Kritik: Girls 1.05 „Hard Being Easy“ / „Einfach geht anders“.

„If you had read the essay and it wasn’t about you, do you think you would’ve liked it?“

Eines kann man Girls sicherlich nicht vorwerfen: sich selbst zu belügen und einfach das zu zeigen, was die Zuseher sehen möchten. Die Serie versucht nicht gerade, ihre Protagonisten in ein positives Licht zu rücken – „Hard Being Easy„, hierzulande „Einfach geht anders“ betitelt, geht da aber womöglich zu weit.

Girls 1.05 not a diary

Hannahs Tagebuch treibt eine tiefe Kerbe in die Beziehung von Charlie und Marnie, und während ersterer Schluss machen möchte versucht letztere die Beziehung mit allen Mitteln aufrecht zu erhalten. Indes werden die sexuellen Übergriffe in Hannahs Büro langsam zu viel, bis Hannah beschließt, den Spieß umzudrehen… ohne zu bemerken, dass sie bei diesem Spiel nur verlieren kann.

Ab hier gibts wie immer volle Spoiler für die Episode.

 Mut und Übermut.

Girls ist eine mutige Serie. Sie schreckt nicht davor, ihre Hauptfiguren böse Dinge tun zu lassen, und obwohl die Kerle in der Serie sich bislang deutlich mieser verhalten haben, darf man von den Heldinnen einer Serie schon erwarten, dass man mit ihnen sympathisieren soll. „Hard Being Easy“ stellt sich dieser Konvention entgegen, denn alle drei Hauptprotagonistinnen – Shoshanna spielt nur eine rudimentäre Rolle in dieser Folge – stellen hier Dinge an, bei denen man sich schon genauer fragen muss, ob man sie ihnen verzeihen will.

Jessa übernimmt diese Woche beispielsweise den C-Plot der Folge, der sich zwar thematisch bestens einfügt, dessen Handlung sich allerdings großteils unabhängig von den anderen Mädchen abspielt (außer Shoshanna, die einen kurzen aber zum Schreien komischen Gastauftritt hat). Auch hatte dieser nur am Rande mit dem Vater der Kinder zu tun, die sie regelmäßig babysittet (Jay? Jeff? Auch im Netz finde ich nichts dazu, ohne Gefahr zu laufen, mich spoilern zu lassen). Die kurze Szene zwischen den beiden nährt aber die Storyline, dass die Mutter eifersüchtig auf Jessa werden würde, nicht nur, weil ihr Ehemann Jessa Komplimente macht, sondern auch, weil Jessa sich so verhält, als würde sie schon halb im Haus wohnen.

Dann trifft sie in ihrem sehr akkurat bezeichneten Geisha-Outfit ihrem Ex-Lover, der ihr einfach nur sagen wollte, dass er nun mit einer anderen glücklich ist. „Really?“ „Really.“ „Really?“ Es überrascht nicht, dass die beiden alsbald bei einem Schäferstündchen landen, und auch nicht, dass Jessa es bei einem Quickie belassen wollen würde. Ihm dann allerdings ein schlechtes Gewissen einreden, nachdem sie ihn verführt hatte, ist schon ziemlich verachtlich, zumal sie es absichtlich tut. Dabei macht sie sich über ihn und seine Misere lustig, und erklärt anschließend der verdutzten Shoshanna sinngemäß, dass sie das tat, um ihre eigene Unantastbarkeit zu beweisen („I’m unsmotable!“).

Girls fällt da tief, weil es zu keiner ausgleichenden Gerechtigkeit kommt. Weil Jessa damit durchkommt glorifiziert die Serie, vielleicht unwissentlich oder unbeabsichtigt, solch ein Verhalten. Klar, die Scheinheiligkeit des Typen wird durch den Kakao gezogen und dieser Handlungsstrang dient im Grunde mehr dem Humor als der Charakterstudie, aber ich lache nicht mit. Jessa bestätigt sich selbst, indem sie andere verletzt. Das ist nicht Girlpower, das sie da an den Tag legt, sondern schlichtweg ein ganz ganz falsches Spiel, das nicht nur ihre Sympathien verspielt, sondern auch die Moralvorstellungen der Serie in Frage stellt. Nicht, dass Girls da je keusch gewesen wäre, aber Untugenden zu huldigen, die wirklich jedem schaden, kann auch nicht Sinn und Zweck der Serie sein. Zudem machte mir der Gastschauspieler den Eindruck, als würde er nicht wieder kommen, zu insignifikant und schwach charakterisiert war seine Figur, und so wird dieser Vorfall wohl ohne Konsequenzen für Jessa bleiben. Nicht jeder Erzählstrang muss Karma walten lassen, aber es kommt mir vor wie in einem Krimi, in dem ein Mordfall am Ende einfach vergessen wird aufzuklären.

Gar nicht absichtlich so schlimm.

Auch Marnie und Hannah sind richtige Bitches in dieser Episode, im übertragenen Sinn natürlich. Marnie ist es zumindest nicht absichtlich, könnte man ihr zu Gute halten. Nachdem Charlie sie leicht überdramatisch (aber recht witzig den selbstgemachten Tisch umwerfend) verlässt, würde Marnie alles geben, um wieder mit Charlie zusammen zu kommen. Dabei besucht sie sogar erstmals sein Apartment – ein wirklich kurioser Twist, dass sie in 4 (?) Jahren Beziehung nicht ein einziges Mal bei ihm gewesen sein soll. Andererseits vermittelt uns das natürlich, wie wenig sie ihn in Wirklichkeit kennt und schätzt, als seine Freundin hätte sie wissen müssen, dass er im Stande ist, seine eigene Bude so zu designen.

Marnie steckt im klassischen Dilemma, erst etwas zu schätzen, wenn man es nicht mehr besitzt, dann aber mit der cleveren Wendung, gerade dadurch zu erkennen, wie wahr Hannahs Worte doch waren. Ich fand dieses Ende überraschend und gleichzeitig erfrischend – Charlie ist einfach ein bisschen langweilig, und im Stillen muss ich Hannahs Ausführungen in ihrem Tagebuch recht geben: Marnie und Charlie passen einfach nicht mehr zusammen, sie haben sich zu sehr auseinander gelebt. Mir gefällt, wie Marnie zum Schluss kommt, dass die Verbindung der zwei gestört ist – nachdem Charlie endlich annimmt, dass Marnie wirklich alles für ihn tun würde, dirigiert er haarklein, wie er sich eine Romanze zwischen ihnen beiden vorstellen würde, was Marnie ihm die Episoden davor vorgeworfen hatte: dass ihre Beziehung zu lustlos sei. Statt leidenschaftlichem Wiedergutmachungs-Sex erwartet Marnie ein peinlich genau orchestriertes Liebesspiel (und im größeren Kontext auch ein solches Beziehungsschemas). Marnie enttäuscht das fast so sehr wie Charlie, und obwohl sie hier auf Charlies Gefühlen herumtrampelt steht sie schlussendlich als die unschuldigste Missetäterin der drei Hauptakteurinnen da – sie sät ihr Unglück nämlich nicht mit Absicht. Oder doch?

Girls 1.05 flashback

Narzissmus und seine Gefahren.

Hannah hingegen – das ist ein ganz eigener Fall für sich. Ganz zentral in „Hard Being Easy“ ist ihr Wesen als Autorin in Spe, die Geschichtsideen aus ihrem echten Leben greifen möchte, und wenn diese nicht zu ihr kommen, dann muss sie eben an die Geschichten herantreten und sie mit ihrem eigenen Leben schreiben. Das tut sie auf Kosten vieler ihrer Mitmenschen, allen voran Marnie und Charlie. Dass sie ihrem Tagebuch, oder ihrem Notizbuch, wie sie verbessert, ihre Gedanken über die Beziehung ihrer besten Freundin anvertraut, ist nachvollziehbar – in „Hannah’s Diary“ war sie da eigentlich zu Unrecht als Verursacher des Streits zur Verantwortung gezogen worden. Mit der Unverfrorenheit allerdings, mit der sie Marnie fragt, ob ihre Zeilen wenigstens literarischen Wert hätten, wirft sie sich mit voller Wucht in die Verantwortung zurück.

Angeheizt durch Jessas scheinheiliges Jubellied auf die sexuelle Belästigung (sie würde sich dadurch geehrt fühlen) entschließt Hannah, ihrem Boss näher zu kommen. Für die Geschichte. Ich glaube, sie sieht sich als edle Märtyrerin, die dazu bereit ist, ihren eigenen Körper dafür herzugeben, eine tolle Geschichte zu schreiben. Sie sucht das unvernünftige Abenteuer, nicht unbedingt aus Abenteuerlust, sondern einfach um zu schauen, was passiert. So weit, so gut, aber ihren Chef in die Sache mit hinein zu ziehen, auch in rechtlicher Hinsicht, ist vollkommen daneben. Gerechterweise geht ihr Vorhaben auch gehörig schief.

Hannah aber bleibt stur, und anstatt ihre Niederlage einzugestehen – übrigens ein wahnsinniger Triumph des Chefs, der trotz seiner sexuellen Belästigung als der Rechtschaffene dasteht – beschließt sie, diesen zu erpressen versuchen. Ein wirklich schändlicher Zug in einem raffinierten Szenario: Ich habe das Gefühl, dass ihr Chef durch eben genau solches Verhalten seiner Mitarbeiterinnen immer wieder einer Anzeige entgeht. Für Hannah hingegen wird es zur sich immer tiefer drehenden Spirale, in der sie bereit ist, immer niederträchtigere Dinge zu tun, aus purer Unvernunft heraus. Für die Geschichte.

Wenigstens Adam kann einem der Mädchen Paroli bieten – ungewöhnlich, dass wir bei einem Austausch zwischen Hannah und ihm mal auf seiner Seite sind. In einer anderen Episode wäre es gemein gewesen, in dieser ist es allerdings köstlich, wie Adam gewohnt lethargisch argumentiert, warum für ihn nach dem Sex nach Hannahs toller Rede in „Hannah’s Diary“ nun nicht wieder alles beim Alten ist: „Why did you kiss me?“ – „Because you looked sad.“ – „Then why did you have sex with me?“ – „Because you kissed me.“ Ha!

Bevor die Folge dann kurioserweise wieder zu einer Machtposition Hannahs manövriert bricht sie erstmal ein wenig auf der Toilette zusammen. Eine unglaublich tolle Szene, wahrscheinlich auch die wichtigste von „Hard Being Easy„, die zeigt, dass sich Girls sehr wohl bewusst ist, was seine drei Damen da angestellt haben. Es ist wichtig, dass Hannah beginnt, ihre Taten zu bereuen, weil sie sonst langsam der Gefahr läuft, komplett unsympathisch zu werden, denn ganz ehrlich: Ihr Verhalten in dieser Folge war unglaublich narzisstisch und egoistisch, allein für die erste Szene der Folge hätte Marnie sie ohrfeigen müssen.

Gleichzeitig ist es fast zu wenig, um diese zwischenmenschlichen Verbrechen von Jessa, Marnie und Hannah wieder gut zu machen. Es ist ein großes Risiko, die Hauptfiguren solch Entscheidungen treffen zu lassen, die sie unsympathisch wirken lassen. Man will doch mit ihnen sympathisieren wollen, möchte Protagonisten normalerweise nur das Beste wünschen, vor allem in einer Serie, in der viele der Nebenfiguren ziemliche Mistbrocken sind (Adam zum Beispiel, oder generell fast alle Männer). Girls macht es einem aber absichtlich schwer, die Figuren zu mögen, weil jede Figur so makelbehaftet ist. Gleichzeitig zeichnet das den Realismus der Serie aus, diese Makel selbst in Hauptfiguren zu zeigen, die zum Teil nicht gewillt sind, an diesen zu arbeiten. Ich schätze „Hard Being Easy“ sehr, auch wenn ich mir beim Anschauen die Haare raufen musste. Für Gesprächsstoff sorgt sie aber zur Genüge.

Bla:

„I hate everyone who loves me.“ Wow. Das ist das weinerlichste Zitat, das ich je gehört habe. Großartiger Satz, der mich von Hannah wirklich abstößt. Dankbarkeit kennt diese verwöhnte Dame scheinbar nicht, aber wer braucht das schon, wenn man besser ist als alle anderen?

– Shoshannas Worte in der gesamten Episode dürften sich auf ein, zwei gemurmelte und gestotterte „uuh“s und „erm“s beschränken. Ich möchte mehr von ihr sehen, aber ihr Auftritt war wirklich köstlich in dieser Episode, und nicht nur das: Dass sie sich hinter dem Vorhang versteckt passt einfach so gut zu ihrer Figur, und Jessa Reaktion, sie fröhlich als Perverse zu titulieren und sie dafür zu loben, lässt die beiden irre gut miteinander misskommunizieren.

– „I am gross, and so are you.“ 

– Der Flashback von Marnies Studentenjahre brach das Format recht unelegant. Die Szene erfüllte ihren Zweck, uns nämlich einen flüchtigen Blick zu gewähren, wie anders sie noch bei ihrer ersten Begegnung mit Charlie war: Schüchtern, verhalten und schlichtweg eine wirklich passende Partnerin für Charlie.

– Charlie vor 4 Jahren: Bei der Umarmung mit der an den Pfosten lehnenden Marnie tätschelt er… den Pfosten. Zwei mal!

–  Mir gefällt, wie nebensächlich Marnie erwähnt, dass sie sogar Hannah aus der Wohnung schmeißen würde, um mit Charlie wieder zusammen zu kommen. Best friends forever…

– „I’m leaving… I’m still here.“ So witzig war das Ankündigen-zu-gehen-und-dann-doch-Bleiben noch nie umgesetzt. Hannah sucht trotz der Unzuverlässigkeit Adams immer noch dessen Anerkennung. Eigentlich auch irgendwie traurig, sie da ständig so zur Seite von ihm geschoben zu werden, aber bei all dem Mist, den sie in dieser Folge fabriziert hat, will und kann ich keine Empathie für sie empfinden.

– Wie immer ein fantastisches Outro. Unverbindlicher Musiktipp: The Echo Friendly – Same Mistake.

– Eigentlich wollte ich die Girls-Rezensionen ja bei 1000 Wörtern belassen, aber irgendwie erweitern sich solche Artikel wie von selber. Im Grunde sollte es ab jetzt wieder wöchentlich die Girls-Rezensionen geben.

Fazit: 7,0 von 10 Punkten.

Girls polarisiert erneut, diesmal allerdings in der Abtrünnigkeit der Protagonistinnen. „Hard Being Easy“ / „Einfach geht anders“ ist zwar an und für sich eine starke Folge, lässt einen aber dennoch irgendwie unbefriedigt und fast verärgert zurück. Die Figuren sind interessant, aber man würde sich wünschen, dass sie einfach netter wären – aber einfach ist Girls nunmal nicht.

Ein Gedanke zu “Kritik: Girls 1.05 „Hard Being Easy“ / „Einfach geht anders“.

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