Warum amerikanische Sci-fi und Mystery-Serien in Deutschland versagen

Täglich verfolge ich den Wettkampf um die Quoten im deutschen Fernsehen auf quotenmeter.de und drücke meinen Favoriten die Daumen – etwa jenen Serien, die ich auf diesem Blog in kürzlich leider zu unregelmäßigen Abständen reviewe. Und mal um mal bin ich wieder enttäuscht, wenn Serien wie Breaking BadGirls oder The Newsroom in Deutschland, Österreich und der Schweiz kein rechtes Publikum finden, oder zumindest lediglich eines, das deutlich marginaler ausfällt als in den Vereinigten Staaten. Die SimpsonsHow I Met Your Mother oder The Big Bang Theory erfreuen sich hingegen hüben wie drüben großer Popularität – und ich habe da so eine Theorie entwickelt, warum das so sein könnte.

Erstmals stieß ich auf dieses Phänomen durch Lost, das in den USA von 2004 bis 2010 sehr erfolgreich lief. Hierzulande wurde jede der 6 Staffeln rund ein Jahr zeitversetzt erst im deutschen Free-TV ausgestrahlt. Für abc läutete die Serie damals (mit Unterstützung von Desperate Housewives) eine Renaissance ein, und auch wenn die Quoten in der dritten Staffel ein wenig einbrachen – bis zum Ende blieb Lost eine riesige Geldmaschine für den Sender. Nicht so jedoch in Deutschland: Während Staffel 1 noch einen Erfolg für ProSieben darstellte, enttäuschte die Reichweite von Staffel 2, und trotz Programmrochaden konnte der Sender die Serie in der dritten Staffel nicht mehr retten, im Gegenteil: Die Quoten sackten so tief, dass sich der Sender dafür entscheiden musste, die Serie zukünftig an seinen Schwesterkanal Kabel 1 abzugeben. Die letzten drei Staffeln versandeten sang- und klanglos im deutschen Fernsehen.

Das ist schade, denn die Serie hätte Besseres verdient gehabt – auch die Kritiker preisten die Serie für ihre letzteren Staffeln. Und man könnte auch nicht ProSieben die Schuld geben, die Serie schlecht vermarktet zu haben – zwar gab es kein gar so virales Marketing wie in den Vereinigten Staaten, aber auf die Werbetrommel wurde dennoch gepocht, und auch der Sendeplatz (Primetime, 20:15 Uhr) war für einen Erfolg ausgerichtet.

Dennoch scheint sich ein großer Teil der Fangemeinde von der Serie wegbewegt haben, während sich kaum neue Zuseher für die Serie begeistern haben können. Letzteres ist nicht verwunderlich, denn Serien wie Lost oder Breaking Bad verfolgen eine fortwährende Handlung, bei der Zusammenhänge oft erst im größeren Kontext der Staffeln zuvor Sinn machen. Einzige Möglichkeiten, seine Hausaufgaben zu machen, stellen DVD-Set (teuer) oder das Nachlesen im Internet (öde) dar. Dieses Problem besteht allerdings auch den in USA, das allein kann also nicht den plötzlichen Schwund der Zuseher erklären.

Vielmehr glaube ich, dass Serien wie Lost oder Breaking Bad regelrechte Event-Serien sind – nicht umsonst bezeichnete man damals Lost gerne als die Watercooler-Serie schlechthin, also eine Serie, die man am nächsten Tag in der Arbeit oder Schule besprechen würde. Auch Breaking Bad fällt in diese Kategorie – so viele Artikel wurden im letzten Monat zu Ehren der letzten 8 Folgen der Serie im Internet publiziert, dass ein respektabler Reichweitenrekord von 5,9 Millionen Zusehern in den USA keine Überraschung darstellte. Die Leute reden über die Serien, und ihre Freunde beginnen sie dann auch anzusehen.

Geredet wird über eine Episode am Tag nach der Ausstrahlung, und hier liegt der Kern des Problems der Deutschen – es gibt zu viele dieser Tage. Das Publikum verstreut sich zu sehr, weil es zu viele Möglichkeiten gibt, eine Episode zum ersten Mal zu schauen. Drei kann ich dabei ausmachen, wenn ich von jenen absehe, die auf das Erscheinen der DVD warten:  der Tag nach der US-Ausstrahlung (via Internet-Streaming), der Tag nach der deutschen Pay-TV-Premiere (Sky, Fox etc.), und der Tag nach der deutschen Free-TV-Premiere (üblicherweise RTL und ProSieben). Und wenn jedes Mal nur ein Drittel der Gesamtzuseher der Serie mitreden kann, fehlt einer Serie der „Buzz“.

Bei Losts erster Staffel wussten wohl nur die Wenigsten, was für eine großartige Serie da auf sie zurollen würde, und so hielt sich die Piraterie in Grenzen. Doch hat man einmal Blut geleckt muss man einfach wissen, wie es weitergeht. Scheinbar haben viele dem Cliffhänger der 1. Staffel nicht standhalten können und haben sich die 2. Staffel einfach via Internet reingezogen. Weniger Internet-affine Menschen, oder jene, die sich nicht so gern in diese rechtlich sehr graue und moralisch deutlich dunkler graue Zone wagen, oder aber auch jene deren Englisch nicht ganz ausreicht und ohne Untertitel die Serie erleben wollen, bleiben hingegen eine ganze Zeit lang auf dem Trockenen. Jene mit Pay-TV nur ein paar Wochen oder Monate, Kabelfernseher hingegen ein ganzes Jahr. Und plötzlich lässt sich nicht länger gut mit Freunden über die Serie reden, ohne haargenau auf Spoiler aufpassen zu müssen. Der Internetbuzz ist ohnehin nur den Streamern vorbehalten, selbst auf deutschen Seiten – der österreichische Jugendradiosender fm4 etwa bot gleich mehrere große Artikel zum Serienfinale von Lost, als es gerade in den USA ausgestrahlt wurde.

Comedyserien wie The Big Bang Theory oder Two and a Half Men brauchen diesen Buzz hingegen so gut wie nicht – bei diesen Serien gibt es auch kaum nennenswerte Ereignisse, die man unbedingt sehen müsste. Sie laufen blendend, zumal sie auch die idealen Sendungen fürs Durchzappen und Hängenbleiben sind – da braucht man kein Vorwissen. Selbiges gilt auch für Krimiserien aus dem In- und Ausland, allen voran natürlich dem seit Jahrzehnten blendend laufendem Tatort.

Und dieses Phänomen, dass Zuseher den Scifi-, Fantasy- und Mystery-Serien im deutschsprachigen Fernsehen davonlaufen, existiert leider häufig. Derzeit blüht dasselbe Schicksal Game of Thrones, das in seiner dritten Staffel schon Rekorde für am häufigsten gestreamten Episoden aller Zeiten bricht, oder auch The Walking Dead, dessen zweite Staffel trotz einer cleveren Ausstrahlungsstrategie von RTL II deutlich schwächere Werte lieferte als Staffel 1. Und auch Breaking Bad, oft jetzt schon als eine der besten Serien aller Zeiten gepriesen, strauchelt in Deutschland, weil artes Ausstrahlung einfach nicht zeitnah genug ist.

Irgendwie ist auch niemand so recht Schuld an dem Dilemma, jeder will halt einen Teil des Kuchens – die Pay-TV-Sender je nach Größe ihre Daseinsberechtigung, die Kabelsender ihre Werbeeinnahmen. Sky Atlantic bietet zwar mehrere Serien wie Game of Thrones nur wenige Stunden nach amerikanischer Erstausstrahlung an, doch das teure Paket beinhaltet einfach zu wenige Serien, die so vorbildlich zeitnah ausgestrahlt werden. In Amerika ist mit Basic Cable fast die ganze und mit HBO obendrauf sogar die gesamte Serienlandschaft abgedeckt, in Deutschland gibt es allerdings diese Möglichkeit nicht – außer man streamt. Ich fürchte, dass sich dies aufgrund der mehreren Pay-TV-Sender (Sky, Fox, TNT Serie etc.), die sich die amerikanischen Imports streitig machen, auch langfristig nicht ändern wird, und Zugriff auf alle von ihnen ist schon schwer erschwinglich.

Die Kluft der Ausstrahlungstermine existiert nun schon seit Jahrzehnten, erst in den letzten Jahren manifestierte es sich allerdings dank des Internets auch in den Zuseherquoten. HBO behauptet, dass der durch die illegalen Downloads zusätzlich generierte Buzz dem Sender mehr hilft als schadet, aber die deutschen Pay-TV-Sender werden da sicher ein anderes Lied davon singen.

Solange Streamen möglich ist, wird diese Option auch genützt werden. So langsam versuchen die deutschen Fernsehanstalten, dies durch intelligente Programmierung zu bekämpfen – etwa Skys Ausstrahlung von Game of Thrones oder The Newsroom. Fox‘ 7-tägige Verzögerung der Ausstrahlung von The Walking Dead fehlt hingegen noch der entscheidende Schritt, um die Deutschen am Buzz der Amerikaner teilnehmen zu lassen – in den USA ist die Episode dann schon gegessene Sache.

Großer Lichtblick war für mich aber das von mir eigens deshalb verfolgte Touch, das nur wenige Tage nach US-Premiere auch bei uns schon im Free-TV landete. Es war ein TV-Experiment, das leider Gottes scheiterte, weil der Buzz von Touchs schwacher Kontinuität und Dramaturgie erwürgt wurde – obwohl Touch das Potential hatte, ein internationaler „Watercooler“ zu werden, weil es den Anspruch hatte, an einem einzigen Tag besprochen zu werden . Es zeigte aber, dass die internationale Distribution inklusive Synchronisation logistisch möglich ist. Fox wollte mit Touch ein Zeichen gegen das Streaming setzen, doch durch dessen schnellen Quotensinkflug scheint dieses Projekt erstmal auf Eis zu liegen. Und ich kann nur hoffen, dass dieses bald wieder aufgeschmolzen wird.

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