Kritik: Janus „(6)“.

„Tun Sie mir einen Gefallen? Lassen Sie mich einfach verschwinden.“

Janus Folge 6 ist bis 11. November in voller Länge HIER in der ORF TVhtek aufrufbar.

Janus 1.06 Agnes_Junior

Agnes ist Leo ein paar (tausend) Antworten schuldig: Warum gibt sie Flo Pillen? Was ist ihre Verbindung zu Janus? Und seit wann hintergeht sie Leo schon? Bevor sich Leo seine Frau vorknöpfen kann, kommt ihm Junior da allerdings zuvor, und der hat ganz eigene Vorstellungen davon, was mit Agnes weiter passieren soll… (Achja, und ein Giftanschlag kommt auch vor.)

Ab hier gibts wie immer volle Spoiler für die Episode.

Janus – Staffel zwei?

Eine einzige Folge Janus ist noch ausständig, und so langsam drängt sich die Frage auf, ob es danach noch weitergehen kann oder wird – mal ganz abgesehen davon, was die ORF-Chefs von den mittelmäßigen Einschaltquoten, der mit Sicherheit gegebenen internationalen Vermarktbarkeit und dem sehr positiven Medienbuzz halten. Die Serie brüstet sich mit dem Slogan „7 Folgen – ein Geheimnis“, verspricht also eigentlich, in sich abgeschlossen zu sein. Auch der Serientitel lässt das vermuten – zwar könnten Leo, Cara und Konstantin nach der Zerschlagung des Konzerns durchaus weiter ermitteln, Agnes und Junior würden da allerdings eher aus dem Rahmen fallen – und die Serie wäre dann recht kurzsichtig betitelt, für eine zweite Staffel müsste man dann Janus dann fast umbenennen.

Episode „(6)“ hinterlässt diverse Indizien, die in die eine oder andere Richtung deuten. Bislang hatte ich angenommen, dass Junior, Senior und Lorenz die einzig nennenswerten Bösewichte der Firma bleiben würden, aber scheinbar gibts da noch etliche weitere Hintermänner und -Frauen, inklusive der ominösen Besitzer des Pharmakonzerns – ist die blonde Dame eine davon? Jedenfalls wirkt der Konzern plötzlich um noch eine Ecke größer und bedrohlicher, sodass Leo nun nicht mehr wie die silberne Kugel wirkt, die alles zum Einsturz bringen könnte, sondern eher wie eine mindere Gefahr – wie soll da die Entführung oder Bedrohung von Lorenz eine Gefahr für die Firma sein, wenn dieser, wahrscheinlich ähnlich wie Junior, absolut ersetzbar ist? Auch eine Telefonnummer, die seit 15 Jahren nicht gewählt wurde (poetisch, wenn auch nicht sonderlich realistisch), spricht davon, dass dieser Konzern eine lange, reiche Geschichte besitzt. Das alles klingt nach genügend Material für eine weitere Staffel, und auch Co-Schöpfer und Co-Autor Jacob Groll gibt mal vorsichtig auf seiner Homepage an, Janus würde von „2013-?“ produziert bzw. ausgestrahlt – das lässt hoffen.

Andererseits lässt mich das Ende von „(6)“ wieder grübeln, ob eine zweite Staffel überhaupt drin sein kann, wenn man bedenkt, in welchen Schlamassel sich Leo, Cara, Agnes, Benedikt und Junior – also die gesamte Riege an Hauptdarstellern – da hineinmanövriert haben. Allen voran natürlich Junior und Agnes, die „einfach zu viel internes Wissen“ besitzen, um noch lange, geschweige denn eine ganze Staffel, mitwirken zu können – und das nur für den Fall, dass Junior überhaupt noch am Leben ist. Während Cara dank eines überdimensionalen Giftanschlags von Janus erstmal außer Gefecht ist, stürzen sich Leo und Konstantin am Ende der Folge in ein Wagnis, von dem es kaum ein Zurück mehr geben wird, nachdem sie ohnehin schon ins Kreuzfeuer des Konzerns gekommen waren. Kurzum: Janus geht mit allen Figuren aufs Ganze, und das ist ungeheuerlich spannend.

Der Fall der Woche?

Janus‚ Serienfinale ist in Wahrheit ein Zweiteiler – ohne passende Episodentitel war das im Vorfeld gar nicht so recht vorherzusehen, überrascht aber positiv – in einer einzelnen Folge lässt sich die Serie kaum zu einem zufriedenstellenden Ende bringen. Umso erfreulicher also, dass man bereits in der 6. Folge schon keinen „Fall der Woche“ mehr besitzt – wir können uns doch wohl alle einig sein, dass der Giftanschlag auf den Club Cara gegolten hat und kein Zufall war, oder? Ganz schlüssig ist mir der Gigantismus dieses terroristischen Akts nicht – um Cara eine Nachricht zu senden gäbe es da mit Bestimmtheit tausend einfachere, weniger auffälligere Methoden. Mir gefällt, dass die Serie sich bewusst ist, wie hoch die Einsätze hier sind – der Vergleich mit dem Sarin-Anschlag in Tokyo 1995 ist schauerlich passend – bin aber gespannt, ob die Serie dafür eine gute Erklärung finden wird.

Janus 1.06 Leo_Konstantin

Okay, und wo versteckte sich das Gift? Ich hab mir die Szene jetzt ein paar mal angesehen und glaube dem Rätsel ein wenig auf die Spur gekommen zu sein. Cara bekommt von der Security ein Schleifchen um den Arm gebunden, aber vom Schleifchen gelangt es dann nicht weiter. Verdächtig kommen mir hingegen die Strohhalme vor, da Cara sich eigens eine Sekunde Zeit nimmt, um ihren Strohhalm aus dem Getränk zu nehmen und wegzuwerfen. Die Zitrone im Gin Tonic ist natürlich auch ein heißer Tipp, aber bei 200 Vergifteten ist das schon eine fast zu hohe Anzahl an Menschen, die Gin Tonic trinken. Eine Erklärung, warum das Gift nicht früher freigesetzt wurde, wäre dann auch vorhanden: Der Kellner musste die Strohhalme wohl zu einem gewissen Zeitpunkt austauschen. Beweise besitze ich keine, eine andere Lösung will mir aber nicht einfallen – zumal der Doktor ja explizit sagt, dass es weder in der Luft noch in den Drinks selber war. Was diese ganzen Theorien allerdings allesamt über den Haufen wirft: Wie hätte Janus wissen können, dass Cara am Abend diesen Club besuchen würde?

Janus.

Gerade mal ein paar Minuten werden in dieser Folge für die Lösung des Giftanschlags aufgeopfert, ansonsten dreht sich alles rund um den titelgebenden Pharmakonzern. Ich bin so froh, dass Miriams Tod noch einmal aufgegriffen wird – damals fand ich es fast schade, die ganzen rohen Emotionen übersprungen zu haben, und hier erhalten wir eine ganz neue Perspektive dieses Vorfalls. Junior stellt sich nun also doch noch als der Mann heraus, der seinen Arbeitgeber zu Fall bringen möchte. Miriams Tod wird damit nochmal eine Ecke bedeutender: Sie ist also nicht bloß der Grund, warum Leo und Konstantin Janus um jeden Preis stoppen müssen, sondern ist auch für Junior der entscheidende Katalysator. Es erstaunt mich immer wieder, wie dicht die Handlung von Janus zusammengeschnürt ist, auch wenn so manche Aspekte von „(6)“ sich so anfühlen, als wären sie erst an dieser Stelle hinzugefügt worden (Stichwort: blonde Dame, deren Aura beeindruckender gewesen wäre, wenn wir ihre Stimme schon einmal gehört hätten). Andere Szenen wiederum, wie eben der Abtransport von Miriams Leiche, vermitteln, mit wie viel Sorgfalt an der Gesamthandlung gewerkelt wurde.

In der Tat beeindruckt mich, wie rund so viele Momente ablaufen, so als ob die Serie bereits ein, zwei Staffeln Zeit gehabt hätte um sich einzugrooven. Leos Deduktionen, welcher Mann auf den Fotos zu Janus gehört, ist schlichtweg grandios umgesetzt: Seine Schlussfolgerungen sind logisch, nachvollziehbar und nicht so offensichtlich, dass es künstlich wirken würde. Leos Visionen erinnern musikalisch und optisch an Schnell ermittelt, haben sich aber in der Exekution deutlich davon abgesetzt. Besonders in ihrer Wechselschaltung in die Realität haben Leo Benedikts Ermittlungsmethoden eine Eleganz, die ihresgleichen suchen – und das in erstaunlicher Konsistenz, bislang in jeder Folge.

Auch die Dialoge sind klasse – ich kann mich kaum entscheiden, welches Zitat ich zu Beginn des Artikels geben will. „Nicht wie bei der Miriam. Nicht so öffentlich.“ ist das mitunter ergreifendste, was die Figuren von sich gegeben haben. Die Serie hat ein richtig gutes Händchen für ihre Hauptfiguren, vor allem Leo – dessen Wutausbruch und Schlag in den Spiegel waren einfach zu gut getroffen, ebenso seine emotionsgeladene Attacke auf den Mercedes vor seiner Haustür. Konstantin ist manchmal noch so ein kleiner Problemfall: nach dem zu urteilen, was der so von sich gibt, möchte ich nicht sein bester Freund sein. Einzig die blonde Frau von Janus („sie“) hat noch ein paar Gehschwierigkeiten, ihre Aufzählung von Juniors Vergangenheit klingt gar ein wenig expositionslastig, und so ganz kommt die Bedrohlichkeit nicht rüber.

Dafür ist die Folge vollgepackt mit anderen starken Szenen. Leos Schlag in den Spiegel, der eine auf Dauer zersplitterte Ehe zurücklässt, erinnerte mich stark an eine Szene aus Breaking Bad, in der die Hauptfigur ebenfalls aufgrund eines Wutausbruchs auf ein verzerrtes Selbstbild blicken muss. „Es gibt eine Erklärung. Es gibt eine vernünftige Erklärung.“ murmelt sich Leo Benedikt zu, als er beginnt, Atem zu schöpfen. Leo ist ein impulsiver Mensch, der nicht aus seiner Rolle als Psychoanalytiker schlüpfen kann. Das hilft ihm, sich zu fassen – er kann sein Familienleben dann, zumindest ein wenig, aus professioneller Sicht sehen, und somit die rein rational richtigen Entscheidungen treffen, was mit seiner Familie nun geschehen soll.

Wie von Janus gewohnt gibt es ein wildes Hin und Her bei den Motivationen der diversen Figuren, ohne je aufgesetzt zu wirken. Leo und Konstantin benötigen beide eine Triebkraft, um trotz Gefahr für sich und die Familie (Leo) bzw. Zweifel an den Anschuldigungen an Janus (Konstantin) zusammenzuarbeiten, und diese Kraft ist Cara. Janus holt sogar aus und macht die Suche nach dem eingesetzten Gift, um mittels passendem Gegengift Cara zu retten, einen Wettlauf mit der Zeit – klotzen, nicht kleckern ist hier auf jeden Fall die Parole. Manchmal bleibt der Serie dann wenig Zeit für die kleineren Momente – die Beziehung zwischen Cara und Leo kippt etwa von einem Extrem ins nächste und wieder zurück. Gerade aber dank Leos Sprunghaftigkeit erhält das Glaubwürdigkeit und Sinn: Wenn er davon erfährt, dass Agnes ihn monatelang hintergangen hat und seine Familie in Gefahr brachte, fällt es ihm nicht schwer, mit Überzeugung zurück auf Caras Lippen zu fallen.

Janus 1.06 Leo_Cara

Extreme Maßnahmen setzen auch Konstantin und Leo am Ende der Folge, als sie Lorenz (früher genannt „Direktor“) überfallen. Es herrscht wirklich eine Endzeitstimmung, denn beide Männer riskieren damit eine gewaltige Haftstrafe – alles oder nichts also, wenn diese Aktion in die Hose geht kommt Janus davon. Es wurde wirklich Zeit, Konstantin zurück ins Boot auf die Seite von Leo und Cara zu holen, auch in „(6)“ verdiente er sich wieder ein paar Awards für den schlechtesten Freund aller Zeiten. Aber zum Glück reformiert er sich, denn diese Figur braucht scheinbar eine Triebfeder, um wirklich mit anderen Figuren zu harmonieren, und die ist fürs Staffelfinale zur Stelle – danke, Cara, für deinen tapferen Einsatz! Schöne Asymmetrie: Während er Job und Ruf verliert, gewinnt er seinen alten Freund und Antrieb wieder.

Agnes und Junior sind allerdings die heimlichen Hauptdarsteller dieser Episode. Im Gegensatz zum Rest der Firma beginnen die beiden so langsam, die Schuld auf sich zu nehmen – und begehen dabei einen interessanten Rollenwechsel: Während Junior nun derjenige ist, der die Firmenphilosophie nicht länger unterstützen kann, gesteht Agnes, dass sie Miriam selber runtergestoßen hätte, wenn es nur bedeutete, ihren Sohn zu retten. Während Agnes uns ihre dunkle Seite offenbart, zeigt Junior erstmals seine hellere Seite – wie ihn die Beziehung zu seinem Vater beeinflusste, warum Miriams Tod sein Schlüsselereignis ist (sein 1. Mord), und welch Risiken er nun bereit ist auf sich zu nehmen, um Agnes zu retten – ja, in Wirklichkeit ist ihm absolut bewusst, dass dies sein Ende sein wird, so oder so. Die Unausweichlichkeit der Frage, was mit Agnes denn nun geschehen soll, wo sie doch a) Janus auffliegen lassen wollte und b) gar nicht mir nichts dir nichts verschwinden möchte hängt wie ein Damoklesschwert über der gesamten Folge (sie hat nur eine Woche Zeit, bevor Entzugserscheinungen auftreten würden), und natürlich muss die aufgestellte Mausefalle zum Schluss zuklappen.

Janus steckt selbst nach 6 Folgen immer noch voller Wendungen und Enthüllungen. Die Leben aller Hauptfiguren sind mittlerweile dermaßen aus ihren Ankern geworfen, dass ein wirkliches Happy End fast außer Sicht geraten ist. Ich bin unheimlich gespannt, wie die Serie all ihre Handlungsknoten auflösen möchte, insbesondere ob Ansätze für eine Staffel 2 angeboten werden oder nicht. Genug offene Fragen gibt es jedenfalls, um noch mehr Janus zu wünschen: Was steckt hinter der roten Tür? Was hat es mit dem runden Labyrinth auf sich, und was mit dem eckigen, das Junior in „(5)“ aufzeichnete? Und wer sind die wirklichen Drahtzieher hinter Janus?

Bla:

– „Sie haben keine Ahnung, wer Janus wirklich ist.“ Hmmmm. Dann sags uns halt!

– Flo hat einmal mit „einem Freund und einer Freundin“ seiner Mutter im Erdgeschoß gewartet – ob das die Blonde und der Schwarze sind, die Junior immer zur Seite gestanden sind?

– Eine Geschichte wie diese von Janus kommt ohne Zufälle nicht aus. Letzte Woche war es Leos Fund der Tabletten, diese Woche die Entdeckung von Sebastian, dass der neueste Wirkstoff, man erahnt es, endlich funktioniert. Das macht es natürlich umso ironischer, gerade jetzt die Arbeit für den Konzern eingestellt zu haben.

– „Ohne Cara heute kein Wuk, also… Geschenk!“

– Wow, hat Alexander Pschill wirklich gegen den Spiegel geschlagen? Der Spiegel sprang ganz ohne Schnitt.

– Passenderweise besteht Juniors Apartment beinah ausschließlich aus weißen und schwarzen Möbeln, die offensichtlich um die Vorherrschaft ringen.

– Jägerball, Lugner, Zeit im Bild – Janus verankert sich in Österreich. Interessant allerdings, dass Wien als Handlungsort im Grunde nie so recht hervorgehoben wird.

– Als Cara begann, ihre Fälle im Schlaf zu lösen, wurde ich doch ein wenig nervös – mit dieser Art von detektivischer Arbeit hatte ich in österreichischen Produktionen eher weniger gute Erfahrungen gemacht. Zum Glück stellten sich ihre Vermutungen als falsch heraus.

– Lob gilt auch dem Schnitt der Episode – ich kann kaum zählen, wie häufig man Person A hinter einer Tür vermutet, dann aber Person B vorfindet, weil eine andere Begegnung parallel geschieht.

Fazit: 9,0 von 10 Gin Tonics.

Ich verfolge viele gute TV-Serien, aber Janus ist diesbezüglich mittlerweile mein absolutes Highlight der Woche geworden.

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2 Gedanken zu “Kritik: Janus „(6)“.

  1. Ich hab mich auch gefragt, wo denn das Gift herkommen könnte, aber meines Erachtens kriegt die Cara keine Schleife, sondern einen Stempel von dem Typen beim Eingang, oder? Das ist ein bisschen schwer zu erkennen, aber ich würd meinen, beim Tanzen ist ein Stempel auf ihrem Handgelenk. Dass das jetzt aber tatsächlich was mit dem Gift zu tun hat, bezweifle ich jedoch, da ist das Getränk wohl noch wahrscheinlicher. Wobei vermutlich eh alles wieder ganz anders ist, als man denkt…
    Und dass sie (also Janus) gewusst haben, dass die Cara an dem Abend in der Disko ist, liegt wohl daran, dass die auch sie ganz genau beschatten. Vielleicht gibt’s ja auch irgendeinen Spitzel am Kommissariat…

  2. Pingback: Kritik: Janus “(7)”. | Blamayer TV

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