Kritik: Stuhl.

(Der folgende Text, der meine pseudo-intellektuellen, überanalyisierenden und populistischeren Rezensionen parodieren soll, entstand in meiner Tätigkeit als Poetry Slammer.)

„cht cht cht cht.“

Egal ob im Zimmer, in der Küche oder im Büro – Stuhl begleitet uns überall hin. Tagaus tagein handelt es sich bei Stuhl um einen treuen Begleiter, ein Leben lang. Doch ist Stuhl, in Österreich auch unter dem Titel Sessel veröffentlicht, auch im 21. Jahrhundert noch zeitgemäß, oder hat sich sein sozioökonomischer Platz in der Gesellschaft relativiert?

©: flickr / Nicki Varkevisser

©: flickr / Nicki Varkevisser

Es soll sich herausstellen, aus welchem Holz Stuhl geschnitzt ist, wenn ich ihm bezüglich seiner Alltagstauglichkeit,  seiner Daseinsästhetik und natürlich vor allem auch seinem metaphorischem Wert auf den Zahn fühle. Eine Kritik von Hannes Blamayer.

Ab hier gibt’s wie immer volle Spoiler für den Haushaltsgegenstand.

Sonnenseiten.

Man kann ihn lieben, man kann ihn hassen, aber eines ist unbestreitbar: Stuhl ist eine der außergewöhnlichsten Errungenschaften des irgendwannsten Jahrhunderts. Stuhl ist das Rad der Neuzeit, eine Erfindung, die den Platz des Menschen in der Gesellschaft für immer bestimmen würde. Es handelt sich um einen der wenigen Gegenstände im Leben, denen der Spagat zwischen arm und reich mühelos gelingt, Ober- und Unterschicht sogar in gewisserweise verbindet, denn trotz etwaiger Unterschiede in der Ausführung präsentiert Stuhl die selbe Funktion für alle: Draufsitzen und losentspannen.

Besonders gefällt mir an Stuhl die Anpassungsfähigkeit der Wahrnehmung dessen, unabhängig von den verschiedenen Modellen. Ich finde es schade, wie stark es unterschätzt wird, wie viel Stuhl doch über den auf ihm Sitzenden und/oder dessen Situation aussagt. Schauen Sie sich beispielsweise den big-ass Stuhl an, auf dem Markus Köhle sitzt – ganz klar, dieser Mann hat einen ausschweifenden Lebensstil, und es fällt einem nicht schwer, sich vorzustellen, wie er an einem Sonntagabend auf einem Lederstuhl in seinem Arbeitszimmer sitzt und sich dem Literaturstudium widmet, eine Pfeife rauchend und stetig seine Lesebrille zurechtrückt. Und schauen Sie, das kann ich alles schließen, ohne den Moderator kennen zu müssen, denn Stuhl zeigt sich als wahrer Springbrunnen der Phantasie. Überlegen Sie mal, was ihr Lieblingsstuhl zu Hause über Sie aussagt, und stellen Sie sich vor, jeder in diesem Raum hätte diesen mitgebracht und würde auf ihm sitzen. Das wäre zwar ziemlich eng, aber auch wunderschön.

Der Stuhl und das Geld.

Stuhl ist allerdings auch einer der populistischeren Gegenstände unserer Gesellschaft. Das beste Beispiel dafür ist der Bäckerei Poetry Slam – wer sitzt schon nicht gerne im Publikum oder auf der Wettcouch? Heimlich hämisch blicken wir auf die traurigen, langen Gesichter des stehenden Publikums, und auch wenn der Volksmund sagt, dass „Steh schee“ macht: In den geschätzten dreieinhalb Stunden, die dieser Slam schon dauert und zwei Stunden, die er noch dauern wird, möchte ich nicht in eurer Haut bzw euren Schuhen stecken. Aber wer sitzen möchte muss nun mal rechtzeitig kommen, und wer rechtzeitig kommt betrinkt sich auch rechtzeitiger, und wer mehr konsumiert der zahlt auch mehr. Stuhl entpuppt sich also als Geißel der Konsumindustrie, in der Bäckerei wie auch sonst wo, ein Marketinggag, dem die Menschen wie Lemminge verfallen. Vermeintlich freundlich ladet er ein, sich zu setzen, während er im Hintergrund die Geldmaschine anwirft. Stuhl ist im öffentlichen Bereich ein Taxi, das einen nirgendwo hinbringt, während im Hintergrund ein seichter Geldregen zu vernehmen ist, der aus einem Leck in euren Geldbeuteln tropft.

Tragisch eigentlich, wie Stuhl seine ursprüngliche Rolle unter den Tisch gekehrt hat. Dabei war Richard Stuhl, der Erfinder von Stuhl, noch der Überzeugung, er hätte mit seiner Entwicklung der Menschheit etwas Gutes getan, und sicherlich – vielerorts wird Stuhl für friedliche Zwecke verwendet, beim Friseur zum Beispiel. Gleichzeitig weiß man aber allerorts, dass die Phrase „chairs don’t kill people. People kill people“ nur leere Worte beinhaltet, denn auch wenn Stuhl nicht selbst den Über- oder Abzug betätigt: Er ist verantwortlich dafür, dass auf ihm gesessen wird. Beispiel gefällig: Sitze von verunglückten Fahrzeugen und Flugzeugen, Folterstuhl, elektrischer Stuhl, Geiwi-Fahrstuhl,  und natürlich Stuhl bei der Reise nach Jerusalem, bei der (genau wie beim Slam) stets ein einziger Stuhl zu wenig vorhanden ist.

Fazit: 7,0 von 10 Punkten.

Stuhl hat sich als unverzichtbarer Mitspieler in westlichen Haushalten etabliert, dessen Ästhetik gar nicht genug gewürdigt wird. Gleichzeitig halten sich die negative Aspekte unter der Oberfläche, denn im Grunde handelt es sich bei Stuhl um ein, nein sogar DAS, Aushängeschild des Kapitalismus.

Stuhl. Nicht zu verwechseln mit seinem Namensvetter, Stuhl.

Stuhl. USK-Freigabe ab 3 Jahren.

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