Kritik: The Walking Dead 4.04 „Indifference“/ „Im Zweifel“.

„It was a nice watch.“

Staffel 4 beginnt ähnlich brachial wie die Staffel davor – und auch qualitativ erlebt The Walking Dead mit dem Beginn der Season erneut eine Renaissance. Ob das (früher oder später unausweichliche) Wiederauftauchen des Governors die Serie schlussendlich doch wieder belasten wird ist noch abzuwarten, die ohne ihn auskommenden Folgen wie „Indifference“ bzw. „Im Zweifel“ sind derzeit allerdings vollauf ausreichend.

Walking Dead 4.04 Darryl hallway

Indifference“ heißt Urlaub vom Gefängnis: Während Darryl, Michonne, Tyreese und Bob nach Medikamenten suchen, schicken sich auch Rick und Carol an, Ressourcen aus den nah gelegenen Dörfern zu plündern. Ohne Begegnung von Lebenden, Toten und Untoten geht das natürlich nicht…

Ab hier gibts wie immer volle Spoiler für die Episode.

Auf Achse.

The Walking Dead hat wirklich einen weiten Weg hinter sich, wenn man bedenkt, wo die Serie vor zwei Staffeln noch herumgedümpelt ist. Vergleichen lässt sich „Indifference“ wohl am Besten mit „18 Miles Out„: Folgen, die großteils oder gänzlich abseits dem Hauptort der Handlung spielen, um zwei Figuren sich endlich mal aussprechen zu lassen. Die Feindseligkeit zwischen Rick und Shane hatte sich damals über lange Zeit hin aufgestaut gehabt, Ricks Zwist mit Carol ist hingegen frisch aus der Episode davor – und dennoch können die beiden besser kommunizieren als Rick es je mit seinem vermeintlich besten Freund vermochte.

Das liegt nicht unbedingt an Ricks ausgefeilter Persönlichkeit. Zwar erhalten dessen moralische Entscheidungen das größte Spotlight der Überlebenden, akzentuieren dann aber doch stets bloß, wie zerrissen Rick ist. Es ist schön, dass Rick sich vom Strahlemann aus Staffel 1 zu einer deutlich komplexeren Figur entwickelt hat, aber ich bin mir nie mehr recht sicher, wofür er denn nun steht – er hat seine (zugegebenermaßen meist sehr schwierigen) Entscheidungen schon so häufig verrufen, dass ich keine Ahnung hatte, wie er denn darauf reagieren würde, dass Carol Karen und David umbrachte – würde er Carol anschwärzen? Es geheim halten? Von Rick wird man immer wieder überrascht – und das ist auch gut so. In einer anderen Serie wäre das vielleicht eine unausgeglichene, wankelmütige Charakterisierung, in The Walking Dead ist das ständige Kurskorrigieren der Hauptfigur hingegen stellvertretend für eine zerzauste Menschheit, die sich in den neuen Begebenheiten erst finden muss. Selbst nach drei Staffeln und etwa einem Jahr seit dem Ausbruch des Viruses gibt es keine festen Regeln, wie mit Menschenleben umgegangen werden soll.

Dieser Konflikt wird wohl die gesamte Serie zeichnen, „Indifference“ zeigt uns dabei jedenfalls den Standpunkt des einen Extrems: Gleichgültigkeit. Diese Lebenseinstellung wird meist von den „Bösen“ verinnerlicht, wie etwa der Governor, hier bekommen wir allerdings endlich auch einmal einen empathischen Einblick. Dass der Mörder und Verräter in den eigenen Rollen Carol ist, war schon ein kleiner Geniestreich der Serie – The Walking Dead gehört definitiv zu den unvorhersehbareren Serien in der TV-Landschaft. Was nach einem generischen Plot roch, der die neuen Mitbewohner des Gefängnisses als bloße Marionetten verwendete, entpuppt sich als Vermittler zur Charakterstudie. Der psychotische Killer entpuppte sich als eine unserer Hauptfiguren, dazu noch eine sympathische von den ersten Stunden – die Frage, was mit dem Täter nun geschehen solle, transformierte  sich in eine ernste Zwickmühle.

Carol ist die einzig verbliebene weibliche Überlebende aus Atlanta, und auch sie ist einen weiten Weg gegangen – weiter als alle anderen Figuren, könnte man sagen, wahrscheinlich zu weit. Nun streitet sie fast schon ab, eine Tochter verloren zu haben, oder sieht es zumindest nur noch in weiter Ferne. Der Tod ihres Ehemannes hat Carol gewissermaßen aus einer Lethargie befreit, mit dem Tod ihrer Tochter scheint hingegen etwas kaputt gegangen zu sein, das nie ganz verheilt ist. The Walking Dead ist eine misanthropische Serie, in der nur wenige Szenen von Glück gezeichnet sind, und Carol ist  wohl die zynischste Figur von allen geworden. Der Tod ist alltäglich geworden, und niemand hat das mehr akzeptiert als Carol. Es ist unglaublich kraftvoll, gemeinsam mit Rick festzustellen, wie tief Carol doch gefallen ist, und wie gleichwohl dieser Fall verständlich ist. Da stecken echte Emotionen dahinter, geschürt durch einen fantastischen Teaser (Carols Monolog ist irre schön, um nicht zu sagen poetisch) und die lange Freundschaft mit Rick, die mittlerweile eine echte Gewichtung besitzt.

Walking Dead 4.04 Carol

Die Parallelen zwischen Rick und Carol bilden die Crux von „Im Zweifel„, denn obwohl sie nun auf gegensätzlichen Positionen stehen haben sie ja doch die selben Geschichten miterlebt – den Tod ihrer Ehepartner beispielsweise, oder das Erziehen von Kindern. Neuerdings aber auch das Morden, wo Rick ja gar nicht so unschuldig ist – laut meiner Rechnung beläuft sich sein derzeitiger Kill-Count auf 4: Shane, Tomas, und die zwei Männer zur Halbzeit der 2. Staffel. Bei Shane war das klare Sache, aber bei den anderen war die Gefahr nicht immanent genug, um die Opfer zu verurteilen. Wie auch bei 3 von 4 von Ricks Opfern waren die von Carol ermordeten Dave und Karen eine Gefahr, die nur womöglich den Tod bedeuteten.  Hier kennen Rick und Co. die Opfer halt persönlich, und scheinbar ist das nun der entscheidende Grund, um Carol von der Gruppe zu verbannen. Es schwingt zwar auch so mit, dass Rick sie vor Tyreese und dem Rest der Gruppe schützen möchte, aber im Grunde sagt er ihr doch direkt: Jemanden mit solch korrumpierten Moralvorstellungen wollen wir nicht in unserer Gruppe.

Ich finde es wirklich schade, ihre Figur vorübergehend aus der Serie ausscheiden zu sehen – andererseits sorgt das natürlich wieder für so richtig gutes Material. Sie hatte sich sehr gut etabliert, vor allem im Vergleich zu ihren Auftritten in den ersten beiden Staffeln, und ich werde das Gefühl nicht los, dass sie auch weiterhin eine wichtige Rolle im Gefängnis hätte spielen können, dass die Chemie gut genug war, um sie weiterhin als die zynische Stimme zu verwenden. Na wenigstens ist sie nicht umgekommen – und ich kann mir kaum vorstellen, dass die Serie Carol damit endgültig gehen lässt. Es wäre zwar eine sehr schöne Ironie, Carol lediglich als Zombie wieder zu sehen – genau so, wie es mit Sophia war – aber enttäuschen würde mich das dennoch.

Bla:

– Ich kann kaum fassen, dass die Serie so eine Geduld mit der Carol-Darryl-Beziehung bewiesen hat, dass sie jetzt überhaupt nie stattgefunden hat – dabei hat sich das doch bereits seit Mitte der 2. Staffel angebandelt gehabt!? Vielleicht ja, wenn Carol zurückkehrt.

– Nebenbei gabs auch die Suche nach Medizin, featuring Michonne, Darryl, Bob und Tyreese. Die Zombieattacke aus den Büschen ist die Fortsetzung eines neuen Trends in Staffel 4: möglichst innovative Zombieangriffe, so ulkig die Szenarien auch sein wollen.

– Bobs Alkoholproblem ist die langweiligste Storyline der bisherigen Staffel. Als Bob allerdings kurz überlegt, zur Waffe greifen zu wollen, springt der Funke endlich über.

– Alle paar Episoden treffen Rick und/ oder Co. auf Überlebende, die überraschend wenig über das Überleben in der Wildnis wissen. Das reißt mich immer wieder aus der Illusion der Serie heraus, wie auch hier. Es ist einfach so unrealistisch, dass diese Menschen ein ganzes Jahr lang überleben, und gerade dann wie die Fliegen beginnen zu sterben, wenn sie Rick treffen – vielleicht ist dieser Mann aber auch bloß ein böser Talisman.

– Neuester Begriff für Zombies: „skin eaters“.

Fazit: 8,0 von 10 Uhren.

Indifference„/ „Im Zweifel“ setzt den guten Lauf der 4. Staffel von The Walking Dead fort: Erstaunlich tief gehen die Figuren nun (aufeinander ein), weshalb der Verlust einer von ihnen umso stärker wirkt.

 

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Ein Gedanke zu “Kritik: The Walking Dead 4.04 „Indifference“/ „Im Zweifel“.

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