Kritik: Wien – Tag & Nacht – Folge 1.

„I gfrei mi scho so auf Wien! Aufs Fortgea, auf die Party, auf die Leid!“

Wien – Tag & Nacht kann derzeit HIER in der ATV Mediathek gestreamt werden.

Seit ein paar Jahren holt Berlin – Tag & Nacht Spitzenquoten im Vorabendprogramm für RTL 2 – und das augenscheinlich fast für lau. Es war also nur eine Frage der Zeit, bis das Konzept auch hierzulande kopiert wird, wenig überraschend von ATV. Warum ich diese Serie überhaupt unter die Lupe nehme? Naja, nennen wir es mal Bildungsauftrag.

Quelle: Wien - Tag & Nacht Facebook Seite - alle Rechte bleiben bei ihren Besitzern.

Das junge, hübsche Landei Theresa zieht in „diese geilste Stadt„: Wien! So oberaffengeil die Stadt aber auch ist – gänzlich konfliktlos verläuft ihr erster Tag nicht. Auf den ersten Blick verliebt sie sich nämlich in den charismatischen Chris, dooferweise hat der aber schon eine Freundin. Zum Glück ist diese eine Megazicke…

Ab hier gibts wie immer volle Spoiler für die Episode. Aber lassen Sie sich das egal sein.

Gescriptete Realität.

Vorweg: Wien – Tag & Nacht ist bewusstes Trash-Fernsehen, das ein klar definiertes Zielpublikum besitzt – und Serienfans gehören nicht dazu. Wien – Tag & Nacht ist sogenannte „scripted reality“, was im Klartext bedeutet: Laiendarsteller, improvisierte Dialoge, vorgegebene Konflikte. Das ist im Grunde recht spannend – etwa, wenn es darum geht, zu erraten, welche Zeilen einstudiert wurden und welche improvisiert wurden. Gleichzeitig bedeutet Improvisation aber auch, dass es kaum Punkte gibt, an denen geschnitten werden könnte, wodurch es viele mehrminütige Takes gibt. Diese enthalten zwar ab und zu Stellen, an denen man sich kopfschüttelnd an den Kopf fassen muss – etwa, wenn Theresa zum zigsten Mal in dieser Folge erklärt, wie „supa“ etwas ist – aber gleichzeitig sorgen sie für eine Atmosphäre, die wirklich vermittelt, dass man mit diesen Figuren am Tisch sitzt.

Visuell hat die Serie tatsächlich überraschend viel zu bieten. Zwischen Szenenwechseln gibt es kurze Montagen von Wiens architektonischer Vielfalt – und die sind wirklich hübsch gemacht, wenn auch schon in Folge 1 zu häufig verwendet. Unterstrichen werden sie leider allesamt von trendiger Popmusik – einmal ganz cool, auf Dauer aber ziemlich nervtötend. Man möchte solche Dinge einer Serie wie Wien – Tag & Nacht immer gern abreden, aber: Die Serie hat Stil, auch wenn der Pilot noch nicht recht weiß, wie die Serie diesen für sich am Besten nützen kann.

Auch andere visuelle Reize könnte die Serie gerne zurückschrauben – die menschlichen. Vorerst finden sich lediglich vier Frauen unter den Hauptrollen – und bereits 3/4 davon sah man in Folge 1 schon im Höschen herumspazieren. Selten wird sich „sex sells“ so dreist auf die Brust/ Brüste geschrieben wie in Wien – Tag & Nacht – wirklich wiederlich, wie die Akteure dabei zur Schau gestellt werden. Trauriger Höhepunkt: „Sind die eigentlich echt? Darf ich mal anfassen?”, gefolgt von genüsslichem Grabschen – würg. Wenige Folgen später folgt zwar auch nackte Männerhaut, dennoch ist die vermeintliche Freizügigkeit der Serie bloß ein den Schauspielern (und Zuschauern) gegenüber respektloser Stunt. Die effekthascherische Inszenierung tut ihr Übriges. Wenigstens hat die Serie den Anstand, nackte Körperteile zu verpixeln – was die Serie unvorteilhaft an MTVs schlechteste Programme erinnern lässt.

Die Bewohner im Container.

Die Hauptfiguren entstammen dem Seifenoper-Kochrezept: die Neue, der Schöne, die Zicke, der Lustige, der Aufreißer, und so weiter. Das ist im Grunde keine schlechte Sache – nur die Umsetzung ist halt, wohl auch einfach dem Genre geschuldet, ziemlich mau. Die Wahl von Amateur-Schauspielern trägt nicht unbedingt zur Glaubwürdigkeit bei. Aufgrund der fließenden Linie zwischen Vorgaben und Improvisationen ist es schwierig, schauspielerische Leistung vom Potential einer Figur zu unterscheiden, ein paar Schlüsse zu beiden lassen sich aber schon nach einer Folge schließen. Hier eine Auswahl:

– Leider ist die Hauptfigur, Theresa, mitunter am Schwächsten besetzt. Ihre Beharrlichkeit, alles und jeden super zu finden und das mit einem breiten Lachen zu unterstreichen, ist fürchterlich nervtötend, und klischeehaft sowieso. Ihr vielmaliges Beteuern ihrer Gefühle für Chris lassen dem Vorstellungsvermögen wenig zu tun über.

– Theresas Rivalin um die Gunst von Chris ist die Megazicke Vicky… deren Charakterisierung wirklich die faulste ist, die ich je gesehen habe. Es ist fast zum Schreien komisch, wie niemand aus der WG Vicky leiden mag, selbst Chris tut nichts anderes als mit ihr zu streiten.

– Konstantin ist ein billiger Abklatsch von Barney Stinson – reicher, Anzug-tragender Frauenheld. Das hätte wirklich übelst in die Hose gehen können, ist aber zumindest okay. Hat das Potential, charismatisch zu sein, aber verspielt das in Folge 1 derweil mal mit einem völlig überzogenen Einstieg.

– Einziger rechter Lichtblick ist Paul, der Punk-Papa der WG. Unorthodox und irgendwie liebenswürdig.

– Vanessa ist die vollstbusige Mitbewohnerin von Theresa – und entgegen aller Wahrscheinlichkeit jene Figur, die für die Serie am Wichtigsten ist. Theresa braucht eine weibliche Vertrauensperson, und dafür ist Vanessa eigentlich ein originelles Ventil – wenn auch mit geradezu erschreckend wenig Subtilität.

– Irgendwie scheinen sich etwa 10 Kerle im Cast zu befinden, und es ist ganz schön schwierig, die alle auseinanderzuhalten. Jeder von ihnen scheint um die 28 zu sein, Bart zu tragen, mehrere Tattoos zu haben und als Lieblingshobby „Party“ angeben würden.

Und was tut Folge 1 mit diesen Figuren so? Der Pilot vermittelt eine Idee, wie sich Wien – Tag & Nacht-Folgen wohl gliedern werden – mehrere, möglicherweise interagierende Handlungsstränge pro Episode, sowie etwa ein großer Konflikt pro Akt (derer es 4 gibt). Wahnsinnig enttäuschend ist dabei, wie anstrengend das Muster ist, nachdem diese Konflikte gestrickt sind: Ein Missverständnis/Irrtum einer Person führt zu einem Schreiwettkampf, nachdem sich alle wieder beruhigt haben gibts die Auflösung. Manche dieser Konflikte sind komplett aus der Luft gegriffen – etwa die Rauferei in der Bar, oder Vickys Beharren, dass das ihr Zimmer sein hätte sollen. Anstatt organisch zu sein entstehen die Konflikte, weil Proleten und Zicken einen kurzzeitgen Auszucker haben – und das ist unheimlich flach und fad.

Die größte Sünde der Serie ist aber, inhaltslos zu sein. Natürlich, von „scripted reality“ ist nicht wirklich anderes zu erwarten, als bloß unterhalten zu werden – in der Fachsprache auch als das bare Minimum bezeichnet. Zwar sind grobe Entwicklungen der Figuren bereits in den Sand gezeichnet – der tollpatschige Willi wird wohl früher oder später so richtig bei einer Frau landen – aber im Prinzip scheint es jedem bloß um Party und/oder das Herz von Chris zu gehen. Die Ziele sind also denkbar niedrig gesteckt, denn Wien – Tag & Nachts erste Folge dümpelt auf sehr niedrigem Niveau dahin. Es wird wenig gedacht und viel geschrien – und es gibt keine Zeichen dafür, dass sich das in den nächsten Episoden ändern wird.

Bla:

– Wahnsinnig geschmacklos: Auf der facebook-Seite von ATV gibt es ein Voting, ob man Vanessa girly oder sporty gekleidet besser findet. Als ob man für eine Barbie aussuchen müsste, was man ihr anzieht…

– Ich habe noch nie Berlin – Tag & Nacht gesehen, und habe es auch nicht vor. Der österreichische Ableger scheint aber viele Parallelen aufzuweisen – etwa stark ähnelnde Hauptfiguren, oder die nahezu ident gestaltete Wohnung, und ähnliche Qualität.

– Weitere Kritiken zur Serie wirds nicht geben (juhu!/ ohje!). Hast du eine Folge gesehen, hast du sie alle gesehen. Obwohl, also rein aus journalistischen Gründen ließ ich mich dann doch dazu hinreißen, eine weitere Folge zu schauen…

– Was mir eigentlich sehr gut gefällt ist die Form der Kommentare aus dem Off. Ich finde, dass das einerseits eine stilvolle Deklaration der Serie ist, nicht die Realität abzubilden, andererseits auch eine tolle Möglichkeit für die Serie wäre, mehr mit Subtext zu spielen.

– Goldig sind übrigens die Charakter-Biographien auf der offiziellen Homepage von ATV.

Fazit: 3,0 von 10 Punkten.

Naja. Zumindest besser als The Dome.

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