Kritik: Game of Thrones 3.02 „Dark Wings, Dark Words“/ „Dunkle Schwingen, Dunkle Worte“.

„Tarly – I forbid you to die.“

Nachdem „Valar Dohaeris“ die Fronten klärte bleibt jetzt Raum, um Game of Thrones weiter zu erzählen. Arya, Bran und Brienne, drei der in „Valar Dohaeris“ noch nicht aufgegriffenen aktuellen Handlungsstränge, brauchen deutlich weniger Laufbahn, um wieder an Fahrt zu gewinnen und neue Stränge zu weben – „Dark Wings, Dark Words“ saugt einen damit wieder vollkommen in die Seriensucht hinein.

Game of Thrones 3.02 Jaime Brienne

Bran und Co. begegnen einem mysteriösen Geschwisterpaar, das seiner Reise beitreten möchte. Brienne von Tarth und Arya Stark streifen unabhängig voneinander durch die Riverlands (Flusslande), in denen Konfrontationen vorprogrammiert sind. In der Hauptstadt duftet es mehr und mehr nach Rosen, seit Neuem auch dank der Lady Olenna Tyrell, bei deren Gewitztheit selbst Tyrion das Nachsehen hätte – und es scheint mehr und mehr durch, dass die Tyrells ihre ganz eigenen Pläne gießen…

Ab hier gibts wie immer volle Spoiler für die Episode. Für Game of Thrones spezifisch: Ich habe alle Bücher gelesen, werde diese Rezension allerdings für jene schreiben, für die die TV-Serie Erstberührung mit dem Material ist. Kommentare werden moderiert, um Spoilern vorzubeugen.

Dunkle Flügel, dunkle Worte, dunkle Boten.

Selten war ein Episodentitel so treffend gewählt wie „Dark Wings, Dark Words„. Ich interpretiere dies als poetischen, aber gleichzeitig verschleiernden Ausdruck für Foreshadowing, also seinen Schatten quasi vorauswerfen, die Zuseher schon ein wenig erahnend lassend, was den Figuren bevorsteht. Und das verspricht die Folge allemals: Ohne etwas spoilern zu wollen muss ich anerkennend feststellen, dass in beinah jeder Szene bereits die Zukunft verheißen wird, ohne damit übermäßig zu protzen. Die Stärke von „Dark Wings, Dark Words“ liegt vielmehr in dessen Subtilität, die Gewissheit zu schaffen, dass  die Geschehnisse irgendwann einmal ein großes Ganzes schaffen werden. Ich schwöre, spätestens nach Staffel 4 wird der Anreiz, diese Episode noch einmal genauer anzusehen, um bereits die Anzeichen der Zukunft hier gesät zu sehen, nach wie vor groß sein. Game of Thrones ist eine Serie, die den Anspruch erhebt, eine enorm komplexe und große Welt kohärent darzustellen, und greift dabei oftmals darauf zurück, das Endspiel zu spielen oder zumindest Ziele mittelfristig anzuvisieren – und bei Game of Thrones sind mittelfristige immerhin Staffeln lang.

Aber nicht alle zukunftsweisenden Szenen spielen das große Wartespiel, so etwa Theons Folterung durch Unbekannte. All zu lange wird man die Identität seiner Kidnapper nicht geheim halten können oder wollen, aber bereits in „Dark Wings, Dark Words“ lässt sich mehr als bloß erahnen, wer dahinter steckt. Natürlich betrachte ich das mit meiner Bücher-Vorwissens-Brille, weshalb es mir leichter fällt, die Hinweise zu deuten – die Form des Follterinstruments etwa, das Andreaskreuz, das eigens in einer Kameraeinstellung betont wird. Faszinierend, wie Theon seinen Peinigern die Wahrheit erzählt, für diese allerdings dennoch bestraft wird, und ja, diese Information ist relevant für sein scheinbar grenzenloses Leid, das er erfährt: Habe ich das richtig gesehen, dass da seine Finger angebohrt wurden? Ich habe das Gefühl, dass Alfie Allen bei dieser Szene an seine Grenzen gestoßen ist – grausamer war die Gewalt in Game of Thrones noch nie, ganz bis zum Äußersten wollte oder konnte die Szene dann aber dennoch nicht gehen. (Nicht, dass die Theonszenen nicht eindringlich wären.)

Ganz im Gegensatz dazu beinhaltete „Dark Wings, Dark Words“ eigentlich doch eine saftige Prise Humor, das dem cleveren Drehbuch geschuldet ist. Jaime Lannister ist da wohl das beste Beispiel dafür – dessen ewigen Provokationen und wirklich pausenlosen Quengeleien, mit Brienne, stets natürlich mit dem Versuch im Hinterkopf, sie aus dem Konzept zu bringen, sind einfach großartig. Normalerweise ist es ja etwa eine Konvention im Fernsehmedium, Handlungen statt Worte sprechen zu lassen – als Jaime allerdings Briennes Konflikte zu verbalisieren beginnt, etwa wie gefährlich eine Überquerung einer von überall einsehbaren Brücke doch sei, lässt sich eine gewisse Komik nicht abstreiten.

Überhaupt haben die beiden eine wirklich fabelhafte Chemie. Sehr passend ist zum Beispiel, wie die beiden nur das Beste auseinander herauskitzeln: Jaime, um sich seine Freiheit zu ertricksen, Brienne, um sich ein Schild dagegen aufzubauen. Und da tut sie sich schwer, offenbart Jaime schließlich so langsam, was tatsächlich in ihm steckt. Im Schwertkampf ist er durch seine lange Einkerkerung zwar verständlicherweise geschwächt, doch im Ganzen muss Brienne in dieser Episode mehr einstecken als sie austeilen kann.

Jaime nämlich den Umgang mit Worten wohl nicht nur sehr gern zu pflegen, sondern auch mehr als nur zu beherrschen – im Nu entlockt er ihr etwa, dass sie Teil Renlys Königswache war und womöglich Gefühle für ihn empfand, während dieser doch schwul war. Wutentbrannt hält Brienne ihm die Klinge an den Hals, worauf Jamie antwortet: „We don’t get to choose who we love.“ Absolut fesselnd, wie Jaime Brienne kontinuierlich verletzt und mit ihr spielt, während er gleichzeitig mit sich selbst philosophiert. Im Käfig der Staffel 2 habe ich mich noch gefragt, warum man sein Gesicht so häufig sieht und ob es das wert ist, „Dark Wings, Dark Words“ findet dafür ein eindeutiges „Ja“ als Antwort. Für mich stellten die beiden das Highlight der Episode dar, und ich hoffe, dass sich ihre zukünftigen gemeinsamen Szenen mindestens ebenso unterhaltsam gestalten – wobei ihr gemeinsamer Weg ja scheinbar erstmal vorbei ist.

In King’s Landing.

Seinem Amt der Hand enthoben hat Tyrion nicht mehr viel zu sagen, und in „Dark Wings, Dark Words“ auch nicht zu tun (außer einem witzigen wie auch expositionsreichen Gespräch mit Shae, in dem er unter anderem zugeben muss, er würde Ros „kennen“). Hier erinnert „Dark Wings, Dark Words“ noch am Ehesten an ein „Valar Dohaeris, Teil 2“, weil nicht nur Shaes gefährliche Situation in der Hauptstadt erwähnt wird, sondern auch die Konsequenzen des abgebrochenen Bündnisses von Sansa und Joffrey: Sansa ist jung, hübsch (zumindest objektiv betrachtet), und trägt einen alten Namen, selbst wenn er der eines Verräters ist. Vor allem aber stellt sich die Frage: Wozu will Littlefinger (Lord Baelish) bloß Sansa aus der Klemme helfen?

Progressiver dann Sansas eigener Handlungsstrang, als Lady Olenna Tyrell sie zum Tee bittet. Olenna ist wohl das genaue Gegenteil von Sansa, und vielleicht deshalb / trotzdem eine der interessantesten Nebenfiguren der Serie. Andere Figuren bestechen durch ihren Rang und Stand, Olenna hingegen, die zwar beides ebenfalls im Überfluss besitzt, hat sich selbst gebaut. Olenna ist wie ein Tyrion, der schon sein ganzes Leben lang am Hof seine Spiele am Hof gespielt hat, und sie erkennt Sansa sofort als jenes Schaf, das sie ist – nicht dumm, aber in dieser Adelswelt voller Feinde schlichtweg ohne ihre Familie und ihr Haus überfordert, Olennas Zeilen sind humorvoll und inhaltsreich gleichermaßen, und so langsam lässt uns das erahnen, wie machthungrig die Tyrells trotz ihrer blumigen Oberfläche wirklich sind.

Der von ihr verleumdete Joffrey hält weiterhin am Thron des größten Mistkerls der TV-Welt fest und ist dabei nach wie vor enorm unterhaltsam. Joffreys großes Dahergerede strotzt nur so vor ungewollter Selbstironie, und diesem Jungen solch hypokritischen Dinge von sich geben zu sehen ist einfach köstlichst. Als abartig bezeichnet er die Homosexualität Renleys, und möchte diese unter Todesstrafe stellen, gleichzeitig ist er jedoch selber Frauen nicht all zu sehr verfallen – ein Schelm, wer Böses denkt. Zwar deutet das Gespräch zwischen Cersei und Joffrey eher auf eine Asexualität (visuell verstärkt durch seinen schmächtigen Körper), doch auf jeden Fall zeigt es, dass er doch nicht der King ist, der er von sich glaubt zu sein. Gänzlich unangekündigt taucht dann jedoch die Szene zwischen Joffrey und Margaery auf, in der die beiden äußerst viel Zeit damit verbringen, über Joffreys neue Armbrust zu sprechen, und ob Margaery bereit wäre, damit (oder generell) bereit wäre zu töten? Margaery schaut in den Spiegel und bejaht…

Die Starks.

Robb Stark ist zwar nicht der blasseste König Westeros – diese dubiose Ehre dürfte wohl Balon Greyjoy gebühren, wobei da auch Stannis ein Wörtchen mitzureden hätte – doch zu diesem Zeitpunkt auf jeden Fall vernachlässigt. Ominös kündigt Lord Karstark an, er glaube, den Krieg bereits verloren zu haben, aber viel mehr passiert nicht. In „Valar Dohaeris“ und „Dark Wings, Dark Words“ scheint Robbs Armee von Schloss zu Schloss reisen, ohne wirklich etwas zu bewegen – zuletzt in ein totes Schloss, nun zu Catelyns verstorbenen Vater. Wirklich überraschend, wie wenig Kraft in diesem König derzeit steckt, den wohl die meisten Fernsehzuseher als unterstützenswert empfinden. Da besteht definitiv Nachholbedarf.

Weitaus erfreulicher zeigt sich das Wiedersehen mit Brandon Stark. Dessen Geschichte, vor allem wenn es um seine außergewöhnlichen Fähigkeiten ging, brannte bislang auf Sparflamme, und „Dark Wings, Dark Words“ entfacht dieses nicht nur für die neue Staffel, sondern wirft Spiritus in die Flammen. Jojen und Meera Reed sind nicht nur sofortige Sympathieträger, sondern bereichern die Serie um ein besseres Verständnis der Magie.  Die beiden sind ein interessanter Twist der Seherrolle – normal erwartet man sich, einen alten Mann oder alten Frau zu begegnen, die den Kindern mit ihrem großen Erfahrungsreichtum zur Seite beistehen. Trotz des jungen Alters des Geschwisterpaars besitzen die beiden aber dennoch, natürlich auch der großartigen Landschaft zu verdanken, eine ungewöhnliche mystische Aura – einmal mehr eine absolute Topbesetzung. Der Zeitpunkt für ihre Einführung ist ebenfalls gut gewählt – dass Bran besonders ist wissen wir schon lange, seine Fähigkeiten wirkten jedoch immer ein wenig erratisch und unverständlich, und Jojen Reed scheint da Struktur und Licht ins Dunkel hineinzubringen.

Game of Thrones 3.02 Jojen Reed

Erstmals fällt auch die Bezeichnung für übernatürliche Gaben: Ein Warg ist ein Mensch, der kurzzeitig die Kontrolle über Tiere übernehmen kann. Ein wenig unbeholfen fügt sich da die Jon-Snow-Szene ein, die vermuten lässt, dass die Aufteilung der Szenen auf die Episoden noch einmal in der Post-Produktionsphase geändert wurde – so wirkt die Enthüllung, dass Warge bei den Wildlingen mehr oder weniger Gang und Gebe sind, ein wenig platt. Doch sie erfüllt ihre Zwecke, nämlich dass wir nun wissen, woran wir sind. Oder halt, eigentlich wissen wir ja nun doch nicht, was es bedeutet, dass die dreiäugige Krähe eigentlich Bran ist, aber das gehört natürlich zu diesem Spiel dazu: nur so viel von der Wahrheit verraten wie nötig.

Und dann ist da natürlich Fan-Favorit Arya Stark, die sich nach Winterfell durchbugsieren möchte, dann allerdings der Brotherhood Without Banners (Bruderschaft ohne Banner?) begegnet. Es ist wohl das erste Mal, dass wir fremden Rittern und Kämpfern begegnen, die Protagonisten einfach von dannen ziehen lassen wollen – Thoros von Myr und seine Freunde scheinen also absolut in Ordnung zu sein. Ihr Wortgefecht mit Thoros verläuft besser als jenes mit Schwertern, was uns erinnert, dass Syrio Forell zwar gute Arbeit mit Arya verrichtet hat, sie aber längst noch keine geübte Schwertkämpferin ist. Hot Pie, Gendry und sie sind ein gutes Team, das hoffentlich noch eine Weile beibehalten wird – wobei die Entdeckung durch den Hound ihr da wohl einen Strich durch die Rechnung machen wird.

Dark Wings, Dark Words“ ist Game of Thrones in Bestform, ohne auf einen Schocker a la Ned Starks Exekution setzen zu müssen. Die neuen Figuren sind noch besser als jene aus der zweiten Staffel, ohne erneut neue Handlungsorte benützen zu müssen. Bezüglich Robb bin ich ganz bei Lord Karstark: Ich hoffe, dass seine Irrwanderungen durch die Riverlands (Flusslande) bald ein Ende nehmen und sich ein neues Ziel ergibt. Ansonsten kann die restliche Staffel gern so weiterziehen wie in dieser Episode, mit beständigem Vorwärtsmomentum und

Bla:

– „He’s a monster.“

– Allein in dieser Folge gibt es unglaublich viele gute Zitate, ein jedes das Eingangszitat wert. Absolut Hochachtung, was Vanessa Taylor und George R.R. Martin da geschaffen haben.

– Obwohl ich der Überzeugung bin, dass Stannis der rechtschaffene König wäre (idealerweise mit Robb Stark im Tandem), muss ich sagen, dass ich recht froh bin, ihn diese Woche nicht zu Gesicht bekommen zu haben – mit der geschlagenen Armee ist er derzeit einfach nicht interessant genug, um merklich etwas zur Geschichte beizutragen.

– Auch bin ich froh, eine Woche Pause von Danaerys zu bekommen, obwohl ihr Auftreten in „Valar Dohaeris“ ihre Tätigkeiten in der gesamten zweiten Staffel in den Schatten stellten – durch ihre Abszenz und die dadurch freigewordene Zeit wirkt die Folge um so Vieles zusammenhängender, auch durch das nur kurze Auftreten Jon Snows. Ich mag beide Figuren und sie bekommen auch meist fantastisches Material, aber manchmal ist weniger ja doch einfach mehr.

– In den Büchern fand das Gespräch zwischen Olenna, Margaery und Sansa in der Burg statt, weshalb ein Gaukler aus vollsten Rohren Lieder gejohlt hat, um Spitzel hinter den Wänden nicht Sansas Worte zu Ohren kommen lassen. Ich vermisste den Gaukler, fand aber, dass der Rosengarten das Tyrell-Motiv schöner darstellte.

– So, jetzt aber genug Wortspiele mit Schatten. Von Tyrell-Wortspielen kann ich hingegen nicht genug bekommen.

– „I try to know as many people as I can.“

Fazit: 9,0 von 10 Punkten.

Dark Wings, Dark Words“ kann das liefern, was dem Staffelopener gefehlt hatte: Neben einem unheimlichen Esprit werden jede Menge Dinge in Bewegung gesetzt, die gleich von Beginn an fesseln. Versehen mit unzähligen subtilen Hinweisen ist die Episode bereits ein erstes echtes Highlight.

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2 Gedanken zu “Kritik: Game of Thrones 3.02 „Dark Wings, Dark Words“/ „Dunkle Schwingen, Dunkle Worte“.

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