Kritik: Sherlock 3.2 „The Sign of Three“/ „Im Zeichen der Drei“.

„Don’t solve the murder – safe the life.“

Wie auch schon in den Staffeln zuvor ist auch die Mitte von Sherlocks dritter Staffel tonal ein klein wenig anders. „The Sign of Three“ schert sich nicht um den Bösewicht, den man in „The Empty Hearse“ einführte, und über lange Zeit auch nicht um einen dringlichen Fall. Stattdessen handelt „The Sign of Three„, mehr als jede Folge zuvor, von der Beziehung zwischen Watson und Sherlock – und wie Watsons Braut in dieses Bild hineinpasst.

(c) BBC

Watson heiratet – und Sherlock Holmes ist sein Trauzeuge. Ein Rezept für ein Desaster, möchte man meinen, und in der Tat entsteht ein ganz schöner Tumult bei Sherlocks Ansprache. Während seines Monologes rezitiert Sherlock viele gemeinsam gelöste und sogar ungelöste Fälle – die Spur eines davon, so wird Sherlock jedoch plötzlich klar, führt direkt zu dieser Hochzeit…

Ab hier gibts wie immer volle Spoiler für die Episode.

Zwei Hälften.

Es ist augenscheinlich, dass Sherlocks Folgen von unterschiedlichen Autoren verfasst werden – wo Mark Gatiss‘ „The Empty Hearse“ durchwegs unerschrocken nach vorne hechtete, lässt sich in „The Sign of Three“ reichlich Zeit, um überhaupt zum Punkt zu kommen. Die gesamte Folge spielt sich am Tag und Abend von Watsons Heirat ab, in die viele, viele Flashbacks hineingewebt sind. Am Ende entsteht ein großteils homogenes Ganzes – davor spielt sich die Folge allerdings reichlich chaotisch ab.

Insgesamt befindet sich Sherlock Holmes beinah eine ganze Stunde in seiner Trauzeugenrede. Das spannende Setup wird reichlich ausgenützt, um Spannung zu generieren – „Was und wie wird Sherlock Holmes wohl seine Rede gestalten“ ist ein toller Aufhänger – aber kann diese keineswegs die gesamte Folge über tragen. Gelegentlich schaute ich schon auf die Uhr, fühlte mich fast ein klein wenig angeödet von einigen Teilen der Rede, weil diese zuerst so zusammenhangslos wirkten, und zudem jeder Sinn von Dringlichkeit fehlte. Die Betrunkenheitssequenz dauerte beispielsweise einfach zu lange, um den an sich witzigen Zustand der zwei Protagonisten  zu portraitieren. Und auch sonst fühlt man sich tempomäßig gelegentlich wie in eine andere Serie versetzt – der Film hätte bestimmt auch auf 80 Minuten hinuntergeschnitten werden können. Die Längen werden versucht, mit allerlei Mitteln kurzweiliger zu machen – die einfallsreichen Schnittmuster beim Sherlock-Mycroft-Telefonat etwa – insgesamt befindet sich in „The Sign of Three“ allerdings einfach zu viel Luft.

Im Grunde hätte das funktionieren können, hätte „The Sign of Three“ bloß seine Teilstücke besser verteilt. Beinah alle Highlights befinden sich in der zweiten Hälfte der Episode, während die erste beinah an ihren Flashbacks erstickt. Der unoriginelle Teaser vor dem Intro ist etwa symptomatisch für diese Folge: Um den einen Gag rüberzubringen, wie übertrieben verzweifelt Sherlock Holmes an seiner Rede arbeitet, wird uns ein sonst recht irrelevanter Standardfall von Inspektor Lestrade vorgetischt. Nach dem famosen Auftakt der Staffel wirkt das fast ein wenig antiklimatisch.

Wobei das alles eine Sache der Präsentation ist: Im Grunde bietet „The Sign of Three“ einen gewohnt spannenden, diesmal kleineren und persönlicheren Fall, dessen Auflösung zu verfolgen ein Genuss ist. Wie auch schon in „The Empty Hearse“ wird das Tatmotiv nur nebenbei erwähnt, aber Sherlock interessiert sich nunmal nicht sehr für Schmalspurverbrecher. Im Staffelfinale, so verraten die Trailer, nimmt man dies wieder bewusst auf, um einen neuen Erzfeind für Holmes zu etablieren, doch hier stehen bewusst Ermittler und das Brautpaar im Mittelpunkt des Geschehens – und das hat auch einen enormen Reiz.

Das Zeichen der Drei.

In meiner Kritik zu „The Empty Hearse“ hatte ich mich ein wenig beklagt, dass die rasante Motorradfahrt durch London zwar spannend und cool inszeniert war, allerdings das Problem der Serie offenbarte, Sherlock Holmes als absoluten Tausendsassa darzustellen, der oftmals bloß hilfreich ist, um Sherlock in der humanen Welt zu erden. „The Sign of Three“ nimmt sich diesem Dilemma mehr als würdig an, und schildert wirklich berührend, warum die zwei zusammengehören. Das Meisterstück der Folge: Auf die rührenden Worte von Sherlocks Trauzeugensprache lässt sie alsbald Taten folgen. Häufig geschieht das in Krimis umgekehrt, dass erst nach getaner Arbeit nach der Auflösung des Hauptkonflikts die Protagonisten reflektieren. Sherlock dreht den Spieß um, überrascht in seinem zweiten Akt mit der Kernaussage des Films – Holmes braucht Watson genauso wie Watson Holmes braucht – und lässt daraufhin unerwartet die beiden das unter Beweis stellen.

Die Hochzeit dient eben nicht bloß als Hintergrund für einen spannenden Fall und witzige/interessante Anekdoten des Ermittlerduos, sondern erforscht eben auch, wie Sherlock, John und Mary als Trio funktionieren werden. Zu Beginn der Folge muss Sherlock Holmes noch schlucken, als er den leeren Stuhl in seinem Zimmer sieht, und auch am Ende der Folge verlässt er die Party vorzeitig und allein. Dazwischen aber erinnert und gleichzeitig lernt er allerdings, wie die Zusammenarbeit in Zukunft laufen wird: Sherlock und John lösen ihre Fälle weiterhin zu zweit, Mrs Watson wird sie währenddessen tatkräftig unterstützen. Der entscheidende Moment für die Braut, die ihre Sympathiewerte endgültig fixieren: Ohne zu zögern stürzt sie sich auf ihrer Hochzeit in den Kriminalfall hinein. Auch ein feiner Zug: Um die Anspannung der beiden Männer bei der Hochzeitsvorbereitung zu lindern, schickt sie die beiden auf Verbrecherjagd – indem sie Watson aufschwatzt, es ginge dabei nur um Sherlocks Nervosität. Nicht nur, dass die Frau die Bedürfnisse dieser beiden Männer verspürt und ihnen Platz lässt, sie weiß auch, welche Knöpfe sie bei den beiden betätigen muss.

Im Mittelpunkt steht aber die Beziehung zwischen Watson und Sherlock – und erstmals ist es beinah ein ebenbürtiges Zusammenspiel. Vor allem geschieht dies, weil die Hochzeit Sherlock dazu zwingt, zu reflektieren, was ihm John bedeutet – und wie der Teaser beweist, kostet ihm das mehr Mühe, als einen Fall zu lösen. Sherlock gibt selbst zu, gern eine Dramaqueen zu sein, und seine Selbstzentrierung wird von seiner Trauzeugenrede sehr passend eingefangen – in dieser ist Watson das Gegenteil seiner selbst, doch anstatt die Stärken Johns hervorzuheben zählt er lieber seine eigenen Qualitäten und Erfolge auf. Die Gäste wie auch Zuseher von Sherlock werden bald ob Sherlocks missgünstigen Worten ungeduldig – wie sich aber herausstellt, bloß ein roter Hering.

Umso kräftiger wirken darum dann seine Worte, wie er die Rede herumreißt – „I am a despicable man, only redeemed by you„, sagt er da zu Watson. In der Tat ist es John, der ihn immer wieder auf den Boden der Realität zurückholt, vor allem aber die Selbstreflexion in Sherlock auslöst. Fehler eingestehen muss im Endeffekt ein jeder Mensch selbst, um wirklich nachhaltig etwas zu verändern, und genau das bewirkt Watson, etwa durch die Ernennung Sherlocks zum Trauzeugen. Als Sherlock mit der Rede beginnt, ist die versammelte Gemeinde sichtlich ein wenig nervös. Durch Johns aufrichtigem Vertrauen wird sich Sherlock allerdings seiner Verantwortung als bester Freund und „best man“ bewusst – da hat er wohl seine Lektion aus Johns Reaktion auf seine Rückkehr gelernt.

(c) BBC

Holmes‘ Ansprache findet ihren (vorzeitigen) Höhepunkt dann allerdings in der Verkündung, dass er niemals damit gerechnet habe, einen besten Freund zu haben oder ein bester Freund zu sein. „I will solve your murder, but it takes John Watson to save your life“ ist das Beste, das Sherlock hätte sagen können – einerseits natürlich mit einer guten Portion Beweihräucherung, andererseits aber auch mit der Anerkennung von Johns Fähigkeiten. Damit spielt er nicht nur auf Johns Ausbildung als Notarzt an – obwohl diese Seite am Beispiel des Buckingham-Wachmanns auch beleuchtet wird – sondern eben die Unterstützungsrolle, die er in den Kriminalfällen spielt. Es ist Watsons „You’re a drama queen, the game is on – solve it!“ etwa, das den Meisterdetektiv zum rechten Augenblick zurück in seine alten Gänge schalten lässt, das die entscheidende Schlussphase des Falls (die Rettung des Opfers!) einläutet. Ein toller Moment, der die Essenzen dieser zwei Männer punktgenau trifft: Sherlock, der geniale Detektiv, der von seiner Egomanie gelegentlich eingenommen wird, und Watson, der ihn davon stets herausholt.

Selbstredend ist auch der freche Humor der Serie üppig vertreten – und mal um mal ist es beeindruckend, wie treffsicher die Filme ihre Pointen setzen. Schamlos erinnert Sherlock Holmes etwa an mehrere Fälle des Ermittlerduos, vom „hollow client“ bis hin zum „elephant in the room“ – einfach grandios. Oder die Scherzereien mit den unterschiedlichen Hochzeitsgästen, vom ehemaligen Liebhaber Marys bis zur kecken Trauzeugin („Do you always carry handcuffs?“), die zuerst bemüht, dann aber versehentlich von Sherlock verkuppelt wird. Oder natürlich der clevere, zum Schreien komisch verwendete Episodentitel, der bis zu seiner Nennung beinah in Vergessenheit geriet. Trotz der unterschiedlichen

Bla:

– Genaugenommen wurde „The Sign of Three“ von Thompson, Moffat und Gatiss gemeinsam geschrieben, aber weil Thompson zuerst genannt wird und Moffat und Gatiss sich alleinig für jeweils einen anderen Film der Staffel verantwortlich zeigen, nehme ich stark an, dass der größte Anteil des Drehbuchs von Thompson stammt.

– Bester Gag: Sherlocks Deduktionsfertigkeiten bei Trunkenheit. Tatsächlich gute Einfälle vermischen sich mit wenig hilfreichen Hinweisen wie „Egg“, und beinah jede Idee ist mit einem oder mehreren Fragezeichen versehrt.

– Mir gefällt die anhaltende Spannung zwischen Sherlock und Molly. Die gegensätzliche Anziehungskraft ist merkwürdig, aber vorhanden – hätte sich Molly da nicht schon für einen anderen entschieden.

– „What a wasted opportunity.“

– Ein Cameo von Irene Adler! Das wäre eine schöne Überraschung, sie in „The Last Vow“ wiederzusehen.

– Sehr witzige Idee, aber merklich nur bemüht: die Dubstep-Version des Sherlock-Themes im Club.

 „Let’s play murder.“

Fazit: 8,0 von 10 Telegrammen.

The Sign of Three“ ist der vielleicht leichtherzigste Fall von Sherlock Holmes. Durch viele Rückblenden kommt die Handlung nur mühselig in Gange, gewinnt in der zweiten Hälfte des Films allerdings ein fantastisches Tempo – und das im typisch-frechen, humorvollen Sherlock-Rhytmus.

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Ein Gedanke zu “Kritik: Sherlock 3.2 „The Sign of Three“/ „Im Zeichen der Drei“.

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