Kritik: The Walking Dead 3.14 „Prey“ / „Der Fang“.

„Come back to Woodbury. Your people, your town.“

Es hat schon seinen Grund, warum es bislang kaum Horror-Serien wie The Walking Dead gab: Angst entsteht oftmals durch die Begegnung mit dem Unbekannten, und je länger wir diesem ausgesetzt sind, umso vertrauter werden wir damit. Die Zombies sind in The Walking Dead längst zum Alltag geworden, durch sie induzierte Angst ist deutlich schwieriger zu inszenieren geworden. In Staffel 3 sind die Hauptantagonisten Menschen geworden, und „Prey“ / „Der Fang“ ist der beste Beweis dafür, dass damit der Horror alles andere als flöten gegangen ist.

Walking Dead 3.14 Gov

Eine Episode wieder gänzlich in Woodbury: Die Stadt bereitet sich auf den Krieg mit dem Gefängnis vor. Während Tyreese und Co. erst lernen müssen, dem Governor nicht auf den Leim zu gehen, setzen Andrea und Milton bereits alle Hebel in Bewegung, um Menschenleben zu retten…

Ab hier gibts wie immer volle Spoiler für die Episode.

Die letzten Tage in Woodbury.

Schon in der Kritik zu „3.11 Judas“ merkte ich an, dass die Rolle von Tyreeses Gruppe in Woodbury eine spannende werden sollte, und das ist auch der Fall. Ohne Tyreese könnte sich die Serie kaum noch auf eine gänzlich in Woodbury spielende Folge stützen, schon allein weil der Serie sonst die namentlich bekannten Bewohner der Stadt ausgehen. Das Öffnen der Augen, dass in Woodbury nicht alles mit rechten Dingen zugeht, passiert viel sinnvoller, als es bei Michonne der Fall war: Woodbury präsentiert sich ihnen direkt als äußerst militärisch, und die Alarmsirenen gehen vielerorts hoch – warum dürften sie etwa niemanden aus der Stadt lassen?

Es festigt sich der Eindruck, dass Tyreese (und zum Teil auch Sasha) äußerst fähige Leute sind. Mir gefällt beispielsweise, wie sie sich von Andrea keinen Bären aufbinden lassen, mit einer Masche, die man schon in zig Filmen funktionieren hat sehen. Dumm nur, dass sie sich von Andrea nicht erzählen lassen, warum der Governor denn so eine Gefahr darstellt, dass sie die Stadt besser verlassen sollten. Stattdessen gibt ihnen Andrea ein hübsches, aber kryptisches „The governor is not what he seems.„, aber so lauten nun mal die Regeln des Geschichtenerzählens: Je weniger die Figuren wissen, umso mehr müssen sie selber entdecken. Und das geschieht durchaus unterhaltsam.

Beispielsweise bei der Zombiegrube. Ich finde die Idee witzig, einfach eine solche Grube wie ein Swimmingpool als Falle zu benützen, um Walker einzufangen, und es ist ein Detail, die die Welt von The Walking Dead kompletter und kohärenter wirken lässt. Zugleich war sie aber auch Dreh- und Wendepunkt in was auch immer Tyreese und Sasha zu tun planen – Walker als Kriegswaffen einzusetzen ist auf jeden Fall nicht okay, und recht offensichtlich durchschauen sie die Lügen des Governors, sie nur zum Einschüchtern zu verwenden. Einzig der Streit zwischen Allen und Tyreese funktionierte nicht so recht für mich: Dessen Streitthema, die in „3.08 Made to Suffer„-verstorbene Donna, ist sowohl zeitlich als auch emotional einfach zu weit entfernt, um wirklich zu berühren.

Dass es sich bei dem nächtlichen Saboteur um Milton handelt war leicht zu erraten – als offensichtlicher Kandidat war Tyreese rein dramaturgisch nicht der Übeltäter, und seine drei Mitstreiter haben noch nicht die dafür nötige Ausarbeitung erhalten. Man versucht aber auch nicht, dieses Mysterium über Wochen aufrecht zu erhalten, sondern lässt Milton das dem Governor direkt ins Gesicht sagen, ohne dabei Worte zu verwenden. Es war eine vorhersehbare Entwicklung, dass Milton die Methoden des Governors nicht mehr gutheißt, doch mit Hilfe des dem Governor plötzlich gezeigten Rückenmarks in „Prey“ wird das dennoch stimmig umgesetzt.

Andrea.

Star dieser Folge ist allerdings Andrea, und zum ersten Mal in dieser Staffel gelingt es ihr auch, eine Episode zu schultern. Einziger Kritikpunkt ihrer dieswöchigen Storyline wäre da der Teaser vor dem Vorspann, ein Flashback, der uns vermitteln soll, wie die Freundschaft zwischen Michonne und ihr ausgesehen hat. Leider schafft es selbst dieser Versuch nur marginal, die Beziehung der beiden näher zu beleuchten, obwohl er durchaus interessante Dinge vermittelt – etwa, dass Michonne ihre zwei Walker gekannt hatte, was beispielsweise die Frage aufwirft, warum sie sich dieser ohne mit die Wimper zu zucken entledigte. Für diese Rückblende war der Zug schon längst abgefahren, das hätte zu einem Zeitpunkt geschehen müssen, als Michonnes und Andreas Freundschaft auf die Probe gestellt wurde – nicht jetzt in einer Folge, die rein gar nichts damit zu tun hat. Vielmehr hatte diese Szene ein Gefühl von Kurskorrektur, um alte Versäumnisse nachzuholen. Die Serie hatte auch schon Flashbacks, die thematisch gut zur Episode passten, aber das war hier definitiv nicht der Fall.

Ansonsten geht „Der Fang“ allerdings erstaunlich sinnvoll mit Andrea um. Nach gefühlten fünfzig Möglichkeiten, den Governor in vorherigen Episoden zu ermorden, entschließt sich Andrea nach dem Erblicken des Folterstuhls schließlich doch noch, es selbst zu tun – bis ihr halt Milton in der einzigen Chance diese nimmt. Milton hat allerdings Recht: So verrückt der Governor auch ist, Woodbury ist mittlerweile eine Schlange mit zu vielen Hälsen, um nur einen abschlagen zu müssen. Der Governor hat da ganze Arbeit geleistet und die Stimmung in der Stadt so gekippt, dass sie den Angriff wohl auch ohne ihn durchführen würden – spätestens seit dem Attacke der Gefängnistruppe, der für die meisten Bewohner Woodburys ja immer noch als Angriff anstatt Rettungsmission gilt.

Und ich muss sagen, dass die Verfolgungsjagd, das Herzstück der Episode, ziemlich gut funktioniert. Es gibt zwar Momente, an denen man sich am Kopf kratzen muss (etwa, als Andrea von hinten zwischen zwei Bäumen festgehalten wird und bei der Rangelei um weniger als ein Haar nicht gekratzt oder gebissen wird), doch im Großen und Ganzen bleibt die Jagd spannend.

Besonders in den Gebäudekomplex, in den sich Andrea flüchtet. Geschickterweise war Andrea von Martinez vorher die Pistole abgenommen worden, sodass das Versteckspiel wirklich spannend ist. Die gelegentlichen Walker, die natürlich zu erwarten waren, sind da nur die Nebendarsteller – viel spannender ist es, nicht zu wissen, wie die beiden aufeinander reagieren werden. Wird Andrea es wagen, den Governor erstechen zu versuchen? Möchte der Governor Andrea umbringen, verletzen, Zombies zum Fraß vorwerfen? Die düstere Atmosphäre voller Haken und anderen spitzen Gegenständen, scheinbar direkt aus einem Horrorfilm importiert, tun ihr Übriges, um in dieser recht langen Szene Spannung zu wahren. Und auch das Ende, als Andrea frech einfach die Tür zu den Walkern öffnet und verschwindet, war gelungen, besaß sie sowohl Witz als auch eine Spur Gerechtigkeit.

Sieh an, manchmal bedient man sich in The Walking Dead doch noch an Metaphern.

Sieh an, manchmal bedient man sich in The Walking Dead doch noch an Metaphern.

Letztere sollte sie dann natürlich wieder abstreifen, als der Governor Andrea wenige Meter vor dem Gefängnis abfängt. Es war natürlich klar, dass der Governor nicht von den Walkern übermannt werden würde, dass er sie aber in genau jenem Moment niederstoßen würde, als die Show gerade dabei war, den sentimentalen Rückkehr-Soundtrack einzustimmen, war dann doch eine gelungene Überraschung.

Der Stuhl.

Und natürlich eine schaurige. Der durch visuelle Grausamkeiten an Zombiekörpern kreierte Horror hat seine Grenzen, vor allem bei den doch schon bislang 20+ Stunden Laufzeit, die die Serie am Buckel hat. Und auch die Dunkelheit in Gebäuden wie in jenes, in das der Governor und Andrea stolpern, weist Ermüdungserscheinungen auf – Walker aus unvorhergesehen Ecken schnappen zu lassen ist mittlerweile ein zwar immer noch funktionierender, aber dennoch alter Hut. Der Stuhl hingegen, den der Governor da für Michonne vorbereitet hat, füttert eine ganz andere Art von Furcht. Folter ist wohl die mitunter größte Angst des Menschen, und das vermittelt dieser Stuhl auf formidabel beängstigende Weise. Vor allem, wenn man die Comics kennt.

Ich bezweifle, dass wir die Folterszenen auf dem Bildschirm sehen werden – aber vielleicht ist es auch schrecklicher, das eben off-Screen stattfinden zu lassen. Wo das Wissen aufhört setzt die Vorstellungskraft ein, und die wird dank der diversen Foltergeräte,  deren genaue Anwendung ohnehin nicht gleich ersichtlich, ordentlich stimuliert. Je länger ich darüber nachdenke, umso zaghafter haue ich auf die Tasten, unter anderem, weil die Serie diesbezüglich die Züge des Governors recht klar gesteckt hat: keine Kompromisse und kein Mitleid. Und wie das Pfeifen auch verrät eine gewisse sadistische Ader, die Freude am Spiel um Leben, Tod und alles dazwischen hat.

Erneut sehr gut gewählt erweist sich auch das Schlusslied, das geradezu euphorisch der Zukunft entgegenblickt, dann aber Andrea geknebelt und an den Stuhl geknebelt enthüllt.Dass Andrea darin landet ist eine ziemlich perfide Wendung, die die Frage aufwirft: War der Stuhl von Anfang an für Andrea geplant? Und wird die Serie es etwa wirklich wagen, sie zu foltern und zu brechen? Kommt da vielleicht Milton oder der Krieg dazwischen? Cliffhanger kann The Walking Dead nach wie vor sehr gute liefern.

Auf jeden Fall vollzieht aber Andrea eine heroische Wendung in dieser Episode. Bislang hatte sie ja eher durch Entscheidungsunwilligkeit oder größere Ungeschicke aufhorchen lassen, was ihre Figur in eine wirklich ungünstige Ecke drängte. „Prey“ lässt sie hingegen endlich, wenn auch verspätet, die richtige Entscheidung treffen, nämlich dem Governor den Rücken zuzuwenden, doch leider zu spät. Vor dieser Episode wäre dies noch undenkbar gewesen, aber: Durch ihre Gefangennahme und unter Umständen erleidenden Schaden könnte sie eine wahre Märtyrerrolle übernehmen, die, ohne voyeuristisch erscheinen zu wollen, sehr gut zur Rolle passen würde. Wirklich verwunderlich, aber ich glaube, dass Andrea damit auf einmal die Kurve kratzen kann.

Bla:

– Trotz der zwei arm- und gebisslosen Walker werden Andrea und Michonne wohl kaum auf dem Waldboden geschlafen haben – die Gefahr, in der Nacht angeknabbert zu werden, wäre da ja viel zu hoch. Ich hätte es passender gefunden, die beiden auf Ästen zu sehen und a la Katniss in The Hunger Games (dt. Die Tribute von Panem) mit Seilen befestigt auf diesen zu schlafen. Aber das stand natürlich der Ästhetik der Szene im Wege…

– Was wohl die zwei Ketten zu bedeuten haben, die der Governor installiert? Die Ringe scheinen zu groß für Extremitäten zu sein, und warum würde er zwei Personen direkt nebeneinander ankerkern?

– Das ist wohl das erste Mal, dass eine Figur zu Fuß versucht hat, auf der Straße zu bleiben, um zum Gefängnis zu gelangen.

– Also wenn Milton nicht innerhalb der letzten zwei Episoden der Staffel sterben wird sterb ich nen Besen. Der hat ja schon fast sein eigenes Todesurteil unterschrieben, als er dem Governor von Angesicht zu Angesicht getrotzt hat, aber ist wohl auch besser für die Serie: Seine Figur ist, gelinde gesagt, nicht die interessanteste, und mit Hershel und Beth sind die empathischen Rollen bereits gut besetzt. Nicht, dass diese beiden Figuren selber besonders sicher wären…

– Diese Woche in dem anhaltenden Versuch, Zombies möglichst makaber in Erscheinung treten zu lassen: halbverbrannte Walker. Von Woche zu Woche immer wieder beeindruckend, was die Maskenbildner da für eine Arbeit verrichten.

– Wo die Figuren aus dem Comic so auftauchen! Mir war es gar nicht bewusst gewesen, dass es sich bei den Mitstreitern von Tyreese und Sasha um Donna, Allen und Ben handelt, deren Rolle aber gänzlich anders in der Comic-Vorlage aussieht. Doch gerade diese Diskrepanzen zum Comic macht die Figuren interessanter, weil sie stets mit ihren ursprünglichen Versionen verglichen werden können.

– Der Governor mit der Schaufel war ziemlich cool. Fenster zu zerschlagen bringt sich natürlich nichts außer Andrea zu zeigen, wo er sich befindet, aber cool aussehen tut es sicher.

– Ich mochte wirklich, wie Rick in diese Episode inkludiert ist. Er sieht Andrea schon, redet sich dann aber ein, dass es sich wohl um eine Halluzination handeln muss, und entscheidet, es den anderen besser nicht zu erzählen.

Fazit: 8,0 von 10 Punkten.

Prey“ / „Der Fang“ ist die bereits dritte Episode in Serie, die mit nur ein paar der Hauptdarsteller auskommt. Wieder schafft es The Walking Dead dabei, die Geschichte interessant weiterzuführen, und diesmal sogar, eine vorher schwächelnde Figur zum Positiven umzukrempeln.

Advertisements

2 Gedanken zu “Kritik: The Walking Dead 3.14 „Prey“ / „Der Fang“.

  1. Pingback: Kritik: The Walking Dead 3.16 “Welcome to the Tombs”. | Blamayers TV Kritiken

add your bla:

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s