Kritik: Agents of S.H.I.E.L.D. 1.01 „Pilot“.

„The Battle of New York was the end of the world.“

Agents of S.H.I.E.L.D. ist der heißersehnteste Serienstart des TV-Jahres, und das aus guten Gründen – die Serie ist nicht nur direkter Nachfolger vom dritterfolgreichsten Film aller Zeiten (The Avengers), sondern stammt zudem aus der Feder von Kultfavoriten Joss Whedon, Jed Whedon und Maurissa Tancharoen, verantwortlich für Hits wie Buffy – Im Bann der DämonenAngel, Dollhouse und Firefly. Anreiz für die Massen trifft Anreiz für TV-Liebhaber, und was schon in The Avengers funktioniert hat scheint auch hier aufzugehen: Agents of S.H.I.E.L.D.s „Pilot war nicht nur ein Quotenerfolg, sondern verheißt auch qualitativ Gutes für die Serie.

Agents of SHIELD 1.01 cast

S.H.I.E.L.D. steht für Strategic Homeland Intervention, Enforcement & Logistic Division – was auch immer das bedeuten mag. In der Marvel-Welt, in der Iron Man, Captain America, Hulk, Thor und Co. gerade New York vor einer Alieninvasion gerettet haben, übernimmt S.H.I.E.L.D. die Aufgabe des FBIs in Superheldenangelegenheiten. Agent Phil Coulson und sein neu zusammengestelltes Team müssen dabei jedoch gänzlich ohne Superkräfte auskommen…

Ab hier gibts wie immer volle Spoiler für die Episode.

Agents of S.H.I.E.L.D. funktioniert auch ohne Kenntniss um das Marvel-Universum, aber macht Fans mit zahlreichen Referenzen an die Filme natürlich glücklich. Gleich in der ersten Szene begegnen uns Iron Man, Hulk und Co., die als Spielzeuge von Beginn an für Kontur und Farbe sorgen, und gerade letzteres fehlt der Serie derzeit noch ein wenig. Das trifft nicht nur auf die visuelle Komponente der Serie zu, obwohl diese in Zukunft auch ein wenig vielfältiger sein könnte, von Lolas Extravaganz mal abgesehen: Auch die Figuren wirken großteils noch ein wenig blass.

Keine Serie kann ihrem Ensemble gleich im Piloten gleich mehrere ausgeklügelte Persönlichkeiten spendieren. Mit Colson hat die Serie schnell ihren Malcolm Reynolds gefunden – sympathisch, witzig, einfallsreich, ein wenig geheimnisvoll, und bestimmt mit einer interessanten Vergangenheit gesegnet. Doch die anderen Teammitglieder sind vorerst noch recht blank, besonders Fitz & Simmons, die im Piloten fast wie zwei Seiten von ein und derselben Person zu sein scheinen. Skye und Ward zeigten schon recht gute Chemie, aber das mag vielleicht auch an der grenzgenialen Szene mit dem Wahrheitsserum liegen.

Apropos Wahrheitsserum – Agents of S.H.I.E.L.D. geht viele große Risiken in seinem Piloten ein, indem die Serie gleich mehrere futuristische Erfindungen einführt, die langfristig Schüsse in den Ofen sein könnten: Fitz‘ Minidrohnen beispielsweise, die perfekt koordiniert einen Tatort scannen (und dabei lediglich eine kaputte Überwachungskamera finden): Sie sind nicht nur ein mächtiger Ersatz für Spürhunde, sondern dürften im Grunde ideal als Waffen eingesetzt werden. Und wenn sie das nicht tun, dann läuft die Serie Gefahr, sich unweigerlich in Logikfehler zu verlieren. Selbiges gilt für Skyes unglaubliche Hacker-Fertigkeiten, dem Wahrheitsserum (keine spannenden Verhörszenen also) sowie Lolas alternativem Fortbewegungsmodus – ich mache mir ehrlich gesagt aktiv Sorgen um die letzte Szene von „Pilot„, einerseits weil die dafür verwendeten Spezialeffekte eher mau waren (und das beim mit mehr Budget ausgestatteten Piloten), andererseits weil es einfach ein wenig lächerlich und überzogen wirkt. Das könnte eine Richtung sein, in die die Serie absichtlich einzuschlagen versucht, mich persönlich aber eher davon abstößt – ich wäre ein wenig enttäuscht, wenn das primäre Zielpublikum 12-Jährige wären.

Andererseits treffen die technischen Spielereien auf eine gar nicht so simpel gestrickte Geschichte. Um ehrlich zu sein fand ich es nicht sonderlich einfach, nachvollziehen zu können, wie das Team rund um Coulson gerade wieder Skye oder Michael (den Superhelden) ausfindig machen konnten. Ansonsten aber gefiel der „Fall“, der schon einen guten Eindruck dafür liefert, wie die weiteren Episoden ablaufen werden. Äußerst passend wird in „Pilot“ das Grundthema der Serie auf den Punkt gebracht: Was bedeutet es, ein Held zu sein? Michaels kurzzeitige Transformation zum Bösewicht kommt ein wenig gar plötzlich, weil die Folge ein wenig unter ihrer dichten Füllung schwitzt und gelegentlich die Meta-Referenz ein wenig zu weit treibt, seine Negoziierung mit Coulson ist dafür jedoch umso pointierter. „You said it is enough to be a man“, plädiert Michael, dessen American Dream zerplatzt ist, und die Möglichkeit ergreifen möchte, ein Gott zu sein, oder ein Riese. „They’re not heroes because of what they have what we don’t – it’s what they do with it.“ Es gibt auch bereits erste Hinweise auf einen größeren Handlungsbogen (Centipede, und ein Mann von „einer dritten Partei“, der Michael umbringen möchte) und Geheimnisse der Figuren (Coulsons Überleben, Skyes Identität und Vergangenheit) – das gefällt und macht Lust auf mehr.

Agents of SHIELD 1.01 hero

Der Vergleich mit Alias fällt da nicht schwer, ebenfalls eine Geheimagenten-Serie mit Sci-Fi-Elementen. Während Alias jedoch seine dramatischen Seiten häufig (und sehr effektvoll) spielen hat lassen, tendiert Agents of S.H.I.E.L.D. zum Humor. Mit der Kombination von Humor und Action hat Joss Whedon jede Menge Erfahrung, und in den Dialogen lässt die Serie auch wirklich die Muskeln spielen in ihrem Piloten: Dutzende wirklich witzige One-Liner und Dialoge machen die Folge zu einem großen Spaß – schade, dass er wohl immer nur ab und zu für eine Episode vorbeischauen kann. Die Stimmung ist stets gut, die Wortgefechte unterhaltsam – bloß Fitz‘ und Simmons‘ Technik-Mambo-Jambo integriert sich nicht ganz so harmonisch ein wie der Rest – aber daran kann die Serie ja noch tüfteln.

Ich störe mich allerdings nur an Feinheiten, an denen die Serie in den nächsten Wochen und Monaten noch schrauben kann – und schließlich funktionierte keine der Whedon-Serien auf Anhieb so, wie man sie später in Erinnerung behalten würde (mit der Ausnahme von Firefly, das von Anfang an wusste, was es mit seinen Figuren tat). Das Wichtigste ist, dass das Rezept von Agents of S.H.I.E.L.D. stimmt, und das tut es soweit. Der Hype war berechtigt, denn die Serie schafft den Spagat zwischen Qualität und Vermarktbarkeit.

Bla:

– „With great power comes… a lot of weird crap that you’re not prepared to deal with!“ Shoutouts an Spider Man, der trotz Marvel-Abstammung nicht Teil des Universums sein kann, weil Sony die Rechte besitzt.

– Ich verstehe nicht ganz, warum Agent Maria Hill einen so guten Ruf genießt. Ich mag Cobie Smulders in How I Met Your Mother, finde ihre Performance in The Avengers und auch hier in „Pilot“ eher weniger überzeugend. Sie ist nicht aktiv schlecht, sondern bringt einfach nichts wirklich Interessantes auf den Tisch. Okay, sie weiß etwas über die mysteriöse Wiederbelebung von Coulson, aber das wars dann auch schon.

– Witzigster Moment der Folge, neben Wards Erfahrung mit dem Wahrheitsserum: Wards Note für seine sozialen Kompetenzen.

– „You’re right – he is a little bitch!“

– Die Produktionswerte dieses Piloten sind ja irre groß, allein die Boing im Hangar – da hat abc so richtig viel Vertrauen in Whedon gesteckt, aber dieser ist nunmal auch schon seit fast 15 Jahren eines der heißesten Eisen der amerikanischen Fernsehlandschaft, und mit der Marvel-Lizenz ausgestattet war Agents of S.H.I.E.L.D.s Erfolg fast vorausprogrammiert. Umso besser also, dass die Serie tatsächlich die Erwartungen erfüllen kann.

– Hat Ward jetzt eigentlich mit einer richtigen Waffe auf Michael gefeuert? Warum ist Michael dann nicht gestorben – war er komplett unverwundbar?

– „Don’t touch Lola.“

Fazit: 8,0 von 10 Punkten.

Agents of S.H.I.E.L.D. kann die meisten Erwartungen erfüllen, sie aber nicht im großen Stile übertreffen: Witzig, spannend und actionreich präsentiert sich „Pilot„. Die Serie zeigt ein soweit solides, aber nicht furchtbar spektakuläres Ensemble, dem großartige Dialoge geliefert werden. Was die Serie mit ihren vielen futuristischen Elementen anstellen stellt das wohl größte Fragezeichen dar.

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Ein Gedanke zu “Kritik: Agents of S.H.I.E.L.D. 1.01 „Pilot“.

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