Kritik: The Walking Dead 4.12 „Still“/ „Alkohol“.

„We’re gonna need more booze.“

Die Zerstörung des früheren Haupt-Handlungsortes bringt The Walking Dead dazu, mit verschiedenen Erzählformaten zu experimentieren. Das orientierungslose „4.10 Inmates“ war diesbezüglich der einzige Missgriff bislang, glücklicherweise bleibt das vorerst so: Obwohl „Still„/ „Alkohol“ den spannungsärmsten Handlungsstrang der Nach-Gefängnis-Ära aufgreift – die Beth-Darryl-Paarung – und sich komplett diesem verschreibt, weiß die Folge zu überzeugen.

Quelle: Offizielle The Walking Dead Facebook Homepage. No copyright infringement intended, I do not own anything.

Beth und Darryl sind ein ungleiches Paar: sie zart und emotional, er alles andere. Es dauert also nicht lange, bis sich die beiden in die Haare kriegen: Beth möchte Alkohol aufstöbern, um sich ihr Leid von der Seele zu trinken. Weil Darryl das nicht gut heißt, bricht sie allein auf…

Ab hier gibts wie immer volle Spoiler für die Episode.

Ein stilles Feuer.

The Walking Dead weiß, wie gut sein Pilot war und was ihn toll gemacht hat. In jeder Staffel versucht die Serie, dies zumindest einmal zu emulieren – das mittelmäßige „18 Miles Out“ in Staffel 2, das grandiose „Clear“ in Staffel 3 sowie nun schon eine Reihe von Episoden in der aktuellen Season. All das sind Folgen, die lediglich einen Bruchteil der Besetzung benötigen, um eine klare und effektive Geschichte zu erzählen. Es scheint nicht nur eine Formel zu sein, die gut funktioniert – die genannten Episoden gehören sicher zu den drei besten Folgen ihrer Staffeln – The Walking Dead wird auch immer besser darin, in diesen eingeengten Episoden neue Blickwinkel auf das Gesamtbild der Serie zu finden.

Still“ hat zum Beispiel das beste Finale einer The Walking Dead-Folge seit dem Tod Loris, und das, obwohl gar nicht einmal etwas allzu Wichtiges passiert. Beth und Darryl fackeln ein Haus ab – das ist alles. Aber diese pure Trotzhaltung, die die beiden nach langwierigem und intensivem Streit dann doch wieder an einem Strang ziehen lässt, hat etwas so unvermutet Befreiendes, dass man gerne verzeiht, dass die erste Hälfte der Episode The Walking Dead im Autopilot dahintuckert.

Es ist auf jeden Fall ein kreativer Befreiungsschlag für die Serie, in mehrerlei Hinsicht: Erstmals seit einer halben Ewigkeit verspüren da die Figuren einen echten Glücksmoment, und gerade weil die Serie sonst so misanthropisch ist, sieht man das Feuer mit noch mehr Eifer brennen. Gleichzeitig sind die glückselig erhobenen Mittelfinger auch ein kleiner Triumpf in Sachen Charakterentwicklung, die ewige Achillesverse der Serie – es ist schön, zwei Hauptfiguren nicht nur endlich besser kennen zu lernen, sondern sie auch sich dabei entwickeln zu sehen. Ich liebe etwa die kurze Feststellung Beths in der Szene zuvor, dass Darryl wohl der „last man standing“ sein wird: Darryl überlegt kurz, kann es dann nicht ganz von der Hand weisen – aber es scheint doch eine neue Erkenntnis für ihn zu sein. Und dass Beth das in ihm erkennt, das findet er dann schon recht reizend. Mehr denn je fühlt sich Darryl damit in seiner Existenz bestätigt, und lernt dabei, ein wenig glücklicher mit der Gesamtsituation zu sein: Beth könnte mit niemand Besserem gestrandet sein.

Die Mittelfinger erfüllen aber auch noch einen weiteren Zweck, als bloß Darryl und Beth nach einer turbulenten Folge zu einen: Auf die alte Welt wird geschissen – und das tut gut. The Walking Dead hat den Ruf, misanthropisch zu sein, nicht bloß, weil es viel Tod und Gemetzel gibt, sondern weil viele der Geschichten, die die Serie erzählt, nicht in einen Kontext gestellt werden, der sich im Leben in unserer Welt wiederspiegeln würde. Oftmals findet die Serie keinen tieferen Subtext in ihren Begebenheiten, und dann begiebt sie sich auf eine gefährliche Gratwanderung zu nihilistischen Schlachtorgien. Umso erfrischender also, die Serie auch mal das Positive im Weltuntergang zu sehen und den Figuren ein Erfolgserlebnis zu spendieren sehen, das nicht nur „überleben“ bedeutet: Mit dem Abfackeln des Hauses verabschieden sich Beth und Darryl von alten Lastern dieser Welt, die in einer Zombie-verseuchten Welt keinen Platz mehr haben. Einen faulen und alkohol-kranken Redneck als Vater wird es in dieser Serie jedenfalls nicht mehr geben. Überraschend ist lediglich, warum The Walking Dead nicht früher schon diese Idee aufgegriffen hat.

Alkohol.

Der deutsche Titel der Episode, „Alkohol„, zeigt wenig Finesse, aber bringt die Folge dennoch auf den Punkt. Es ist ein effektiver Katalysator der Episode, der die Figuren nicht nur gegen Ende hin aus sich selbst herausgehen lässt, sondern auch das Abenteuer der Woche auf einer persönlichen Ebene motiviert. Für beide bedeuten Spirituosen die Bindung zu ihren alten Leben – für Beth war das ein einschränkender aber gutherziger Vater, für Darryl ein grausamer und ausfälliger. Mir gefällt, was für ein zweischneidiges Schwert der Alkohol hier ist, ohne dass The Walking Dead dabei moralisieren muss: Es geht nicht darum, ob Alkohol gut oder schlecht ist, sondern was für Erinnerungen er heraufbeschwört.

Für Beth ist der Konsum einerseits eine neu gewonnene Freiheit und ein rebellischer Akt, andererseits aber natürlich auch schmerzlich an den Vater erinnernd, der ihr Alkohol verbot. Damit löst sie sich zwar von alten Fesseln, ehrt damit aber gleichzeitig auch ihren Vater. Diese Dichotomie verspürt auch Darryl: Einerseits erinnert es ihn daran, dass er nie so sein möchte wie sein Vater, andererseits will er Beth einen kleinen Sieg gewähren lassen – nach der Schlacht vom Gefängnis hat sie sich ein wenig Glück verdient. Und so lässt er sich nicht nur darauf ein, die Sicherheit des Camps zu verlassen, sondern später auch mit ihr „Ich hab noch nie“ zu spielen.

Dieses „Ich hab noch nie“ ist ein wirklich häufig verwendetes Erzählmittel in amerikanischen TV-Serien, aber das hat auch seinen Grund: Es funktioniert wunderbar. Ich machte mir zuerst gleich Sorgen, als Beth es vorschlug, dass The Walking Dead dafür zwei Figuren wählte, von denen wir noch so wenig wissen, dass sich enthüllte Geheimnisse wie Exposition anfühlen würden, aber dann bewieß „Still“ doch ein Händchen dafür: Es wirkt zwar ein klein wenig hölzern, zu sehen, wie wenig sich diese beiden nach über einem ganzen Jahr gemeinsamen Überleben erst kennen, aber schon nach wenigen Runden beginnt die Serie, die Zuseher-Erwartungen zu untergraben: Das unschuldig gefragte „I have never been in prison“ (herrliche Ironie übrigens) ist der Zündstoff für den folgenden Schlagabtausch, weil Darryl es satt ist, bloß als redneck zu gelten. Darryl, der in letzter Zeit Gefahr lief, zu einer Armbrust schießenden Michonne zu werden (cool, aber nichts dahinter) schlägt damit einen wichtigen Bogen – die Mischung aus Stolz und Zorn über seine Jugend machen ihn zu einer spannenden Figur.

Auch der unvermeidbare folgende Streit schafft es, zu überzeugen, weil sich die Serie daran erinnert, was für Charaktere sie geschmiedet hat. Gerade Beth ist ja keine Figur, für die sich The Walking Dead besonders viel Zeit genommen hat, aber hier wird wirklich jeder ihrer einschneidenden (haha) Charaktermomente aus den vergangenen Staffeln wieder in Erinnerung gerufen, um Darryls Worte auf Messers Spitze zu bringen, wie etwa der Selbstmordversuch in Staffel 2, den Darryl böswillig als Hilfeschrei betitelt – das war er auch, aber im Nachhinein ist das natürlich eine Anschuldigung. Dass Beth entgegenhält, dass auch Darryl Zeichen der Schwäche gezeigt habe, etwa bei der Entdeckung von Zombie-Sophia in der Scheune, vermittelt, dass The Walking Dead seine Figuren und deren Geschichten doch ernst nehmen kann, wenn die Serie es denn will. Es ist wichtig, dass die Geschichte von The Walking Dead die Figuren langfristig in ihren Handlungen beeinflusst, und dafür ist „Still“ ein tolles Beispiel. Es ist eine fürchterlich späte Erkenntnis, die die Serie da in ihrer 4. Staffel hat, aber besser eine zeitgemäße Kurskorrektur als weiteres Dahinsumpfen.

Variation und Wiederholung.

Zu Beginn der Episode notierte ich mir noch, wie The Walking Dead Folge um Folge zwar eine Serie über das Überleben ist, aber dabei so häufig gänzlich ohne Finesse  agiert – wie etwa beim Governor, der lediglich eine externe Gefahrenquelle war, aber innen drin hohl war. Die erste Hälfte der Episode leidet an eben diesem Problem – sie ist eine Variation des Schemas F der Serie (Expedition durch den Wald, Zombie, Erkunden eines Hauses, Zombies), ohne neue Erkenntnisse zu liefern. Gelegentlich kann „Still“ das durch starke Bilder kompensieren – das Töten, Häuten und Essen der Schlange etwa besitzt eine sehr rohe Bildkraft – aber kann nicht ganz davon Ablenken, dass sich die Serie dabei wiederholt.

Quelle: Offizielle The Walking Dead Facebook Homepage. No copyright infringement intended, I do not own anything.

Zombies sind natürlich eine Prämisse, die inhärent Wiederholungen begünstigt. Beths und Darryls Erforschen des Golfclubs haben wir so oder so ähnlich schon in fast jeder vorangegangenen Episode gesehen. Das Ausstattungsteam hat sich sichtlich Mühe gegeben, der Sequenz ein neues, interessantes Gewand zu verleihen – und die vielen Leichen sprechen auch eine starke Sprache, ebenso wie die Sequenz in der Dunkelheit spannend ist. Aber es sind die Lebenden, die The Walking Dead Leben einhaucht,  und so ist es nicht überraschend, dass die weitgehend Zombie-freie zweite Hälfte der Episode der deutlich stärkere,  weil aussagekräftigere Teil der Folge ist. Es ist zwar schade, dass „Alkohol“ so gar kein Vorwärtsmomentum für die Gesamtgeschichte birgt, aber das nimmt man für die Tugenden der Episode gerne in Kauf. Jetzt heißt es noch zu lernen, beides zu vereinen.

Bla:

– Darryls Pfeil bersten zu sehen ist eine großartige Einstellung – nur ein kleines weiteres Indiz dafür, dass die Welt immer weiter zerfallen wird, selbst die vermeintlich sicheren Dinge sind auf Dauer instabil.

– Letzte Woche hatte ich mich hier noch beklagt, dass die Serie zu selten Musik effektiv einsetzt. Und siehe da – schon wird das Verbrennen des Hauses mit einer glorreichen Hymne unterlegt. Fantastisch!

– Ich habe nun Prüfungen und Umzug hinter mir, ab nun sollten die Montags-Kritiken wieder zeitgemäß erscheinen.

– Herrliche Meta-Analyse: Darryl wird wohl tatsächlich zum last man standing werden, wenn man seine Popularität bei den Fans berücksichtigt.

– Zum Nochmal Anschauen: Darryl and Beth burn down the house. Tolle Szene, auf jeden Fall die beste der Staffel.

Fazit: 8,0 von 10 Punkten.

Still„/ „Alkohol“ ist eine der ruhigsten Episoden der Serie. Die Folge überrascht damit, wie effektiv sie den Fokus auf nur zwei Figuren für eine Charakterstudie nützen kann – allerdings auf Kosten der Plot-Entwicklung.

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5 Gedanken zu “Kritik: The Walking Dead 4.12 „Still“/ „Alkohol“.

  1. ich mag deine reviews, bei aller nötigen zuvor vermißten charakterzeichnung gibt’s für die macher von the walking dead noch einiges zu lernen…
    watch true detective!

    • Just did!
      Über True Detective hab ich aber schon so viele Kritiken gelesen, dass ich beim besten Willen kaum noch eine eigenständige Kritik schreiben kann, die nicht von jenen meines heiß geliebten A.V.-Clubs inspiriert sind.

  2. Pingback: Kritik: The Walking Dead 4.13 “Alone”/ “Allein”. | Blamayer TV

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