Kritik: The Walking Dead 4.02 „Infected“/ „Tod, überall Tod“.

„Are you seeing this, has somebody been feeding these things?“

The Walking Dead ist in der Inszenierung seiner Action-Szenen einfach gewaltig: In jeder Folge wird uns eine ungeheuerliche Anzahl an perfekt gestylten Zombies entgegengeschleudert, die unabhängig von der Sinnhaftigkeit der jeweiligen Situation fast immer eine reell wirkende Gefahr für die Figuren darstellt. Die emotionalen Noten trifft die Serie nicht immer, doch „Infected„, zu deutsch „Tod, überall Tod“ betitelt, gibt sich richtig Mühe, die Charaktere in dieser Staffel auf interessante Reisen zu schicken – und das auch noch inklusive der mitunter besten Action bislang.

Walking Dead 4.02 panic

Der in „30 Days Without An Accident“ innerhalb der Gefängnismauern verstorbene Patrick sorgt für Chaos – für solch eine Attacke war niemand gewappnet. Doch warum ist er überhaupt verstorben – geht da eine Seuche um? Eine mysteriöse Krankheit ist allerdings bei Weitem nicht das einzige Problem der Überlebenden…

Ab hier gibts wie immer volle Spoiler für die Episode.

Infected“ ist eine gewaltige Folge, und das beginnt gleich im tollen Teaser. The Walking Dead kämpft ständig mit der Gefahr, sich zu wiederholen, einfach weil das in den Genen des Zombie-Genres liegt – Zombies bekämpfen, weglaufen, eine Behausung suchen, Wiederholung. Und sicher, die nächtliche Suche nach einem Zombie in einer unübersichtlichen Umgebung haben wir so oder so ähnlich schon öfters gesehen, auch innerhalb der Serie. Dennoch hat die Serie solch ein Händchen für solch Szenen, dass Karens Abenteuer im Bad frisch und spannend wirkt. Dank der erweiterten Auswahl an Figuren durch den Anschluss der Woodbury-Bewohner stehen in dieser Staffel auch wieder tatsächlich Menschenleben auf dem Spiel. Tonlich aber findet die Nacht den perfekten Übergang zum Intro.

Man muss der Serie einfach zu Gute halten: Sie erfindet sich jede Staffel erneut selbst. Das muss nicht immer glücken (wie etwa in Staffel 2), aber hält die Serie erstaunlich frisch. Ich hätte nach dem Ende der dritten Staffel nicht erwartet, dass die Serie eine neue Orientierung erhalten würde – erstmals bleiben die Überlebenden von Staffel zu Staffel am selben Ort. Während der Zuwachs an menschlichen Ressourcen auf dem Papier eher nach einer Beinfessel klang, stellt sich der neue Status Quo als tatsächlich interessante Prämisse heraus. Der Zeitsprung zwischen den Staffeln hilft natürlich, Rick und Co. in neue Rollen einzubetten, aber dass diese neue Rollen auch tatsächlich Substanz haben ist wohl die positivste Überraschung dieser neuen Staffel. „30 Days Without An Accident“ war da nur die (gelegentlich sogar ein wenig langweilige) Startphase, erst in „Infected“ läuft die Serie so richtig warm.

Klar ist, dass sich The Walking Dead nicht häufig eine so gute Episodenidee wie diese einfallen lassen kann. Fast schon verschwenderisch geht man in dieser Folge mit den interessanten Ideen um: Sowohl der unerwartete Angriff durch einen innerhalb der sicheren Mauern gestorbenen Jungen als auch die langsam sich durch die Mauern fressenden Zombies sind fantastisches Material, das die Serie zudem noch sehr scharfsichtig dafür verwendet, ihre Charaktere zu illuminieren. „Infected“ ist wirklich ein Bilderbuchbeispiel für eine gut konzipierte und umgesetzte Folge, und mit Sicherheit eine der besten der Serie, die ohne große Momente wie Loris Tod („Killer Within„) auskommen muss.

Erwachsen werden.

Die Panik im Zellenblock D und die darauffolgenden Scharmützel sind nur der visuelle Aperetif für den Hauptgang der Folge, die Frage nach Verantwortung. Es ist selten, dass eine The Walking Dead-Folge einen so starken thematischen Kern besitzt, denn gleich mehrere Figuren müssen in dieser Folge Entscheidungen treffen, wie sie ihr zukünftiges Leben dahinfristen wollen – zumindest jenes, das ihnen noch bleibt. Lizzies und Mikas Vater erhält eine Bisswunde im Nacken, hat also gerade noch Zeit, sich von den beiden zu verabschieden, bevor getan werden muss was getan werden muss. Wir kennen weder Lizzie und Mika noch ihren Vater, und dennoch ist die Szene die emotionalste, die die Serie seit Längerem hervorbringen konnte. Die Bereitschaft Lizzies, ihren toten Vater vom Reanimieren abzuhalten, errinnert frappierend an Loris Tod, und es schwingen auch die selben Fragen mit: Was kann man einem Kind in einer postapokalyptischen Welt zumuten?

Lizzie und Mika besitzen nicht die emotionale Reife, solch eine Tat zu begehen, und das müssen sie ja nicht – sie sind schließlich Kinder. Eine gewisse Torheit besitzt jedoch jeder als Kind, eine Eigenschaft, die in dieser Welt tödlich sein kann. Carol und Rick vertreten hier verschiedene Ansichten, wie damit umzugehen ist – während Rick seinem Sohn nach wie vor das Tragen einer Waffe untersagt, nachdem er zum Ende der dritten Staffel einen unbewaffneten Jungen aus Woodbury kaltblütig erschossen hatte, lehrt Carol den Kindern die Gefahr, auf eigene Initiative hin, ohne Zustimmung der Eltern – die sie von nun an ironischerweise aber auch gar nicht mehr brauchen wird. Nur: Sind die zwei Mädels wirklich fähig, damit vernünftig umzugehen? Carl tat sich schon schwer, und dieser machte deutlich traumatisierendere Erfahrungen duruch als die Mädchen.

Vater und Sohn.

Dieser reift indes zu einem richtigen Erwachsenen heran, und mir gefällt, wie aufrichtig die Serie sich dem annimmt, ohne auf lange Erklärungen und Beschreibungen seines Heranwachsen zurückgreifen zu müssen – die Dialoge sind wirklich deutlich solider geworden. Carls Waffenentzug ist eigentlich eine Vorsichtsmaßnahme Ricks, stellt sich schlussendlich aber als Test heraus: Ist Carl A) reif genug, um mit dieser neuen Regelung umzugehen, oder B) verspürt er den Drang, dennoch den Helden spielen zu müssen? Die Antwort ist Gott sei Dank nicht mehr B), weil er mehrmals das absolut Richtige tut, nicht nur in Ricks Augen. Hat er es früher noch geheim gehalten, wenn ihm ein Fehler unterlaufen ist – der Zombie in „2.11 Judge, Jury, Executioner„, der Dale auf dem Gewissen hat, lässt grüßen – besitzt er nun die Weitsicht, Rick davon zu unterrichten, wenn er notgedrungen eine Waffe verwenden muss oder Carol ihn zur Schweigepflicht verdonnert. Und hey, seine Entwicklung wird sogar symbolisch dargestellt, als er Ricks Hut ablegt – er hat genug Cowboy gespielt. Ricks Überreichung der Waffe ist der bislang beste Vater-Sohn-Moment der Serie, selten hat die Serie einen charakterlichen Handlungsbogen so satt schließen können.

Was der Szene zusätzlich Gewichtung verschafft ist die Tatsache, dass auch Rick in dieser Folge eine folgenschwere Entscheidung getroffen hat, die ihn nun in einem neuen Licht darstellen. Die Fehlentscheidungen als „Ricktator“ in Staffel 3 machten ihn zu einem domestizierten Farmer, hier bekommt er den idealen Katalysator für eine fatalistische Gesinneswandlung: Es funktioniert nicht. So sehr sich die Menschen im Gefängnis auch bemühen, ein halbwegs normales Leben zu führen – es will einfach nicht funktionieren. Mindestens jeden Monat stirbt ein Mensch, Ricks erstes Schwein stirbt, Krankheiten brechen aus, Gefahren außerhalb des Gefängnisses existieren sowohl in untoter als auch lebender Form, innerhalb des Zauns gibt es einen Verräter… so sehr sie sich auch wünschen, eine Normalität aufzubauen – Stabilität können sie einfach nicht erzielen.

Walking Dead 4.02 fence

Der letzte Pflock ins Herz ist der langsam nachgebende Gefängniszaun – so undurchdringlich ist ihr Schutzwall nicht, das Gefängnis ist nicht der sichere Hafen, den sie sich erhofft hatten. Um den Zaun zu retten opfert Rick seinen letzten Fels in der Brandung, wenn es um die Hoffnung nach einem geregelten Leben geht – seine Schweine. Das klingt jetzt fast ein wenig albern, wenn ich Rick hier als Schweinehirten darstelle, aber die Tiere haben hier wichtigen Symbolcharakter. Sie als Ablenkung für die Zombies zu verwenden ist mehr als bloß das Aufgeben von ein paar Schweinesteaks – ihr Opfer repräsentiert Ricks Entscheidung, wieder Entscheidungen zu treffen. Es ist seine Idee, gemeinsam mit Darryl die Situation mithilfe der Schweine zu entschärfen, und im Anschluss auch seine Entscheidung, sich und seinem Sohn wieder Waffen zu beschaffen. Carl legt seinen Hut ab, Rick sein blutgetränktes Shirt, und den Schweinestall brennt er nieder. Das ist zwar eine verdammte Ressourcenverschwendung, untermalt allerdings bildhübsch die zurückgelassenen Facetten von Rick und Carl.

Ein gutes Comeback.

Auch sonst kann die Folge durchwegs punkten. Szenen wie Michonnes unerwartet emotionales Wiegen von Judith lässt vermuten, dass Michonne einmal ihr Kind verlor, oder zumindest stärker traumatisiert ist als man es vermuten könnte. Ihre Enigmatische Präsenz gewinnt langsam an Sympathie, was nach einer ganzen Staffel aber auch verdammt nochmal Zeit war. Beths Singen ist nach wie vor das schönste Symbol der Serie, dass noch Hoffnung besteht. Sasha, Tyreese, Bob, Karen und der indische Arzt heben sich bislang zwar noch wenig hervor, fügen sich allerdings mühelos in die Hauptgruppe ein – das derzeitige Ensemble gefällt mir sehr gut.

Und auch das Szenario eines Verräters in den eigenen Reihen – es kann sich ja nur um eine der neuen Figuren handeln, also wohl entweder Bob oder der indische Arzt, oder wer käme sonst noch in Frage? – hat Biss. Ich nehme mal an, dass die Person, die Walker mit Ratten füttert, die selbe ist, die die verdächtig hustenden Karen und David ermordet hat. Das ist eine durchwegs spannende Storyline, auf jeden Fall besser als ich es mir zu Beginn der Staffel erwartet hatte. Langeweile sucht man in „Infected“ jedenfalls vergeblich. Ich bin zwar gespannt und immer noch ein wenig nervös, was sich die Drehbuchautoren für weitere Handlungsstränge im Gefängnis überlegt haben, aber „Infected“ macht mir Mut, dass das Team weiß was es tut. Nach dem schwachen Finale der 3. Staffel kann The Walking Dead ein grandioses Comeback feiern.

Bla:

– Fantastische Beschäftigung für Carl: Kreuze zusammennageln. Das hat fast schon Poesie.

– Mir gefällt übrigens die schlichte Episodenbetitelung dieser und der folgenden Episoden, allesamt knackige einzelne Wörter. Nächste Folge: „Isolated„.

Fazit: 9,0 von 10 Schweineflanken.

Wenn The Walking Dead seine Figuren wachsen lässt, wächst die Serie mit. „Infected„/ „Tod, überall Tod“ ist vollgepackt mit spannenden Entwicklungen und tollen Actionszenen, die sich gleichzeitig als stark charakterbildend herausstellen.

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