Kritik: Girls 1.06 „The Return“ / „Zu Hause“.

„You are from New York, therefore you are just naturally interesting.“

The Return“ / „Zu Hause“ ist eine Überraschung. Anstatt dem üblichen Ensemble-Spiel präsentiert uns Girls eine halbe Stunde Hannah. Nach dem doch eher polarisierenden Verhalten der Mädchen in „Einfach geht anders“ gibt sich die Serie erstaunlich keusch, zumindest für Girls-Verhältnisse, zumindest was die moralischen Dilemmas betrifft. So eine Verschnaufspause tut der Serie allerdings ungemein gut.

Girls 1.06 parents

Übers Wochenende will Hannah ihre Eltern besuchen, weil diese ihren 30. Hochzeitstag feiern. Hannah nützt die Gelegenheit, um ein paar alte Bekanntschaften aufzufrischen, und trifft dabei auch auf den adretten Eric, der eigentlich viel netter und umgänglicher ist als Adam…

Ab hier gibts wie immer volle Spoiler für die Episode.

Zuhause ist man doch immer nur sich selbst.

Episoden mit nur einem geringen Anteil des Maincasts scheinen im Trend zu liegen – The Walking Dead und Game of Thrones praktizieren das seit ihrer zweiten Staffeln je einmal pro Jahr, Breaking Bad hatte ebenfalls schon eher minimalistischere Folgen („4 Days Out„, „Fly„), und hier wagt auch Girls hin den Schritt zu einer Folge, in der zwei der Girls gar nicht erst vorkommen und Marnie nur ein paar Sekunden zu sehen ist. Hannah ist dabei aber auch die interessanteste der vier Damen, und „The Return“ beweist, dass sie eine Episode auch gänzlich allein stemmen kann.

Dabei passiert eigentlich fast nur das, was man sich bei so einem Elternbesuch von Hannah erwarten kann: Sich über die nervenden Eltern aufregen, aber ihre Gastfreundschaft dennoch ausnützen? Check. Alte Freundin treffen, mit der man nicht mehr viel gemein hat? Check. Netten Kerl kennen lernen, der einen Kontrast zum aktuellen Sexualpartner darstellt? Check. Zum Schluss doch noch einen Draht zu den Eltern finden, am besten durch einen skurrilen Vorfall? Check check check. Dass man sich dabei nicht langweilt ist nicht nur der tollen Umsetzung zu verdanken, sondern vor allem auch der von Lena Dunham verkörperten Hannah-Figur, deren ständiges Schweben zwischen Selbstüberschätzung und tiefsinnigerem Verständnis ihrer Situation eine wahre Goldgrube für die Serie darstellt. Paradebeispiel dafür ist Hannahs Offenbarung, dass sie in der Beziehung mit Adam nicht glücklich ist – sie verrät es ihren Eltern erst, als sie einem gemeinsamen familiären Dinner entgehen möchte, schüttet ihnen dann aber ihr Herz aus.

Hannah ist in „Zu Hause“ kein magisch besserer Mensch geworden – nach wie vor hat sie das Gefühl, dass sie wesentlich besseres verdient als ihre Zwischenfälle in New York. Allein dass sie in New York lebt macht sie zu etwas Besserem. Auch ihre Freundin Heather kann ihr nicht das Wasser reichen, und Hannah lacht sie sogar heimlich für ihre Ambitionen, in Los Angeles als Tänzerin Karriere zu machen, aus – dabei ist Hannah mit dem Traum, in New York Schriftstellerin zu werden, keinen Deut besser. Auch ihren Eltern gegenüber ist sie nach wie vor keine besonders liebenswerte Person: Selbst als die Mutter Hannah panisch bittet, schnellstens in die Apotheke zu fahren, steht diese nur wiederwillig auf und lässt sich beim Einkaufen gehörig viel Zeit.

Aber Hannah kann auch anders mit ihren Eltern, und in „The Return“ wird diese ambivalente Beziehung ein wenig näher beleuchtet. Eines ist klar: Hannah zeigt sich wie schon im Piloten („Kalter Entzug„) als verwöhnte Göre, die sich ihre privilegierte Lebenssituation als einzige Tochter von wohlhabenden Eltern mehr als verdient hat – glaubt sie zumindest. Und auch wenn Hannah sie wegen einigen Dingen, etwa was ihre Arbeit betrifft, anlügt – auf einem gewissen Level treffen sich Hannah und ihre Mutter. „I’m making it work„, versichert Hannah ihrer Mutter ganz ehrlich und lehnt dabei das Geld ihrer Eltern vorerst ab. Nach ihren diversen kleinen Streitereien an diesem Wochenende – der Wunsch der Eltern, mit ihr einen Fernsehfilm anzusehen, ist beispiels- und paradoxerweise urkomisch – ist das eine wahre Erlösung ihrer Figur, denn endlich sammelt sie wieder Sympathiewerte.

Was hätte sein können.

In der Apotheke trifft Hannah den hübschen Eric, und ganz offensichtlich bahnt sich zwischen den beiden schon bald was an. Ganz bewusst läuft das ganz klassisch ab – sich verabreden, ein bisschen quatschen, er legt seinen Arm um sie, die beiden sitzen im Wagen, Eric lädt Hannah zu sich ein. Das stellt natürlich einen unheimlichen Kontrast zum sonst in Girls dargestellten Paarungsverhalten dar, wie auch generell das Leben in Hannahs Heimatstädtchen ein „Was wenn…“-Szenario darstellt. Wäre Hannah in der Provinz geblieben hätte sie auch solch provinzielle Beziehungsgeschichten gehabt. Diese Biederkeit wird der Folge nicht zur Last, und es ist wahnsinnig süß, wie Eric seine Hand auf Hannahs Schulter legt und Hannah das auch recht glücklich macht – so gut hat sie schon lange kein Bursche mehr behandelt.

Awwwwww.

Awwwwww.

Vor allem nicht Adam, von dem sie im Endeffekt doch nicht lassen kann. Dieser ruft zwar sie an, Hannahs breites Lächeln verrät sie allerdings. Und obwohl Hannah ihm auch direkt erzählt, dass sie in der Nacht Sex gehabt habe, ist ihr dieser nicht unbedingt böse – Adam eben. „I miss you“ und „I wish you were here right now“ sind aber dann doch Worte, die man nicht aus dessen Mund erwartet, vor allem wenn sie so ehrlich gemeint klingen, auch wenn es sich bei ihm eher um ein sexuelles Verlangen handelt. Es ist wohl eine der wenigen Girls-Folgen, die die Hauptfiguren nicht allesamt als verächtlich darstellt, sodass „Zu Hause“ die bislang optimistischste und fröhlichste Episode ist. In jenem Kontext allerdings, dass die gesamte Folge eigentlich ein von Hannah nicht gewähltes Leben darstellt, ist das wieder eher ernüchternd.

Was „The Return“ bei all seiner Tiefstapelei ein wenig fehlt ist das gewisse Quäntchen Etwas. Dass die Sexszene zwischen Eric und Hannah etwa fad rüberkommt ist durchaus Sinn und Zweck, ist dann aber schon bald wieder vergessen. Ich wünschte etwa, Hannahs Zimmer, ein ganz ganz wichtiges Setteil, wäre ein wenig einprägsamer gewesen. Am Auffälligsten und Überraschendsten ist mit Sicherheit die Sexszene zwischen Hannahs Eltern – wie oft sieht man schon (im Fernsehen natürlich) zwei Fünfzigjährige beim Sexualakt? Schon merkwürdig, dass ich mich dabei unwohl fühle, nur weil die beiden älter sind als die gewöhnlichen Protagonisten von Nacktaufnahmen. Besonders natürlich, als man sowohl Vater als auch Mutter gänzlich nackt zeigte, war ich überrascht und geschockt. Einerseits kann man argumentieren, dass Girls direkt auf dieses merkwürdige Schamgefühl Bezug nimmt, andererseits muss man sich fragen, was die Szene abseits des Schockwerts für die Serie beiträgt.

The Return“ ist anders als alles, was uns Girls bislang präsentiert hat, bietet die Folge doch eine Abwendung von der bisher etablierten Formel und wohl auch durch die Fokussierung auf Hannah entstandene Geruhsamkeit. Diese kleine Auszeit tut dem Fluss der Serie sehr gut, während sie für gute Unterhaltung sorgt und Hannah zugänglicher macht. Es war weder die witzigste noch die absorbierendste halbe Stunde von Girls, aber auch eine, die kaum einen Schritt falsch setzt.

Bla:

– Die Einblendung des Serientitels ist ja stets in verschiedenen Farben gehalten, und in „The Return“ hatte ich erstmals das Gefühl, dass die Farbauswahl eine Botschaft beinhalten kann. Unterstrichen von angepasster Musik hatte der GIRLS-Schriftzug dieses mal fast was Braves an sich, im Gegensatz zu den sonst häufig so rebellisch-schreienden Kontrasttönen.

– Alter Schwede, da bekommt aber jemand eine Fressattacke mitten in der Nacht! Nichts gegen Mutters Kochkünste, aber sich so barbarisch auf den Kühlschrank stürzen zeigt dann wohl doch, warum Hannahs Beschwerden über ihr Gewicht eher halbherzig sind. Witzig wars natürlich auch.

– Hannahs Mutter kenne ich aus der Serie Freaks and Geeks, in welcher sie ebenfalls die Mutter der Hauptfiguren spielte. Freaks and Geeks wurde zur Jahrtausendwende ausgestrahlt, seither sind zwölf Jahre vergangen – und diese Frau schaut immer noch kaum ein Jahr älter aus! Und sie hat nach wie vor so eine liebenswürdige Stimme…

– Ich hätte darauf gewettet, dass die Anschuldigungen, Hannahs Vater wäre homosexuell, in dieser Episode angesprochen würden, aber nichts dergleichen. Komisch – ob das je wieder aufgegriffen wird? Nicht einmal ein Indiz gab es für eine sich anbahnende Ehekrise bei den beiden.

Fazit: 8,0 von 10 Punkten.

The Return„, „Zu Hause“ auf deutsch betitelt, ist eine angenehme, aber nicht außergewöhnliche Überraschung. Hannahs Erlebnisse in ihrem Heimatort sind wirklich nett und stets ihr Leben in New York beleuchtend – eine reife Vorstellung.

Advertisements

add your bla:

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s