Kritik: The Walking Dead 4.01 „30 Days Without An Accident“/ „Kein Tag ohne Unfall“.

„Are you coming to story-time tonight?“

Selten bestand bei mir so wenig Vorfreude auf eine neue Staffel einer von mir verfolgten Fernsehserie wie bei der 4. Staffel von The Walking Dead. Vielleicht ist das dem sehr enttäuschenden Finale der 3. Staffel geschuldet, oder dem Trailer, der im Vergleich zu den wirklich genialen der anderen drei Staffeln eher mäßig spannend aussieht. Vielleicht ist es auch die Prämisse, dass wir mit dem Einzug und Verbleib im Gefängnis die ständige Gefahr der Walker endgültig hinter uns lassen. „30 Days Without An Accident“ kann da allerdings beruhigen und ein wenig Begeisterung rück-einflößen – wie jedes Jahr startet die Serie gut und spannend in die neue Staffel.

Walking Dead 4.01 store

6-7 Monate sind seit dem Sieg über dem Governor vergangen, und auf den ersten Blick scheint das Leben im Gefängnis ein Glückliches zu sein – Kinder leben hier, ein Garten wird gepflegt, sogar einen Schweinestall haben sie gebaut. Doch natürlich trügt der Schein – nach wie vor sterben Menschen regelmäßig, und irgendwo braut sich da im Stillen ein Sturm zusammen…

Ab hier gibts wie immer volle Spoiler für die Episode.

Die schlechte Nachricht zuerst: The Walking Dead erschafft immer noch äußerst implausible Szenarien, um Spannung zu generieren. In dieser Folge wird ein Shoppingtrip zur Todesfalle, weil das zu feste Zurückstellen einer Weinflasche ein Regal zusammenbrechen lässt, woraufhin die Zombies auf dem Dach alarmiert werden, woraufhin die Decke plötzlich beginnt einzustürzen. Geschätzte zwei Jahre sind seit Ausbruch des Virus vergangen, und schon scheinen solide Gebäude einsturzgefährdet zu sein – na gut, vielleicht kann der auf den Supermarkt gekrachte Helikopter das erklären. Doch als die Zombies einer nach dem anderen beginnen durchzubrechen fragt sich schon, was hier denn plötzlich für eine Magie im Spiel ist. Wie Spielfiguren fallen die Walker der Reihe nach in den Supermarkt hinunter, was die Szene fast ein wenig albern aussehen lässt – ein Kichern konnte ich nicht unterdrücken.

Belohnt wird man dafür allerdings auch mit gewohnt guter Zombie-Action, für die man, wenn man ehrlich ist, ja überhaupt erst eingeschalten hat. Dennoch befindet sich die Serie da ein bisschen in einem konzeptuellen Dilemma: Die Überlebenden sind mittlerweile so mit der Apokalypse vertraut, dass sie mittlerweile für jeden Trip optimal präperiert sind. Da kann sich die Serie zwar immer wieder mal auf die Fahrlässigkeit ihrer Figuren berufen (so wie bei Rick etwa, der allein durch den Wald stapft), aber im Großen und Ganzen bleiben große Gefahrenszenarien aus. Vor allem ist das natürlich dem Gefängnis geschuldet, das trotz der nach wie vor hohen Todesrate den Überlebenden einen sicheren Hafen bietet – vorerst. Folge 1 der neuen Staffel vermittelt gleich mehrmals erfolgreich, dass der Frieden nur vorübergehend existiert: Die Zombies befinden sich aus einem unerklärlichen Grund plötzlich nur noch auf einer Seite des Zauns, ein Schwein stirbt aus mysteriösen Gründen, und ein Jugendlicher fängt sich eine tödliche Krankheit ein, wodurch er selber zur tödlichen Gefahr wird – reanimiert als Zombie innerhalb des Zauns. „30 Days Without an Accident“ hat die Aufgabe, gleich mehrere Handlungsstränge komplett neu aufzubauen, weil so viele Handlungsbögen mit Staffel 3 beendet wurden (Governor, Woodbury, Andrea) und ein komplett neuer Status Quo zu Beginn dieser 4. Staffel herrscht, und stellt sich dabei überraschend gut an.

Mehrere Monate sind seit dem vorübergehenden Ende des Governors vergangen, und viel hat sich geändert. Rick ist nicht mehr der Entscheidungsträger, stattdessen wird auf einen Konzil aus Herschel, Sascha, Glenn, Darryl und Carrol gesetzt – auch mal interessant. Dass Rick nur auf die Idee käme, ohne Waffe außerhalb des Zauns zu gehen, will mir allerdings nicht recht in den Schädel eindringen. Trotz der allgemeinen Heiterkeit vermittelt die Serie allerdings ein gutes Gefühl von permanentem Pessimismus – Beth etwa verliert keine Träne, als Darryl ihr vom Tod ihres Fast-Freunds erzählt. Der wohl irgendwo geplünderten Zähler von unfallsfreien Tagen stellt ein wahnsinnig schönes, trauriges Symbol für die Zerrissenheit der Überlebenden dar – man zwingt sich, über das Überleben glücklich zu sein, nur um dann resigniert doch wieder zur 0 zurückzublättern. Der Episodentitel vermittelt ein wenig, dass 30 wohl ein neuer Rekord ist. Fast noch zynischer als Beths Emotionslosigkeit ist Darryls Akzeptanz dieses Verhaltens. Diese Resignation, dass jeder mal sterben würde, nur eben in dieser neuen Welt deutlich früher, wirft einen tiefen Schatten über das sonnige Gefängnis, eine Dissonanz im Inneren der Figuren, die früher oder später wie Gedärme aus ihnen herausbrechen wird.

Walking Dead 4.01 garden

Mit der Zuwanderung der Bewohner Woodburys geht auch ein Aufstecken des Casts einher. Staffel 4 bringt eine große Menge entbehrlicher neuer Figuren ins Haus der Überlebenden, und „30 Days Without An Accident“ geht da nicht gerade zimperlich mit ihnen um – gleich zwei der neuen Sprechrollen, Zach und Patrick, beißen ins Gras, und sie werden bestimmt nicht die letzten sein. „Humans are the best weapons against walkers“, meint Rick, und hat damit auf zynische Art absolut Recht: Auch die Serie profitiert davon, mehr Kanonenfutter zu haben, um eine stabile Todesquote aufrecht zu erhalten. Auch wenn die Tode in dieser Folge nicht allzu überraschend kommen, gibt die Serie den zwei Burschen zumindest genügend Profil, um sie nicht als komplette Verschwendung zu sehen – Patrick etwa steht im Kontrast zu Carl, der sich aufgrund seiner Extremerfahrungen als deutlich erwachsener sieht und deshalb nur ungern abends zum Geschichtenerzählen vorbeischaut.

The Walking Dead bemüht sich sichtlich, spannend in die neue Staffel zu starten. Das gelingt ihr großteils, und dennoch schwebt ein ständiges, aufgrund der absolut rekordverdächtigen Einschaltquoten in den Staaten rein kreatives, Damoklesschwert über der Serie. Staffel 4 startet trotz der diversen Actionszenen deutlich ruhiger und durchdachter, ist dabei allerdings gelegentlich sogar ein Stücklein langweilig. Das wird bis Episodenende korrigiert, dennoch bin ich mir nicht sicher, ob die Serie diese Friedenszeit gut überstehen wird – auch weil die Figuren ja nicht die besten im TV sind, obwohl sich seit Staffel 2 viel getan hat. Die friedliche Zeit innerhalb des Gefängniszauns beginnt jedenfalls vielversprechender als jene auf der Farm – wollen wir hoffen, dass das anhält.

Bla:

– Wie oft finden sich eigentlich noch komplett verrückt gewordene Menschen in der Nähe des Gefängnis, selbst fast 2 Jahre nach Ausbruch des Viruses? Ich fand die Resolution des Konfliktes allerdings erstaunlich poetisch, als Rick die Frau zum Zombie mutieren lässt, um wenigstens so mit ihrem Geliebten zusammen zu sein. Und auch die 3 Fragen waren schön geschrieben, trotz der etwas losen C-Story.

– Darryls Schauspielerei als Undercover Cop war durchwegs witzig – hey, diese Menschen haben Lebensfreude wieder gefunden.

– Der Governor ist immer noch da draußen, und Michonne ist erpircht darauf ihn zu finden. Lediglich ausgerüstet mit einem Pferd ist das vielleicht nicht die beste Idee.

– Was hat es also mit diesen Zombies mit blutenden Augen auf sich? Wurde Patrick vergiftet – absichtlich oder nicht? Wir werden sehen.

Fazit: 7,5 von 10 Punkten.

30 Days Without An Accident“ ist ein guter, teilweise ein wenig fader, insgesamt aber dennoch sehr solider Staffelauftakt. Die Action ist gewohnt spannend (wenn auch teilweise recht gekünstelt), und die Emotionen fließen überraschend tief für Figuren, die wir eigentlich erst im Begriff waren kennen zu lernen.

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