Kritik: The Walking Dead 4.15 „Us“/ „Vereint“.

„Ain’t nothin‘ sadder than an outdoor cat thinks it’s an indoor cat.“

Terminus: Das Schlagwort der letzten Wochen in The Walking Dead nimmt nun so langsam Gestalt an. „Us„/ „Vereint“ prophezeit, dass das Zusammentreffen womöglich gar nicht so friedlich stattfinden wird. Inzwischen kreuzen sich bereits die ersten Wege, und große Pläne für die Zukunft werden gefällt: Terminus wird wohl nicht die Endstation unserer Reise sein.

Walking Dead 4.15 Abraham

Glenn, Tara und Abrahams Bande entdecken Maggies Hinweise, sie würden nach Terminus gehen. Dann führen die Gleise allerdings durch einen finsteren Tunnel, durch den Maggie vermeintlich gegangen ist…

Ab hier gibts wie immer volle Spoiler für die Episode.

Wir.

Manche Serien wissen von Anfang an, wohin sie steuern werden, auch wenn der konkrete Pfad vielleicht noch nicht gepflastert wird: Ted Mosbys Ziellinie, die Begegnung mit seiner zukünftigen Frau, war von Anfang an besiegelt. Aber auch Serien wie Breaking Bad, die ihre Geschichte nicht als großen Flashback verstehen, besitzen bereits frühzeitig ein konkretes Ziel: Walter White wird erst zum Drogenkönig, muss dann aber für seine Taten bezahlen – da führte kein Weg herum. The Walking Dead ist nicht so eine Serie, in der ein langfristiges Ziel gegeben ist. Die Serie muss mehr sein als bloß ein ewiger Kampf ums Überleben sein, denn sonst – und das hat die zweite Hälfte der aktuellen Staffel recht eindrucksvoll gezeigt, sind die Überlebenden wenig mehr als wandernde Tote.

Nun, kurz vor der Ankunft bei Terminus, bringt die Serie diese Frage in den Vordergrund. Vermeintlich sichere Hafen wie die Farm und das Gefängnis sind schlussendlich doch gefallen, und auch das idyllische Terminus-Areal wird wohl nicht ewig stehen. (Wie es bei diesen Sicherheitsvorkehrungen überhaupt noch steht ist eine andere Frage, aber vielleicht gibt es ja noch einen Twist.) Erstmals liegt aber eine permanente Bleibe nicht im Interesse der Überlebenden, erstmals existiert ein höheres Ziel: die Welt retten. Ich könnte zwar darauf verzichten, dass Abraham das in wirklich jeder Folge von Neuem betont, als ob es eine neue Erkenntnis wäre, aber im Grunde hat er recht: Dafür würde es sich doch lohnen, sein Leben zu riskieren.

Wie diese Reise nach Washington D.C. aussehen wird und wie sie vor allem ausgehen wird, werden wir in Staffel 5 zu sehen bekommen. Vielleicht gibt es tatsächlich Chancen auf einen Anti-Virus, aber vielleicht ist Washington genau so eine Endstation wie die CDC in Staffel 1. Inzwischen sorgt aber die bloße Idee, eine Chance für die Menschheit zu wittern, für eine ungewohnte Einigkeit unter der Handvoll Überlebender aus dem Gefängnis, die bis zum Ende der Folge Abraham, Eugene und Rosita begegnet sind. Hoffnung hält die Gruppe nicht nur zusammen, sondern auch am Leben – und es ist diesmal nicht bloß das Vertrauen auf einen Platz, an dem sie eine Weile lang leben können, bevor dann doch wieder alles unausweichlich den Bach runtergeht. Vielmehr ist es die Suche nach einem Sinn, auf der man unvermutet auf einen Antwort gestoßen ist. Und erstmals seit dem Fall des Gefängnisses existiert ein konkreter Plan, an dem sich die Protagonisten orientieren können und an den angelehnt sie Selbstvertrauen tanken können: erst Terminus, dann D.C. Ein solider Plan.

Diese gemeinschaftliche Sinnfindung findet ihr Gegenüber in Joes Gruppe – die Gang, der Daryl mehr oder weniger in die Hände gefallen ist. Diese Truppe ist eine der weniger konsequent weitergedachten Parteien von The Walking Dead – sie macht den Eindruck, als würden interne Konflikte dazu führen, dass alle paar Wochen die Besetzung ausgetauscht würde. Diese Gruppe ist eine Zweckgemeinschaft, die nicht von einem höheren Ziel zusammengehalten wird – an dessen Stelle sind Regeln, die das Zusammenleben peinlichst genau regeln. Ganz ehrlich: Es ist schon beinahe kindisch, wie diese gefährlich aussehenden Männer nach einem „wers findet darfs behalten“-Mantra leben, und die „Claimed!“-Ausrufe kann man kaum für bare Münze nehmen – das grenzt dann doch ein wenig an Lächerlichkeit.

Diese Bikergang ist die (nicht sonderlich glaubwürdige) Antithese zu unseren Figuren – Aug um Aug, Zahn um Zahn, und jeder ist sich selbst der Nächste. (Außer Joe, der Daryl aus unerfindlichen Gründen zu trauen scheint, obwohl Daryl bereits mehr als einmal eine Waffe gegen Joes Männer erhoben hat.) Sie unterstreicht, wie Rick und Co. sich weigern, aufzugeben: Joe sieht in Terminus bloß eine Illusion, ein weiterer Rüchschlag, ein verlorener Posten. Aber Rick und Carl und Michonne, Carol und Tyreese, Sasha und Bob und Maggie, sowie Glenn und Tara und Abrahams Truppe erkennen allesamt, dass Terminus der Ort für sie sein kann. Sie glauben daran, dass diese Bastion noch besteht, trotz der negativen Erfahrungen in ihrer Vergangenheit.

Und instinktiv wissen sie, dass die jeweils anderen Gruppen ebenfalls früher oder später am Terminus ankommen werden – weil sie darauf vertrauen, dass auch die anderen Gruppen nie die Hoffnung aufgeben. Eine Lektion, die für Joes Truppe fremd ist, während die Überlebenden des Gefängnisses das in den letzten Episoden ausgiebig und seperat erhalten haben. Darum existiert für unsere Helden ein „wir“ (siehe Episodentitel), während Joe und Co. einzeln auf die Jagd gehen und um die Beute streiten müssen. Oder, um es mit den Worten aus Firefly oder Lost auszudrücken: In Joes Gruppe wird jeder allein sterben.

Vignetten.

The Walking Dead hat nicht in jeder Episode ein zentrales Thema, das die unterschiedlichen Handlungsstränge zu einem größeren Ganzen verwebt (oder bin ich erst seit geraumer Zeit in der Lage, diese zu erkennen?), aber gerade in dieser vierten Staffel geschieht das mit erfreulicher Regelmäßigkeit. „Us„/ „Vereint“ meint es allerdings vielleicht sogar zu gut: Bei Daryls Auseinandersetzung mit dem Bärtigen torpediert uns die Serie geradezu mit dem Kontrast zwischen Joes Gruppe und den Überlebenden – nur nimmt die Serie Joes Regeln so ernst, dass diese unwahrscheinliche Truppe sehr gekünstelt wirkt. Ich werde nicht traurig sein, die Bande zum letzten Mal zu sehen.

Quelle: The Walking Dead Wikia. Credit: Gene Page/AMC No copyright infringement intended, this is purely for educational purposes.

Us“ ist keine besonders dicht geflochtene Episode, deren Handlung teilweise recht Vignetten-artig rüberkommt, dabei aber auch ein paar interessante Charakterfacetten zeigt. Wir bekommen etwa erstmals ein Gespür dafür, wie Dr. Eugene Porter so drauf ist, der Wissenschaftlicher, der womöglich der Schlüssel für die Rettung der Menschheit ist – und der ist überraschend originell. Er ist ganz klar der comic relief der Gruppe, ein Figurentyp, den The Walking Dead bislang bewusst noch nicht aufgegriffen hat. Die Serie hat noch selten gewagt, Humor bewusst zu platzieren (unfreiwilliger Humor allerdings…), und Eugene scheint da ein gut gewählter Schritt zu sein – sein trockener Humor integriert sich gut in diese Welt, und sein Gaming-Jargon dürfte die Zielgruppe großteils ansprechen.

Weitere kurze Eindrücke: Rositas Eindruck fällt hingegen deutlich flacher aus – ihr Auftritt erinnert da eher an good old T-Dog, so unscheinbar. (Interessanterweise trägt sie jetzt nicht mehr knappe Bluse und kurzer Rock.) Abraham lebt für die Mission; die anderweitige Leere in seinem Leben lässt vermuten, dass uns da noch eine ausführlichere Hintergrundgeschichte geliefert wird. Carls und Michonnes Spielerei auf den Gleisen ist adrett – da muss sogar Rick lachen, der mittlerweile nicht mehr ganz so wie ein geschlagener Hund aussieht. Und dann ist da noch Glenns Wiedersehen mit Maggie, das mich merkwürdig kalt lässt, einfach weil die beiden sich fast ausschließlich durch ihre Liebe füreinander definieren.

Die Reise endet nun vorübergehend tatsächlich bei Terminus. Jene, die überlebt haben, kommen nun tatsächlich so langsam an – aber ob es umgekehrt genauso sein wird? Die Schlusssequenz ist eine der spannendsten, die The Walking Dead je hervorgebracht hat: Terminus wirkt fast schon surreal, zu idyllisch. Im Gegensatz zum Gefängnis scharen sich hier nicht dutzende Zombies um die Absperrung herum, die Pflanzen wachsen optimistisch, und die Frau namens Maria begrüßt sie mit offensten Armen. Und ich liebe, wie in dieser Folge bereits ein Sturm aufzieht, der verdeutlicht, dass Rick und Co. wirklich überall eine Schneise der Verwüstung hinterlassen: Joes Gruppe sinnt auf Rache an Rick und Michonne, die Terminus wohl zuerst erreichen werden. Da wird der Frieden nicht lange währen…

Noch mehr Bla:

– Weil das oben nirgends richtig passen wollte: Die Tunnelsequenz. Glenn ist ja fast lebensmüde, mit kaum Munition und bloß zu zweit in den stockdunklen Tunnel zu laufen, aber Maggie?? Warum zum Teufel würde Maggie nicht außen rum gehen wollen, auch wenn es vermeintlich einen ganzen Tag lang dauern würde? (Wie Abraham, Rosita und Eugene feststellen gibt es auch so etwas wie Autos.) Das wäre auf jeden Fall sicherer, als vollkommen lebensmüde durch diesen Tunnel zu spazieren. Andererseits ist dieser Tunnel aber auch ein tolles Set, vor allem der Tunneleingang wirkte schön schaurig.

– Ich wurde letztens darauf hingewiesen, dass man Daryl mit nur einem R schreibt. Hoppla.

– Das Auto, das Beth entführt hat, besitzt eine frappierende Ähnlichkeit zu jenen in der Garage, in der Joes Gang Unterschlupf findet. Zufall?

– „LET MOMMA BE“, liest Abraham auf der Windschutzscheibe stehen. Ups. Das sind die kraftvollen Momente, die The Walking Dead zwar in jeder Folge findet, aber noch dichter streuen müsste.

– So weit war Terminus nun scheinbar gar nicht vom Gefängnis entfernt. Wie die beiden Gemeinschaften monatelang nichts voneinander wussten, obwohl es ständige Plünderungsausfahrten gibt, ist mir ein wenig ein Rätsel.

– „You don’t need a picture of me. You never will again.“ Das einzige Foto von Maggie… und Glenn lässt es von Maggie verbrennen? Liebesschwüre hin oder her, er will halt ein Foto von dir.

– Maggie trägt Daryls Poncho!

– „Claimed!“ Ich hab mich wirklich weggeschmissen. Schön, dass wir nun einen Kontext dafür haben, wie übertrieben die zwei Männer in der Episode „Claimed“ um das Bett stritten, unter dem sich Rick versteckte – aber nicht, dass es damit irgendwie mehr Sinne ergebe.

Fazit: 7,0 von 10 Punkten.

Us„/ „Vereint“ ist durch seinen Vignetten-artigen Aufbau mehr Setup fürs Finale denn eigene Geschichte. Die Frage nach dem Ziel ihrer Reise vereint die geographisch voneinander isolierten Gruppen – und so ist es kein Wunder, dass sie sich so langsam wiederzufinden beginnen.

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4 Gedanken zu “Kritik: The Walking Dead 4.15 „Us“/ „Vereint“.

    • Gar nirgends, leider! Terminus ist kein Handlungsstrang, den die Comics verfolgt haben. Gareth ist laut Internet eine Neuinterpretation einer Figur aus der Comics, aber ich habe sie nicht wiedererkannt – vielleicht auch deswegen, weil wir kaum noch etwas von ihm wissen.

      Kritik zum Finale erscheint übrigens in etwa einer halben Stunde.

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