Kritik: How I Met Your Mother 9.19 „Vesuvius“.

„What mother misses her own daughter’s wedding?“

How I Met Your Mother hat deutlich mehr Druck, sein Serienfinale zufriedenstellend hinzukriegen, als es Comedy-Serien für gewöhnlich tun. Dem Titel muss nach wie vor Rechnung getragen werden, und nach immerhin knapp 9 Jahren haben sich natürlich hohe Erwartungen eingestellt. „Vesuvius“ wirft allerdings eine weitere, vielleicht sogar noch wichtigere Frage auf: Wird das Finale denn auch der Philosophie der Serie gerecht – oder wird uns die Botschaft, die uns in „9.24 Last Forever, Part 2“ geboten werden wird, die komplette Serie in neuem Licht erscheinen lassen?

Quelle: CBS. All Rights Reserved, no copyright infringement intended.

Wir schreiben das Jahr 2024. Im verschneiten Farhampton Inn erinnern sich Ted und die Mutter an die Geschichte, wie sich Barney am Tag seiner Hochzeit für einen Anzug entscheiden hat müssen. Es ist eine Geschichte wie jede andere von How I Met Your Mother, und doch berührt sie das Paar mehr, als ihnen lieb ist…

Ab hier gibts wie immer volle Spoiler für die Episode.

Die Vergänglichkeit des Seins.

Schon seit langer Zeit kursieren ja die Gerüchte, dass Ted seinen Kindern seine Geschichte erzählt, weil deren Mutter bereits tot ist. Diese Spekulationen wurden in der Staffel-8-Folge „The Time Travellers“ intensiviert, als Ted der Mutter 45 Tage vor ihrer Begegnung gesagt hätte, wie unendlich gern er sie diese 45 Tage lang länger gekannt hätte – implizierend, dass die gemeinsame Zeit nur von begrenzter Dauer sein wird. Mit „Vesuvius“ intensivieren sich diese Mutmaßungen nicht nur: Es wird geradezu dargelegt, dass die Mutter das Jahr 2030 nicht mehr sehen wird. Ganz sicher ist das noch nicht – es könnte ja womöglich auch nur ein äußerst fieser roter Hering sein – aber es wirft auf jeden Fall die Frage auf: Darf eine Comedy-Serie, noch dazu eine so mit Erwartungen gespickte wie How I Met Your Mother, auf einer solch tragischen Note enden?

Es ist der größte Plot-Twist in der Geschichte der Serie. Von großen Überraschungen hat sich How I Met Your Mother eher stets ferngehalten – Marshall und Lily sind schon seit der ersten Staffel das perfekte Paar, und Robin und Barneys Vermählung ist, im Nachhinein betrachtet, auch nicht gerade weit hergeholt. Die Unausweichlichkeit, die die Erzählstruktur der Serie bietet – der 2030 Ted ist zwar ein unzuverlässiger, aber im Grunde auktorialer Erzähler – würde sich da perfekt einreihen. Sie bot der Serie ja schon immer einen optimistischen Grundton, der, so denke ich, entscheidend zu ihrer Popularität beiträgt. Egal, wie schlimm es um den Ted der Gegenwart bestellt ist – ob er nun am Altar stehen gelassen wird, ob ihm die hundertste Freundin davonläuft, oder ob die vermeintliche Frau seines Lebens seinen besten Freund statt ihn heiratet – der zukünftige Ted weiß stets, wie er mit einem lachenden und einem weinenden Auge zurückblicken kann. Jede Niederlage Teds lässt ihn nicht nur wachsen, sondern sorgt auch dafür, dass er schlussendlich die Mutter seiner Kinder treffen wird. How I Met Your Mother ist eine ganz, ganz große Liebesgeschichte, deren Happy End die Sichtweise auf all die Ereignisse auf dem Weg dorthin beeinflusst hat.

Nun aber steht die Möglichkeit im Raum, dass das gar kein Happy End ist – dass Ted nach acht langen Jahren auf der Suche nach der Liebe doch nur ein temporäres Glück gefunden hat, das ihm gerade mal 10 Jahre später grausam entrissen wird. Eine Entscheidung, die sicher entgegen all den Genre-Konventionen der Komödie geht, und die die Serie im Gesamten doch deutlich näher in den Bereich der Tragik-Komödie rückt, als man es hätte vermuten können, geschweige denn Fans erhofft haben. Dennoch, so möchte ich argumentieren, steckte diese tragische Möglichkeit schon immer in den Genen von How I Met Your Mother, denn: Die Idee, dass Glück nur ein temporäres Phänomen ist, ist für die Serie nicht neu.

Das Serienfinale trägt den Titel „Last Forever“ – aber wie wir wissen ist nichts für die Ewigkeit, am Allerwenigsten das menschliche Leben. In „Vesuvius“ wird der Gang klar, dass dies wohl das (vermeintlich) letzte Mal für eine Weile sein wird, dass sie zusammen sind – und so beschließen sie, das Beste daraus zu machen. Selbiges gilt aber auch für die acht Jahre zuvor: Ted, Barney, Robin, Marshall und Lily haben gemeinsam gescherzt und gelacht und geheult; sie sind miteinander erwachsen geworden und haben sich ihr Leben aufgebaut, stets mit ihrer gegenseitigen Mithilfe. All die Zeit, die sie in MacLaren’s Pub verbracht haben, ist Geschichte – und dennoch ist für jeden Einzelnen von ihnen diese Zeit unsterblich, vielleicht sogar die wichtigste Zeit in ihres Lebens.

Der Weg ist das Ziel.

How I Met Your Mother ist eine Geschichte, in der der Weg das Ziel ist. Man bedenke: Wäre die Serie nicht noch ein weiteres Mal zu ihrer neunten und letzten Staffel verlängert worden, wäre die Mutter in bloß ein paar wenigen Folgen, vielleicht sogar nur einer einzigen, wie in einem Appendix aufgetaucht, ohne dass wir sie je näher kennen gelernt hätten. Leider haben wir nun auch in einer gesamten Staffel bei Weitem nicht genug von ihr erfahren, wie man sich das wünschen würde – vor allem dank der herrlichen Chemie zwischen Cristin Milloti und der Gang sehr schade. Aber auch in dieser letzten Staffel hat die Serie nicht aus den Augen verloren, dass die Geschichte, wie Ted Mosby die Mutter seiner Kinder kennen lernt, im Grunde jene von Ted ist – wie er lernt, die Frau, die er liebt, loszulassen, um dafür eine andere große Liebe kennen zu lernen. Ohne dieses Loslassen hätte er das Farhampton Inn wohl nicht noch am Abend der Hochzeit verlassen und darum nicht die Mutter kennen gelernt. Und wie wir in der 200. Folge der Serie („How Your Mother Met Me„) erfahren haben, ist gerade dieses Loslassen Lernen die eine Sache, die Ted und die Mutter am Innigsten verbindet. Ganz klar: Ohne Robin keine Mutter.

Nun, im Jahre 2024, blüht ihm das selbe Schicksal erneut – er wird die Frau seines Lebens verlieren, und er kann nichts dagegen tun. Aber das ist ein deutlich reiferer Ted als der Schmosby von 2005: Einer, der zwar nie aufgegeben hat, an die allumfassende Wichtigkeit und Kraft der Liebe zu glauben, aber auch einer, der gelernt hat, damit umzugehen, wenn man sie nicht bekommt oder sie verliert. In diesem Sinne ist Ted sicher ein vom Schicksal schwer gebeutelter Mann, der aber nie aufgibt, auch die positiven Seiten des Lebens zu sehen. In How I Met Your Mother gibt es kein Happy End, weil auch im echten Leben keines existiert – weil es nicht endet, bis man stirbt. Weil im echten Leben jedes Ende einer Geschichte auch der Anfang einer neuen ist. Wenn sich das Kapitel Robin für Ted schließt, dann fängt jenes der Mutter an. Und wenn das ihrige endet, dann ist das immer noch längst nicht das Ende aller Tage. Wo die Serie aufhört, geht das Leben weiter. Es ist vielleicht nicht das Ende, das sich unsere romantischen Herzen herbeigesehnt haben – aber eines, das sie in 208 Folgen voller Errungenschaften und Niederlagen, voller Höhe- und Tiefpunkte, voller Hoffnung und Verzweiflung hoffentlich gelernt haben werden zu akzeptieren.

Nicht, dass Akzeptanz den Verlust einfacher machen würde. Ein paar Tage nach der Erstausstrahlung von „Vesuvius“ kaue ich immer noch daran – solch einen herben Schlag in die Magengegend hätte ich nicht erwartet, geschweige denn verdient. Aber gerade darum ist „Vesuvius“ doch ein Triumph – viele der flachen Witze habe ich bereits vergessen, und in ein paar Wochen wird mir nur noch eine flüchtige Erinnerung von den Geschehnissen im Farhampton Inn 2013 bleiben. Aber was Ted und die Mutter 2024 da über die Gefahr plaudern, dass sich Ted womöglich in seinen Geschichten verlieren könnte, wenn die Mutter nicht mehr da ist, um das zu verhindern, während wir wissen, dass er 2030 seinen Kindern eine ewig lange Geschichte erzählt – das wird mir bleiben und ewig das Herz brechen. Und ein schniefender Ted nach den denkwürdigen Worten „What mother misses her own daughter’s wedding?“ wird wohl als eine der besten Momente der Serie eingehen. Gleichzeitig werde ich aber lernen – eben genau wie Ted – mit diesem Verlust zu leben.

Man darf ruhig so über TV-Figuren reden, wenn Serien es schaffen, sie so lebhaft darzustellen, dass man in sie emotional investiert. Das hat Ted auf jeden Fall getan: Auch wenn sein Sinn für Romantik es manchmal gar zu gut mit ihm meinte, ist Ted doch ein so gutes Herz der Serie, dass man ihm mehr wünscht als bloß ein Jahrzehnt mit seiner Frau. Der Spaß und Schabernack, den How I Met Your Mother mit Ted gern mal treibt, macht ihn liebenswürdig, aber es ist sein unaufhörlicher, aufrichtiger Glaube an die Liebe, der einen an ihn glauben und für ihn hoffen lässt. Und auch wenn die Serie beizeiten unglaublich witzig sein konnte: Gerade die emotionalen Momente vermochte die Serie immer wieder mit einer Mischung aus Humor, Sentimentalität und Optimismus zu versehen, die die Serie von Artgenossen wie The Big Bang Theory abhebt.

Und darum, so denke ich, wird das Seriefinale von How I Met Your Mother funktionieren – ganz abgesehen davon, wie romantisch ihre erste Begegnung wirklich wird: Weil das Finale nicht auf Humor, sondern auf Sentimentalität getrimmt werden wird, in noch größerem Ausmaße, als dass wir es vor dieser Staffel vermuten hätten können. Schon zwischen den Jahren 2005 und 2013 war die Serie kein Märchen von der perfekten Liebe – sondern eine Lehrstudie Teds, wie er dem Schicksal trotzte und dennoch eine glückliche Zeit hatte. Nun, da How I Met Your Mother die selbe Erkenntnis wohl auch 2030 zeiehn wird, macht mich das wahnsinnig traurig – aber gleichzeitig berührt mich Teds Geschichte tief, weit mehr noch, als es ein Happy End für ihn getan hätte.

Aber vielleicht lebt die Mutter ja doch noch, und ich bin bloß einem riesigen roten Hering hereingefallen.

Bla:

– Achso, zur Folge: Die Ereignisse am Farhampton Inn 2013 waren großteils okay, auch wenn die Folge wohl zu den unwitzigsten der Serie gehört. Viele Witze wirkten ungewöhnlich mechanisch – gerade die ansonst so toll funktionierenden Callbacks zu früheren Staffeln waren sehr spröde. Der Swarley-Witz lag beispielsweise viele Minuten in der Luft, nur um schließlich von Marshall ausgesprochen zu werden, als wäre es der größte Kracher der Episode. Auch „The Wedding Bride Too“ ist ein humoristisches Ödland, das How I Met Your Mother von seiner schlechtesten Seite zeigt.

– Andererseits gab es auch diese Momente der Erleuchtung, in denen die Serie so irre gut ist. Teds Monolog über den Anzug Barneys ist wahnsinnig schön, und als die Kamera dann zurückzoomt und zeigt, wie der Anzug nun plötzlich perfekt sitzt, ist How I Met Your Mother in Höchstform – ist das wirklich die gleiche Sendung, die im zweiten Handlungsstrang so ausdruckslos sein kann wie in „The Wedding Bride Too“?

– Dass Robins Mutter doch noch zur Hochzeit kommt ist nun nicht die große Überraschung, und darum fand ich dieses Wiedersehen auch nicht so bewegend, wie sich die Serie das wünschen würde. Aber wenigstens ist nun Schluss mit Robins Gleichgültigkeit gegenüber ihrer eigenen Hochzeit.

„When a moment is too intense…“ – „…it’s best to leave it unspoken.“

– Eine schöne Theorie, die ich im Netz las: Wir erfahren den Namen der Mutter in der letzten Episode… auf ihrem Grabstein.

Fazit: 7,0 von 10 Punkten.

Vesuvius“ ist eine mittelmäßige, großteils lachfreie Episode, aber ist das Sprungbrett für Überlegungen, ob eine 9-jährige Geschichte auf einer traurigen Note enden darf. Da das Geschichtenerzählen aber genau How I Met Your Mothers Metier ist, mache ich mir da keine großen Sorgen.

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2 Gedanken zu “Kritik: How I Met Your Mother 9.19 „Vesuvius“.

  1. Superinteressante Theorie. Hatte bisher erwartet, dass um diese Erzähler-Ebene eine weitere gepackt wird, in der Sohn/Tochter ihren Kindern erzählen, wie die Geschichte ihres Vaters sie zu ihrem Partner brachte (oder so). Die Hinweise, dass The Mother stirbt, sind aber doch da – sogar sehr stark – und ich hab sie völlig übersehen (vielleicht auch nicht sehen wollen).

    Auf das Finale von HIMYM freue ich mich momentan viel viel mehr als im Grunde alle anderen Serien. Hätte das – gerade bei der erste Staffel – aber nie erwartet, dass mich diese Serie so mitnehmen könnte.

    (Sehr gutes Review. Schaue mir die Folge demnächst nochmal an mit deinen Gedanken im Hinterkopf, ob sie dann nicht ganz anders auf mich wirkt.)

  2. Pingback: Kritik: How I Met Your Mother 9.23 “Last Forever”. | Blamayer TV

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