Kritik: Breaking Bad 5.16 „Felina“.

„I did it for me.“

Was tun, wenn man am Ende angekommen ist? Was bleibt noch zu sagen, wenn man die Chance dazu hat? Walter White und Breaking Bad sagen Lebewohl, in einer Folge, die allen Ansprüchen eines Serienfinales gerecht wird. „Felina“ ist eines der zufriedenstellendsten Enden, die ich je sehen durfte, und geleitet die Serie damit gänzlich ungefährdet sicher in den Serienolymp.

Breaking Bad 5.16 gretchen eliot

„I still got things left to do“, kündigte Walter White am Ende von „5.14 Ozymandias“ an, hätte das im darauf folgenden „Granite State“ jedoch fast aufgegeben. Angespornt durch seinen verletzten Stolz will er nun jedoch doch noch alles ins Reine bringen: Elliot und Gretchen verdienen einen Besuch, für seine Familie muss gesorgt werden, und mit Lydia und den Nazis hat er noch eine Rechnung offen…

Ab hier gibts wie immer volle Spoiler für die Episode.

Felina“ ist wirklich das Paradebeispiel dafür, wie man eine Serie gebührend verabschiedet – alle Haupt- und Nebenfiguren, wirklich alle, finden einen äußerst zufriedenstellenden Abschluss ihrer Geschichten. Es ist wirklich faszinierend, wie alle Mitspieler in dieser Folge für sie charakteristische Sachen tun, absolut organisch und flüssig in die Handlung integriert, und über all ihnen steht in dicken Lettern geschrieben: So sieht euer Leben nun aus, weil ihr Walter Whites Transformation zu Heisenberg miterlebt habt.

Die unwichtigsten Mitspieler dieses Finales sind dabei Marie und Flynn, beide jeweils nur kurz zu sehen, und dennoch sprechen diese kurzen Szenen Bände. Marie erhält endlich den Leichnam ihres Mannes, bleibt aber rachsüchtig und hasserfüllt, und Skyler muss ihr gegenüber für immer den Preis für die Verbrechen ihres Mannes zahlen, indem sie bis an ihr Lebensende alle Welt glauben lassen muss, dass Walts Telefonanruf in „Ozymandias“ wirklich von Walter White stammte. Sie hat Maries Rückendeckung, aber nur, wenn sie ihr weiterhin etwas vorspielt – und selbiges gilt für Flynn, der im Glauben bleiben muss, sein Vater habe Hank kaltblütig erschossen. Die 9 Millionen sind die einzige Kompensation, die Walter White seinem Sohn mitgeben kann – ein schwacher Trost, aber immerhin Trost.

Die Gretchen- und Eliot-Storyline wurde letzte Woche sehr spontan wieder ausgegraben, „Felina“ liefert dafür aber den perfekten Lohn. Fürs Finale hatte ich mit einem großartigen Plan gegen die Nazis gerechnet, nicht im Traum allerdings mit der genialen Finte gegen die Schwartz – und das gleich in mehrerer Hinsicht. Dass deren Spende an Flynn durch ihr Engagement für Opfer von Meth erklärt wird fügt sich wie das letzte Teilchen eines Puzzles ins Bild, und kanalisiert dabei (wie vielerorts in diesem Finale) pures Karma: Erst durch ihre Lügen im TV haben sie den Kontext kreiert, in dem Walt sie besuchen und erpressen kann. Wer Walter Whites Stolz verletzt, der muss mit Konsequenzen rechnen, und obwohl uns bewusst ist, was für ein Unrecht Walt ihnen hier antut (die Drohung mit den Auftragsmördern ist 10 Monate lang aufrecht), empfinden wir es dennoch als heroischen Akt.

Die Szene ist unglaublich lang, weil Gretchen und Eliot Walt wie auch in den Medien schon ignorieren und seine Involvierung dementieren. Ihre Präsenz im Serienfinale, nach drei Staffeln Abstinenz, erklärt sich dadurch, dass sie die ultimative Alternative zu Walts Leben leben – er hätte sich diesen Luxus ebenfalls verdienen können, hätte er die richtigen Entscheidungen im Leben getroffen. Gleichzeitig ist ihr Leben steril, sie scheinen keine Kinder zu haben, und man fragt sich, ob Walt so wirklich glücklicher gewesen wäre (siehe Gespräch mit Skyler). Er weiß zwar nun, dass er ein Monster ist, aber kann es dennoch nicht unterlassen, die beiden zu belehren. Dass die zwei „Auftragsmörder“ dann lediglich Badger und Skinny Pete sind ist nicht nur ein willkommenes, witziges Gastspiel der beiden – es macht die ganze Aktion zum Repräsentanten der typischen Walter White-Pläne, die wir seit der ersten Staffel 1 lieben: Mit ein paar kleinen Tricks (für gewöhnlich war das Chemie) bewirkt ein kleiner Mann (dank der plumpen Jacke wirkte Walt so klein und gebrochen wie nie) große Dinge, mit einem Tick unprofessioneller Unbeholfenheit – und das unter Hochspannung.

Walts herzlichstes Lebewohl gilt jedoch seiner Frau, und auch hier schwingt das Meta-Lebewohl stark mit – so, wie Walter White mit seinem Leben bereit ist abzuschließen, gewährt Breaking Bad seinem Protagonisten ein Ende seines Handlungsbogens. „I did it for me.“ fasst wohl die gesamte Serie in einem Satz zusammen wie kein zweiter – ein Satz voller zerplatzter Träume und vergeblicher Lügen, allerdings auch Reue. Überhaupt könnte man sagen, dass“Felina“ Walter Whites Bußgebet ist, in Wort und Tat: einerseits in Form von Wiedergutmachung und Rache (Nazis, Lydia, Schwartzs, Jesse), andererseits von persönlicher Abbitte (Sky). Sky hat die Wahrheit verdient, und die bekommt sie auch endlich, zu ihrer Überraschung: „I did it for me.  I liked it. I was good at it. And I was really… I was alive.“ Es ist Walter Whites kathartischer Moment, und Wahnsinn ist er schön. Schön gespielt und schön eingefangen, aber auch wahnsinnig schön positioniert: Nach 62 Folgen Breaking Bad gesteht sich Walter White endlich ein, wer er geworden ist, seine positiven wie auch negativen Seiten endlich zur Schau gestellt.

Die Szene zeigt Skyler auch, dass Walter White sehr wohl noch lebt, der Mann den sie geliebt und geheiratet hat – ein Mann, der sich eingestehen kann, wenn er zu weit gegangen ist, wenn er seine Grenzen (und die anderer) übertreten hat, wenn er Fehler begangen hat. Es ist ein Mann, dem sie gewährt, seine Tochter noch ein letztes Mal zu sehen, und obwohl Walt schon seit dem Piloten wusste, dass er seine Tochter wohl nicht groß werden sehen würde, war dieser Abschied besonders emotional. Die Koordinaten zu Hanks Ruhestätte als Tauschobjekt in Skys Prozess zu verwenden ist der einzig weniger durchdachte Plan Walts, kommt mir vor – wie wird Marie darauf reagieren? Ist das nicht ein Schuldgeständnis? Aber das ist auch gar nicht so wichtig, was zählt ist die Geste, und Walts Selbstlosigkeit dabei, weil Marie nie erfahren wird, wie sehr es ihm Leid tut. Aber Sky weiß es, und akzeptiert deshalb Walts Höllenfahrtskommando.

Abrechnung.

Auch Walts letzter großer Streich ist ganz typisch für ihn – in A-Team-Manier bastelt er sich einen Plan zusammen, der dann kurz davor steht zu scheitern, weil Walt zu naiv in die Sache hineingeht. Und wieder einmal hätte er beinah einen gigantischen Fehler gemacht (Jesse umgebracht), weil seine Weitsicht nicht ausreicht, und nur durch ein paar zufällig fallen gelassene Worte die Wahrheit entdeckt, die doch vor seinen verblendeten Augen hätte hängen müssen: Jesse ist nicht für den Tod seines Schwagers verantwortlich, und er selbst ist Schuld, dass der ohnehin schon von Walt gebrochene Jesse über Monate hinweg geschunden wurde. Tief in seinem Innersten, nun durch seine Buße nach außen geschwemmt, sieht Walt, was für ein Unrecht er seinem ehemaligen Partner und Schüler angetan hat

Die letzten 10 Minuten von Breaking Bad sind wie aus dem Storytelling-Lehrbuch, voller großer und kleiner Ironien (Jack stirbt wie der von ihm ermordete Hank mitten im Satz; Walt verstirbt in einer verdrehten Version des Ortes an dem er wirklich aufleben konnte), voller großer Charaktermomente – Jesse kann der Manipulation durch Walt endgültig ein Ende setzen („Do it!“ stiftet Walt Jesse an, genau wie Jesse die Nazis  vor und nach Andreas Tod anflehte) – und lang-ersehnter Vergeltungen )Todds Tod könnte kaum brutaler und gerechter sein), voller Überraschungen (Walt schmiss das Ricin in Lydias Tee) und Wendungen (Walts Schussverletzung, passenderweise selbst-induziert, die einzig gerechte Art für Walt zu sterben).

Breaking Bad 5.16 heisenberg

Ich bin wirklich schwer beeindruckt, wie Walts Leben vor zwei Folgen noch durch Hanks Tod komplett auf den Kopf gestellt wurde, alles den Anschein hatte als gäbe es keine glücklichen Tage mehr, und dennoch vermittelt „Felina“ Wiedergutmachung, dank Walters Buße. Walter White ist der Held der Folge, alles geht nach Plan, und ich glaube fast, dass sein letzter Tag auch einer seiner glücklichsten war – weil er gut darin ist, Heisenberg zu spielen. Weil er sich so am Lebendigsten fühlte. Heisenbergs letzter Tag ist Walter Whites Meisterwerk. Beinah hätte ich gedacht, er würde noch ein letztes Mal sein geliebtes Meth kochen, doch er hinterlässt lediglich Blutspuren an der Apparatur, gefolgt von einer atemberaubenden Kranfahrt (allerdings der selbe Trick wie in „Crawl Space“ und darum auch ein wenig abgenützt).

Wenn man „Felina“ etwas vorwürfen müsste, dann wäre es, zu sehr nach den Regeln zu spielen, zu perfektioniert und darum eben nicht ganz perfekt. Die Erwartungen an Breaking Bad sind einfach so hoch, dass man sich Außergewöhnliches nicht nur erhofft, sondern auch erwartet. Ich bin froh, dass Breaking Bad kein Sopranos-artiges Ende hat sondern geradezu manisch erpircht darauf ist, Auflösungen für wirklich jede Geschichte zu finden, und wie die Serie das in den letzten paar Episoden eingefädelt hatte war wirklich meisterhaft. Von der letzten Folge einer Serie erwartet man sich noch mehr als von den Wochen davor, aber damit kann Breaking Bad nicht dienen – denn weiter gehts einfach nicht mehr.

Bla:

– Todd geht nicht gerade subtil mit seinen Gefühlen für Lydia um, dem Klingelton nach zu urteilen.

– Auch in „Felina“ gibt es einen dieser Flashbacks an die gute alte Zeit des Piloten, Während jener in „Granite State“ in Erinnerung rief, wie unschuldig Jesse und Walt ihr Geschäft eigentlich gestartet haben, geht es in der Erinnerung an Walts 50. Geburtstag, genau 2 Jahre vor den Ereignissen des Serienfinales, um das, was er verspielt hat: Familie, Freude, Glück.

– Der Teaser war einer der weniger spektakulären der Serie, und ich erwähne ihn nur deshalb, weil bei einem Finale nun mal die Erwartungen unrealistisch hoch sind. Ich weiß nicht, ob Amerikaner auf dem Lande wirklich ihre Schlüssel in ihren nicht abgesperrten Autos liegen lassen, aber schlussendlich ist es auch nicht wichtig, wie Walt an ein Auto herankommt. Überhaupt gibt es viele Zufälle in dieser Folge (Todd und Jack sind die Einzigen die die Maschinenpistolsalve überleben, Lydia ruft in genau dem richtigen Moment an, Walt erliegt seinen Verletzungen genau wenn die Polizei kommt), aber kaum welche, die die Handlung großflächig beeinträchtigen, sondern mehr um lose Enden schön abzuknüpfen.

– Eindeutige 10 hingegen für Jesses Tagtraum vom Schreinern – so glücklich haben wir ihn während der gesamten Serie nicht gesehen, nur um wieder zurück ins tiefste Tief gerissen zu werden. Der Schnitt zum Meth-Lab ist auch einfach der Hammer – einmal mehr wird Jesse mit einem Hund verglichen, angekettet an das Meth-Lab, und auch sein Gesicht ist jenes eines vielmals verprügelten Hundes.

– Zum ersten Mal habe ich gestern auch Talking Bad nach der Folge angeschaut, zumindest die erste Hälfte. Ich fand die Gesprächsrunde sehr aufschlussreich, besonders Gilligans Kommentare. Gleichzeitig dachte ich mir, dass die da ja meine halbe Arbeit erledigen, und ich puzzle mir die Dinge lieber selber zusammen.

– Die Uhr, die Walt bei der Tankstelle zurücklässt? Nur eine Kontinuitätskorrektur, weil Walt im Flash Forward in „Live Free or Die“ keine Uhr trug. Vince Gilligan erklärte zwar, dass es natürlich auch einen symbolischen Charakter hat, aber seine Argumente überzeugten mich nicht – es gibt keinen echten Grund, die Uhr genau zu diesem Moment zurückzulassen, vor allem weil er im Anschluss ja noch ein Rondezvous mit den Nazis hat.

– Ehrlich gesagt fand ich das letzte Lied der Serie ziemlich kitschig. Die Songtexte sind bei Breaking Bad ja selten sehr subtil, aber besonders diese fast poppige Nummer fand ich aufgrund der Endzeitstimmung eigentlich ein wenig unangebracht. Aber das ist Geschmackssache, ich persönlich hätte gern 90er Hip-Hop-Musik die Szene untermalen gehört.

– Jetzt habe ich sicher zehn wichtige Dinge vergessen, die man über die Folge sagen hätte können, nein müssen. Als Schlusswort sei hier wohl gesagt, dass Breaking Bad Staffel 5.2 wohl die beste Staffel ist, die ich je gesehen habe. 10/10 would watch again.

Fazit: 9,5 von 10 Punkten.

Felina“ ist das atemberaubende Finale, das diese außergewöhnliche Serie verdient hat. Selten, oder wahrscheinlich noch gar nie, hat eine Serie das Komplettpaket ihrer losen Enden so elegant, schön, spannend und schlichtweg erfüllend lösen können. Es war mir eine Ehre, diesen monumentalen Moment der TV-Geschichte live miterleben zu dürfen.

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