Kritik: Breaking Bad 5×12 „Rabid Dog“/ „Tollwütiger Hund“.

„Mr. White is the devil!“

Halbzeit der Halbzeit: Nur noch 4 Folgen, um Breaking Bad zu vollenden. Noch weniger Zeit also, um zu erklären, wie und wofür Walter White dazu kommt, sich heftige Artillerie zu besorgen. „Rabid Dog“ kann dabei nicht ganz so hochklassige Twists präsentieren wie „Confessions„, ist aber, wie auch der Rest der bisherigen fünften Staffel, auf dem konstant hohen Niveau der Serie.

Breaking Bad 5.12 Jesse phone

Die White-Residenz steht noch, als Walter zu Hause ankommt. Während Walt alle Hebel in Bewegung setzt, um seinen ehemaligen Partner zu finden, muss er sich die Frage stellen, wie er Jesse „zur Vernunft“ bringen kann – denn sonst muss er vielleicht doch noch auf Sauls farbenfrohe Metaphern zurückgreifen…

Ab hier gibts wie immer volle Spoiler für die Episode.

Also gut, natürlich brannte das Haus der Whites nicht ab, was wir schon im Flash Forward in „Blood Money“ gesehen hatten. Der Schaden ist dennoch verursacht, und Walt kommt in bester Walt-Manier in Erklärungsnot. Die Lösung: Eine mehr als hanebüchene Story von einer nicht richtig funktionierenden Zapfsäule an einer Tankstelle, die Walt von Kopf bis Fuß in Benzin getränkt hätte, und als er dann schließlich daheim ankam hätten seine zu Boden geworfenen Klamotten die Teppiche aufgeweicht. Selbst Junior bemerkt, dass da was faul sein müsse, aber in seiner ewigen Gutmütigkeit schiebt er es dem wiedergekehrten Krebs zu. Seine Arglosigkeit ist schon ein wenig frustrierend, zeigt aber auch, wie bereitwillig er seinem Vater aus der Hand frisst – ihm ist es Recht, im Luxushotel unterzukommen anstatt im Notfall die Verwandten aufzusuchen. Je weiter „Flynn“s Glauben an seinen Vater wächst, umso höher wird der Fall sein, aber so langsam wird es Zeit, ihn da endlich runterzuschubsen.

Aber auch ohne bei Junior Verdacht zu schöpfen wird in „Rabid Dog“ die Schlinge um Walter White deutlich enger geknüpft, weil Jesse und Hank, nach der Beseitigung ihrer Differenzen aus „Confessions„, doch zusammenarbeiten, um den Teufel zu stürzen. Die beiden verbinden große Opfer, die sie für die Jagd nach dem Biest hingeben müssen – während Hank das Ende seiner Karriere allerdings schon hingenommen hat, muss sich Jesse jetzt erst überlegen, was mit ihm im Anschluss an die ganze Sache geschehen wird. Es wird keinen zweiten Van geben, mit dem Jesse ein neues Leben beginnen könne, und seinen Kopf aus der Angelegenheiten kann er auch nicht ziehen – immerhin hat er einen Mann ermordet, Drogen konsumiert und im großen Stile hergestellt. Keine Frage, Breaking Bad ist keine Serie über Gerechtigkeit: Während Jesse Jahrzehnte im Knast drohen, wird Walter White wohl nur mehrere Monate schmoren müssen, bevor ihn der Krebs dahinrafft. Halbherzig bietet Hank ihm zwar an, Schutz und Vergünstigungen für seine Aussage zur Verfügung zu stellen, aber „Rabid Dog“ lässt durchblicken, dass da nicht unbedingt die Wahrheit dahinter steckt.

Rabid Dog“ ist eine Begutachtung der Integrität sämtlicher Hauptfiguren von Breaking Bad, und zeigt, wer von ihnen in dessen Endstadium Wein trinkt und Wasser predigt. An vorderster Front ist wie immer Walter White, dessen Heuchelei und Selbstbelügen auf eine letzte Probe stellt gewird, als er vor der Frage steht: Was tun mit Jesse? Sowohl Saul als auch Skyler gegenüber bekräftigt er seine Intention, mit Jesse bloß reden zu müssen, um ihn „zur Vernunft“ zu bringen. In den von Walt verwendeten Metaphern steckt viel Ironie und Zynik, etwa wenn Walter zugibt, dass Jesse bloß für eine einzige Sekunde die Absicht gehabt habe, das White-Anwesen niederzubrennen. Auf Sauls und Skylers Bedenken hin verwendet er das ultimative Heisenberg-Argument: „It’s going to work because I say so.“ Es ist eine Illusion, der sich Walter White da hinterherjagt, eine, die darauf zurückgeht, dass er trotz aller Tricksereien Jesse immer (na gut, fast immer) gemocht hat – laut Hank Walts einzig große Schwäche, für die er auch jede Menge aufgenommenes Beweismaterial zurücklässt.

Nicht zum ersten Mal weist er erbost Vorschläge von sich, Jesse liquidieren zu lassen, allerdings mit Argumenten, die bei näherer Betrachtung ihren Dienst aufgeben. „Jesse isn’t just a rabid dog – he’s a person!“, echauffiert er sich beispielsweise gegenüber Sky, und reißt dabei eine tiefe Wunde in Walters Rüstung der Scheinheiligkeit. Aus seiner Sichtweise ist Jesse in dieser Situation tollwütig, tollwütend vielmehr, und nach monatelanger Misshandlung will dieser endlich zurückbeißen. Andererseits hat Walt zu viele Menschenleben genommen oder zerstört, um hier den Moralpostel zu spielen, während in Wirklichkeit bereits die Zahnräder in Heisenbergs Kopf rattern, wie man den Hund am Besten einschläfern kann. Vielleicht ist das Walter Whites letzte noble (wenn auch hypokritische) Geste, Jesse in solch hohem Ansehen zu behalten, bis ihn seine Frau darauf aufmerksam macht, dass Jesse nicht anders ist als die anderen Opfer Walter Whites Gewalt – ein zu entledigendes Risiko.

Oh Skyler, wie bist du bloß so tief gefallen? Sky ist die Figur, die mitunter die größte Transformation durchgemacht hat – von der ahnungslosen Ehefrau ist nicht mehr viel übrig geblieben. Die Rolle als stille Komplizin mimte sie gut, doch seit Hanks Entdeckung sucht sie die Flucht nach vorne – und gibt tragischerweise dabei genau jene Moral auf, für die sie Walter White so viele Monate lang gescholten hat, für die sie ihm den Tod wünschte. Ihre Mithilfe bei Walts fabriziertem Filmchen war letzte Woche noch nicht so klar ersichtlich – im Restaurant sah sie so blass neben der Spur, dass man noch vermuten hätte können, dass Walt sie dazu manipuliert hätte. „Rabid Dog“ zeichnet allerdings ein anderes Bild von Skyler – eines, in dem sie alles verrät, was ihr früher mal wichtig war: ihre Schwester, ihre Zukunft, und ihre Kinder. Das Geld und die Autowaschanlage wären zwar ohnehin wohl kaum zu retten gewesen, wenn Walts kriminelle Aktivitäten das Tageslicht erblickt hätten, aber zumindest die Sympathie ihrer Kinder und vielleicht auch der Schraders hätte sie für sich gewinnen können. Ironischerweise erhascht sie so nun endlich wieder die Gunst des Publikums – Sky als Walts Komplizin ist einfach deutlich erträglicher als bloß die nörgelnde Sky, die unserem (Anti-) Helden im Weg steht.

Breaking Bad 5.12 Sky and Walt

Diesen Job erfüllt nun Jesse, der sich für die letzten paar Episoden zu Walts großem Gegenspieler aufmausert – zumindest würde er das gerne. Sein Plan: Heisenberg in seinem eigenen Spiel zu schlagen. In Extremsituationen hat Walt noch immer ein Ass aus dem Ärmel gezogen, meist gegen Ende einer Staffel: egal ob die Erpressung mit glasklarem Sprengstoff in Staffel 1, Gales Ermordung in Staffel 3 oder das Fring-Attentat in Staffel 4, Walt war seinen Gegnern immer eine Nasenlänge voraus. Beinah jedes mal war ihm dabei Jesse behilflich, nun duellieren sie sich also auf Leben und Tod. Ich fürchte, dass sich Jesse da ein wenig zu viel vorgenommen hat – weder er noch Hank besitzen die Finesse, selbst mit dem Wissen, dass sie überhaupt gegen ihn antreten (ein Vorteil, den Tuco und Fring nicht hatten). Zudem funktioniert Walt am Besten, wenn er in die Enge getrieben wird und ein wenig Zeit hat, sich einen Gegenschlag zu überlegen. Hätte Jesse ihn am Plaza verraten hätten sie die Überraschung auf ihrer Seite gehabt – so allerdings spielen sie Walt geradezu in die Hände.

Dabei spielen die zwei mit unterschiedlichen Regeln – während Hank die meisten ihrer Fäden zieht (etwa indem er Gomez in den Kreis der Mitwisser zieht), hängt Jesse wieder einmal ahnungslos an der Leine eines anderen Mannes, nur das Herrchen ist ein anderes. Er diktiert zwar, auf welche Art sie Walt überführen sollen, lässt sich aber sonst so einiges gefallen: Trotz Hanks beschwichtigender Worte gibt es nach dem Geständnis auf Videoband kein Zurück mehr für ihn, vor allem weil auch Gomez darüber Bescheid weiß. Sein Schachzug gegen Heisenberg wird wohl seine große, wahrscheinlich aber auch letzte Chance sein, endlich aus dem Schatten anderer Männer herauszutreten, und ich bin gespannt, ob er zumindest auf diese Weise die Kurve kratzen werden kann. Sonst ist er nämlich, auch hinsichtlich Hanks Gleichgültigkeit gegenüber Jesses Schicksal, ein gefundenes Fressen.

Auch Hank muss man am Hals packen und fragen – oh Hank, wie tief bist du bloß gefallen? Hank hat schon immer in brenzligen Situationen auch mal das Gesetz in seine eigene Hand und Risiken in Kauf genommen, der Endspurt der Jagd nach Heisenberg scheint diese (Un-) Tugenden nun aufblühen zu lassen. Bislang waren sie stets im Rahmen gehalten – das Verprügeln von Jesse war zwar äußerst brutal, in gewisser Weise hatte sich Jesse das allerdings auch verdient gehabt (obwohl Walt es natürlich mehr verdient gehabt hätte). Auch dieses Mal schießt Hank übers Ziel hinaus, weil ihm alle Mittel Recht sind, um Walt zu stoppen, aber Jesse so kompromisslos als Köder zu verwenden schmerzt gleich in zweierlei Hinsicht – weil Jesse schon wieder das Werkzeug mimt, einmal mehr zwischen den Fronten zweier Wahnsinniger, und weil uns Jesses Leben am Herzen liegt. Ich betone es immer wieder gerne: Für keine der Figuren in Breaking Bad gibt es kein Happy End, und auch wenn Hank Opfer einer gigantischen Lüge wurde: Zum Schluss besiegelt er sein Schicksal selbst. Hank ist der heimliche Held der Serie, der sich mit dem Bösen einlässt, um das große Böse zu besiegen.

Marie nimmt dazu die Gegenposition ein – so hätte Hank reagieren können, wenn er nicht Hank wäre. Marie blüht in ihrer Verzweiflung wunderbar als Charakter auf, und auch wenn ihr Inneres genauso von der unaufhaltsamen Kraft des Heisenberg’schen Drogenimperiums korrumpiert wird wie alle anderen ist sie sie die Einzige, die nicht ihrer Gefühle willen bereit ist, Verbrechen zu begehen – und hier redet natürlich niemand mehr von ihren kleptomanischen Zügen aus vergangenen Staffeln. Gleichzeitig zeigt ihre Unterredung mit dem Psychologen, dass es jemanden wie Hank geben muss, der bereit ist, als Sündenbock dazustehen, um Walt das Handwerk zu legen – vom Mund halten wurde noch niemand überführt. Mental ist sie allerdings bei und für Hank, und das ist genau das, was dieser braucht.

Bla:

– In der Episode „Problem Dog“ war es Jesse, der metaphorisch einen Hund niederprügelte, nun ist Jesse in die Rolle des Hundes geschlüpft.

– Während Saul seine farbfrohen Metaphern einstecken soll, fahre ich meine letztens in diesen Artikeln ziemlich hoch.

– Der Mann, den Jesse in Gegenwart von Walt entdeckt, ist die einzig wahre Enttäuschung der Folge. Bis zu dessen Entdeckung war es durchwegs spannend, und es wäre nicht auszuschließen gewesen, dass Jesse womöglich von einer 3. Partei umgelegt worden wäre (um es Walt in die Schuhe zu schieben). Der Mann stand zu nah an Walt, um überhaupt als Beteiligter in Frage zu kommen, und auch sein Äußeres war augenscheinlich darauf ausgelegt gewesen, um das Publikum in die Irre zu führen – hatte gerade darum aber genau den gegenteiligen Effekt. Bis dahin war der Puls aber auf 180 – Breaking Bad ist der Meister im Verzerren der Sinneseindrücke, besonders mittels Sound.

– Walt kennt nicht einmal die Namen von Jesses besten Freunden, obwohl die beiden zu Beginn sogar noch direkt im Geschäft involviert waren.

– „He screwed us, and he won.“

– Manchmal wünscht sich fast einen Slow-Mo Knopf für Breaking Bad. Gerade Gomez‘ Involvierung in die Causa White stellt die ganze Sache einmal mehr auf den Kopf, denn jetzt ist die Polizei Walt so wirklich auf den Fersen.

– Walt als Santa Claus. Und er war glücklich.

Fazit: 8,5 von 10 Punkten.

Rabid Dog“ setzt den Siegeszug der letzten Staffel von Breaking Bad fort – nach wie vor in einem irren Tempo, langsam bleibt nicht mehr viel Luft für Walter White. „Rabid Dog“ rückt die Figuren für einen finalen Showdown zwischen Walt und Sky auf der einen und Jesse und Hank auf der anderen Seite – und lässt dabei auf dem Weg gleich mehrere Charaktere Abgründe hinunterpurzeln.

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