Kritik: Game of Thrones 3.01 „Valar Dohaeris“.

„I want to fight for the side that fights for the living.“

Bei wohl keiner anderen Serie ist der Hype so groß wie bei Game of Thrones, das vorgestern in seine dritte Staffel gestartet ist. Zeit also auch für mich, auf diesen Zug aufzuspringen und Episodenrezensionen zu liefern. Da ich sämtliche Game of Thrones-Medien in Englisch konsumiere, kann und werde ich weitestgehend lediglich die englischen Namen verwenden.

GoT 3.01 orphansJon Snow besucht das Lager der Wildlinge und begegnet erstmals deren König, Mance Rayder. Daenerys ist auf der Suche nach einer Armee, während ihre Drachen heranwachsen, und in King’s Landing versucht die kürzlich König Joffrey versprochene Margaery Tyrell, das Volk von sich zu überzeugen.

Ab hier gibts wie immer volle Spoiler für die Episode. Für Game of Thrones spezifisch: Ich habe alle Bücher gelesen, werde diese Rezension allerdings für jene schreiben, für die die TV-Serie Erstberührung mit dem Material ist. Kommentare werden moderiert, um Spoilern vorzubeugen.

Valar Dohaeris“ heißt der Staffelauftakt, was so viel bedeutet wie „Alle Menschen müssen dienen“ in einer der Sprachen, die auf dem östlichen Kontinent gesprochen wird, und dieses Motto bindet die verschiedenen Handlungsstränge lose zusammen. Wie schon in den Staffeln zuvor wird die erste Episode dafür genützt, um bei allen Figuren kurz vorbeizuschauen, und ich werde es ihr gleichtun. Mittlerweile ist der Cast allerdings schon so angewachsen, dass selbst in einer solch fragmentierten Folge wie „Valar Dohaeris“ gar nicht alle der 28 Hauptfiguren auftreten, in diesem Fall Brann Stark, Jaime Lannister und Brienne von Tarth, Arya Stark, Theon Greyjoy, Varys und Sandor Clegane.

Im Norden.

Jeder Mensch muss dienen ist zwar ein schöner Spruch, könnte aber wohl auch Titel vieler anderer Episoden der Serie sein. Bei Jon im Norden stellt sich die Frage, wie er der Night’s Watch am Besten dienen kann, und was er bereit ist, dafür zu tun. Nachdem er Quorin Halfhand schon umgebracht hatte soll er sich nun den Wildlingen vollends anschließen, und als Sohn des Eddard Stark und Stewart des Lord Commanders wohl einige Informationen preisgeben – aber schadet er damit der Night’s Watch nicht mehr, als er ihr hilft?

Relativ viel Zeit wird im Norden verbracht, in dem Jon Snow und Samwell Tarly mittlerweile zwei verschiedene Handlungsstränge verfolgen. Ein wenig enttäuschend wird der Cliffhänger der letzten Staffel behandelt, wir setzen erst ein, als der Kampf bereits vorbei ist. Damit wird man gleich in den ersten Minuten daran erinnert, dass es sich hier nun mal um eine TV-Serie mit einem limitierten Budget (angeblich 50 Millionen Dollar) handelt, und eine große Kampfsequenz zwischen Night’s Watch und den Zombies oder Wights da einfach nicht drin ist, zumal hier eine der Fraktionen auch noch mit CGI unterstützt werden müsste. So allerdings sehen wir den Kampf zumindest auszugsweise aus der Sicht von Sam, der natürlich zu feig war, dem Kampf rechtzeitig beizutreten. Wieso wurde dieser eigentlich in der letzten Staffel von der untoten Armee ignoriert?

Jon Snow hingegen wird zum großen Wildling-Camp gebracht, an dessen Eingang ihn gleich ein Riese, gut und gern 5 Meter groß, begrüßt. Mir gefällt die stille Ehrfurcht, die Snow ins Gesicht geschrieben steht, als er feststellen muss, dass die Geschichten aus dem Norden wohl doch mehr waren als bloß Geschichten. Es ist Jons erste Begegnung mit dem Übernatürlichen, wenn man das so bezeichnen mag, und wie auch bei den anderen Fabelwesen muss sich die Serie fragen, wie sie diese Wesen budgetmäßig in die Serie integrieren möchte. Eines ist sicher: Egal, was die Wildlinge mit diesen Riesen tun wollen, weder Zombie noch Crow kann diesen Dingern das Wasser reichen.

Jon begegnet also dem Wildlingkönig Mance Rayder sowie dessen Unterlinge, unter anderem den Axt-schwingenden Tormund Giantsbane. Wir lernen noch nicht viel über die beiden, doch allein ihr Gehabe macht klar, dass Tormund der Mann mit der Axt in der Hand und Rayder der Mann mit dem Hirn im Kopf ist – und zudem scheint Mance äußerst charismatisch zu sein, sodass er schon von der ersten Sekunde an eine Aura ausstrahlt, die vermuten lässt, warum er der König ist, der sich nicht auf Adelsblut berufen muss. Jons Dialog ist eines der wunderbaren Beispiele, wie blumig die Sprache in Game of Thrones sein kann, und obwohl ihm die Wildlinge doch recht schnell glauben (nach seinem nicht gerade überzeugenden „I want to be free“), so ist die Begegnung mehr als gelungen.

In King’s Landing.

Während Sansa in dieser Episode nicht wirklich viel zu tun hat – im Grunde wird nur Lord Baelishs Versicherung wiederholt, dass er Sansa irgendwie aus King’s Landing rausschmuggeln möchte, und die Huren Ros und Shae treffen erstmals aufeinander – dreht sich King’s Landing nach wie vor darum, was die Lannisters so anstellen. Zwei neue Figuren mischen da mit – die neue Hand des Königs, der aus Harrenhal angereiste Tywin Lannister, sowie Margaery Tyrell, die sich auf ihre ganz eigene Weise die Stadt zu eigen machen möchte.

Die Präsenz dieser neuen Figuren ist fantastisch. Nicht nur, dass diese ihre ganz eigenen Absichten verfolgen und Handlungsstränge tragen können, sie stürzen das bereits bestehende Figurengeflecht gänzlich um. Gerade Tyrion und Joffrey beißen sich an Tywin bzw. Margaery schon in der ersten Folge ein wenig die Zähne aus, und im Verlauf der Staffel kann sich der aufgestaute Groll nur noch vervielfachen.

Besonders nervenaufreibend ist natürlich die Behandlung, die Tyrion nun in der Stadt erfährt. Varys meinte noch in „2.10 Valar Morghulis„, dass die Stadt zwar wüsste, dass sie ihr Überleben Tyrion verdankt, von den Adelsleuten allerdings kein Dank zu erwarten würde. Aber nicht nur, dass er seinem Amt zeremonienlos enthoben wird, sein Vater treibt das Spiel noch deutlich weiter. Als Zwerg wird er ohnehin schon für vieles disqualifziert, doch die für ihn wohl wichtigste Person, um an Macht zu kommen, unterstellt ihm auch noch den Mord an seiner eigenen Mutter bei der Geburt – eine an und für sich dämliche Unterstellung, in Betracht der Glaubensrichtung der Figuren allerdings eine duchaus halbwegs legitime Deutung der Pläne der Götter. Tyrion kommt bei dem Gespräch mit seinem Vater direkt auf den Punkt, ohne der Szene all zu viel Platz zur Entfaltung zu bieten: Er möchte Casterly Rock erben, das Familienschloss, das ihm rechtmäßig zustehe. Tywin besitzt allerdings das Talent, jede Stärke Tyrions als eine Schwäche darzustellen, und da Tywin schlussendlich doch am längeren Hebel sitzt tut es doppelt weh.

Größte Überraschung dieser ersten Szene ist für mich allerdings mit Sicherheit Margaerys Proaktivität. Die Tyrells scheinen sich nicht auf den Lorbeeren auszuruhen, die Stadt gerettet und die Tochter dem König versprochen worden zu haben. Margaery hat es faustdick hinter den Ohren, wie wir schon bei ihrer Verführung von Renley oder der falschen Liebesdeklaration für Joffrey sehen konnten, und diesen Trend setzt sie fort. Sie setzt dort an, wo die Lannisters am Schwächsten sind, nämlich bei der Akzeptanz des Volks: Anstatt sich in einer von mehreren Königswachen beschützten Sanfte durch die Stadt zu tragen, übrigens eine neuerdings gelungen jämmerliches Bild, springt Margaery in ihrem Kleid durch die Gassen und versucht, dem Volk Nähe zu bieten. Sie spielt ihr Spiel so gut, dass selbst der Zuseher nicht sagen kann, wie sehr sie sich tatsächlich für die Schicksale von Waisen kümmert, aber das Volk, bei dem Joffrey verhasst ist, liegt ihr auf jeden Fall zu Füßen. Das Bündnis zwischen Lannister und Tyrell scheint eine unheilige Allianz zu werden, in der schon zu Beginn der Haussegen schief steht, und ich hoffe, dass da noch viele größere und kleinere Intrigen folgen werden.

Harrenhal und Dragonstone.

Robb Starks Szenen sind die wohl uninspiriertesten der Episode, in denen die Serie beinah völlig auf der Stelle tritt. Hier wird wohl am Deutlichsten ersichtlich, dass „Valar Dohaeris“ versucht, einfach bloß viele Figuren auf den neuesten Stand der Dinge zu bringen – seine Mutter muss er wieder einsperren, seine Ehefrau taucht kurz auf, und seine Berater Roose Bolton und Lord Karstark stehen im Hintergrund. Einzig die Truppenbewegung von Robb Starks Männer nach Harrenhal ist neu – das Schloss scheint tatsächlich verflucht zu sein, wurde es doch schon von mehreren Eroberern im Laufe der Serie besetzt und noch mehreren versprochen.

Auch bei Stannis bewegt sich nicht viel, denn die Episode konzentriert sich vielmehr darauf, Stannis als geschlagenen Mann darzustellen. Wenigstens sind Davos und er noch am Leben, dessen Sohn wurde aber angeblich vom Wildfeuer verschlungen (in Staffel 2 war er eigentlich nur vom Schiff geschleudert worden). Auch Melisandre, die rote Priesterin, scheint demotiviert zu sein, so launisch kannten wir sie bislang noch nicht. Eine interessante Theorie hat sie, dass die Schlacht anders ausgegangen wäre, wenn sie ebenfalls in die Schlacht eingreifen hätte können, und ich muss sagen, dass ein vorzeitiges Erkennen der Wildfeuer-Gefahr durchaus den Ausgang der Schlacht verändern hätte können. Merkwürdig, dass Davos eingekerkert werden soll – seine Loyalität stelle ich nicht in Frage, weshalb ich mich frage, was ihm da wohl für ein Material gegeben wird.

Bei den Drachen.

Mit Daenerys Handlungsstrang war ich sehr unzufrieden in Staffel 2. Wie auch im Buch ist ihre Geschichte sehr abgekapselt, doch während ihre Geschichte in Staffel 1 ein Ziel und ein Ende hatte, gab es in Season 2 viel zu viel Auf-der-Stelle-Treten, und im ebenfalls im Gegensatz zur ersten Staffel gab es keinerlei Lohn für ihre bestandenen Prüfungen. Am Enttäuschsten war ich jedoch von ihrem Schluss, dass Xaro Xoan Daxos ihr gelehrt hatte, dass sie mit ihrem Vertrauen vorsichtig umgehen soll – wo sie doch genau die selbe Lektion in Staffel 1 bei der verräterischen Hexe erhalten hatte! Nicht nur, dass die Wiederholung öde war, es untergräbt auch ihre Führungsqualität, im direkten Widerspruch zum Vorhaben, Daenerys kompetent darzustellen.

Staffel 3 scheint diesem Vorbild nicht folgen zu wollen, sondern beginnt gleich mit mehr Handlungsfortschritt als die gesamte zweite Staffel für Dany zur Verfügung stellte. Dany und ihre verbliebene Khalasaar nehmen ein Schiff nach Astapor, immer noch auf dem östlichen Kontinent, aber zumindest mit der Aussicht auf eine Armee: die Unsullied, dke wohl tödlichsten und determiniersten Krieger der Welt. Der Dialog mit dem Sklavenhändler war witzig, besonders gelungen die Wahl der Zeilen, die untertitelt wurden. Die Hintergrundgeschichte dieser Skalvensoldaten ist schaurig, ebenso das Absäbeln des Nippels, ohne eine Reaktion zu zeigen. Ganz unabhängig von Jorah Mormont kam ich auch zum Schluss, dass das keine Menschen sein können.

GoT 3.01 soldiersEbenso klasse war das Auftauchen des Ser Barristan Selmy. Für diejenigen, die nicht mehr wissen, wer er ist, stellt er sich auch gleich selber noch vor: Lord Commander of the Kingsguard, also jener Ritter, der von König Joffrey in einen zwangsweisen Ruhestand geschickt wurde. Vor König Robert Baratheon war ja Aerys II Targaryen an der Macht, Daererys Vater, dem Selmy seinen Eid geschworen hatte. Mormont verschwendet keine Zeit zu erklären, dass Selmy der wohl talentierteste Schwertkämpfer Westeros ist, und sein Alter tut dem (noch) keinen Abbruch. Mit Selmy wird Daenerys auch enger in die Westeros-Geschichte gebunden, in diesem Sinne ist Selmys Beitritt zu ihrer Fraktion eine echte Bereicherung für die Serie – zumal seine Figur auch einen schönen Kontrast zum ehrbaren, allerdings in Dany verliebten Mormont darstellt.

Fragmentierung.

Game of Thrones ist in seiner Seriellität sicher ein Unikum – selbst in einer Episode mit thematischem Zusammenhang sind die Ereignisse noch so fragmentiert, dass die einzelnen Figuren selten mehr als 10 Minuten zu sehen sind. Deshalb gibt es nur in den seltensten Fällen einen Anfang, eine Mitte und ein Ende einer Handlung in einer einzigen Episode, weshalb das rezensieren eine echte Herausforderung ist – selbst bei Danys Szenen in „Valar Dohaeris„, die vergleichsweise recht viel Zeit beanspruchen, bleibt nicht viel Raum zu interpretieren, wo doch auch die anderen 4-5 Handlungsstränge um Aufmerksamkeit betteln.

Diese Fragmentierung wirkt sich natürlich nicht nur auf die Rezensionen aus, sondern auch den Gesamteindruck der einzelnen Episoden generell. Wie jede andere Episode von Game of Thrones macht „Valar Dohaeris“ Lust auf mehr, lässt einen aber auch ein wenig unerfüllt zurück. In jedem Handlungsstrang schreitet man nur im Gänsemarsch vorwärts, und das ist in serieller Natur natürlich gewöhnungsbedürftig. In summa summarum ist das allerdings eine sehr unbedeutende Achillesferse – Game of Thrones ist mittlerweile so ein großer Name, dass die Serie das kaum stoppen wird.

Bla:

– Warum wurde eigentlich Winterfall im Vorspann gezeigt (allerdings in neuem Gewande, nämlich mit rauchenden und verkohlten Wänden)? Ich glaube nicht, dass wir diese Stadt in „Valor Dohaeris“ besucht haben.

– Blieb oben unerwähnt, gilt aber generell für die Serie: die Sets, Kostüme und Schauspieler sind einfach allesamt fantastisch. Die Produktionswerte von Game of Thrones sind einfach unvergleichlich.

– Bronn hatte Respekt vor dem Hound, doch die zwei neuen Ritter von der Königsgarde beeindrucken ihn nicht.

– Im Buch Clash of Kings, dem zweiten Buch der Song of Fire and Ice-Serie, verlor Tyrion beim Kampf in King’s Landing seine ganze Nase, in der Serie hingegen bekommt er nur eine Narbe (wohl sowohl aus ästhetischen als auch Makeup-Gründen). Darauf spielt Cersei gewitzt an, als sie meint, sie hätte Gerüchte gehört, nach denen er seine Nase verloren hätte, es aber doch gar nicht so schlimm sei.

– Die seekranken Dothraki waren eine witzige Ergänzung. Man stelle sich nur vor, wenn Khal Drogo seine Drohung, seine gesamte Khalasaar über das Meer mitzunehmen, wahr gemacht hätte.

– Im Free-TV hat sich RTL 2 die Rechte zur Serie geschnappt – sicher ein absoluter Glücksgriff. Der Sender verließ sich bislang auf Marathon-Wochenenden, an denen eine Staffel gleich in einem Rausch gesendet wird. Season 1 hatte großartige Werte, die zweite hingegen nur noch durchschnittliche. Ich bin gespannt, wie sich die Serie in Deutschland im kommerziellen Fernsehen entwickeln wird. Im Bezahlfernsehen bleibt sie bestimmt beliebt, und dank Sky Atlantics und TNT Series zeitiger Ausstrahlung kommt man schon bald auf seine Kosten.

Fazit: 8,0 von 10 Punkten.

Endlich ist Game of Thrones wieder da, und schlussendlich wird das das einzige sein, was zählt. „Valar Dohaeris“ schafft die optimalen Voraussetzungen für die neue Staffel, so richtig losstarten muss sie in Westeros allerdings noch.

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3 Gedanken zu “Kritik: Game of Thrones 3.01 „Valar Dohaeris“.

    • Die Bücher gehören wirklich mitunter zum Besten, was ich je gelesen habe. Das sind natürlich wahre Monster, ich hab mehrere Monate dafür gebraucht (und recht intensiv dabei gelesen), aber sind es absolut wert. Die Atmosphäre ist nochmal um ein ganzes Eck dichter im Buch.

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