Kritik: The Walking Dead 4.09 „After“/ „Für dich“.

„Hey. We’re gonna be…“

After„, in Deutschland „Für dich“ betitelt, ist eine Rückbesinnung auf die Wurzeln von The Walking Dead. Die Episode emuliert eindeutig das sehr ähnlich gestrikte „Clear„, die beste Folge der dritten Staffel. In ihren besten Momenten kommt die Premiere der zweiten Hälfte von Staffel 4 nah an dessen Qualität heran, weist aber auch gelegentlich eine unglückliche Albernheit vor.

Quelle: Offizielle AMC The Walking Dead Homepage; All rights belong to Gene Page/AMC, no copyright infringement intended.

After“ handelt, wie der Titel unmissverständlich klar macht, vom Tag danach: Rick, Carl und Michonne irren ziellos umher und versuchen, den Fall des Gefängnisses zu verdauen. Während Michonne von ihrer Vergangenheit heimgesucht wird, müssen Rick und Carl die Rollen in ihrer erneut geschrumpften Familie redefinieren…

Ab hier gibts wie immer volle Spoiler für die Episode.

Heimgesucht.

Michonne gehört zu den problematischsten Figuren der Serie, weil über weite Strecken das Schwert stärker war als der Charakter, der es schwingt. Dass sich die Serie in diese Waffe verliebt hat ist kein Wunder – Michonnes Katana ist nach wie vor das wohl ikonischste Utensil der Serie, und passt dazu noch in die Geschichte wie in eine Gussform. In „After“ ist die Katana aber nun endlich auch mehr als bloß eine Waffe gegen Zombies, sondern ist auch Michonnes Waffe für ihren Befreiungsschlag von der durch den Fall des Gefängnisses ausgelösten Starre – und gewährt dabei auch erstmals einen tieferen Einblick in ihre Vergangenheit.

Das ist ein Schritt, den die Serie schon verdammt lang aufgeschoben hatte – eineinhalb Staffeln nach der Einführung dieser prominenten, aber frustrierend geheimnisvollen Figur. Im Nachhinein wird damit klar, wie gut es The Walking Dead getan hätte, wenn eine solche (oder ähnliche) Flashback-Struktur für alle wichtigen Figuren von Anfang an präsent gewesen wäre. In Staffeln 1 und 2 versuchte man sich vorsichtig an Rückblenden, verbrennte sich daran aber eher die Finger. Der Sinn hinter solch Rückblenden ist es, die Charaktere besser kennen zu lernen und ihre Motive zu ergründen, idealerweise gepaart mit Entscheidungen in der postapokalyptischen Gegenwart, die (hoffentlich treffend) zeigen, warum wer wie handelt. Die bisherigen Flashbacks erinnern diesbezüglich eher an Gehversuche eines Kleinkindes – mit „After“ lernt The Walking Dead aber scheinbar aufrecht zu gehen.

Nicht, dass The Walking Dead wirklich so eine (charakterlich starke) Erzählstruktur wie etwa Lost entwickeln würde – in „After“ beließ man es auf einen einzige Szene beruhen, und dazu noch ein Traum, der gleich mehrere surreale Elemente enthielt (mit der Katana im Messerhalter als ersten, aneckenden Moment). Aber diese Szene allein beweist, was für ein Potential in dieser Erzählweise stecken würde – in diesem Fall etwa ist es spannend, Wirklichkeit von Traum unterscheiden zu versuchen. Ob die Katana da wirklich in diesem Raum im Spiel war ist fraglich, aber Kind und Liebhaber (haben sie das jetzt wirklich gesagt?) scheinen reale Verluste zu sein. Spielraum für Interpretationen gibts jedenfalls genug – hat Michonnes Liebhaber einen Fehler gemacht, mit dem er und das Baby mit dem Leben bezahlen mussten? Oder ist Michonne schuld?

Warum der beinah gänzlich isolierte Michonne-Teil allerdings gut funktioniert hat einen anderen Grund: Weil eine schöne, nette, kleine Geschichte erzählt wird, die nicht nur eigenständig funktioniert, sondern vom Flashback und der parallelen Rick-Carl Geschichte profitiert. Michonnes innere Verteidigungsmechanismen lassen sie zu einem bewährten Trick greifen – den zwei domestizierten Zombie-Gefährten. Es ist die Gleiche Situation wie bei Ausbruch der Apokalypse – nach einem herben Rückschlag flüchtet sich Michonne in Einsamkeit und Selbstgespräche, schlendert unbemerkt neben einer Herde Zombies, und wird erneut selber zur wandelnden Toten – The Walking Dead eben. (Bin gespannt, wann die Serie diesen doch sehr poetischen Vergleich selber machen wird. Der stammt übrigens nicht von mir, sondern ist direkt aus den Comics übernommen.)

Bis sie sieht, was sie da eigentlich macht, als sie eine vermeintliche Doppelgängerin gleich mehrmals erspäht. Das hätte sie sein können, oder vielmehr – in gewisser Weise ist sie das schon. Was auch immer mit Michonnes Liebhaber und ihrem Kind passiert ist: Michonne wird ihnen nicht ins Grab folgen, und hört darum dann auch auf, mit den Zombies zu laufen. Sie steigt nicht in ihre eigenen Fußstapfen, sondern folgt denen anderer – ihre neue Familie.

Vater und Sohn.

Auch Rick und Carl kommen erst vom rechten Weg ab, bevor sie ihn wieder finden. Es ist eindeutig die schwächere Hälfte der Folge, obwohl es auch in ihr wahre Glanzmomente gibt. Ich liebe die nostalgischen Momente Carls in den Einzelhäusern, wie etwa die fantastische Einstellung, die Carl Pudding schlemmend am Hausdach sitzen zeigt, mit dem eingsperrten Zombie im Nebenzimmer und einer ansonst verlassenen Welt. Oder sein anschließendes, spielvoll reumütiges Gesicht, als er Rick erzählt, er habe irre viel Pudding genascht – eine typische Jugendsünde, über die beide Grimes lächeln müssen.

Momente wie diese unterstreichen, warum es eine gute Entscheidung für die Serie war, das Gefängnis als Schauplatz zu verlassen. Nicht bloß, weil derartige Abenteuer mit weniger Erzählaufwand wieder stattfinden, sondern auch visuell ist das erfrischend – The Walking Dead geizt generell mit Farben, aber das Gefängnis wirkte besonders dröge und nutzte sich als Schauplatz ab. Aber auch dieses Gefühl von einer stehen- und liegengelassenen Welt, eine der atmosphärischsten Komponenten der Serie, findet so wieder Material. Carls kurzzeitige Verzauberung etwa, als er auf ein Zimmer stößt, das scheinbar einem Jungen in etwa seinem Alter gehört haben muss, ist ansteckend. Kurz ist Carl Pinocchio, und wünscht sich, ein echter, normaler Junge zu sein, nur im nächsten Augenblick das Ganze rein pragmatisch zu sehen – den Stoß X-Box Spiele stößt er um, das Comic-Buch legt er zur Seite, und das Stromkabel verwendet er zur Sicherung der Tür.

Quelle: Offizielle AMC The Walking Dead Homepage; All rights belong to Gene Page/AMC, no copyright infringement intended.

Negativ anzuführen ist allerdings auf jeden Fall, wie unglaublich vorhersehbar sich „After“ abspielt. Klar, in gewisserweiße muss die Serie ja „braven“ Regeln folgen – die Wahrscheinlichkeit, dass Rick oder Carl umkommen, geht gegen null. Für gewöhnlich kann die Serie allerdings darum geschickt herummanövrieren, in „After“ scheitert das allerdings völlig. Einerseits ist es ja toll, dass einer der Protagonisten einmal kein perfekter Heckenschütze ist – gleichzeitig ist das aber ein transparentes Zeichen dafür, dass früher oder später die Munition ausgehen wird. Blöd allerdings, dass beispielsweise der gesamte Klimax der Folge – ist Rick etwa tatsächlich ein Zombie geworden? – darauf baut, dass man Rick und Carl verlieren könnte, und beide umzubringen wäre undenkbar. Dass Rick noch am Leben ist, ist wohl eine der missglücktesten „Überraschungen“, die ich in letzter Zeit im Fernsehen gesehen habe.

Was ebenfalls sehr stört ist die Choreographie der Kampfszenen dieser Episode. Das ist überraschend – für gewöhnlich sind die Zombie-Überfälle eine der größten Stärke von The Walking Dead. Diesmal wirken Carls Stolperei und Tolperhaftigkeit allerdings ziemlich schwach. Einerseits soll das natürlich ein Widerspruch zu Carls harten Worten an Rick darstellen („I don’t need you anymore.“), andererseits untermauert das ein wenig die Erkenntniss Ricks, dass Carl nun schon ein junger Mann ist, der auf sich selbst aufpassen kann. Vor allem aber macht das die Folge deutlich weniger spannend, und teilweise sogar auch weniger rational: Als Carl die zwei Zombies vor der Haustüre wegzulocken beginnt, fragte ich mich schon, was er denn jetzt wohl vorhabe. Die Antwort: sie grundlos weit vom Haus wegzulocken, und so lange zu warten, bis Carl in Gefahr schwebt. Dass Carl dabei lediglich knapp einen Meter von den zwei Zombies entfernt spaziert ist ebenso irritierend – oder soll das bloß seine Unvorsichtigkeit unterstreichen? Carls „I win„, nachdem er seine drei Verfolger zur Strecke brachte, soll jedenfalls wohl ein positiver Charaktermoment für Carl sein – ich sah darin nur die Bestätigung, dass er überhaupt keinen Plan gehabt hatte, was er mit den zwei Zombies machen solle.

Und auch Carls Konflikt mit seinem Vater… nunja, irgendwie war schon ziemlich klar, dass die beiden ihre Differenzen am Ende der Folge beiseite legen. Ich kaufe es Carl schon ab, seinem Vater für alles die Schuld zu geben (auch wenn ich es nicht nachvollziehen kann – aber ich habe auch nicht Mutter und Schwester innerhalb nur weniger Monate verloren), aber dramaturgisch trägt er einfach ein wenig zu dick auf, um eine bleibende Kluft zwischen sich und seinem Vater zuzulassen. Selten spielt The Walking Dead so streng nach den Regeln, und in gewisser Weise ist das in „After“ ein klein wenig fad. Aber das hat auch seine Vorteile, denn sobald der Klimax überstanden ist, endet die Episode versöhnlich – zwar voraussehbar, aber gut.

Eines hat „Für dich„, dessen deutscher Titel sich erst in der letzten Minute erklärt (und das mit erstaunlich gutem Witz!), aber auf jeden Fall geschafft: Es ist ein toller Neuanfang. Das Kapitel des Gefängnisses wird mit rauchendem Panzer, totem Zombie-Governor und einer Unzahl Zombies endgültig geschlossen. Es war eine tolle Entscheidung, erst einmal mit nur drei Figuren zu erkunden, was dieser Neuanfang für die Überlebenden bedeutet – „After“ ist sowohl in Figuren als auch Thematik erfreulich homogen.

Bla:

– „Do what I couldn’t.“ Erst dachte ich, das sei bloß eine dieser atmosphärischen, wenn auch ein wenig zu häufig benützten anonymen Nachrichten ohne weiterer Bedeutung, aber die Doppeldeutigkeit, als Michonne diesen Zettel findet, war dann doch ein sehr schöner „aha“-Moment.

– Man, schauen Rick und Carl in dieser Folge elend drein. Kudos ans Makeup- und Haarstyling-Team.

– Eher nicht so clever: so tun, als ob man ein Zombie wäre, während eine geladene Waffe auf einen gerichtet ist. Sicher, Rick war wohl noch so halb im Delirium, aber dennoch ein künstlich provozierter, unspannender Moment.

– Zu Beginn der Episode gefiel mir wirklich gut, wie Rick auf verschiedene Weisen selber einem Zombie glich – und wie The Walking Dead es schafft, allen drei Figuren vorübergehend unterschiedliche Charakeristika der Beißer zu verleihen, ohne die Metapher aussprechen zu müssen: Carl ist beinah emotionslos, Michonne sieht sich in ihrem Ebenbild als Zombie, und Rick röchelt und humpelt durch die Gegend.

Fazit: 7,5 von 10 Punkten.

After„/ „Für dich“ ist ein toller Anfang für dieses neue Kapitel in The Walking Dead. Michonne und Carl durchleben spannende, parallele Reisen – nur die diversen Begegnungen mit Untoten fällt diesmal ziemlich flach aus.

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5 Gedanken zu “Kritik: The Walking Dead 4.09 „After“/ „Für dich“.

  1. Ich finde, dass diese Episode ein klein wenig besser hätte abschneiden sollen; eine 8 wäre nach dem recht drögen Gefängnisteil alleine schon wegen des Ortswechsels gerechtfertigt. Dazu kommt noch, dass ich persönlich den Kampf mit dem Puddingzombie für recht gelungen halte, wenn auch dieser untote Zeitgenosse ein wenig gehemmt war und einige gute Möglichkeiten gehabt hätte seine Zähne in Carl’s Bein zu versenken. (zugegeben, so etwas ist sehr schwierig glaubhaft zu drehen, sonst geht das Walker-Meucheln in Walking Dead ziemlich flott dahin…)
    Interessant finde ich, dass nicht erwähnt wurde, dass die beiden ehemaligen Zombiebegleiter Michonnes wahrscheinlich eben diese beiden Männer aus dem Traum waren. Wenn ich mich recht entsinne hat sie ja sogar gegenüber Andrea erwähnt, dass sie die beiden gekannt habe.
    Zu der Szene mit den beiden weggelockten Zombies: soll Carl diese beiden einfach so umbringen und mit den Schüssen weitere Walker direkt zu dem Haus locken? Auch wenn wahrscheinlich ohnehin nicht viele Zombies in der Gegend sind und man theoretisch auch auf weitere treffen könnte, wenigstens kann er sich mit diesen auf einer offenen Straße beschäftigen und nicht in einem relativ engen Haus, in dem Flucht nicht wirklich möglich ist.
    Das er sich auch etwas schwer tut und nicht besonders geschickt anstellt soll vielleicht auch noch ein paar unheimlichst subtile Punkte der Vater-Sohnbeziehung unterstreichen, doch was will man von einer Zombiesoapopera auch groß erwarten ;D

    • Ich wusste schon aus den Comics, dass Michonne ihre zwei ursprünglichen Zombies kannte, und dachte, dass dies auch in der Serie schon etabliert sei. Das ist in der Tat ein interessanter Charakter-Beat – schade aber, dass das in S3 nur so nebenbei gezeigt wurde.

  2. Pingback: Kritik: The Walking Dead 4.11 “Claimed”/ “Besetzt”. | Blamayer TV

  3. Ich habe deinen Blog heute morgen erst entdeckt und stöbere mich so durch. Von daher noch mal quasi zur Begrüßung: gefällt mir sehr, was du an Kritiken schreibst. 🙂

    Eine Beobachtung zu Carl und Rick:
    Du hattest geschrieben, du verstehst Carls Schuldzuweisung an Rick nicht so ganz. Ich hatte es so verstanden, dass Carl ihm vorwirft, zu weich zu sein. Nicht der Anführer, den Carl gerne sehen würde. Nicht genug der Vater, den er sich wünscht.
    Das die Situation einen klassischen Zwist darüber auslöst, was das Erwachsenwerden Carls angeht. Er selbst hat abseits von Ricks Blicken mehrfach eine Entscheidung getroffen, die er zum Wohl der Gruppe oder aus Notwendigkeit meinte treffen zu müssen. Loris Tot, die Erschießung dieses Jungen im Wald, etc. Er fühlt sich, weil Rick Dinge nicht anpackt, dazu genötigt, Verantwortung zu übernehmen, ohne, dass er die nötige Anerkennung dafür bekommen würde. Das fand ich zuletzt an dem Verhältnis zwischen Carl und Rick so spannend. Carl, der in gewisser Weise Carols Verhalten spiegelt. Allerdings geboren aus dem Vorbild, dass ihm Shane eine ganze Weile in Abwesenheit seines Vaters war. Gerade die Erwähnung Shanes in der Szene mit Rick, verdeutlicht das mMn noch einmal.
    Ich glaube, dass in dieser Konstellation noch viel Potential liegt und bin gespannt, wie die Serie Carls ‚Erwachsenwerden‘ mit allen Konflikten, die die Pubertät nun mal mit sich bringt, in einer ZA-Welt umsetzt.

    • „Nicht der Anführer, den Carl gerne sehen würde. Nicht genug der Vater, den er sich wünscht.“ – schön formuliert, da ist was dran.

      Das wirft denke ich auch Ricks Ansprache direkt vor Hershels Tod in ein anderes Licht. Damals wie heute fand ich die spitze, aber weil sie es nicht schaffte, zum Governor und seinen Mannen durchzudringen, ist das der Beweis dafür, dass Gnade und Frieden mit manchen Menschen einfach nicht funktioniert.

      Rick lernt das auf die harte Tour, Carl hatte es aber wohl schon kommen sehen – und wäre richtig vorbereitet gewesen, wenn Rick ihn nicht unter seine Fittiche genommen hätte. Andererseits musste sich ja jemand um Carl kümmern – er ist zwar nicht so wie Lizzie, aber schon auch eher schneller am Abzug als einem lieb sein sollte.

      In der Tat hat die Serie da noch recht viel Material.

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