Kritik: Game of Thrones 3.08 „Second Sons“/ „Die Zweitgeborenen“.

„Robb Stark. Balon Greyjoy. Joffrey Baratheon.“

Nur noch zwei Folgen trennen uns vom Ende der bislang besten Staffel von Game of Thrones. Zeit also, für den großen Schachzug die letzten Figuren auf die richtigen Felder zu bewegen? Es scheint, Game of Thrones hätte das schon in der vorherigen Episode erledigt, denn „Second Sons“ steht durchwegs auf eigenen Füßen – und das vielleicht so fest wie noch nie zuvor.

Game of Thrones 3.08 Blutegel

In King’s Landing läuten die ersten Hochzeitsglocken. Melisandre bringt Gendry nach Dragonstone, um ihn dort für ihre Zwecke zu missbrauchen. Und Daenerys sieht sich mit den ersten der „mächtigen Verbündeten“ Yunkais konfrontiert: der Söldnertruppe „Second Sons“.

Ab hier gibts wie immer volle Spoiler für die Episode. Für Game of Thrones spezifisch: Ich habe alle Bücher gelesen, werde diese Rezension allerdings für jene schreiben, für die die TV-Serie Erstberührung mit dem Material ist. Kommentare werden moderiert, um Spoilern vorzubeugen.

Drachenglas.

3.07 The Bear and the Maiden Fair“ enttäuschte mich noch ein wenig, weil Game of Thrones davor eine solch lange Serie an spannenden und/oder sehr unitären Episoden lieferte, und ich bin sehr froh, berichten zu können, dass „Second Sons“ diese wieder fortsetzt. Ich würde sogar so weit gehen, zu behaupten, dass „Second Sons“ die ausgewogenste aller Folgen, zumindest dieser dritten Staffel, ist – sie beherbergt weder allzu expositionslastige Dialoge noch verprasst sie die besten Momente der Serie. Ganz im Gegenteil sogar, stattdessen schafft sie es mehrmals, eigentlich weniger bemerkenswerte Geschehnisse dramatisch und interessant darzustellen, weshalb es sich bei „Second Sons“ bestimmt um eine der handwerklich besten Episoden der Serie handelt.

Zum einen meine ich damit natürlich den Klimax der Episode, Sams Kampf gegen den weißen Wanderer. Sam gehört nicht gerade zu den spannendsten Figuren, aber Game of Thrones zeigt mal wieder sein Händchen für gute Figurenpaarungen: Gilly ist das ideale Gegenüber für Sam, die die interessantesten Dinge aus ihm herauskitzelt. Die sich anbahnende Romanze gewinnt nicht nur so langsam an Charme, sondern lässt auch endlich die humorvolle Seite Sams Tollpatschigkeit zum Vorschein kommen. Für gewöhnlich war diese nämlich in Anwesenheit Jon Snows und den anderen Nachtwächtern eher umständlich als lustig, bei Gilly sehen wir Sam sich nun endlich so richtig bemühen (und meist auch scheitern). Mir gefällt, wie Gilly dann auch fast kommentarlos die sein muss, die das Feuer macht – romantisch statt umständlich.

Die Begegnung mit dem weißen Wanderer ist dann aber schlichtweg ein Hit. Die diversen bösen Omen für dessen bevorstehende Ankunft waren sehr atmosphärisch – und als sich der weiße Wanderer (entweder genau der Gleiche wie zum Ende der zweiten Staffel, oder sie sehen alle zum Verwechseln ähnlich) dann endlich blicken lässt, befürchtet man fast, dass schon der Vorhang fallen wird. Doch falsch gedacht – gleich mehrmals entschließt sich die Folge dazu, den Blick auf das aktuelle Geschehen zu wahren, anstatt bei jedem halbgaren Cliffhänger schon weg zu schneiden. Darum gibts in „Second Sons“ gleich mehrere Handlungsstränge, die locker 5 Minuten kontinuierlich laufen. Innerhalb der Folge sorgt das für ein für Game of Thrones seltenes Zusammengehörigkeitsgefühl, am Ende bei Sam vermeidet es viel Frust.

Der Cliffhänger wirkt schließlich trotzdem: Obwohl die Episode mit dem Tod des weißen Wanderers endet, macht die Folge Lust auf mehr. Nun, der Kampf selber ist nicht besonders ausgeklügelt choreographiert – Sam wird einmal zur Seite gestoßen, rappelt sich wieder auf und ersticht den weißen Wanderer von hinten, mit dem Drachenglasdolch, der neulich über dem Feuer verdächtig lang im Visier gewesen war und der in Staffel 2 mal im Schnee gefunden worden war. Mehr als zwei Angriffe war das allerdings nicht. Es ist allerdings ein Testament für die Inszenierung, dass ich dennoch ein „Wow!“ ausstieß. Es ist immerhin ein großer Moment: Erstmals stirbt ein weißer Wanderer, und das ausgerechnet durch die Hände von Samwell Tarly.

Großes Lob muss an dieser Stelle einfach dem Spezialeffekte-Team gelten. Der weiße Wanderer in „2.10 Valor Morghulis“ sah wenig bedrohlich und ein wenig missgestaltet aus. Ohne, dass etwas am Design verändert worden wäre, sieht der weiße Wanderer nun aber einfach großartig aus, umhüllt von der Nacht sogar richtig bedrohlich – und rennen können sie nicht. Das Zerbersten des Schwerts sah nicht nur ebenfalls fantastisch aus, sondern ist auch metaphorisch zu verstehen – mit normalen, von Menschenhand geschaffenen Waffen ist gegen diese Monster nicht anzukommen. Dafür braucht es dann schon Drachenglas, um den weißen Wanderer effektvoll in Millionen Stücke zu sprengen. Die Szene ist allerdings mehr als bloße Zur-Schau-Stellung der bislang wohl besten CGI-Effekte – Sams Sieg über den weißen Wanderer ist neben einer spannenden Actionszene auch eine überraschend poetische Affäre, die seiner Figur überraschend eine neue Signifikanz erteilt.

Poesie.

Poesie ist überhaupt ein wichtiges Stichwort bei Game of Thrones – die Anzahl und Qualität der Wortspiele und Metaphern ist einfach einzigartig und kommen bei so dialoglastigen Episoden wie dieser besonders zur Geltung. Scheinbar mühelos malt man Bilder von Lämmern, deren Fleisch unbekömmlich wird, wenn sie das Schlachtbeil kommen sehen. Melisandre hat ja immer ein paar gute Sprüche auf Lager, so auch diesmal ein ominöses „death is coming for everyone and everything“ – schon sehr dramatisch, aber auch urschön.

Stannis Baratheons Fraktion hat in Staffel 3 scheinbar nicht viel zu tun – jetzt ist sie schon fast vorbei, und er chillt immer noch auf seiner Insel. Gerade wegen dieser Inaktivität ist es wichtig, dass sich sein Auftauchen auf einige wenige Folgen konzentriert. Darum fühlte sich die Szene zwischen Gendry und Melisandre in „The Bear and the Maiden Fair“ auch reichlich fehl am Platz, während „Second Sons“ mit diesem Handlungsstrang deutlich geschickter umzugehen weiß. Davos ist nun wieder mit von der Partie, und damit auch wieder so etwas wie ein moralischer Kompass, den Stannis nicht zögert zu konsultieren.

Melisandre muss darum verzichten, Gendry zu opfern, und zapft ihm stattdessen mit Hilfe von Blutegeln, Wein und ein bisschen Sex Blut ab. Als Game of Thrones sich noch in seiner ersten Staffel befand, schämte ich mich schon sehr für die Schmuddeligkeit der Serie, zumal ich sie damals noch nicht allein schaute und jederzeit ein Elternteil ins Zimmer stolpern konnte. Mich sprach die Sexposition einfach nicht so sehr an – da waren schon schöne Menschen zu sehen, aber es fühlte sich einfach viel zu sehr wie eine indistruelle Masche HBOs an, um mehr Buzz zu haben. Mittlerweile ist Game of Thrones bereits die wohl meist-diskutierte Serie im Netz, kann es sich also leisten, nun auf Nummer Sicher zu gehen und nicht übertrieben viel Nacktheit zeigen.

Nach wie vor gibts sehr viel nackte Haut zu sehen in Game of Thrones, die Serie ist dabei allerdings deutlich stilsicherer geworden. Zudem wird nackte Haut nun deutlich bewusster eingesetzt: Haben wir Daenerys in Staffel 1 noch mehrmals nackt gesehen, hatte sich das in der zweiten Staffel eigentlich relativiert gehabt, und umso überraschender ist es dann, Dany nun sich doch wieder entblößen zu sehen (in einem Moment, der sehr an Briennes Badeszene erinnert). Auch Melisandre lässt einmal mehr die Hüllen fallen, um Gendry zu verführen – und sogar ein Vorspiel wird präsentiert, mit mehr Gespür, als man es von Game of Thrones gewöhnt ist. Ob man das nun sexy findet oder nicht mag diskutiert werden, aber zweifelsohne wirken Sexszenen nun deutlich durchdachter und dienen nicht nur (aber schon auch) noch zur Stimulation.

Daario Naharis.

Auf ihre Nacktheit wird Daenerys aber schon lange nicht mehr beschränkt, auch wenn sie dieses Mal auf Gesprächspartner stößt, die sich trotz zahlenmäßiger Unterlegenheit nicht so leicht einschüchtern lassen wie ihre zwei vorherigen Gesprächspartner. Die Abwechslung tut gut, denn die vulgäre Art des Kommandanten der Söldnertruppe, dessen Namen ich mir gar nicht erst merken konnte und musste, wurde gekonnt eingesetzt, um Daenerys zumindest vorübergehend von ihrem hohen Ross zu stürzen. Audienzen wie diese scheinen nun Gang und Gebe zu sein in Danys Handlung, und das war die bislang überzeugendste – nicht, dass die Serie allein sprachlich mal wieder aus allen Zylindern feuerte, auch schauspielerisch ist Game of Thrones treffsicher wie keine zweite Serie – der Kommandant redete so locker und selbstsicher vulgär über Daenerys und gliederte sich so nahtlos in diese Welt ein, dass er den Eindruck vermittelte, wohl schon mehrere Episoden lang mitgespielt zu haben. Umso überraschter war ich, dass er noch in der selben Folge den Tod fand.

Game of Thrones 3.08 Second Sons

Daario Naharis schließt sich mit 2000 Mann also Daenerys Streitmacht an. Zwischen den beiden funkt es offensichtlich (obwohl die Chemie zwischen den beiden sich erst noch herausstellen muss), was früher oder später zu Konflikten mit dem ebenfalls in Daenerys Targaryen verliebten Ser Jorah Mormont führen muss. Selten fühlte sich einer der Handlungsstränge einer Episode von Game of Thrones so in sich abgeschlossen an wie der Anschluss der Second Sons an Daenerys‘ Armee, ohne dabei gänzlich konsequenzlos zu sein. Man kann da nur froh sein, dass man aus dieser Geschichte nicht gleich eine ganze Staffel für Daenerys geschmiedet hat.

Hochzeitsglocken.

Das übrige Viertel der Episode wird in King’s Landing verbracht, großteils davon in dem gigantischen Set von der Kirche Baelors – ich hätte nicht erwartet, davon auch noch eine Außenaufnahme spendiert zu bekommen. Tyrions Hochzeit ist wohl die mitunter ulkigste Szene, die Game of Thrones bislang hat blicken lassen. Cersei lässt ihre schlechte Laune an den Tyrells aus, und generell scheinen fast alle unglücklich über die Ehe zu sein: Tyrion, Sansa, Margaery, Loras, Olenna, Varys. Schön, mal wieder fast alle Bewohner des königlichen Hofstaates versammelt zu sehen, nur Littlefinger hab ich unter den Hochzeitsgästen nicht ausmachen können.

Die Zeremonie war absolut köstlich. Ich liebe es, wie der Hocker für Tyrion nicht etwa vergessen wurde, sondern Joffrey diesen vergnügt vor der Trauung entwendet, um Tyrion bloßzustellen. Mir gefällt auch, wie Tywin Joffrey sofort mit einem erbosten Blick straft – so sehr er seinen Sohn auch verabscheuen mag, Tyrion ist immerhin noch ein Lannister, weshalb es wichtig ist, Tyrion nicht zum Gespött des Hofstaates zu machen. Ich wage zu behaupten, dass Tyrion es auf diesen Streich hin ohnehin egal ist, was die Leute von ihm denken, und sich erst daraufhin so richtig zulaufen lässt. Erst vermutete ich noch, dass er es spielen würde, um den öffentlichen Druck loszuwerden, Sansa zu entjungfern, aber scheinbar entschloss sich Tyrion auch so, sich besinnungslos zu trinken.

Die Lieblosigkeit der Ehelichung wurde sehr treffend eingefangen, und ich finde, dass Sansas Angst vor Tyrion sehr delikat und behutsam behandelt wurde. Dass die beiden es nicht miteinander treiben wollen hat mehrere, gegenseitige Gründe, und allesamt sind einen Blick wert. Tyrion möchte neben seiner Verpflichtung für Shae Sansa schon allein deshalb nicht entjungfern, weil sie für ihn noch wie ein Kind ist, das seit etwa einem halben Jahr in einem Zustand fortwährender Depression gefangen ist, umringt von nichts als Feinden, ihrer Freiheit, Jugend und eigenem Willen beraubt. Sansa ist, wenn sie nicht gerade mit einem Tyrell allein ist, wie ein Roboter, und ist damit leider auch unfähig dazu zu lernen.

Game of Thrones 3.08 two girls

Dass sie nicht (an-)erkennt, wie gut Tyrion sie eigentlich behandelt, verletzt Tyrion zutiefst.  Mit ein Grund, warum es schließlich nicht zur von Joffrey ausgerufenen „Beschlafungs-Zeremonie“ (bedding ceremony) kommt, ist, dass Tyrion sich vorsorglich zu tief dafür betrank. Aber auch, wenn sie unter sich sind, gewährt er ihr so viel Freiraum, wie sie braucht. Besonders rührend fand ich Sansas Griff zum Wein, wie sie sich zu zwingen versucht, einen Mann, den sie verabscheut, sich schön zu trinken. Ich dachte nie, dass diese Floskel solch einen traurigen Unterton besitzt… und noch einmal wird Tyrion das Herz gebrochen, als Sansa ihm auf sein Angebot, so lange mit der Entjungferung zu warten bis Sansa bereit ist, antwortet: „What if I never want to?“ Als ob Sansa ihm gar nie eine Chance geben würde, ihr zu beweisen, dass er einer von den Guten ist.

Am nächsten Tag ist das Laken weiß.

Bla:

– Die Eröffnungsszene ähnelte fast ein wenig an Breaking Bad, zumindest das verspielte Fokussieren auf den Stein und anschließend auf Aryas Gesicht erinnerte frappierend daran. Kein Wunder: Michelle MacLaren, Breaking Bad-Veteranin, führt Regie.

– Ursprünglich wäre Jaimes Rettung Briennes in dieser Episode erst geplant gewesen, aber mich wundert die Verschiebung kaum: Mit 58 Minuten ist es wohl eine der längsten Episoden der gesamten Serie. Und die waren wirklich gründlich ausgeschöpft.

– Manche Vorschläge von Gilly für den Namen ihres Sohnes kommen bei Sam weniger gut an: Craster und Randell.

– „How can you deny her god is real?“ Stannis scheint mit Davos‘ Hilfe in dieser Staffel eine gute Balance zu finden, wie wichtig ihm sein Gott ist und welch Opfer er dafür bringen möchte, wie viel Menschheit er für ihn aufgeben möchte.

– Von Aryas kurzer Szene abgesehen begnügt man sich in dieser Episode mit gerade mal 4 Handlungssträngen. Ein Wink mit dem Fingerzeig. Theons Szenen würden sich zugegebenermaßen allerdings nicht sonderlich für eine intensivere Betrachtung eignen, dafür reiten diese zu sehr auf dem selben Thema herum.

– Ich finde es wirklich interessant, so langsam zu sehen, welche Schauspielerinnen in ihrem Vertrag wohl stehen haben, dass sie nackt gezeigt werden oder nicht. Brienne und Sansa haben da offensichtlich Freibriefe bekommen, Melisandre, Daenerys und Ygritte müssen hingegen immer wieder die Hüllen fallen lassen.

– Stannis Vision: Eine Schlacht im Schnee.

– Im selben Atemzug sei Haus Castermere erwähnt, das zweitreichste Adelshaus, das sich allerdings übernahm, gegen die Lannisters rebellierte und daraufhin komplett ausgelöscht wurde. Jetzt sind die Tyrells die zweitreichste Familie… und von dieser unehrenhaften Auslöschung spricht ein sehr bekannt gewordenes Lied, „The Rains of Castermere.“

– Ist die Narbe Tyrions von seiner Nase auf seine Wange gewandert?

– Als Daenerys ein Fass Wein holen lassen wollte dachte ich erst, sie wolle diesen Mann, so wie Joffrey es mit Ser Dontos Hollard zu Beginn der zweiten Staffel ursprünglich vor hatte, sich zu Tode saufen lassen.

– Ich bin wirklich gespannt, was mit Gendry nun weiter passieren wird. Im Buch landete dieser ja nie auf Dragonstone, deshalb tappe ich hier nun ausnahmsweise selber mal im Dunkeln. Auf dass ich bald erleuchtet werde.

– „Then you’ll be fucking your own bride with a wooden cock.“ 

Fazit: 9,0 von 10 Punkten.

Second Sons“ zeigt, dass Game of Thrones gelernt hat, Sex sinnvoll in die Geschichte zu weben. Selbst in einer zuerst ruhiger erscheinenden Episode kann die Serie nun überzeugen, was neben einem exzellenten Drehbuch (und dessen Umsetzung) auch der Beschränkung des Hauptaugenmerks auf weniger Figuren geschuldet ist.

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Ein Gedanke zu “Kritik: Game of Thrones 3.08 „Second Sons“/ „Die Zweitgeborenen“.

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