Kritik: The Walking Dead 3.15 „This Sorrowful Life“ / „Der Strick des Jägers“.

„I ain’t gonna beg you.“

Müsste man die dritte Staffel von The Walking Dead auf einen Begriff festnageln, so wäre es vielleicht „Buße“, was sich weniger auf die Handlungen der Figuren und mehr auf die Qualitäten der Serie selbst bezieht. Als Merle beschließt, sich seiner Vergangenheit zu stellen, rückt dies in „This Sorrowful Life“ bzw. „Der Strick des Jägers“ in einer für die Serie doch profunderen Episode nun auch zum Fokus der Geschichte und seiner Figuren selber vor.

Walking Dead 3.15 Michonne fighting

Rick ist ganz hin- und hergerissen, ob er den Deal des Governors eingehen soll oder nicht. Noch bevor er zu einem Entschluss kommen kann beschließt der in die Forderung, Michonne dem Governor auszuliefern, eingeweihte Merle, die Sache selbst in die Hand zu nehmen…

Ab hier gibts wie immer volle Spoiler für die Episode.

Fokus aufs Geschichtenerzählen.

Wirklich auffällig ist es geworden, wie fokussiert die letzten paar Episoden von The Walking Dead allesamt sind. Schon seit „3.12 Clear“ erzählt The Walking Dead in Episoden gewidmeten Reisen kurze Geschichten, die einen Anfang, eine Mitte und ein Ende besitzen, meist auf eine einzelne Person konzentriert, mit Auswirkungen auf den Staffel spannenden Haupthandlungsbogen, und stets bekommen wir am Ende einer solchen Episode das Gefühl, die jeweilige Hauptfigur und deren Motive und Beweggründe besser zu verstehen. Nach dem irren Tempo in der ersten Hälfte der Staffel hat sich die Serie nun wieder entschleunigt, doch anstatt auf die Langatmigkeit der zweiten Season zurückzufallen hat die Serie es gelernt, auch im milderen Tempo zu unterhalten. Nicht, dass es in dieser Folge zu wenig gegeben hätte.

Ein besonderes Händchen hat die Serie dabei derzeit mit dem Verbinden dieser ein-episodigen Geschichten mit der Hauptgeschichte rund um den Kampf zwischen Gefängnis und Woodbury, zwischen Rick und dem Governor. In „This Sorrowful Life“ etwa nützt Merle die Situation aus, um nicht nur seinen Platz in der Gefängnis-Fraktion zu zementieren, sondern diesem auch seinen Stempel aufzudrücken. In der kurzen Zeit, in der Merle Teil von Ricks Gruppe ist, hat die Serie immer wieder gute Aufhänger gefunden, wie er in dieser Gruppe trotz der vielen Differenzen Kontaktpunkte finden hat können, und so auch in dieser: Da Rick offensichtlich Bedenken dabei hat, Michonne auszuliefern, erklärt sich Merle (unabgesprochen) bereit, die Drecksarbeit für ihn zu erledigen.

Dass Rick jedoch überhaupt so ernsthaft erwägt, Michonne dem Governor zu überreichen, ist mein größter Kritikpunkt dieser Episode. Es war doch eindeutig in „Das Ultimatum“ etabliert worden, dass Rick dem Governor nicht traut und ihm nicht in die Falle tappen möchte. Das war doch gerade das tolle am Ende jener Episode: Dass beide Männer ihrem Gegenüber nur Bullshit erzählten und keiner das des anderen schlucken wollte. Dass Rick, gestärkt durch die Erfahrungen mit Leuten wie Tomas (der Anführer der fünf Gefängnisinsaßen), dem Governor nicht aus der Hand fressen würde. Und wofür war dann Carls „I think she’s one of us“ in „Clear“ gut?  Doch statt nur einem kleinen verbleibenden Zweifel, ob der Governor zu seinem Wort stehen würde, ist der Status Quo von „This Sorrowful Life„, dass das Ausliefern von Michonne ziemlich beschlossene Sache ist. Je länger ich darüber nachdenke, umso weniger macht es Sinn, dass weder Hershel noch Daryl Einspruch erheben, dem Governor so blind zu vertrauen. Schade – wie schon mehrmals sind die Schnittstellen der Episoden nicht nahtlos, was einen dann ständig daran erinnert: Oh, da haben sich die Drehbuchautoren wohl umentschieden.

Dass Rick sehr erratisch mit diesem Todesurteil von Michonne umgeht – immerhin lässt er sich durch eine neuerliche Erscheinung Lorys umstimmen – dient dafür immerhin mehr als nur der Unterhaltung. Einerseits ist das für ihn der späte Einsichtspunkt, dass er doch noch das Ruder aus der Hand geben muss, dass dies das Ende der Ricktatur darstellen muss. Dass er im Falle Tyreese schon moralische (und taktische) Fehler begangen hat ist ihm egal, bei Michonne sieht er es nun endlich ein. Im Gegensatz zu Andrea beherrscht Rick die Kunst der anspornenden Rede, die auf vielerlei Weisen funktioniert. Neben der Abdankung und der lebensbejahenden Botschaft („I couldn’t sacrifice one of us for the greater good… because we are the greater good!„) grenzt er sich darin deutlich vom Governor ab: „I’m not your governor.“ Und dankbarerweise lässt The Walking Dead hier sein Karma spielen: Seine Entscheidung, Michonne nicht auszuliefern, rettet seine gesamte Truppe, während der rachedürstende Governor etliche Männer in „This Sorrowful Life“ verliert. Ein wirklich ansprechender Verlauf der Dinge, besser hätte ich mir Ricks Aufgabe der Führerposition kaum vorstellen können.

Das Richtige tun.

Andererseits gewährt Ricks temporärer Wunsch, Michonne tatsächlich für die Gruppe opfern zu wollen, Merle die Möglichkeit, das Richtige aus freien Stücken zu tun, und das ist schlussendlich auch der Grund, warum Merles Versuch, Buße zu tun, so gelingt. Merle ist ja während seiner Entführung Michonnes im Glauben, dass er im Willen Ricks handelt, dieser allerdings nicht ihr Blut an seinen Händen kleben möchte. Merle erfährt nie, dass Rick doch noch zum Schluss kommt, dass das Ausliefern Michonnes eine blöde, vor allem aber amorale Entscheidung ist. Unabhängig davon trifft Merle diese Entscheidung selber, sodass er tragischerweise in seinen letzten Stunden so handelt, wie es ihm sein Bruder vorgelebt hat.

Michonne ist es, die Merle erst auf diesen Pfad bringt, und das kommt ziemlich überraschend – meist treffen die Überredungsversuche von Gefangenen in Filmen auf taube Ohren, Michonne hingegen erreicht eine Person, die für solche Dinge bislang sehr schwierig zu erreichen war. Die Unterredung dieser zwei Außenseiter ist definitiv das beste Material, das Michonne je gegeben wurde. Ich fand ihre Unterhaltung über die Konsequenzen dieser Tat („No one is going to mourn you – not even Daryl“) zwar wenig subtil, aber echt spannend, und ich kann sehen, wie sie mit ihren Worten bei ihm durchbrechen kann. Zugegebenermaßen kommt seine Reaktion, Michonne doch noch laufen zu lassen, dann recht spontan, ein paar mehr Zeilen hätte dieser Dialog vertragen können. Aber das ändert nichts daran, wie sehr sich bei Merle mit dieser Geste, Michonne laufen zu lassen, der Kreis schließt, und wie ungemein gut das seinen Handlungsbogen schließt.

Und natürlich muss er dafür sterben, das schien schon seit mehreren Wochen vorpgrogrammiert und war spätestens ab der Halbzeit von „This Sorrowful Life“ kaum noch wegdenkbar. Merle ist nach Dale, Shane und Lori der vierte Hauptdarsteller, der die Serie verlassen muss, und von all diesen Figuren hat er bislang die kompletteste Geschichte geschrieben. Als unausgegorener Redneck konzipiert reichte seine Reise vom losen Handlungsstrang über interessanter Antagonist bis hin zum Unsicherheitsfaktor im Gefängnis und der schließlichen Opferung für die Ideale seines Bruders. Gerade letzteres wurde in dieser Episode wirklich solide bekräftigt, wie die Gespräche zwischen ihm und seinem Bruder sowie Carol (sehr blumige Metapher: „You’re a late bloomer“ – „Maybe you are too.“) zeigen. Besonders treffend (und gleichzeitig ironisch) auch Ricks Einschätzung, dass Merle nicht wüsse, warum er die Dinge tue, die er tut – treffend, weil sich Merle in dieser Episode erst entscheiden kann, für was er wirklich einsteht, und ironisch, weil Rick es ja ist, der sich seiner Entscheidungen nicht mehr sicher ist.

Action und Klappe.

Bei all diesen zwischenmenschlichen Szenen gibt es aber auch genug Action. Der von Merle ausgelöste Alarm ist geradezu witzig weil so berechenbar – auch die Leichtigkeit, mit der er ein Auto kurzschließen kann, erinnert deutlich und fast schon augenzwinkernd an Hollywood. Mit Michonne an den Pfahl gefesselt und Merle die Zombies nicht gleich bemerkend (oder beachtend) entsteht eine durchaus interessante Actionszene, einmal mehr durch Michonnes Katana recht ästhetisch in Szene gesetzt, und was ebenso beiträgt: die ständige Gefahr, dass sich Merle und Michonne auch gegenseitig an den Hals gehen könnten. Diese Spannung wird auch anschließend in der Flucht im Auto aufrecht erhalten, The Walking Dead melkt die Unklarheit, ob Michonnes Gefügigkeit gespielt ist oder nicht, sehr lange effektiv aus, eigentlich sogar bis sich die Wege der zwei trennen.

Noch besser und spannender war die Schießerei zwischen Merle und den Männern des Governors inszeniert. Merle hatte einen cleveren Plan, den er fast perfekt ausführt, und die Kamera fängt das sehr klar ein. Die Woodbury-Soldaten gehen die Sache schon recht naiv an, doch sobald sie Sperrfeuer rattern lassen ist es durchaus denkbar, dass Merle noch für eine Weile unbemerkt bleiben kann. Auch die Wendungen (Ben läuft Merle ins Visier, ein Zombie im Haus lässt Merle sein Versteck aufgeben, Merle bekämpft den Governor von Angesicht zu Angesicht) wirken nicht gekünstelt sondern entwickeln sich aus dem Fluss der Ereignisse heraus. Mit Sicherheit eine der besten Schießereien der Serie bislang, und auch ihr Ende ist durch die gezeigte Brutalität verdammt zufriedenstellend. Man, kurz vor seinem Tod hat Merle insgesamt nur noch drei Finger! Und den Governor so hart kämpfen zu sehen lässt ihn noch einmal wesentlich bedrohlicher wirken, als wir es von ihm kennen – wobei Andreas Gefangennahme aus der Vorfolge vielleicht noch gruseliger war.

Walking Dead 3.15 Merle ZombieDie Episode endet mit Daryl, der seinen Bruder untot vorfindet. Schon seit fünfzehn Folgen haben wir keine Hauptfigur mehr reanimieren sehen, und aus dieser Seltenheit heraus hat die Darstellung einer zombifizierten, uns bekannten Person noch immer eine anziehende Ästhetik. Was „This Sorrowful Life“ irre gut einfängt ist der Unglaube Daryls, seinen Bruder verloren zu haben – obwohl wir bereits wissen, dass der Governor Merle umgebracht hat, möchte man es doch nicht wahrhaben. Daryls Verzweiflung lässt sich gut spüren, obwohl ich persönlich es ein wenig merkwürdig fand, ihn seinen Bruder wiederholt in den Kopf zu stechen sehen. Das haben schon mehrere andere Figuren gemacht, und ich hätte Daryl da anders eingeschätzt.

This Sorrowful Life„, dessen poetischer Name übrigens aus den Comics entstammt, ist eine beeindruckende Folge. Zum einen rettet sie eine zu Beginn völlig unmögliche Figur nicht nur, sie lässt plötzlich sogar jede Menge Sympathiepunkte regnen. Merle den Märtyrer spielen zu lassen war ein Goldgriff, unter anderem auch weil zum anderen der Plot ebenso nach vorn katapultiert wird. Der Governor verliert so viele Leute, dass die quantitative militärische Übermacht nicht mehr existiert, gleichzeitig wird er durch Merles Tat gezwungen zu handeln. Eine nahezu ideale Episode, um uns für ein großes Finale vorzubereiten.

Bla:

– Glenns Heiratsantrag ist die eine Nebengeschichte, die nicht so sehr in den A-Handlungsstrang der Episode integriert ist, dennoch passt diese mehr als gut ins Große Ganze. Gleichzeitig bestärkt das meinen Verdacht, dass Hershel die Staffel nicht überleben wird. Aber auch abseits vom Gedanken, wie gut sich dieser Teil von „Der Strick des Jägers“ in die Kontinuität der Serie einfügt, haben diese Szenen einen großen Anreiz. Die Antragsszene ist in sehr schöne, tief-melancholische Farben getünkt, aus denen diese Frohbotschaft geradezu herausstrahlt, und der Gedanke, dass der Ehering einfach von einem anderen Menschen abgesäbelt wurde, fangt diese Melancholie noch viel stärker ein.

– Manchmal weiß sie Serie nicht, wie sie an sich gute Szenen zu Ende bringen soll. Ricks Ansprache über das Ende der Ricktatur war klasse, ihn dann allerdings wortlos abmarschieren zu sehen, während noch etliche Fragen (auch für seine Freunde) offen bleiben, wirkt dann allerdings denkbar antiklimatisch, als ob der Drehbuchautor Feierabend machen wollte.

„We can just go back.“ – „I can’t go back, don’t you understand that?

– Generell viele Szenen in dieser Episode, die einfach geklickt haben. Beispiele: Merle trinkt doch noch seinen Whiskey, Hershels Rezitation aus der Bibel, Bens Tod.

– Warum hat Merle das Telefon mitgenommen?

– Man, diese Hütte, in der das Treffen von Woodbury und Gefängnis hätte stattfinden sollen, muss ja echt abgelegen sein. Zuerst kommen Merle und Michonne zu dem Motel, bei dem sie das Auto stehlen, anschließend fahren sie eine Weile, dann geht Merle ein paar Walker sammeln, und schließlich kommt er erst zum Treffpunkt. Andererseits macht sich Daryl zu Fuß auf, anstatt sich auf seine Maschine zu schwingen – huh? Ach, die Geographie sollte man in The Walking Dead wohl besser einfach außer Acht lassen.

– Mir gefällt, dass der Governor Merle reanimieren hat lassen, während er seine Soldaten (mit durchschossenen Schädeln) im Gras hat liegen lassen. Das zeigt sowohl die Enttäuschung vom Verrat seines einstigen engsten Vertrauten als auch, wie egal ihm seine Mannen sind, dass er sie nicht einmal mit zurück nach Woodbury nimmt und dort begrabt.

– Merle ist der wohl bislang gefährlichste Walker (neben den gepanzerten zu Beginn der Staffel). Er hat zwar nur drei Finger, dafür allerdings eine Klingenhand, die er ohne Rücksicht auf Verluste einsetzen könnte. Zum Glück gibts Merle nur einmal.

Fazit: 9,0 von 10 Punkten.

Mit Merles Figur schließt sich ein Kreis, von dem man gar nicht wusste, dass er existieren könnte. Das wird untermauert von guten Dialogen und tollen Momenten sowohl im actionlastigen als auch sentimentalen Bereich. Entweder beherrsche ich es mittlerweile besser, solch Handlungsbögen wie jene von Merle zu sehen, oder The Walking Dead wird einfach besser darin, diese überhaupt zu integrieren.

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4 Gedanken zu “Kritik: The Walking Dead 3.15 „This Sorrowful Life“ / „Der Strick des Jägers“.

  1. Also was war das bitte für ein Heiratsantrag ?
    das mit der geographie in TWD scheint wirklich ein Mysterium für sich zu sein !
    Ach ja du hast beim letzten mal mit so einer überzeugung geschrieben das Milton der Saboteur war und die Zoobiefalle abgebrant hat,
    Ich zweifele daran dass er in der Lage wäre sich alleine Nachts raustraut.
    Ich glaube da gibt es wohl noch den Rinen oder Anderen der langsam anfängt am Gouvenor zu zweifeln. Ich glaube dass es Martinez war

  2. Das Telefon hat Merle mitgenommen, um Michonne richtig zu fesseln. Er hatte doch gegüber Rick erwähnt, dass er Stacheldraht zum Fesseln bräuchte, damit sie diese nicht durchbeißen kann. Er schnitt das Wählrad in zwei Teile und benutzte es dazu ihre Finger zusätzlich zu fixieren.

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