Kritik: Breaking Bad 5.15 „Granite State“/ „Granit“.

„Stay a little longer? Two hours? I’ll give you another $10,000.“

Nach einer Episode mit nicht enden wollender Höhepunkte („Ozymandias„) lässt Breaking Bad wieder Ruhe vor dem Sturm einkehren. Nachdenklich gibt sich Walter White nach der Übersiedlung durch den Staubsauger-Typen, und seine neue Umgebung wird zu seinem neuen einzigen Freund. In Alberquerque geht es allerdings selbst Monate nach Walter Whites Niedergang wild zu – und bietet die Vorlage fürs nächste Woche stattfindende Serienfinale.

Breaking Bad 5.15 winter

Granite State“ ist eine Meditation über die Konsequenzen der Entscheidungen von Walter White. Selten strahlte Breaking Bad dabei solch einen Sinn von Karma aus, als auch Walt bewusst wird, dass hier Endstation ist, dass von hier aus kein Weg mehr in die Herzen seiner Liebsten führt. Ein paar tausend Meilen von ihm entfernt kann sich Jesse einen leisen Verfall nicht leisten – seine Gefangenschaft fordert einen großen Tribut…

Ab hier gibts wie immer volle Spoiler für die Episode.

Schuld.

Ozymandias“ endete enorm offen, und ich wusste wirklich nicht, was ich von dem Staubsauger-Typen erwartet hatte. Saul dort vorzufinden überraschte mich schon, obwohl das bei genauerer Überlegung natürlich Sinn macht: Saul steckte schon allein wegen der Ricin-Sache knochentief in der Bredouille, von seiner jahrelangen Tätigkeit für Skyler und Walter White und auch Jesse Pinkman mal abgesehen. Arme Sau, kann man da nur sagen – Saul war immer ein schmieriger Ganove gewesen, aber die Sache mit Heisenberg geriet irgendwie ziemlich außer Kontrolle. Dass Saul nicht mit Walter White umverlagert werden möchte ist klar. Aber da steckt mehr dahinter: Zum ersten Mal seit Langem wagt er es, dem großen Verbrechermaestro zu widersprechen, sich gegen ihn aufzulehnen, und gibt Walt damit einen wichtigen Reality Check: „It’s over.“ Nicht nur Walts soziales Leben, sondern auch dessen Macht – hier kann er Saul nicht mehr drohen, hier ist er nicht mehr der Chef, denn von hier weg genügt Geld allein nicht mehr, um den Ton anzugeben.

Doch während es bei Saul schon sehr schwierig ist, ihm eine neue Identität zu verschaffen – schließlich hängen und stehen überall in New Mexiko riesige Werbetafeln mit seinem Gesicht drauf – wird Walt der Kontakt mit der Außenwelt unmöglich gemacht. Klar, was haben wir erwartet? Er ist nun schließlich der wohl mitunter meistgesuchte Mann Amerikas. Ich wünschte zutiefst, dass die Serie, die sich mit ihren Montagen einen extrem guten Ruhm einheimste, hier ihre Magie hätte spielen lassen, indem sie die öffentlichen Reaktionen auf die Identität Heisenbergs gezeigt hätte. Das hätte sehr schön illuminiert, dass Walter White nicht nur in seinem engeren Kreis Leben zerstört, sondern auch national Schäden verursacht hat. Und es hätte der Serie auch die Chance gegeben, sechzig Episoden noch einmal revue passieren zu lassen. Vielleicht geschieht das ja noch in „Felina„, dennoch gibt „Granite State“ einem das Gefühl, dass da mehr drin gewesen wäre, anstatt ganz spontan und ohne entsprechendes Setup auf Gretchen und Eliott Schwarz zurückzugreifen, einen Handlungsstreifen, der seit Staffel 2 nicht mehr mit einem Wort aufgegriffen wurde. Es mag zwar stimmen, dass die damals gemachte Observation – Walts Stolz übertrumpft sogar das Wohlergehen seiner Familie – nach wie vor der Schlüssel zum Inneren des Walter White darstellt, dennoch fühlt sich die Referenz ein wenig an wie aus der Luft gegriffen – eine Seltenheit in Breaking Bads famosester Staffel.

Stattdessen wird auf die Gegenwart als Konsequenz von Walter Whites Taten gesetzt, um über Walts früheres Leben zu sinnieren. In New Mexico strahlte eben noch die Sonne unbarmherzig auf die Figuren, in New Hampshire herrscht hingegen das ganze Jahr über eisige Kälte. Wirklich wunderschön, wie der Kontrast zwischen Schnee- und Wüstenlandschaft eingefangen wurde, obwohl die beiden dann im Grunde doch nicht so verschieden sind: einsam, unfreundlich, starr. Und in all der Einsamkeit hat Walt viele Monate Zeit, um über seine Vergangenheit zu brüten – ein doch überraschend formloser Zeitsprung, geschuldet einer fehlenden Montage, und plötzlich sehen wir einen Mann, der sich zwar immer noch keiner Schuld bewusst ist („They murdered Hank! They stole my life’s work!“, schreit er beispielsweise Saul kurz vor dem Lebewohl an), sehr wohl aber, dass alles kaputt gegangen ist, das mal was wert war in seinem Leben. Und es braucht seinen eigenen Sohn, um ihm klarzumachen, dass ihm niemals vergeben wird, die Familie zerstört zu haben.

Was „Granite State“ so unglaublich gut einfängt, ist, wie traurig diese Realisierung Walts ist. Er sitzt in seiner Kabine, friert, weiß nicht was tun, und weiß vor allem nicht wohin mit dem Geld – das Einzige, was ihm noch geblieben ist, hat keinen Wert mehr für ihn, und auch nicht für seine Familie. Seine Bekanntheit in ganz Amerika macht es unmöglich, sich auch nur mit einer Menschenseele außer dem Staubsauger-Typen abzuhängen, und selbst dieser lässt sich teuer für seine Freundschaft bezahlen. Am Zaun zu seinem Grundstück hängt ein „No Trespassing“-Schild, eine Homage an Citizen Kane, eine Figur, die sich in ähnlichen Umständen wie Walt befand: Er ist am Ende seines Lebens angekommen, und muss realisieren, dass er mit genau nichts enden wird, und wird darum völlig von seiner Reue konsumiert – tragisch, aber gleichzeitig auch ein zutiefst verdientes Schicksal für einen Mann, der in fünf Staffeln nicht lernen wollte, wo seine Grenzen liegen. Fast ebenso traurig stimmt mich allerdings, wie nicht einer von Walts Gedanken Jesse gilt, den er scheinbar immer noch als Mitschuldigen für Hanks Tod hält. Es deprimiert mich nicht nur, dass Jesse so viele Monate lang in Gefangenschaft leben muss, sondern auch, dass ein so intelligenter Mensch wie Walt trotz wahnsinnig viel Zeit zum Überlegen nicht zum Schluss kommt, dass er dem Jungen Unrecht getan hat.

Unrecht.

Am anderen Ende der Geschichte scheint Todd das Ruder zu übernehmen, und auch wenn ich seine Rolle zu Beginn der Staffel für ein wenig zu blass hielt: Hier trifft er mit genau dieser Blässe genau die richtigen Töne. Seine emotionale Distanz machte es schwierig, ihn zu hassen, aber nach „Granite State“ steht er definitiv an vorderster Stelle in Walts schwarzer Liste an „Erledigungen“. Mich fasziniert, wie mühelos er zwischen freundlicher Gefängniswärter und eiskalter Mörder umschalten kann, und vielleicht kam darum auch der Tod Andreas so unerwartet – ideal auch lediglich von einem Long-Shot eingefangen, um die Dissonanz zwischen Todds Distanz und der Brutalität des Moments zu unterstreichen. Staffel 5 war wirklich nicht zimperlich mit Jesse, und so langsam wird klar, dass auch für ihn keine Hoffnung in Sicht sein – vielleicht wird er im Serienfinale von Walt befreit, doch der körperliche und vor allem seelische Schaden dürfte kaum noch reparabel sein. Beinah alle Menschen, die Jesse wichtig sind, haben kürzlich aufgrund Walts Involvierung das Zeitliche gesegnet – Jane, Andrea, Mike – selbst der Junge mit dem Motocross hat ihn schwer mitgenommen, und die Leichen wollen nicht aufhörne sich zu türmen. Die vielen Monate als Gefangener der Nazis dürften ihn schließlich gänzlich gebrochen haben, und es bleibt abzuwarten, wie Walt wohl auf die unweigerlich bevorstehende Konfrontation reagieren wird – und Jesse erst.

Dass es dazu kommt verdankt Walter White allerdings nur dem Zufall – just in dem Moment, in dem er sich stellen wollte, sieht er Elliot und Gretchen im Fernsehen seine Involvierung in Gray Matter leugnen. Und nach Monaten des Verschiebens von „Morgen“ erwacht Walter White aus seiner Apathie, aus dem selben Grund, warum er damals nicht für 5 Millionen Dollar nicht aus dem Drogengeschäft ausgestiegen war: Stolz. So sehr alles auch den Bach runtergelaufen ist, so sehr Walter White auch alles verloren hat, das er je besessen hat – im Herzen ist er immer noch stolz darauf, der wohl beste und berühmteste Meth-Koch aller Zeiten gewesen zu sein. Aus demselben Grund hatte er damals Hank davon abgebracht, Gale für Heisenberg zu halten – Gale wäre Walts Taten nie gerecht geworden. Nun sieht er seine zwei ehemaligen Partner und Freunde selbst seine ligitimen Erfolge veruntreuen, und Walt sieht sich gezwungen, seine Würde noch einmal zu retten.

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Ich glaube nicht, dass er Elliot und Gretchen besuchen möchte. Saul gegenüber erwähnte er, er wolle die Nazis umbringen, weil sie sein Geld gestohlen und Hank umgebracht haben, jetzt hingegen treibt ihn etwas anderes: der Stolz. Ich glaube, dass er sich wie ein Künstler fühlt, der sein Meisterwerk vollenden möchte, im vollen Bewusstsein, dass es davon kein Zurück mehr geben wird. Kurz davor ruhig und verunglimpflicht aus dem Leben zu scheiden entschließt sich Walt, ein Märtyrer zu sein – für sich, für seine Familie und für seinen Ruf. Er mag es aus den falschen Gründen tun, aber er tut das Richtige.

Bla:

– „Granite State“ ist die meistgesehendste Folge der Serie, und ich habe das Gefühl, dass „5.16 Felina“ das noch toppen wird. Wirklich außergewöhnlich, wie die Zuschauerzahlen von der ersten Hälfte der Staffel verdoppelt wurden. Ich frage mich, ob die Männer und Frauen von AMC nun bereuen, der Serie nicht doch zwei normale letzte Staffeln spendiert zu haben.

– Schlussendlich nicht von größerer Bedeutung im großen Schema der Dinge, aber unglaublich spannende Szenen: Todds Einbruch bei Skyler und Jesses Befreiungsversuch.

– „I wanted to give you so much more.“ Ebenso traurig wie sein fast schon vegetativer Zustand ist Walts Uneinsichtigkeit, die dann nur aus Juniors Ablehnung des Geldes erfolgt. Selbst bis zum Schluss geht es doch nur ums Geld: „ It can’t all be for nothing.“ Doch es war.

– Ich war davon ausgegangen, dass Walt mit einem konkreten Plan in diese Episode einsteige, schließlich hatte er ja behauptet, er habe noch etwas zu erledigen. Sein Plan, Jack und Konsorten mittels Auftragskiller von Saul aufzumischen hatte sich dann aber schnell erledigt, und weitere Handlungen blieben aus. Walts Wutausbruch und der erstmaligen Verwendung der Titelmusik in der Serie zu urteilen dürfte uns ein Heisenberg-Plan zumindest fürs Finale bevorstehen. Ich hoffe es zumindest.

– Dummerweise ließ ich mich für diese Folge spoilern – ich wusste, dass Todd Andrea umbringen würde. So auf ihren Tod vorbereitet war ich darum nicht allzu geschockt, was aber nichts daran ändert, wie katastrophal er wirkt – immerhin ist sie das erste „unschuldige“ Opfer seit Längerem, und wer hätte erwartet, dass Todd seine Drohung so kompromisslos in die Tat umsetzen würde?

– Ob sich Walt bewusst ist, wie Ed, der Staubsauger-Typ, ihn eigentlich erpresst? Bestimmt hätte er ihm eine Residenz verschaffen können, in der es sehr wohl Internetzugang gäbe, doch die so kreierte Abhängigkeit Walts – er bringt ihm Nahrungsmittel, er versorgt ihn mit Nachrichten, er gibt ihm eine Infusion (?) – ist deutlich erträglicher für ihn, auch ohne Walts Versterben sichert ihm das seine Rente.

– Der Heisenberghut wird rausgeholt, weil Heisenberg hier nun seine wahre Identität nicht mehr verstecken muss. Doch schlussendlich bleiben ihm die Hände gebunden, weil er doch nicht weg und seiner Familie das ganze Geld gar nicht erst zukommen lassen kann. Breaking Bad wird so zur schönsten Parabel, warum Geld allein nicht glücklich machen kann, und hat sich das Prädikat „wertvoll“ nach 61 von 62 Folgen auch herzlich verdient.

– „Tomorrow.“

Fazit: 8,0 von 10 Punkten.

Granite State“ ist Breaking Bads sehnsüchtigste Folge, voller Bilder und Impressionen, die kraftvoll vom Niedergang des Heisenberg erzählen. Dabei wird deutlich Walts persönliches Schicksal betont, während das Schicksal der in Alberquerque lebenden Menschen nur am Rande erwähnt wird. Einzig Jesse bekommt eine Tortur spendiert, die tonal perfekt an „Ozymandias“ anknüpft.

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