Kritik: Janus „(5)“.

„Wer lebt in einer Traumwelt?“

Janus Folge 5 ist bis 4. November in voller Länge HIER in der ORF TVhtek aufrufbar.

Bereits nach der ersten Folge von Janus war mir klar: Diese Serie ist die Serienhoffnung Österreichs der letzten Jahre. Die fünfte Folge, schlicht mit „(5)“ betitelt, bekräftigt meinen Glauben einmal mehr daran, dass heimische Produktionen auf internationalem Niveau mithalten können.

Janus 1.05 königliches Ehepaar

Ein Wiener ist fest davon überzeugt, in Wahrheit der britische Thronfolger zu sein – als ein vermeintliches Attentat verübt wurde und sie die Polizei einschalten, erkennt Cara schnell, dass das nach einem Fall für Leo „Mentalist“ Benedikt klingt. Inzwischen gibts bei Janus große Umstrukturierungen – Junior scheint alle Hebel in Bewegung zu setzen, um den Konzern nach dem Bombenattentat wieder auf Vordermann zu bringen. Agnes hat vorerst allerdings nicht vor, wieder zurückzugehen…

Ab hier gibts wie immer volle Spoiler für die Episode.

 Déjà-vu.

Janus hat ein riesiges Talent für Cliffhänger, das hat die Serie schon mehrmals bewiesen. Die letzten paar Minuten sind ein jedes Mal eine wahre Achterbahnfahrt, so auch in Folge „(5)„. Genau vor diesem Klimax vollbringt Janus aber eines seiner bislang schönsten Kunststücke – nach einer Zeitspanne von knapp einem Monat seit der Explosion am Ende von „(4)“ und einer turbulenten fünften Folge ist alles anders, aber doch irgendwie gleich. Cara schmachtet nach Leo, Agnes arbeitet in ihrem Büro, und Leo tappt bezüglich Janus immer noch im Dunkeln, und Norbert und Barbara sind weiterhin in ihrem Spiel gefangen.   Janus ist noch in keiner Episode mit seiner Handlung auch nur still gestanden, jede Episode geschieht unter völlig verschiedenen Umständen.

Umso überraschender also, in genau diesem Moment ein Déjà-vu zu erleben. Der (nur kurz anhaltende) Bruch mit der üblichen Erzählweise der Serie akzentuiert, wie Menschen ihre eingetretenen Bahnen nicht verlassen können, selbst wenn sie es wollen. Fast überrascht bin ich, dass die Labyrinth-Metapher hier nicht ins Spiel kommt, aus dem in den ersten 40 Minuten der Episode niemand auszubrechen vermag. Dass alle Handlungsstränge hier so zusammenarbeiten und ein homogenes Ganzes bilden spricht dafür, wie solide die Mauern dieses Labyrinths sind. Jede Janus-Episode ist in gewisser Weise ein Verwirrspiel und Rätsel, „(5)“ ist das am Schönsten konstruierteste.

Da ist zum Beispiel der Fall der Woche: Norbert und Barbara halten sich für den englischen Kronprinzen und dessen Leibwächterin. Die Folge geht wahnsinnig geschickt darum, uns nach und nach verschiedene Theorien glauben zu lassen, was wirklich mit den beiden los ist – Sind beide verrückt, oder er, oder sie? Möchten sie Leo testen, oder haben sie irgend ein anderes Ziel, das wir gar nicht erst erahnen? Leos Visionen sind exzellent in die Lösung des Falles eingebettet – so macht der Fall auch Spaß. Die Prämisse ist zudem in ihrer Kuriosität ein angenehmer Kontrapunkt zu den durchwegs seriösen anderen Handlungssträngen, und auch wenn die Agentennummer letztendlich nicht ganz zündet, kann man nicht umhin, zu bewundern, wie der Fall unsere Hauptfiguren involviert und fordert.

Allen voran natürlich das Liebesdreieck zwischen Leo, Cara und Agnes. Die Handlung von Janus wird gerade mal 7 Folgen lang, weshalb die Serie auch selbstbewusst ihre halsbrecherische Geschwindigkeit beibehalten kann. Langes Schmachten wird darum auch nur angedeutet (etwa durch die Boxpuppe in Caras Wohnung, den Mangel an menschlichem Kontakt symbolisierend), Konflikte hingegen direkt ausgesprochen werden. Man versucht hier natürlich auch, Erwartungen zu durchkreuzen, indem man Leo seine Affäre mit Cara direkt beichten lässt, ohne es seiner Frau ewig lang zu verheimlichen. Und wer hätte gedacht, dass Cara Agnes direkt ins Gesicht sagt, dass sie selbst eigentlich besser mit Leo zusammenpassen würde? Klar, Cara ist direkt und kommt zum Punkt, aber so…? So dürfen wir Zeuge eines grandios geladenen Dialogs werden, ohne zu wissen, zu welcher der zwei Frauen man denn nun halten soll – keiner wünscht man die Einsamkeit, vor allem, weil beide schon einsam genug sind.

Geplatzte Träume.

Wer lebt in einer Traumwelt?“ ist die zentrale Frage der Episode, die nicht ohne Grund in genau jenem oben erwähnten Moment in Minute 40 ausgesprochen wird. Bis dahin müssen die Geschehnisse Agnes, Leo, und Cara vorkommen wie ein böser Traum, nur um mit bösen Erinnerungen aufzuwachen – und ein wenig geschlafwandelt. Barbara und Norbert sind da also nicht die Einzigen, die lieber weiterträumen, als der Realität ins Auge blicken zu wollen – vor allem Cara ist auf der Suche nach  Leo-Ersatz, wird aber emotional nicht fündig.  Und wow, mir war nie aufgefallen, dass Markus (in jeder Folge der Polizeimitarbeiter im Hintergrund) wie ein jüngerer Leo Benedikt aussieht. Gleichzeitig spielen aber auch Agnes und Benedikt wieder heile Welt, denn in der Tat kommt es nach Minute 40, als jeder aus dem Traum aufwacht, genau so, wie Cara es prophezeit: Agnes hat keine Lust mehr, glückliche Familie zu spielen. Cara kann natürlich nicht wissen, dass es sich dabei weniger um verlorene Lust als um den Zwang zur Arbeit handelt, ohne den der kleine Flo das selbe Schicksal erleiden wird wie seine Mutter. Leo hingegen wird unsanft auf den harten Boden der Realität geworfen, als er die Pille (praktischerweise) unter Flos Bett findet, und erfährt, dass Agnes Involvierung mit Janus weit tiefer greift als er es je hätte ahnen können.

Janus 1.05 Cara vs Agnes

Wirklich bemerkenswert, was für eine schiere Anzahl von Konflikten in dieser Serie durchwegs am Sieden sind, ohne einfache Auswege oder Lösungen. Die Chemie zwischen den drei Hauptfiguren ist superb, und ihre Beziehungen zueinander sind allesamt komplex – und Opfer von Umständen, die sie nicht kontrollieren können. Auch die episodischen Kriminalfälle haben bislang immer in eine ähnlich düstere Kerbe geschlagen wie die Geschichte um den Pharmakonzern, ließen Verbrecher unüberführt laufen oder Opfer erneut Opfer werden – eigentlich ging einzig der Fall von „(3)“ gut aus, wohl nicht ohne Zufall der unauffälligste bislang. Auch für Norbert und Barbara ist ihr Happy End nur ein bittersüßes, involviert es schließlich weiterhin ein großes Opfer von Norbert. Eine noch stärkere Resonanz wäre entstanden, wenn die mindestens einjährige Einweisung Barbaras nicht so einfach umkehrbar gewesen wäre, wenn Leo Benedikt mit seinem Eingreifen mit guter Intention – genau wie seine Affäre mit Cara – katastrophal für andere geendet hätte. So bleiben Norbert und Barbara die einzigen, die ihren Traum weiterträumen dürfen. Für die Enthüllungen zum Schluss wäre das aber vielleicht die falsche Stimmung gewesen.

Janus.

Indes regt sich auch etwas auf der anderen Seite der Macht. Mir gefällt der Ruck, den der Schlaganfall von Juniors Vater (ich glaube wir dürfen ihn Senior nennen) – auslöst. Der Direktor zeigt plötzlich eine andere Seite, ausnahmsweise eine die nicht bloß im Sinn hat Junior zur Schnecke zu machen. Vor allem aber rückt Junior zu seiner Position auf, in der er Mitentscheidungsträger der Firma ist – Konflikt mit dem Direktor vorprogrammiert. Damit ist er nun nicht mehr für uns das Gesicht der Firma als Handlanger, sondern sozusagen auch der Endgegner für unsere Helden. Gleichzeitig wundere ich mich umso mehr, warum er in „(4)“ zu Miriams Grab schielte – von Reumut ist in dieser Episode alles andere als zu spüren, stattdessen scheint in ihm eine neue Entschlossenheit ausgebrochen worden zu sein, die Firma zu schützen. Manchmal habe ich das Gefühl, dass Junior als „nicht durchwegs böse“ charakterisiert wird, und wieder ein andermal ist er doch nur ein machtbesessener Mann, der nicht anders kann als mit dem Direktor anzuecken.

Janus 1.05 Junior

Auch Agnes packt eine neu Entschlossenheit, als sie das neue Labor erblickt – wenn auch ein mulmiges. Und schließlich ist die Beziehung mit Leo wieder so verheilt, dass ihre und Flos Krankheit zweitrangig sind, wenn es darum geht, ihre Familie zu retten. Eine tragische Ironie ist es dann, dass ihr Mann ihrem Geheimnis gerade dann auf die Schliche kommt, wenn sie ihm davon erzählen möchte – das rückt sie natürlich in ein schlechtes Licht, ausgerechnet in der ersten Folge, in der sie durchwegs „gute“ Entscheidungen trifft, anstatt ihre moralischen Grauzonen weiter auszuloten.

Bla:

– „Sie kann nicht geheilt werden.“ – „Das is mir wurscht.“

 – Lieblingsdetail der Folge: „Leider nur ein Scan, nicht exakt die selbe Qualität. Aber ich versichere Ihnen, alles andere ist absolut gleichwertig.“ 

– Der Haftbefehl für Konstantin war unglaublich witzig. Ansonsten hat Konstantin nicht viel zu tun, ist in seiner Verzweiflung aber immer noch deutlich interessanter als ohne.

– Aaah, Agnes! Nachdem dir Junior doch gerade erzählt hat, dass Janus nichts dem Zufall überlässt und alles aufzeichnet, rufst du deinen Mann aus dem Büro aus an?

– Als Junior die Wiedergeburt von Janus einleitet, indem er Agnes wieder am Arbeitsplatz begrüßt, wird das Ganze sehr hübsch von einer Dark Knight-artigen Musik untermalt, die der Firma so langsam wirklich das ominöse und vor allem Macht ausstrahlende Gewand verleiht.

– „Janus. Die Firma, die du seit Ewigkeiten suchst, heißt Janus.“ Interessant, dass Cara meint, dass bloß Leo danach suchen würde, wo doch sie ebenfalls so tatkräftig dahinter war und beispielsweise den Wuk eingeschaltet hat. Unterlegt subtil, dass sie diese Recherche bloß wegen der Zusammenarbeit mit Leo so sehr verfolgt hat.

– Mir gefällt übrigens der Subtext von Sebastians Angebot an Agnes, ihr etwas Spannendes zu zeigen. „Es ist nur… wenn Sie nicht kommen, dann könnten sie sagen, es wäre mein Fehler.“ Unheilvoll, ohne zu dick aufgetragen zu sein.

– „Die Bombe hätte auch in Ihrem Büro sein können, schon mal darüber nachgedacht?“ Zuerst ließ mich dieser Satz vermuten, dass Junior doch nicht der Drahtzieher hinter dem Attentat war, sondern nun die Sicherheitsmaßnahmen erhöhte, um dem Täter auf die Schliche zu kommen. In Wirklichkeit ist das allerdings nichts anderes als eine blatante Drohung, clever als Warnung getarnt, während Junior seine Macht demonstriert. Umso mehr frage ich mich allerdings, wozu die Explosion überhaupt gut war – bloß, um das Labor umziehen zu lassen?

– Ich kann kaum glauben, dass Cara und Leo durch die offene rote Tür blicken, uns aber nicht gezeigt wird was sie sehen. Nichts Besonderes, das ist offensichtlich, aber zumindest die Dimension des Raums hätte ich gerne erfasst. Im Übrigen heißt das wohl wahrscheinlich auch, dass wir nicht erfahren werden, was Miriam hinter der roten Tür erblickt hatte – oder wirds im neuen Büro etwa ebenfalls eine so auffällig gestrichene Tür geben?

Fazit: 9,0 von 10 Tabletten.

(5)“ ist die ideale Janus-Folge, die Episodenfall mit Serienhandlung thematisch clever verflechtet. Beide Seiten funktionieren gut, ergeben kombiniert allerdings die dichteste Episode der Serie.

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