Kritik: Janus „(3)“.

„Es ist elegant, wenn mans begriffen hat, unendlich elegant… Ich hab fast geweint.“

Janus Folge 3 ist bis 21. Oktober in voller Länge HIER in der ORF TVhtek aufrufbar.

Der ORF darf stolz sein: Mit seiner dritten Folge (wie immer ganz schlicht mit „(3)“ betitelt) etabliert sich Janus endgültig als das spannendste österreichische Serienprojekt der letzten Jahre. Besonders außergewöhnlich ist der unglaubliche WTF-Moment der Folge, der zeigt, dass die Serie mutig genug ist, sich bereits nach drei Folgen völlig neu zu erfinden.

Janus 1.03 Labyrinth

Leos neuer Fall dreht sich um Anna Sedlacek, eine Globalisierungsgegnerin und Aktivistin, die von Unbekannten überfallen wurde – der Verdacht fällt auf ihre Mitarbeiter. Miriam, indes, findet in ihren Nachforschungen nach Janus Hinweise auf eine Verbindung zwischen Agnes und dem Pharmakonzern. Bei der Verfolgung dieser Spur begibt sie sich dabei in tödliche Gefahr…

Ab hier gibts wie immer volle Spoiler für die Episode.

Miriam.

WTF steht für what the f***, und selten passte dieser Ausspruch besser als zum Tod Miriams. Wirklich, wer hätte das vermuten können? Wann hatte eine österreichische Produktion je den Mut, eine ihrer Hauptfiguren mitten in einer Staffel umzubringen – vor allem ihrer ersten, in der es eine rein kreative Entscheidung ist? Der Tod Miriams ändert alles – von nun an kann Leo Benedikt nicht länger passiv den Pharmakonzern Janus verfolgen, sein Freund Konstantin wird nicht mehr den Spielverderber mimen können, und Agnes dürfte ein wenig hellhöriger für die Skrupellosigkeit des Konzerns werden. Allen voran aber verspricht der Vorfall, dass Janus die Lösung des großen Janus- und Labyrinth-Mysteriums proaktiv verfolgen wird, und sich nicht auf wöchentliche, vom Pharmakonzern großteils unabhängige Fälle stützen wird. Die zur Schau gestellte Skrupellosigkeit und das Selbstbewusstsein der Serie faszinieren mich zutiefst, und das Ergebnis kann sich wirklich sehen lassen.

Miriam war jetzt nicht der ausgeklügeltste Charakter, und ein wenig schade finde ich es schon, dass Leo mit seiner Bemerkung, dass sie mehr als bloß eine Sekretärin sei, nicht Recht behielt. Vielleicht bin ich auch nur ein wenig traurig, dass die von mir in meiner Kritik zu „(1)“ aufgestellten Verschwörungstheorien rund um Miriam allesamt nicht zutreffen, was Miriam allerdings deutlich platter erscheinen lässt: Ihre Bekanntschaft mit Leo war doch Zufall, ihr Interesse an den Janus-Akten nicht persönlich motiviert, und die Beziehung zu Konstantin entstand nicht aus Spionagezwecken. Schade, aber auch okay, denn mit ihrem Tod erfüllt sie dennoch einen wichtigen Zweck in Sachen Story. Ihr geringer Nutzen war mir in „(1)“ und „(2)“ noch ein Dorn im Auge, Folge 3 verwendet sie hingegen nicht nur als kompetente Spürnase sondern lässt sie zum (voraussichtlich) entscheidenden Anstoß in den Janus-Ermittlungen von Leo, Cara und Konstantin werden.

Janus 1.03 Miriam Mit detektivischer Spitzfindigkeit hätte man ihren Tod auch erahnen können: Barbara Kaudelkas Name war, im Vergleich zu ihrer hohen Bildpräsenz, verdächtig weit unten in der Besetzungsliste, und auf so manchem Werbematerial zur Serie fehlte sie auf unerklärliche Weise. Niemals hätte ich vermutet, dass sie wirklich springen würde – es wäre einfach gewesen, die verabreichten Tabletten (?) so wirken zu lassen, als ob sie sich bloß nicht mehr an den Vortag erinnern würde, so ähnlich wie Agnes‘ Gedächtnislücken. Auch der Schnitt auf das Übermalen der Wand in der Wohnung von Sibylle Berger (übrigens die Frau aus der in Miriam in Folge 1 durchstöberten Akte) deutete darauf hin, dass Miriams Gedächtnis nach dem Tabula Rasa-Prinzip manipuliert werden würde. Aber nein, als Junior den Telefonhörer ablegt und eine die Ernsthaftigkeit realisierende Miriam zögernd beäugt, ist das tatsächlich ihr Lebewohl – fesselnd. Dass sich Konstantin zuerst zu spät meldet und anschileßend zu spät vorbeischaut lässt ihren „Selbstmord“ besonders schmerzvoll wirken, vor allem weil das ohnehin schon Konstantins Achillesferse war – die nun umso mehr an ihm nagen dürfte.

Was hat sie also im Guckloch der Tür gesehen, das ihr das Leben kosten würde? Miriam ist ja sichtlich erschreckt – aber wegen was? (Es stellt sich hier dann natürlich die Frage, warum man überhaupt ein Guckloch in einer Tür hat, hinter der man etwas Geheimes verbirgt, beziehungsweise warum man es nicht zuklebt.)  Nur dann hat sie dem Monster ihren Rücken zugewandt, und dann hat es sie verschlungen.

Janus.

Aber was genau ist nun dieses Labyrinth? Mit jeder Folge werden wir mit dutzenden weiteren Puzzle-Teilen gefüttert, ohne dass sich ein allzu klares Muster schon ergeben hätte. Bislang findet Janus für diese Fütterung von Informationen eine perfekte Balance: Man hungert ständig nach mehr, ohne dabei Gefahr zu laufen zu verhungern. Von den induzierten Suiziden wussten wir bereits, nun stellt sich (in einem bemerkenswert schön gestalteten Set) heraus, dass die Selbstmörder dies taten, um dem herrlich visualisierten Labyrinth zu entgehen. Darum ist Janus also so erpircht darauf, die Tatorte zu reinigen, weil sie allesamt das gleiche Muster hinterlassen hätten. Mit dem Arrangement von Miriams Wohnung dürfte die Polizei allerdings endgültig alarmiert werden, was Cara und Konstantin damit auch offiziell auf den Plan rufen dürfte.

Etliche Fragen tun sich auch bezüglich Agnes‘ Arbeit auf, aber auch hier gibts neue Infos – Agnes probiert die von ihr fabrizierten Wirkstoffe an sich selber aus, weil ihr die Zeit davonläuft. Blüht ihr Alzheimer, oder etwas ähnliches? Woher stammen die Blasen an ihrem Rücken – vom Medikament, der Therapie oder der Krankheit? Hat ihr Sohn die selbe Krankheit, und was für eine Krankheit ist es überhaupt? Warum muss sie sich den Wirkstoff unter der Hand von Junior geben lassen? Am Spannendsten ist jedoch das Symptom der Vergesslichkeit, das sie ihrem Assistenten gegenüber zwar vehement dementiert, kurz darauf jedoch genau jene verspürt: „Alles okay?“, fragt Agnes ihren Ehemann, als dieser sie beinah beim Schnüffeln ertappt. Auch Leo erkundigt sich, ob bei ihr „Alles in Ordnung?“ sei, nur um Agnes erneut fragen zu lassen: „Und bei dir?“ Weil Leos Antworten variieren fiel mir diese kleine Feinheit zuerst gar nicht auf, aber Janus arbeitet nun mal gern im Verborgenen. Die Metapher des Labyrinthes hätte nicht besser gewählt werden können, die Handlung der Serie ist ein wahrer Irrgarten – und das macht irre Spaß.

Auch die Konversation zwischen Junior und dem Direktor – einem der Direktoren, wie uns mitgeteilt wird, Juniors Vater ist ein weiterer – passt erst in der Retrospektive so recht in die Folge hinein. Junior wird von seinem Gegenüber hier ziemlich zur Schnecke gemacht, was sich schlussendlich als ungerechtfertigt herausstellt. Wären die von ihm vorgeschlagenen Sicherheitsmaßnahmen eingehalten worden wäre Miriam niemals so weit gekommen – so aber ist ihr Tod eine tragischer Zwischenfall für alle Parteien.

Ermittlungen.

Der unspektakulärste Aspekt der Episode ist Leos Ermittlung rund um den Überfall auf Anna Sedlaceks. Der Fall ist nicht schlecht an sich, ist allerdings eher austauschbar. Mir gefallen einige der Teilaspekte sehr gut – die ZIB-Aufnahmen samt kurzem Blick hinter die Kulissen, Leos Voyeurismus, die friedliche Lösung des Falles – doch der Handlungsstrang sieht im Vergleich zur Janus-Storyline recht blass aus. Der Fall erfüllt die Fall-der-Woche-Quote, bringt allerdings nicht wirklich mehr auf den Tisch. Im Gegensatz zu Folge 2 gibt es nicht wirklich große Parallelen zu den Hauptfiguren, höchstens die Suche nach einem Maulwurf erinnert an Agnes‘ doppeltes Spiel, wird schlussendlich aber dadurch entkräftet, dass es in Sedlaceks Team keinen Verräter gibt. Sätze wie „Manchmal muss man aber Dinge verraten, um sich am nächsten Tag im Spiegel zu sehen“ tangieren die Themen und aktuellen Ereignisse der Serie, schaffen es aber nicht so Recht, diese auf den Punkt zu bringen.

Janus 1.03 Cara_n_Leo

Auf den Punkt gebracht wird allerdings die Beziehung zwischen Cara und Leo – Ja spinn ich haben die beiden eine Chemie! Die sexuelle Spannung zwischen den beiden wirkt bei Leos Rekonstruktion des Überfalls von Sedlaceks fast ein wenig übertrieben, schöpft aber bei seinem Geständnis über seine zerbrechende Ehe aus dem Vollen. Neben dem grandiosen Finale von „(3)“ ist Leos und Caras Austausch von Gefühlen das Highlight der Folge: Nicht nur, dass die Szene überraschend romantisch ist, auch für die gesamte Geschichte ist das eine absolute Traumentwicklung. Dass zwischen den beiden eine gewisse gegensätzliche Attraktion besteht war von Anfang an klar (?), dass sie sich das durch ihre nonverbalen Gesten so früh schon eingestehen ist allerdings eine handfeste Überraschung. Aber das macht durchaus Sinn, vor allem dank Leos durchaus nachvollziehbaren Verdächtigungen eines heimlichen Liebhabers – umso tragischer wäre es, wenn Cara und Leo aus diesen falschen Schlussfolgerungen heraus eine Beziehung miteinander anfangen würden. Janus erschafft eine so große Vielzahl von Konflikten zwischen den Figuren, dass Spannung auch abseits der wöchentlichen Fälle absolut vorprogrammiert ist.

Bla:

– Miriams letzte Worte sind wirklich die mit Abstand poetischsten letzten Worte, die ich seit langem gehört habe. Wenn diese Worte bis zum Ende der Staffel auch nur irgendwie Sinn ergeben zolle ich meinen tiefsten Respekt, auch wenn sie für sich allein auch schon schon faszinierend genug sind.

– Wie hat Miriam da denn die Sicherheitskarte der Frau gestohlen – bewahrt diese die Karte etwa nicht tief in ihrer Tasche auf?

– Diese Serie liebt Wiener Taxis. Der Witz des kurzen Austauschs zwischen Miriam und dem Taxler ging allerdings irgendwie ein wenig verloren.

– Leo Sibylle immer wieder gegen die Wand laufen zu sehen war das stärkste Bild der Folge, das dank der Musik mit überraschend viel Wucht auf uns einhämmerte.

– Klasse, wie Cara für ein paar Sekunden wie ein Teenager auf dem ersten Date wirkt, und hey, ist das sogar ein echtes, aufrichtiges Lächeln? Mir gefällt auch, wie Caras Zeilen wie „Ich hab geglaubt du bist glücklich.“ sowohl im kollegialen als auch romantischen Sinne Sinn ergeben und Leo und sie rund eine Minute um den heißen Brei herumtänzeln.

– Okay, ich will ehrlich sein: Ich bin total gehypet für diese Serie. Ich war mit geringen Erwartungen eingestiegen, weil ich wenig über die Serie im Vorfeld gelesen hatte, und werde hier schon zum dritten Mal in Folge äußerst positiv überrascht. Am Ende der Episode fielen mir auch das eine oder andere „geil“ von den Lippen. Und man, ist die Kontinuität von Folge zu Folge stark!

Fazit: 9,0 von 10 Pillen.

(3)“ ist jene Janus-Folge, die die Serie auf den Kopf stellt: Miriams „Selbstmord“ ist nicht nur ein dramatisches Finale einer guten Folge, sondern verheißt auch Positives für die zukünftigen Folgen. Indes beginnen auch die Figuren so langsam auf Hochtouren zu laufen.

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5 Gedanken zu “Kritik: Janus „(3)“.

  1. Wien (OTS) – „Das ist ein Experiment. Eine gottverdammte Versuchsreihe.“ Die Hinweise darauf, dass die Selbstmorde die Folge eines Experiments sein müssen, verdichten sich. Doch fast jeder scheint verdächtig. Und für Leos (Alexander Pschill) Assistentin Miriam (Barbara Kaudelka) wird die Spurensuche rund um den undurchsichtigen Pharmakonzern „Janus“ sogar lebensgefährlich. In der dritten Folge des gleichnamigen neuen ORF-eins-Serienevents bekommt es Alexander Pschill als forensischer Psychologe am Dienstag, dem 15. Oktober 2013, um 21.05 Uhr (auch als Hörfilm) außerdem mit einem spannenden Fall zu tun: Eine Juristin kämpft mit ihrem Team gegen eine Gesetzesnovelle, die die Privatisierung von Trinkwasser erlaubt – doch es liegt auf der Hand, dass sie sich damit nicht nur Freunde macht. In weiteren Rollen sind in den vorerst sieben 45-minütigen Folgen u. a. Franziska Weisz, Barbara Romaner, Andreas Kiendl, Barbara Kaudelka, Moritz Uhl, Silvia Fenz, Karl Fischer, Heinz Trixner, Christopher Schärf und Morteza Tavakoli zu sehen. In Episodenrollen standen diesmal u. a. Mercedes Echerer und Gerhard Liebmann vor der Kamera.

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