Kritik: The Walking Dead 4.11 „Claimed“/ „Besetzt“.

„Toddlers find me funny.“

Zu behaupten, The Walking Dead würde zwischen Genie und Wahnsinn wandeln, wäre übertrieben, aber eine qualitative Pendelbewegung lässt sich schon immer wieder feststellen. „Claimed“ (dt. „Besetzt„) ist Paradebeispiel dafür, pendelt hin und her – von toll inszenierter Spannung bis zur unfreiwilligen Stümperhaftigkeit.

Quelle: Offizielle AMC The Walking Dead Homepage; Gene Page/AMC - No copyright infringement intended.

Dr. Eugene Porter, Rosita Espinosa und Sgt. Abraham Lincoln sind keine gewöhnliche Bande Überlebender, die Glenn und Tara auflesen – sie wollen die Welt. Leider befindet sich deren Ziel, Washington D.C., so gar nicht auf Glenns Radar, der natürlich an erster Stelle seine Frau retten möchte…

Ab hier gibts wie immer volle Spoiler für die Episode.

Atmosphärisches Wandeln.

Dass „Claimed“ sich, im Gegensatz zum vorangegangenen „4.10 Neben dem Gleis„, auf lediglich 2-3 Handlungsstränge beschränkt, kommt der neuen Episode sichtlich zu Gute. Glenns Segment war zwar ähnlich fragmentiert wie in der Vorfolge, aber die Geschichten der Grimes besaßen diesmal so richtig Biss. Mit der Michonne-Rick-Carl-Kombination scheint The Walking Dead wirklich auf Gold gestoßen zu sein – und nun, da sich Michonne wirklich zu einem lebendigen Charakter entwickelt (in einer tollen Fortsetzung zu ihrem Auftritt in „4.09 After„), kann die Serie umso effektiver spannende Momente aus ihren Geschichten schöpfen.

Paradebeispiel dafür ist das Haus, das Michonne und Carl in dieser Episode durchstöbern. Es ist wohl das erste Mal seit Langem, dass bei einer solchen Hausdurchsuchung kein Zombie aus einem verschlossenen Zimmer herausbirst – und wohl gerade darum bleibt die Spannung bis zum Schluss aufrecht, wo man doch bis zum Ende auf das Erscheinen eines solchen „Überraschungsgastes“ wartet… und wartet. Überhaupt war der gesamte Trip eine überraschend spannende Sequenz, wo doch dessen Grundstruktur schon x mal durchgekaut wurde – wenn The Walking Dead schon nicht das Rad neu erfinden kann, so beweist „Claimed“ zumindest, dass man es vermag, das Abenteuer der Woche in ein neues Kleid zu stecken.

Und das tut die Serie in dieser Episode nicht nur in ihren äußerst gelungenen und frischen Actionszenen (dazu gleich mehr). Auch atmosphärisch kann sich die Folge locker zu den besseren der Serie zählen. Das Durchstöbern verlassener Zimmer ist zwar mittlerweile ein alter Hut, aber durch das Wissen um Andre, Michonnes verstorbenen Sohn, gewinnt das nochmal an Schärfe. Und auch das Motiv einer Familie, die sich selber richtete, bevor sie zu Untoten werden, kennt man schon aus „1.01 Days Gone Bye„, die nach wie vor beste Episode der Serie. Und trotzdem hat das Bild dieser fein säuberlich arrangierter Körper etwas wahnsinnig Verstörendes an sich, von dem man sich  kaum losreißen kann.

Aber es sind nicht nur diese Winks an die Vergangenheit, die die Szenen in „Besetzt“ klicken lassen. Mir gefällt beispielsweise, wie sicher sich die erste Szenen im vorübergehenden Unterschlupf von Rick, Carl und Michonne anfühlen – als ob sie glücklich in einem Einfamilienhaus leben würden – nur um dann von einer unachtsamen Bemerkung doch wieder an den grausamen Alltag erinnert zu werden. Das verleiht „Besetzt“ eine solide Struktur mit interessanter Charakterentwicklung – mir gefällt sehr gut, wie Michonne sich öffnet, um Carl über den vermeintlichen Verlust seiner Schwester hinwegzuhelfen, eine echte Win-Win Situation, ohne dass Michonne dafür ihre verschlossene Charakteristik aufgegeben hätte.

Ricks Begegnung.

Während sich Michonne und Carl über die verstorbenen Babys in ihren Familien austauschen, ist Rick mit einer deutlich handfesteren Gefahr konfrontiert: Eine Gruppe gefährlich aussehender und klingender Männer hat sich in ihrem Unterschlupf eingenistet, während Rick ein Nickerchen machte. Ich könnte mir gut vorstellen, dass Rick im Internet bald bloß als „Sleepy Rick“ genannt wird – immer scheint er zu schlafen, wenn grad was Wichtiges passiert. Im Ernst: The Walking Dead spielt einen seiner leider ein wenig zu häufig verwendeten Zufällen aus – nämlich, dass die Männer genau in Ricks Haus landen! – aber Ricks gesundheitlich schlechte Verfassung kann sein tiefes Mittagsschläfchen gut erklären.

Quelle: Offizielle AMC The Walking Dead Homepage; Gene Page/AMC - No copyright infringement intended.

Und sicher: The Walking Dead kann es einfach nicht lassen, Episodenfiguren unrealistisch extrem reagieren zu lassen, um mehr Drama zu erzeugen – die Männer, die das Haus besetzen, würgen sich gegenseitig bis zur Bewusstlosigkeit, um in einem groß genugen Bett schlafen zu können, weshalb der Mann, der Rick zuerst entdeckt, nicht schreien kann. Manchmal fällt die Serie mit solch einer Strategie auf die Nase, nicht so aber hier: „Claimed“ beinhaltet die mitunter spannendste Action-Sequenz der Serie, und das ohne ein geladenes Material a la Staffelfinale zu haben. Ricks Flucht ist von vielen, beinah fatalen Fehlentscheidungen geprägt – Rick läuft in die falsche Richtung, Rick vergisst die Wasserflasche am Tisch, Rick traut sich im günstigen Moment nicht zu fliehen – und lässt gerade darum an Spannung nie los. Mal um mal wird er knapp nicht entdeckt, und das mit einer Frequenz von unterschiedlichen Situationen, die es in sich hat. Die Sequenz zeigt, wie viel spannender doch menschliche Gegenspieler sind als untote, auch wenn die Serie die zufälligen Begegnungen mit Fremden häufig verbockt. Wie meistens sind diese Fremden sehr extrem gezeichnet, aber diesmal funktionierts – denn diesmal erarbeitet man sich daraus eine äußerst spannende Sequenz, die eigentlich nur von ihrem eher lahmen Ende einen Dämpfer versetzt bekommt.

Die Welt retten.

Glenn und Tara gehören zu den dünnsten Figuren der Serie, aber es ist nicht ihr Fehler, dass der C-Handlungsstrang der Folge eine herbe Enttäuschung ist. Vielleicht war meine Erwartungshaltung einfach ein wenig zu groß, aber: Den Auftritt dreier neuer Figuren am Ende von „4.10 Neben dem Gleis“ fand ich ziemlich klasse, ihr Auftreten in „Besetzt“ hingegen… weniger. Die Grundidee für diesen Handlungsstrang ist gar nicht mal eine schlechte – aufgrund eines Lecks im Militärwagen entscheiden sich die drei, Glenn und Tara erstmal zu folgen – und die Enthüllung, dass Dr. Eugene Porter über die Ursache der Seuche Bescheid weiß, ist der Wahnsinn! Leider scheitert die Umsetzung dieses Handlungsstrangs völlig.

In der Gefahr, mich von Kritiken zur dritten Staffel zu wiederholen: The Walking Dead lässt wieder alte Laster aus seiner zweiten Staffel aufkommen: Figuren handeln dämlich, um Drama und Wendungen zu erzeugen. Es ist wirklich die Achillesferse der Serie, und leider ist „Claimed“ da ein großes Negativbeispiel: Während Glenn und Sgt. Abraham Ford auf offener Straße miteinander rangeln, wird die Truppe von einer Herde Zombies überfallen. Anstatt Rosita oder Tara um Hilfe zu bitten, beginnt Eugene wahllos mit dem Maschinengewehr zu ballern – dass er dabei keinen seiner Freunde umnietet grenzt an ein Wunder.

Fast genauso ärgert mich allerdings, wie antiklimatisch uns mitgeteilt wird, was die Mission der drei ist – die Welt retten. Irgendwie schafft es „Claimed“ dabei, bei dem Versuch, es dick aufzutragen, zu scheitern. Anstatt es als die heroische Mission darzustellen, die es im Grunde ja eigentlich ist, kommt Abrahams sich wiederholendes Gerede vom Retten der Welt daher, als ob er sich damit wichtig machen möchte. Eine Entwicklung, die den Fluss der Serie womöglich für immer beeinflussen könnte, hätte sich ein gewisses Maß an Pathos verdient gehabt – stattdessen verhallt sie effektlos.

Bis auf die kurze Exkursion zur CDC im Piloten hat die Serie die Frage, wer oder was für den Ausbruch der Seuche verantwortlich ist, einen großen Bogen gemacht – am Status Quo dieser postapokalyptischen Welt wird nicht gerüttelt. The Walking Dead ist eine Serie übers Überleben und das Menschsein, ohne Interesse an der Geschichte des Heldentrupps, der die Welt retten kann. Nun hat die Serie die Möglichkeit, beides zu sein, wenn sie denn will. Ob das der Serie gut tun würde ist schwer zu sagen – dramaturgisch würde das allerdings wohl eher als Film oder Serienfinale passen, und davon ist The Walking Dead, den aktuellen Einschaltquoten nach zu urteilen, noch viele Jahre entfernt.

Es ist natürlich nicht gesetzt, dass Rick und Co. sich dieser Mission anschließen werden, geschweige denn, dass die Antwort tatsächlich in Washington D.C. noch existiert. Aber zumindest die Möglichkeit wird in „Claimed“ in Aussicht gesetzt, und das ist eine wahnsinnig spannende Idee, von der ich gerne mehr sehen würde. Aber vielleicht spielt die Serie auch lediglich mit einer vermeintlichen Hoffnung, wie sie es schon häufig getan hat, nur um die Illusion auf ein besseres Leben dann doch wieder zu brechen – nur, um anschließend die Helden mit gebrochenen Herzen dennoch wieder aufstehen zu lassen – denn das heißt es, zu überleben.

Bla:

– Gehört wohl eher in die Kategorie „cool, aber unlogisch“: das Gemälde von einem Zombie, das Michonne findet. Wieso sollte man so seelenruhig tote Menschen malen – vielleicht auch noch einen Verwandten? Und warum versteckt man es dann unter einem Schleier/Tuch? Andererseits ist das ein wirklich hübscher Hinweis, dass in diesem Haus irgendetwas nicht ganz stimmen kann – und mit ein wenig Phantasie kann mich sicher auch eine Geschichte zusammenstöpseln, die die Existenz des Bildes erklärt.

– Rosita hat weder viel zu tun noch zu sagen. Hauptsache hübsch aussehen.

– Dass ich die Kritik zu „Neben dem Gleis„/ „Inmates“ nicht fertig brachte ärgert mich. Mir gefiel die Episode im Übrigen fast gar nicht – es schadete der Episode sehr, die Abenteuer so vieler Figuren parallel zu verfolgen, gerade der Darryl-Beth Teil war geradezu öde, und auch Maggies kleiner Exkurs war nicht besonders erfüllend. Zur instabilen Geheimwaffe der Serie entwickelt sich aber so langsam Lizzie – die einem wirklich Angst machen kann. 6/10 Punkte.

– Mittlerweile bin ich zu dem Schluss gekommen, dass The Walking Dead Musik und/oder Soundtrack deutlich stärker und prominenter verwenden sollte. Ich höre mir während dem Verfassen der The Walking Dead-Kritiken meist „Mercy of the Living“ an, eine eindringliche Elegie, die im Piloten bei Ricks allerersten Begegnung eines Zombies gespielt wurde – das Bicycle girl. Die Serie wäre geradezu prädestiniert dafür, durch einen atmosphärisch-melancholischen Soundtrack Gefühle von Verlust und Verzweiflung herbeizubeschwören, aber komischerweise verzichtet die Serie darauf – und das ist sehr schade.

Fazit: 8,0 von 10 Punkten.

Claimed„/ „Besetzt“ ist eine formidable, durchwegs spannende Folge. Den drei neuen Figuren Abraham, Eugene und Rosita tut die Episode aber keinen Gefallen – sie bieten zwar einen neuen Weg für The Walking Dead, werden aber denkbar ungeschickt eingeführt.

Advertisements

Ein Gedanke zu “Kritik: The Walking Dead 4.11 „Claimed“/ „Besetzt“.

  1. Pingback: Kritik: The Walking Dead 4.15 “Us”/ “Vereint”. | Blamayer TV

add your bla:

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s