Kritik: Janus „(1)“.

„Dem Monster darf man nicht den Rücken zuwenden.“

Janus Folge 1 ist in voller Länge HIER in der ORF TVhtek aufrufbar.

Janus heißt das neue Serienprojekt des ORF, und es ist eines der mutigsten der vergangenen Jahre. Der Österreicher ist schon seit langer Zeit seriellen Mystery- und Sci-Fi-Serien gegenüber sehr skeptisch, vor allem wenn die Handlung von Folge zu Folge weitergetragen wird. Janus startet jedenfalls vielversprechend, auch wenn sich manche Elemente erst einleben müssen.

Janus 1.00 cast

Leo Benedikt ist forensischer Psychologe, den die toughe Bezirksinspektorin Cara Horvath zu besonders kniffligen Situationen als Berater hinzuzieht. Stefan Prader, vor zwei Jahren noch in der Psychatrie in Leos Behandlung, dessen Todesdrohungen an die Nachbarschaft die zwei Ermittler untersuchen, ist allerdings kein gewöhnlicher Fall – eine mysteriöse Organisation hat da ihre Finger im Spiel und scheint den Ermittlern stets einen Schritt voraus zu sein…

Ab hier gibts wie immer volle Spoiler für die Episode.

Janus ist mysteriös von Anfang an – so mysteriös, dass sein Pilot nicht einmal einen Episodentitel zu haben scheint. Das Titeldesign ist schlicht, und selbst der Serienname bleibt in Folge 1 unerklärt, auch wenn Pressemitteilungen und detektivisches Gespür die Organisation Janus nennen. Oder vielleicht bloß deren Drahtzieher? Oder vielleicht ist es auch bloß ein Codewort, wer weiß das schon? Janus spielt mit anderen Regeln als die typische ORF-Krimiserie, und das ist erfrischend. Es ist sicherlich ein Wagnis, das der ORF hier eingeht, vor allem, weil die alten Tatort-, SOKO– oder Kommissar Rex-Formeln auch 2013 noch so gut funktionieren wie eh und je und darum dieses Experiment gar nicht von Nöten gewesen wäre. Nicht nur als Fan von Mystery-Serien drücke ich Janus darum die Daumen, sondern auch als Befürworter der Vielfalt und der Fernsehkunst – so eine Serie war noch nie „made in Austria“, und Janus wird unweigerlich als Vorzeigemodell dienen, ob Innovation vom Publikum gewürdigt wird oder nicht. Rasend gespannt bin ich darum, wie viele Zuseher nächsten Dienstag zu Folge 2 einschalten werden. Vom Konzept her großartig also, aber wie gut ist Janus dann in der Praxis?

Das Drehbuch muss in diesem Piloten viel leisten: Haupt- und Nebenfiguren einführen, erste Einblicke in die Organisation vermitteln, ein Beziehungsgeflecht knüpfen und dabei noch einen Fall lösen. Gelegentlich werden die Dialoge in Szenen auf ein Minimum getrimmt, das es schwierig macht, gewisse Handlungen zu verfolgen, vor allem ein paar Szenen mit Miriam fehlen ein wenig der Schliff oder die Zeit – Miriams Einstellung als Sekretärin erfolgte etwa sehr spontan (eine von Leos Charaktereigenschaften?). Dabei könnte es sich aber auch sehr gut um Absicht handeln: Ich persönlich konnte beispielsweise die Bettgeschichte zwischen ihr und Konstantin nicht so recht nachvollziehen, spürte keine rechte Chemie zwischen den beiden – aber was, wenn es Miriam da eigentlich gar nicht um Chemie ging?

Eine gute Mystery-Serie wirft viele Fragen auf, sowohl in ethischer als auch handlungsorientierter Hinsicht, und es freut mich zu sehen, welch guten Nährboden Folge 1 dafür bietet. Miriam lässt bei mir jedenfalls allerlei Alarmglocken schrillen – ich glaube etwa nicht, dass die Assistentin rein zufällig an ihrem ersten Arbeitstag zum ersten Mal mit einem Patienten/ Opfer von Janus zu tun hat. Ebensowenig hat sie Leo Benedikts Stimme aus purer Intuition dem aus der Tür laufenden Mann zuordnen können, vor allem nicht bei den vielen Familien, die laut Türklingeln im selben Gebäude leben. Und ich glaube auch nicht, dass sie durch Zufall gleich in der ersten Woche Leos besten Freund um den Finger wickelt. Diese Dinge springen zwar nicht direkt ins Auge, aber um Miriams verdächtiges Verhalten wird kein großes Geheimnis gemacht, weil die Figur einfach so nutzlos in „(1)“ erscheint – sie dient lediglich als Gesprächspartner Benedikts und fragt nach den Dingen, die wir Zuseher auch nicht verstehen (obwohl „Wer sind ‚die‘?“ ein wenig hölzern wirkte), aber trägt aktiv leider gar nichts zur Handlung bei. Sobald die Serie allerdings eine solide Basis etabliert kommt das allerdings bestimmt noch.

Janus 1.01 Leo Cara

Interessanteste Figur im Piloten ist allerdings vorerst Cara Horvath, die entschlossene Bezirksinspektorin, die einen tollen Kontrast zu Leos reserviertere Herangehensweise dient. Wir bekommen bewusst keinen tiefen Einblick in ihre Psyche, aber sehen am Horizont, dass unter der harten Schale eine verletzliche Seele schlummert. Nur kurz sehen wir sie in ihrem Appartement, deren Einrichtung wohl ähnlich leer ist wie Caras Leben, einzig die Arbeit, der Sport und ihr starker Wille, alle drei vereint in ihren Schlägen auf die Boxattrappe, nehmen Raum ein. Mir gefällt auch ihre dynamische Beziehung mit Leo, der Cara zwar mit Nachnamen zuerst eingespeichert hat, dennoch eine Kurzwahltaste für sie hat, und dennoch ist da auch eine Freundschaft zwischen den beiden, die durch die Misskommunikation beim Tanzen in der Bar (Leo bereitet sich für einen Paartanz vor, Cara lehnt lachend ab und zeigt Leo wie man in einer Bar tanzt) auf den Punkt gebracht wird. Und auch Caras „Du musst mir nix beweisen“ ist ein toller Moment zwischen den beiden.

Weniger überzeugend geben sich derweil noch Konstantin und der Mann, der Janus ein Gesicht gibt, vom ORF schlicht als „Junior“ tituliert. Ersterer tritt noch nicht recht in Erscheinung, letzterer bekommt noch eher einseitiges Material. Dennoch funktioniert das Ensemble prima – keine Figur gleicht der anderen, jede scheint ihre Geheimnisse zu besitzen (außer vielleicht Konstantin, aber wer weiß), und über jede möchte man mehr erfahren. Vor allem möchte man aber auch den unzähligen Fragen nach Janus nachgehen, besonders nach dem guten Twist am Ende der Episode, wo Agnes selbst die Irrgarten-Pillen schluckt. Nicht nur, dass damit automatisch mehr am Spiel steht und Leo persönlich involviert wird – wenn man nicht an Zufälle glaubt, heißt das, dass Janus Leo Benedikt wohl schon länger im Visier haben musste, um ihn von seiner Frau zu entfremden und ihn so zu destabilisieren. Doch warum? Fragen über Fragen.

Über der gesamten Serie schwebt ein starker Hauch Schnell ermittelt, und die Verwandtschaft der beiden wird besonders ersichtlich, wenn man für einen Moment die Organisation Janus gedanklich ausblendet. Die Atmosphäre und Musik ähneln, vor allem aber das Konzept des besonders intuitiven Ermittlers, der die Tat vor seinem inneren Auge abspielen lässt und so die entscheidenden Schlussfolgerungen ziehen kann, ist nahezu ident, wenn auch mit leichten Veränderungen (Leos Co-Ermittler bleiben während der Vision etwa im Bild). Neu hingegen ist der Flashback mit besonderem Blick fürs Detail, und in „(1)“ auch äußerst gut umgesetzt: Leo kann den Durchbruch im Fall Stefan Prader erst erzielen, als er sich den Problemen in seiner Familie widmet, und die Parallele ist wunderbar in Szene gesetzt und geschnitten. Wenn Janus solch eine Erkenntnis in jeder Folge liefern kann, dann alle Achtung.

Bla:

– Selbst bei wiederholtem Ansehen dank TVthek ist mir nicht ganz klar, was Miriam nach ihrem Stell-dich-ein mit Konstantin da genau macht: Ist sie bei sich zu Hause und kann von der Arbeit nicht ablassen? Durchstöbert sie seine Akten? Wieso besitzt sie überhaupt die Akten – gestohlen oder von einem naiven Leo erhalten? Und nur durch die Stoptaste konnte ich erkennen, dass sie sowohl in der Akte als auch im Internet nach dem Todesfall von Sibylle Berger, einer 33-jährigen Künstlerin, gesucht hat. Vielleicht ihre verstorbene Schwester oder Freundin?

– Warum legt Konstantin auf, nachdem Leo ihm sagt, er soll seinen Sohn abholen, nur um direkt in der nächsten Szene wieder mit ihm am Telefon zu enden? Ich schätze, dass das vermitteln soll, was für ein guter Freund Konstantin Leo ist, weil er alles stehn und liegen lässt für Leos dringliche Angelegenheit, aber es wirkt äußerst unnatürlich. Es fühlt sich an, als ob ursprünglich da noch eine Szene dazwischen hätte sein sollen (von einer anderen Person) oder man mit dem Rücktelefonat bloß einen guten Einstiegspunkt für die Konversation zwischen Leo und Miriam benötigte.

– Die Carrera-Bahn hat sich kreuzende Bahnen, und Miriam nimmt die Fernsteuerung unter Kontrolle. „Ja, ihr zwei habts leider überhaupt keine Ahnung, worauf ihr euch da eingelassen habts.“ Soso.

– Favorisierter Leo-Moment: Weil er immer jemanden braucht, um seine Schlussfolgerungen zu erklären, hilft er dem Taxifahrer auf den neuesten Stand.

– Das Drehbuch schwankt zwischen messerscharf und recht holprig. Beste Zeilen: „Sie suchen eine Sekretärin oder so.“ „Ja, natürlich, aber Sie sind keine Sekretärin.“ Das zeigt uns einerseits, dass dieser Psychologe nie ganz abschalten kann, aber auch, dass sie mehr ist als sie vorgibt zu sein, und das ohne zu direkt dabei sein zu müssen. Ganz im Gegenteil dazu hingegen folgender Wortwechsel: „Haha, Ich schmus doch nicht mit dem besten Freund von meinem Chef vor seinen Augen.“ – „Also das heißt, du schmust überhaupt nicht oder nicht vor seinen Augen?“ Bei Konstantins Antwort musste ich wirklich die Augen rollen – die Botschaft war doch schon klar genug.

"Aber keine Sorge, der tut keiner Fliege was."

„Aber keine Sorge, der tut keiner Fliege was.“

– Eine ungenützte Chance war die Anschuldigung des Ehemanns des Messerstichopfers, dass Leo seine Frau auf dem Gewissen habe. Während dieser oft in Krimis gehörte Satz meist nicht zutrifft, traf er hier den Nagel auf den Kopf, zumindest dem Anschein nach: Leo war durch seine falsche Analyse Schuld, und ich wünschte, es hätte ihm ein wenig an seinem Gewissen genagt, anstatt ungehört zu verhallen.

„Und greif mich noch einmal an und die lernst auf Linkshänder um, verstanden?“ Cara hat echt gute One-Liner.

– Die Krankenschwester war nicht sonderlich in Eile, die Ehefrau wieder an die Maschinen anzuschließen.

– Mit 581.000 Zusehern und einem Marktanteil von 22% ist der Serienstart zufriedenstellend, aber wirklich wichtig ist Folge 2. Es ist noch nicht absehbar, wie leicht oder schwierig die Serie in ihrem späteren Verlauf der insgesamt 7 Folgen ohne Kenntnis der vorangegangenen Episoden zu haben. Es soll

Fazit: 7,0 von 10 Punkten.

Janus lockt einen direkt in sein Labyrinth hinein und lässt dann nicht mehr los. Zwar merkt man der Serie ihre Unerfahrenheit noch an, doch die längerfristigen Elemente wie Figuren, Schauspieler, Handlung und Geheimnisse sind vielversprechend.

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5 Gedanken zu “Kritik: Janus „(1)“.

  1. Zu Miriam und Akten:
    Liebe Hannes Blamayer!
    Ad Miriam und Akten:
    Auf Geheiss Leos holt sie die Akten aus dem ihr angesagten Büro im Landesnervenklinikum und kommt mit mehreren Akten zurück. Man sieht den Stapel auf dem kleinen Tisch.
    Leo und Miriam gehen in das Büro von Dr. Menschick, Leo wirft die Akte von Stefan Prader auf den Tisch des Doktors, diese wird geschreddert, man sieht wie Miriam ihre Tasche hinter ihrem Rücken dreht (es befinden sich wohl die restlichen Akten in ihrer Tasche…).
    Somit hat sie diese Akten zuhause, und nachdem eine davon vernichtet wurde ist das Interesse zur Recherche geweckt.

    • Ja richtig, danke für die kleine Nachhilfe! Ich erinnere mich an die feine Geste, wie sie die Tasche im Büro zurechtrückt, da wäre es eigentlich naheliegend gewesen. Vielleicht hat mich ein wenig irritiert, wie geheimnistuerisch sie da in der Nacht agiert, obwohl das durchaus Sinn macht. Obwohl ich nicht verstehe, warum Leo, der ja so erpircht darauf ist den Fall zu lösen, ihr gleich alle Akten antraut – aber vielleicht bin ich da bloß so skeptisch, weil Leo und Co. ja noch nicht wissen, womit sie sich da einlassen. (Na gut, wir auch nicht, aber zumindest die Größe von Janus lässt sich erahnen.)

  2. Pingback: Kritik: Janus “(3)”. | Blamayer TV

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  4. Pingback: Episode 9 - Janus | Bruttofilmlandsprodukt

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