Kritik: The Walking Dead 4.08 „Too Far Gone“/ „Kein Zurück“.

„Don’t look back. Keep walking.“

Eins muss man The Walking Dead schon lassen: Die Serie kann es sehr konsistent alle paar Episoden so richtig krachen lassen. „Too Far Gone“ ist eine dieser Folgen, eine absolute Tour de Force. Doch so spannend es auch ist, den Status Quo völlig über den Haufen zu werfen, so frustrierend ist es, wenn es vollkommen aus der Luft gegriffen ist. „Too Far Gone“ bzw. „Kein Zurück“ ist pure, heiße Luft, dennoch aber irgendwie leider geil.

Quelle: AMC

Der Governor steht vor den Toren des Gefängnisses, und hat auch noch ein Paar Geißeln im Schlepptau: Hershel und Michonne. Gemeinsam mit seinen neu gewonnenen Alliierten stellt er ein Ultimatum: Rick und Co. sollen dem Governor das Gefängnis kampflos überlassen, oder Hershels und Michonnes Köpfe werden rollen…

Ab hier gibts wie immer volle Spoiler für die Episode.

Mogelpartie.

Was soll man von solch einer Episode bloß halten? Selten paaren sich Tragik, Spektakel und Schwachsinn so innig wie in „Too Far Gone„. Und irgendwie fühlt es sich an, als hätten die Geschehnisse in dieser Episode jene aus „3.16 Welcome To The Tombs“ sein sollen – und das sage ich nicht bloß als Kenner der Comics (in denen der Vergeltungsschlag mit der Woodbury-Armee und einem Panzer ebenfalls das Ende für den Governor, Hershel und Judith bedeutete). Die Serie hat sich sichtlich Mühe gegeben, die notwendigen Umstände für solch einen Angriff zurechtzubiegen – Panzer, Munition, Soldaten – „Too Far Gone“ offenbart jedoch, dass The Walking Dead da bei Weitem nicht genug geleistet hat.

Zwei ganze Folgen haben wir im Schlepptau des Governors verwendet, um diese Konfrontation vorzubreiten, doch für nahezu 90 Minuten ist bei Weitem nicht genug passiert, um das Verhalten der Involvierten auch nur ansatzweise nachzuvollziehen. Rückblickend habe ich „Dead Weight“ mit 5 Punkten noch Gnade walten lassen, denn im Grunde hat sich der Governor bloß im Kreis gedreht, während die ach so metaphorischen Schachfiguren nicht an die richtigen Positionen gerückt wurden. Es macht einfach keinen Sinn, wie brav die Truppen des Governors diesem gehorchen – schon allein der erste Offizier, dessen eigener Bruder vom Governor ermordet wurde! Überhaupt hätten da doch längst die Alarmglocken schrillen müssen, als dieser fremde Mann der Gruppe beitritt, kurz darauf die zwei Anführer das Zeitliche segnen und der Governor selbstsicher das Amt übernimmt.

Die Ungereimtheiten wollen einfach kein Ende nehmen: Warum ist das die erste Folge, in der nicht eine grosse Menge an Zombies am Zaun des Gefaengnisses droht, den Zaun umzureissen? (Das war schon die ganze Staffel ueber ein seltsames Phaenomen, und jetzt, wo es für die Handlung praktisch ist, stopft man dieses Logikloch endlich?) Woher besteht denn nun plötzlich die Notwendigkeit dieser Gruppe Ueberlebender, ein Quartier zu finden, nachdem sie scheinbar so lange auf Achse waren? Woher stammt der plötzliche Blutdurst? Wieso finden diese Menschen es plötzlich in Ordnung, Geißeln zu nehmen – und warum mucksen Hershel und Michonne nicht auf? Die Antwort auf all diese Fragen bleibt das Autorenteam schuldig, unter anderem, weil sie sich in Staffel 3 mit dem Davonkommen des Governors in eine Ecke geschrieben hatten, aus der sie sich nun (zugegeben in spektakulärer Weise) herausmogeln.

Und waehrend das Durchforsten einer The Walking Dead-Folge nach logischen Ungereimtheiten für gewöhnlich mehr ein vergnueglicher Volkssport ist, ist dieses Sammelsurium an Schwachfug in „Too Far Gone“ eine echte Hürde für das Vergnügen. TV-Serien verfolgt man schliesslich zum Spass, unabhängig davon, wie wichtig einem Thematik und Charaktere sind. Die eine oder andere Unachtsamkeit laesst man ja gerne mal durchgehen, vor allem, wenn man sonst gut unterhalten wird. In einer Episode allerdings, die geradezu als Aushängeschild der Serie dient und die Leben all ihrer Hauptfiguren aufs Spiel setzt (und sogar zwei davon opfert), muss man einfach nachvollziehen können, aus welchen Motiven die Akteure handeln. Die Schlacht selber geht realistisch (oder zumindest realistisch genug) über die Bühne, aber die Motivlosigkeit der Governor-Soldaten schwingt in jeder Szene mit.

Schaltet man aber seinen Kopf aus ist „Too Far Gone“ eine wahre Wonne – wobei das jetzt ein eher fragwürdiges Kompliment ist. Ich schäme mich nicht dafür, die Schießerei verdammt cool gefunden zu haben. Das Gefühl für das Chaos und die Verzweiflung des Krieges war konstant präsent, vor allem weil unsere Protagonisten ständig nacheinander suchten (aber nicht fanden) war die Kamera mittendrin statt nur dabei. Die Spannung war greifbar, schon allein weil The Walking Dead immer schon bereit war, auch wichtigere Figuren aus der Serie ausscheiden zu lassen, ohne dass je eine Figur sich wirklich in Sicherheit wiegen könnte. Jeder darf mitmischen: Rick an vorderster Front, Darryl setzt den Panzer K.O., und die Greene-Töchter wollen ihren Vater rächen.

Und so dämlich die ganze Vorgeschichte rund um den Governor auch ist, so clever geht man dafür bei der Schlacht um das Gefängnis vor. Ricks Widerwille, wieder eine Führungsfunktion zu übernehmen, wird endgültig gebrochen, weil es der Governor verlangt – ein wirklich schönes Beispiel dafür, wie zwei mehr-episodige Handlungsstränge fusionieren und aufgelöst werden, sobald sie aufeinanderstossen. Ebenso gut geplant: Die Plage ist der Grund, warum das sonst eigentlich bestens mit Leuten bewaffnete Gefängnis für einen Überfall empfindlich ist – und der Angriff und die anschliessende Aufsplitterung der Gefängnisbewohner sollten dafür sorgen, dass die Gruppe wieder auf eine überschaubare Grösse schrumpft. Auch die Waffen ergreifenden Kinder sind sowohl ergreifend als auch die logische Konsequenz (und Fortführung) einer vorher etablierten Problematik, und verleihen der typischen Rettung in letzter Sekunde die gewisse Extrawürze.

Tragikfest.

Und dann ist da eben auch die andere Seite von „Too Far Gone„: eine Serie einschneidender Ereignisse, die die Serie dann doch wieder in einer emotionalen Wirklichkeit verankern. Beispiel A: Hershel. Hershels Tod kam nicht ganz unerwartet, aus mehrerlei Gründen: Hershels Abschied hatte sich schon zu Beginn der Staffel angekündigt, als er zum Rückgrat und Vaterfigur der Gruppe wurde, die Ansprechperson allerlei Figuren wurde, vor allem für Rick. Langsam wird es fast ein wenig voraussehbar, wenn die Serie Figuren am Ende ihrer Handlungsbögen den Todesstoss versetzt, aber andererseits ist das auch ein konstanter Strom von verdienter Tragik. Hershels Lächeln nach Ricks fantastischem Monolog ist der beste Charakterbeat seit Langem – etwa, weil das nicht nur seinen Tod voraussagt, sondern auch weil sich Hershel dessen durchaus bewusst ist, und ihm dennoch so ein Lächeln von den Lippen kommt. Gleichzeitig signalisiert das auch die Anerkennung von Ricks (Rück-) Entwicklung zu einem Entscheidungsträger, der das alte Lost-Mantra „Zusammen leben, alleine sterben“ aufgegriffen hat – ein dramaturgisch wunderschöner Abschluss der vielleicht interessantesten Beziehung der Gruppe. Damit hat er seine Rolle erfüllt und darf sich edel verabschieden – und der Abgang könnte kaum spektakulaerer sein.

All rights belong to AMC.

Einen Abgang macht auch Beispiel B, der Governor – wohl zur Überraschung von genau gar niemandem. Seine gescheiterte Rehabilitation verstärkt das Gefühl bloß, dass sein Platz in der Serie verwirkt war. Irgendwie versuchte man seine Handlungen damit zu begründen, er tue das alles nur, um zu überleben, aber recht viel Sinn ergab das nie. Unabhängig von seiner Nachvollziehbarkeit war der Governor im Grossen und Ganzen aber doch ein recht solider Gegner fuer unsere Hauptfiguren – vielleicht nicht besonders gut ausgearbeitet , aber mit genug Ressourcen ausgestattet, um den Helden der Serie in vielerlei Situationen mehr als ein Dorn im Auge gewesen zu sein. Vermissen wird ihn wohl keiner – schlussendlich war er schliesslich doch nichts weiter als ein Serienmörder, der sich in die Auslöschung der Gefängnistruppe verloren hatte.

Der dritte Streich ist der Verlust von Judith, Ricks Tochter. Vorweg: Dass Judith wirklich tot ist steht nicht 100%ig fest. Aber was würde sonst dazu führen, dass der Kindersitz leer und voller Blut ist? Das wäre schon eine fiese Irrefuehrung. Aber nehmen wir mal an, dass es so ist – schon eine Wahnsinnsentwicklung der Serie, oder nicht? Judith war nicht wirklich ein Charakter, sondern ein Symbol für die Hoffnung auf ein besseres Leben. Ein Symbol, für das Rick Grimes schon seine Ehefrau verlor, und selbst dieses Opfer scheint nun plötzlich umsonst gewesen zu sein.  Es ist eine erschütternde Erinnerung daran, dass der Frieden in dieser neuen Welt eine Illusion ist. Woche um Woche badet die Serie im Leid, „Too Far Gone“ geht allerdings noch einmal einen Schritt weiter. Es ist eine der dunkelsten Stunden von The Walking Dead, deren Seriösitaet leider durch den Governor untermauert wird.

Objektiv gesehen sind die Tode von Hershel und Judith allerdings bloß ein weiteres Kapitel einer Serie von Misere. Dass sich der Effekt des Verlustes einer Hauptfigur abnützt ist bei einer Serie, bei der es primär ums nackte Überleben geht, eigentlich nicht verwunderlich, wenn nicht sogar Teil der Botschaft der Serie: In der postapokalyptischen Welt werden die Parameter für Freude und Trauer neu gesetzt. Gleichzeitig kann ich aber verstehen, dass das für mich so langsam zu einer emotionalen Dissonanz führt – vielleicht auch, weil eine gewisse Nähe zu den meisten Figuren überhaupt eher selten zu verspüren war (wobei Hershel da noch eins der besseren Beispiele war). Eins ist aber unbestreitbar: The Walking Dead macht Spaß. Und da nun der größte Ballast dieser ersten acht Folgen aus dem Weg geräumt ist, kann die Serie wieder ein neues Kapitel aufschlagen.

Bla:

– Gehört definitiv in die Kiste für gemischte Gefühle: der Zombie, der Meghan zum Verhängnis wird. Irgendwie ziemlich cool, aber mindestens genau so dämlich. Das vergrabene Schild war dafür eine schöne Warnung.

– Schon ne ziemlich coole Einstellung, wie Michonnes Katana in einer Ironie des Schicksals den Governor durchbohrt, genau so wie sich das immer vorgestellt hatte. Schon effekthascherisch inszeniert, aber zweifelsohne auch verdammt lässig.

– Warum brannte denn einer der Wachtürme bereits, bevor der Ansturm begann?

– Schöne Ironie des Schicksals: Tyreese kommt mit dem Leben davon, weil die kleinen Maedchen Waffen ergreifen. Das haben sie von Carol gelernt, die insofern Tyreese das Leben gerettet hat. Hoffentlich greift das die Serie noch einmal auf – jetzt, da die Protagonisten in alle Winde verstreut sind, würde ein Wiedersehen mit Carol nicht allzu sehr an den Haaren herbeigezogen wirken.

Fazit: 6,0 von 10 Kindersitz-Fahrsicherheitspunkten.

Too Far Gone„/“Kein Zurück“ ist Popcornfernsehen pur: Hirn abschalten zum Genießen. Der Abschied vom Gefängnis macht wenig Sinn – sägt dafür aber auch die schwächsten Teile der Serie ab.

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Ein Gedanke zu “Kritik: The Walking Dead 4.08 „Too Far Gone“/ „Kein Zurück“.

  1. Es wurde Zeit, dass es weiter geht. Noch eine komplette Staffel im Gefängnis wäre auf Dauer langweilig geworden.
    Es ist schon gut, dass jetzt wieder „Suche“ angesetzt ist. Ich denke, dass Carol garantiert noch wieder auftaucht.

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