich nicht von schlechten Eltern.

Fazit: 8,0 von 10 Punkten.

Als Staffelfinale ein wenig antiklimatisch, aber eine durchwegs gute Folge: „A„/ „Terminus“ ist eine tolle Zusammenfassung der 4. Staffel. Spannend, toll ausgestattet, und charaktergetrieben – so soll The Walking Dead sein.

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6 Gedanken zu “Kritik: The Walking Dead 4.16 „A“ / „Terminus“.

  1. Insgesamt ein sehr gutes Finale,

    auch wenn der ganz große Moment fehlte. Vllt. haben die Verantwortlichen die Erwartungshaltung zu hoch geschraubt. Aber ich bin froh, dass die Serie uns noch nie einen dämlichen Cliffhanger beschert hat, welchem dann nie eine gute Auflösung hätten folgen können. Das haben schon zu viele Serien verbockt und ich brauche das nicht mehr. Dagegen war aber das Midseason-Finale von Staffel 2 vorbildlich, als die Kleine (Sophia ?) als Zombie aus der Scheune gewackelt kam. Sowas gerne öfters. Den Spruch am Ende fand ich ebenfalls dämlich.

    Naja, hoffentlich halten wir uns nicht zu lange in Terminus auf, ist der Serie ja schon ab u. zu mal passiert. Und ich glaube by the Way noch an ein tragisches/grausames Ende für Beth.

  2. Hi, bei mir ist es schon ein muss, nach jeder Folge, hier vorbei zuschauen.

    Ich liebe es wie du alles hier schreibst und dir mühe gibst. Dankeschön dafür.

    Es ist total spannend und eine super Ergänzung zur Serie.

    Wollte das nur mal loswerden, weil ich das Gefühl hatte es hier zu würdigen.

    Freue mich auf Herbst und weitere Kommentare,Beschreibung,Kritik etc. Von dir.

    Schöne Grüße aus NRW

  3. habe in den letzten tagen, während ich mir die serie ansah, deine seite stets parallel gelesen. manches seh ich anders, auf vieles hast du mich erst aufmerksam gemacht – danke! fühle mich durch dich bereichert!
    inhaltlich will ich garnix anmerken – der anlass, hier einen kommentar zu schreiben, ist nur mein wunsch, dich auf einen sprachlichen fehler hinzuweisen: es heißt „die Klimax“, nicht „der Klimax“. das wort benutzt du laufend – und immer mit dem falschen Geschlecht.
    ich weiß nicht, ob das kleinlich oder besserwisserisch rüberkommt, aber wollte dir das mitteilen – mich hat das beim lesen permanent gestört.

    lg

    • Nein, das ist ganz und gar nicht kleinlich. Vielen Dank, dass Sie mich darauf hinweisen. Klimax scheint tatsächlich weiblich zu sein… das hätte ich nie gedacht. Fühlt sich für meine Begriffe auch ganz falsch an – komisch, wie ich das intuitiv falsch verwende. Umlernen wird schwierig, aber ich werde es versuchen.

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