Kritik: The Newsroom 2.02 „The Genoa Tip“.

„On the off chance that it turns out to be true, people would have to go to prison.“

Nach seiner ein wenig taumelnden Premiere der zweiten Staffel bekommt The Newsroom den Nachfolger genau richtig hin: „The Genoa Tip“ bringt die größten Stories der Staffel dampfend und schnaubend ins Laufen, während die Eintagsfliegen wie in der Vorwoche keinen Auftritt finden. Während Jims Berichterstattung über die Romney-Kampagne überraschend gut von der Hand läuft, bereitet aber ausgerechnet wieder einmal MacKenzie Kopfzerbrechen…

Newsroom 2.02 Romneycampagn

Jerry Dantana macht seine Sache als Ersatz für Jim gut: Eine seiner Quellen verspricht die Story des Jahres zu werden, in der die USA in üble Kriegsverbrechen verwickelt sind. Unterdessen beschäftigt sich die News Night Crew – zumindest jene, die sich nicht auf Maggies Trennung von Don konzentrieren – mit dem Fall Troy Davis, dessen Schuld an einem Mord zwar umstritten ist, allerdings auf die Vollstreckung der Todesstrafe wartete. Dann meldet sich jedoch Neal, der während einer Occupy-Versammlung verhaftet wurde…

Ab hier gibts wie immer volle Spoiler für die Episode.

So langsam wird klar, was in Genoa geschehen ist und warum das News Night Team in der in der Zukunft spielenden Rahmenhandlung in Schwierigkeiten stecken könnte: In Genoa scheinen amerikanische Soldaten Sarin (Nervengas) eingesetzt zu haben, und Zivilisten seien dabei gestorben. Quelle dafür ist ein dabei gewesener Sergeant – scheinbar spielt auch in Staffel zwei ein Whistleblower eine tragende Rolle. Ich kann mir gut vorstellen, dass die amerikanische Regierung diesen Bericht nicht gutheißen wird und die Quellen und Beweise von News Night in Frage stellen wird. Ganz klar ist mir noch nicht, wie die Show in der Show damit unerahnten Quotenerfolg erzielen möchte – zumal Republikaner Will McAvoy wohl wie die Pest meiden wollen – aber zumindest ansatzweise ist schon erkennbar, wie Mac und Will an die Sache wohl herangehen werden: zuerst diskutieren, wie verlässlich ihr Informant ist, nach mehr Quellen suchen und schließlich eine spekulative Sendung bringen.

Genau das tut das Team aber ohnehin schon, als sich Don (und damit auch eigentlich The Newsroom) aufmacht, in Sachen Troy Davis selbst Detektiv zu spielen. Aaron Sorkin scheint von dessen Unschuld überzeugt zu sein, so zumindest präsentiert sich der Fall in „The Genoa Tip„. Dem wäre nichts vorzuwerfen, wenn die Serie nicht vorgeben würde, neutral an dieses Thema heranzugehen. Will nimmt zwar die Gegenposition ein, aber Don schießt ihn schließlich doch noch mit Argumenten ab. Die Abwägung von Pros und Contras ist nur geheuchelt, in Wahrheit steht der Sieger schon im Vorhinein fest. Vielleicht gehe ich da mit The Newsroom ein wenig zu hart ins Gericht – ich bin mir sicher, dass die drei Story-Editoren ihre Hausübungen gemacht hatten – aber man wird bei der Diskussion um die Umstände Troy Davis‘ Verurteilung einfach das Gefühl nicht los, dass man von Dons Sicht der Dinge förmlich eingelullt würde. Davis‘ Tod war dramatisch in Szene gerückt, ist allerdings auch ein sehr praktischer Umstand für die Serie: „Wir lagen richtig, jetzt ist es zu spät, warum habt ihr nicht auf uns gehört?“

Aber genug der Kritik, denn „The Genoa Tip“ ist eine sehr gute Stunde Fernsehen, mit einem besonders gutem Gefühl dafür, wie lange sie an jeder Geschichte dran bleiben soll. Die Berichterstattung über Troy Davis ist nicht so kurz, um sie als Ablenkung vom Geschehen im Newsroom anzusehen, aber kurz genug, um die Story kompakt in einer Episode abzuwickeln. Man hat nicht nur dank der Rahmenhandlung aus „First Thing We Do, Let’s Kill All the Lawyers“ – der Blick in die Zukunft, in der die Figuren auf Genua zurückblicken – das Gefühl, dass die Serie genau wisse, was sie tue und wohin sie steure. Genua, Occupy und Romney – alle drei vermitteln bereits jetzt, dass sie auf ein großes Finale hinzielen, ohne dabei in der Anfangsphase ihre Energie zu schonen. Staffel 2 scheint kompakter zu werden als The Newsrooms erstes Outing, und das nicht nur, weil sie eine Episode weniger lang sein wird: Während Season 1 neben ihrer anhaltenden Kritik an der Tea-Party hauptsächlich diverse Missstände und prekäre Begebenheiten in der Nachrichten-Industrie behandelte, machen die ersten zwei Folgen von Season 2 den Eindruck, sich auf die drei genannten Storys zu konzentrieren. Staffel 2 erfindet das Rad nicht neu, justiert aber genug Details, um frisch und neu aufbereitet zu wirken.

Recht erfolgreich ist die Serie dabei auf jeden Fall mit Jims Berichterstattung von der Romney-Kampagne. Inhaltlich wird da nicht viel geboten (wohl ein Seitenhieb an Romneys Tour), aber Jims physische Distanz zum News Night Studio, insbesondere Maggie, läuft erstaunlich glatt. Zu Beginn meiner Kritiken an The Newsroom erwähnte ich einmal, dass es der Serie gut tun würde, ab und zu mal aus dem Studio herauszukommen, und Jims Szenen – egal ob am Pool, in einer Bar oder direkt vor den diversen Wahlveranstaltungen – sind ein gutes Beispiel dafür. Aber sie sind mehr als bloß eine visuelle Auffrischung: Sie funktionieren auch für sich, wenn man, und das ist wohl eine Voraussetzung für mittlerweile fast alle Jim-Szenen, auf den Romcom-Aspekt der Serie steht. Ich für meinen Teil konnte in ihrer ersten Episode schon gar nicht genug kriegen von Jims Konkurrentin, die zwar vorgibt, ihm nicht helfen zu wollen, ihm aber doch zuvor Zutritt zum Tourbus verschafft hatte; die zwar vorgibt, dass sie Jims Privatleben nicht interessiert, zuvor aber doch indirekt danach gefragt hatte. Ich kann gut verstehen, wenn jemand mit dieser neuen Figur gar nichts anfangen kann, aber ich für meinen Teil kann es gar nicht erwarten, Jim weiterhin auf der Tour zu begleiten.

Unter anderem erfährt er via SMS oder Email, dass Lisa sich von ihm trennt. Diese lässt einen ordentlich Shitstorm auf Maggie herniederprasseln, weil deren Versuche, das Video verschwinden zu lassen, genau das Gegenteil bewirkt haben: „Another New Yorker loses it“ wird versehentlich noch populärer. Man sieht das beeindruckend geschriebene Donnerwetter schon früh aufbrausen – eigentlich ist Maggies Versuch, ihre beste Freundin zu täuschen, ziemlich schäbig. Ich muss meine Worte aus der Vorwoche revidieren: Lisa wurde zwar nie besonders ausgearbeitet, aber ihre moralische Überlegenheit ist für die Serie wichtig, um einen Kontrast für Maggies falsches Spiel zu bilden. Leider wird durch diesen großen Streit auch wieder einmal ersichtlich, dass die Frauen von The Newsroom meist den Kürzeren ziehen.

Das tut nämlich auch mal wieder MacKenzie McHale. In der Premiere war sie meist Herrin der Lage (vom Vergessen ihrer Brieftasche mal abgesehen), in „The Genua Tip“ geht es hingegen wieder steil bergab mit ihr. Das von der Serie nun doch schon ausgelutschte Konzept des Will-mit-einem-Drink-bewerfen war in dieser Episode besonders ungelenk eingebaut, stellt sich heraus, dass Macs Anschuldigungen an Will gar nicht gerechtfertigt waren – nein was kann sie aber auch für ein Dummerchen sein! Richtig schockiert aber haben mich ihre Worte in der Konferenz, in der sie sich über Neals Recherchen in Sachen Occupy Wallstreet regelrecht lustig macht. „Speaking of laughing“, leitet sie ihren Satz ein, und beginnt, Neal vor der gesamten versammelten Mannschaft zu degradieren. So eine plumpe und verachtenswerte Szene hat es bei The Newsroom noch nie gegeben, und es bleibt wirklich zu hoffen, dass das ein einmaliger Ausrutscher war. Hätte Will das von sich gegeben wären zumindest ein wenig Ironie und Zynismus im Spiel gewesen, aber Macs unironische Bemerkung ist reine Häme. Wirklich eine Szene zum wütend werden.

Es wäre schließlich ja auch schon verletzend (und natürlich auch unprofessionell) gewesen, wenn Neal dabei eine seiner Big Foot-Geschichten verfolgt hätte, aber nein – Neal behält mit der Verfolgung der Occupy-Story und dessen Wichtigkeit sogar Recht. Neals Story driftet derzeit eher noch peripher dahin, nach seiner Festnahme und Will McAvoys beeindruckender Rede/Erpressung dürfte sie aber auch die Aufmerksamkeit des gesamten Teams erregt haben. Wie auch bei der Berichterstattung über Troy Davis und der Operation Genoa werden dabei nicht nur die Geschehnisse behandelt, sondern auch die Rolle und Position der Medien. Das Zerstören Neals Handys durch Polizeigewalt ist sicher eine der simpleren Botschaften der Episode, aber ist auch nur Auftakt zur größeren Berichterstattung in den wohl kommenden Episoden – und dabei rundet sie, mit Hilfe von McAvoys Monolog, „The Genua Tip“ geschmeidig ab.

Bla:

– Mein persönliches Highlight der Episode ist McAvoys erster Auftritt bei News Night – als er wegen der verhängten Flugsperre spontan bei der Berichterstattung vom 11. September 2001 einspringen muss. Ich hatte erst kürzlich, wohl auch inspiriert von The Newsrooms Darstellungen von Berichten über die größten Ereignisse der Jahre 2010 und 2011, die Live-Berichte diverser TV-Stationen über 9/11 angesehen, und ich hatte ein wenig die Fassungslosigkeit unter den Masken der Reporter vermisst. Und dann schreibt Aaron Sorkin diese magische Szene, in der Will McAvoy live zehn Sekunden lang schweigt, bevor er sein eigenes Bestürzen über die Katastrophe zum Ausdruck bringt – im selben Atemzug, in dem wir erfahren, wie Wills erster Arbeitstag verlief. „I want a human moment from you“, wurde Will in The Newsrooms Piloten gebeten – und es scheint, als hätte Will diesen damals nicht erst entwickeln müssen, sondern erneut entdecken.

– Ich warte auf den Tag, an dem die Berichterstattung ACNs den Verlauf der Dinge ändert, weil sie so ein urkompetentes Team sind. Ich bin überrascht, dass Sorkin das noch nicht verwendet hat, das wäre schließlich mit Sicherheit die wohl eingebildetste Szene einer Serie, die sich ohnehin schon selbst sehr gut gefällt. Andererseits gefiele mir das auch als ultimativer Stinkefinger an jene Menschen, die sich an der Selbstgefälligkeit der Serie stören.

– „You didn’t want him to pick you, you wanted him to pick you over me.“ Man ist die Szene gut.

– Die Troy Davis Geschichte war so kompliziert, dass ich fast erleichtert war, dass sein Tod ein Siegel dafür darstellte. The Newsroom ist eine anspruchsvolle Serie, die manchmal gar nicht so einfach zu verfolgen ist, aber das Für und Wider von Don, Will und Co. im in Europa ohnehin nicht allzu laut diskutierten Davis-Fall stellt eine besondere Herausforderung dar. Ich habe das Gefühl, dass die Szene irgendeinen visuellen Impuls benötigt hätte.

– Mir gefällt die Metapher von Will als Rechtsanwalt. In seinen ideologischsten Momenten sieht er sich schließlich ja als Anwalt der Gerechtigkeit, und seine Rhetorik verleiht ihm ja auch eine solche Präsenz.

– Auch in der zweiten Folge bleibt die Beziehung zwischen MacKenzie und Will rein professionell (oder zumindest fast). Wie ich gelesen habe wird die Klatsch-Reporterin aus der ersten Staffel, Nina Howard, einen Gastauftritt in der zweiten Staffel haben, vielleicht wird sie dann also MacKenzie doch auf die Frage antworten: „What did the rest of the message say?“

– Weil ich es nicht jede Episode eigens erwähne soll es in dieser Kritik mal einen Sonderplatz einnehmen: Die Darsteller sind einfach fabelhaft. Der Cast liest sich ja ohnehin schon wie ein Who is Who an Award-Gewinnern (Oscars, Emmys, Tonys).

Fazit: 8,5 von 10 Punkten.

The Genua Tip“ ist zu Weilen frustrierend, von diesen raren Momenten aber eine Steigerung vom Staffelauftakt: Die drei Hauptgeschichten zünden und feuern, während das Beziehungsdrama wie immer die Geister spalten mag.

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