Kritik: The Walking Dead 4.07 „Dead Weight“/ „Handicap“.

„You can’t think forever. Sooner or later, you gotta make a move.“

Dead Weight„/ „Handicap“ ist das vorzeitige Ende der Gefängnis-Sendepause. Mit ganzen zwei Folgen, die sich ausschließlich um den Governor drehen, ist The Walking Dead sicherlich ein Risiko eingegangen. Bei „4.06 Live Bait“ war ich noch optimistischer gestimmt, wie eine neue Ausrichtung des mitunter problematischsten Charakters aussehen könnte – „Dead Weight“ lässt mich hingegen hinterfragen, ob diese zwei-episodige Reise wirklich ihre Sendezeit verdiente.

Walking Dead 4.07 golfing

Der Governor trifft Martinez und eine neuerliche Gruppe Überlebender. Da dauert es natürlich nicht lange, bis der Governor wieder versucht, seinem Namen gerecht zu werden…

Ab hier gibts wie immer volle Spoiler für die Episode.

Da ich zu Folge „4.06 Live Bait“ keine Kritik verfasst habe, werd ich hier auch auf ein paar Aspekte jener Folge eingehen – und das macht auch thematisch Sinn, handelt es sich hierbei schließlich um einen einzigen Handlungsbogen: der einer versagten Wiedergutmachung seitens des Governors. Selten war die Serie dabei voraussehbarer, was besonders in der zweiten Hälfte von „Dead Weight“ auffällt: Ab der Ermordung von Martinez ist es fast nur noch ein Abwarten, bis der Governor die Truppe für seine Zwecke einzuspannen beginnt und sie Richtung Gefängnis lotst.

Obwohl es sich bei „Dead Weight“ durch die Fokussierung auf eine einzelne Figur sicherlich um eine der ungewöhnlicheren Folgen der Serie handelt, geschehen die Ereignisse nach einem klar erkennbaren Muster, und die Folge macht den Eindruck, von Plotpunkt zu Plotpunkt zu springen, als ob sie eine Checkliste abarbeiten müsse. Und das ist insofern schade, weil die vorherige Folge doch erstmals einen tieferen Einblick in den Governor vermittelte, und „Dead Weight“ entgegenwirkt, indem sie seine stumpfere Persona aus der zweiten Hälfte der dritten Staffel wieder aufleben lässt. Das ist zwar nicht fad per se, aber durch die geleistete Arbeit in der Vorfolge irgendwie antiklimatisch.

Rein von der Geschichte her hätte sich der Governor aber auch gar nicht wirklich in eine andere Richtung entwickeln können – einerseits möchte die Serie ihn nicht ewig als loses Ende vor sich her schieben, andererseits hat er nicht die Möglichkeit, sich zu einem der Guten zu entwickeln – dafür hatte man sich in Staffel 3 einfach zu weit aus dem Fenster gelehnt, besonders das dritte Staffelfinale ließ ihn ja komplett zum Berserker werden. Ehrlich gesagt fand ich die Transformation zum starräugigen Leidträger mehr als merkwürdig, empfand diese Neuerfindung allerdings als notwendiges Übel, um überhaupt noch etwas aus dieser Figur abzugewinnen. Dieser neue Mann war ein interessanter, auch wenn er nicht wirklich so ein Trauma mitgemacht, als die Episode es uns vorgaukelte.

Walking Dead 4.07 new team

Dead Weight“ macht diese gesamte Transformation allerdings wieder rückgängig. Das ist absolut legitim – im Grunde ist es ja tragisch, dass dieser Mann kein besserer mehr werden kann. Nicht alle Menschen verdienen eine zweite Chance, weil nicht alle Menschen eine zweite Chance auch nützen können. Es ist ein wenig frustrierend, den Governor seine so leichtfertig wegwerfen zu sehen – auch beim zweiten Betrachten kann ich mir nicht wirklich einen Reim daraus machen, warum er Martinez umbringen musste. Sein Durst nach Rache war in „Live Bait“ eindeutig zur Ruhe gekommen, und es gibt nicht wirklich einen starken Katalysator, um ihn wieder zur Mordlust zu treiben. Und wie sie wieder da ist – nach Woodbury ist das nun seine zweite Truppe, die er zu einem Krieg mit den Bewohnern des Gefängnisses anstiften möchte, und erneut kennt er weder Gnade noch Kompromisse. Die Geschichten in The Walking Dead wiederholen sich notwendigerweise, weil die Prämisse als Zombieserie nur eine limitierte Anzahl an Szenarios zulässt, und jene von Menschen gegen Menschen ist eine der spannenderen. Man wünschte sich bloß, dass die Serie da geschmeidiger vorgehen würde.

Das ist „Dead Weight“ leider bei Weitem nicht – selten war eine Folge der Serie so hölzern zusammengeschustert. Das Drehbuch hätte eindeutig noch ein paar Überarbeitungen gebrauchen können, die Logiklöcher türmen sich nämlich nur so im Minutentakt. Hier eine Auswahl:

– Der Governor ermordet Martinez nicht nur im helligsten Tageslicht, sondern auch noch in exponierter Lage. Martinez‘ Schreie sind auch nicht die leisesten.

– Selbiges gilt für die Deponierung von Petes Leichnam, den er ebenso untertags zum See schleift – diesmal sogar miten in der Wohnmobilsiedlung.

– Es ist mal wieder ein riesiger Zufall, dass der Governor, Mitch und Pete auf ein paar Überlebende stoßen, aber dann nochmal zufälliger, dass da noch eine Gruppe existiert, die ebenfalls mitten im Wald vorbeikommt. Oh, und zufälligerweise wird die erste Gruppe genau zum rechten Zeitpunkt umgebracht, um Pete und Mitch auseinanderdriften zu lassen. The Walking Dead begeht in beinah jeder Episode die Sünde, weitere zufällig Überlebende einzuführen und binnen weniger Minuten/Stunden Bekanntschaft mit den Hauptfiguren sterben zu lassen, aber so auffällig und unglaubwürdig ging die Serie noch nie vor.

– Überhaupt, warum schlägt diese Gruppe ihr Lager mitten im Wald in einer äußerst unübersichtlichen Stelle auf? So naiv waren unsere Hauptfiguren schon nach Staffel 1 nicht mehr.

– Den Governor kümmert es gar nicht erst, eine Blutspur an Mitchs Tür zu hinterlassen. Überhaupt nicht verdächtig.

–  Alles, was es braucht, um den Governor und seine Mädels vom Verlassen seiner Gruppe zu hindern, ist ein Schlammloch von Zombies. Mitten in der Straße. Und gäb es nicht auch andere Routen oder Richtungen?

Und das sind nur die Probleme, die mir spontan einfallen. „Dead Weight“ steckt voller „Huh?“-Momente, in denen man gar nicht anders kann, als die Geschehnisse auf dem Fernsehschirm in Frage zu stellen. Einzig wirklich geglückte, interessante Sequenz ist der Fund von kopflosen Leichen zu Beginn der Folge, die den Governor, Mitch, Pete und Martinez in eine Hütte lotsen. Ganz klar ist mir diese Mini-Geschichte nicht, aber interessant ist sie allemal. Zumindest, bis dann doch noch ein Zombie in der Hütte versteckt ist, obwohl die Männer eindeutig genug Lärm gemacht hatten, um diesen vorher schon auf den Plan zu rufen. Naja.

Insgesamt muss man aber feststellen, dass in diesen letzten beiden Episoden bedauernswert wenig passiert ist. Der Governor machte erst kurz den Anschein, reformiert werden zu können, ehe er seine Brian-Persona wieder aufgibt und alles und jeden ermorden zu beginnt, was ihm in die Quere kommt. Manchmal wird Charaktertiefe angedeutet – etwa, wenn er eine Träne vergießend aus einem Traum aufwacht – aber dann weiß The Walking Dead einfach nicht recht, was die Serie damit anfangen soll. Sie müsste ja nicht alles zur Sprache bringen, aber ein wenig sollte das die Handlungen des Governors schon informieren. Das Motto „show, don’t tell“ ist schön und gut – aber dann muss die Serie auch wirklich etwas zeigen.

Was im Endeffekt bleibt ist die rundum schwächste The Walking Dead-Folge seit Langem, die weder auf der Charakter- noch auf der Handlungsebene punkten kann. Sie erfüllt ihren Zweck, nämlich dem Governor eine Armee zu verschaffen und ihn von A nach B zu bringen, hangelt sich dabei allerdings über Zufälle und vorhersehbare Ereignisse. „Live Bait“ ließ mich noch hoffen, dass die Entscheidung, den Governor nach Staffel 3 am Leben zu lassen, die richtige gewesen war –  der neue Showrunner Scott M. Gimple hat in Staffel 4 bislang wirklich ein außergewöhnliches Händchen dafür bewiesen, Figuren wie Rick, Carol oder Hershel dreidimensionaler zu machen. Die Wandlung des Governors schien zuerst in die selbe Kerbe zu fallen, so inkonsistent sie auch mit Staffel 3 war. Schade also, dass der Governor nun wieder bloß „böse“ ist, nun mit einer Schwarz- statt Blondhaarigen im Bett, und mit einem (eigentlich sehr interessanten, aber halt auch sehr voraussehbaren) Penny-Ersatz ausgestattet.

Die größte Errungenschaft der zwei Folgen ist es sicherlich, dass es nun Figuren auf der Seite des Governors gibt, die Sympathieträger sind. Da hätte „Dead Weight“ sicher mehr dafür tun können, aber auch so ist das Setup für das Mittsaison-Finale nächste Woche enorm stark. Ein Köpferollen ist garantiert – und Comicfans wissen, wie tragisch es werden könnte.

Bla:

– Jetzt wirds aber wirklich langsam mal Zeit, dass Darryl erfährt, dass Carol nicht mehr da ist.

– Generell finde ich es klasse, wenn die Serie eine Auszeit vom Gefängnis nimmt. Das Gefängnis ist eine großartige Location, aber auf Dauer dann doch ein wenig zu eintönig. Derzeit findet die Serie dafür eine wirklich gute Balance.

– Insgesamt muss ich sagen, dass diese erste Hälfte der vierten Staffel eine sehr tolle Pace hatte. Die Epidemie am Gefängnis war erstaunlich spannend umgesetzt, wenn man bedenkt, dass der Feind namen- und gesichtslos ist und die Figuren scheinbar zufällig auswählte.

– Schachmetaphern sind ein alter Hut, aber hier definitiv clever geschrieben und spannend umgesetzt.

Fazit: 5,0 von 10 Zombies.

Man kann die Folge wenden und drehen wie man will: „Dead Weight„, in Deutschland als „Handicap“ betitelt, enttäuscht. Die Folge bringt den Governor dorthin, wo er für seinen Rachefeldzug hinkommen muss, leistet aber nicht viel mehr. Die Geschehnisse sind beinah fahrlässig aneinandergereiht – The Walking Dead war schon lange nicht mehr ein so offensichtlich verwirrter Mix.

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2 Gedanken zu “Kritik: The Walking Dead 4.07 „Dead Weight“/ „Handicap“.

  1. Pingback: Kritik: The Walking Dead 4.08 “Too Far Gone”/ “Kein Zurück”. | Blamayer TV

  2. Ich hatte direkt einen Grund gesehen, warum der Governor wieder so durchdreht und das Gefängnis zurück erobern will: Megan.
    Megan als Ersatz für Penny bringt ihn dazu, seine Sache besser zu machen als beim letzten Mal, das Kind zu beschützen, und damit kommt das Gefängnis als sicherer Ort und die ganzen Hassgefühle auf die Truppe, die dem im Weg steht, wieder auf.

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