Kritik: Girls 1.04 „Hannah’s Diary“ / „Hannahs Tagebuch“.

„You’ll tell me if the touching ever bothers you.“

Die Mädels von Girls haben mit allerlei Dingen zu kämpfen: Geschlechtskrankheiten, unzulängliche boyfriends, schwache Jobperspektiven und so weiter. In einer traditionellen Komödie oder Sitcom würde das dann stets in ein Happy End führen, aber nicht so bei Girls: „Hannahs Tagebuch“ zeigt Figuren in Krisen, aus denen sie sich einfach nicht befreien können, und trotz einem daraus resultierenden Maß von Melancholie bleibt die Serie erfreulich witzig bis hin zum Schreien komisch.

Girls 1.04 sexual harrassment

Die gute Nachricht: Hannah hat endlich einen Job gefunden. Die schlechte: Sexuelle Belästigung ist Gang und Gebe an diesem Arbeitsplatz. Shoshanna trifft endlich auf einen Burschen, der sie mag, Jessa müht sich als Kindermädchen ab, und Marnies Freund Charlie „stolpert“ über Hannahs Tagebuch…

Ab hier gibts wie immer volle Spoiler für die Episode.

Hannahs Rückschläge.

„SRY that wasn’t meant for you„, schreibt Adam an Hannah, nachdem er ihr versehentlich ein sexuell explizites Bild geschickt hat. Da weicht die herrschende Heiterkeit gleich dem Drang, zurückzuschlagen – aber wie? Girls lässt eine rebellische Musik erklingen, als sich Hannah das Shirt herunterreißt und sich an Adam rächen möchte. So ganz weiß sie selbst nicht, was sie da tut, und das Ergebnis ist weder sexy noch riecht es nach Protest. Schon seit dem Piloten tut sich Hannah schwer, mit den Gemeinheiten Adams umzugehen, denn wenn immer sie sich Luft macht stoßt sie auf taube Ohren.

Selbst in ihrer Rede, warum sie mit Adam Schluss macht, weil sie jemanden sucht, der sie am Tollsten findet und mit ihr auf der Couch abhängen möchte, der sie als Person anerkennt anstatt nur Fickfreund zu sein, gibt es keine Einsicht seitens Adams. Es tut weh, Hannah da so leiden zu sehen, ohne sich der Anziehungskraft Adams entziehen zu können. Die Szene hätte absolut schief gehen können, falls ihr Rückfall zu abstrakt und unpassend gewirkt hätte, doch Hannahs Monolog, gepaart mit Adams kurzen, treffenden Antworten, sind schlichtweg ergreifend. Ich liebe es, wie Adam konsequent seinen Weg geht, keine Kompromisse eingeht und nach wie vor Hannah an sich bindet, ohne sich verändert zu haben. Seine Geste, die Knöpfe von Hannahs Jacke zu öffnen, und Hannahs geflüstertes „oh god…“ treffen die absolut perfekten Noten, zum Dahinschmelzen eingefangen. Die Sekunden, in denen man den Kuss kommen sieht, sind oftmals die interessantesten, und das ist hier definitiv der Fall: Hannahs Blick, bevor sie sich auf Adam stürzt, spricht voller über Bord geworfene Vorhaben und Prinzipien, sich ihrem Selbstwert gegenüber schuldig fühlend, nun doch wieder den Reizen Adams einmal mehr zu erliegen. Einfach fesselnd.

Auch sonst ist die Hannah-Storyline ganz stark in „Hannah’s Diary„, und das auch schon vor dem fulminantem, titelgebenden Höhepunkt der Folge. Girls spricht ein weiteres neues Thema an, mit dem Frauen konfrontiert sind: sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz. Girls geht das nicht besonders subtil an, sondern entscheidet sich für den Humor, der dadurch entsteht, wie offensichtlich und öffentlich ihr Chef das tätigt. Auch bei diesem Szenario zeigt sich wieder einmal, dass Lena Dunhams Skript viele Nuancen hat. Dass der Chef es direkt anspricht drängt Hannah in ein Dilemma: Wenn sie die Belästigung ansprechen möchte, dann muss sie das gleich tun, weil ihr Chef das sonst als permanent akzeptabel ansieht. Andererseits stellt sie damit ihre eben erst gewonnene Stelle und das Wohlwollen der oberen Etage aufs Spiel.

Vielleicht schickt man hier Hannah ein wenig blauäugig in diese Problemsituation, doch findet man damit wieder eine weitere Variante, die einen als Zuseher innerlich die Fäuste ballen lässt. Fürchterlich, wie dieser (verheiratete!) Mann seine jungen Mitarbeiter behandelt, zufällig alles Frauen, und schlimmer noch, wie sich diese damit abfinden. „You get used to it“ meinen da die Kolleginnen beim Tratschen und Klatschen, und verstehen gar nicht, warum sie sich darüber aufregen sollten – ihr Job ist immerhin sicher, und zusätzlich gibts ab und zu besondere Geschenke wie iPods. Witzig und traurig zu gleich, wie diese Figuren sexuelle Belästigung verharmlosen, ein Thema, das mit dieser Episode bestimmt noch nicht gegessen ist.

Shoshanna und Jessa.

Shoshanna bekommt inzwischen ihren ersten eigenen Handlungsstrang. Shoshanna ist keine schlechte Figur per se, nur bislang ziemlich unterentwickelt und mehr als Quelle für Humor ausgenützt. Ihre unschuldige Kindlichkeit bringt aber eine erfreulich andere Perspektive in der Serie, und vielleicht kann sie eben dadurch interessante Verknüpfungen finden – wie etwa in der Baggage-Szene in „All Adventurous Women Do„.

In „Hannah’s Diary“ trifft sie Matt, der schon von Sekunde 1 der optimale Partner für Shoshanna zu sein scheint. Die Show verschwendet dann auch wenig Zeit, die beiden am Abend vor den Fernseher zu werfen – Matt besitzt genau die Art von Proaktivität, die Shoshanna fehlt und die sie von Männern braucht. Aber es wäre nicht Girls, wenn nicht wieder alles schief laufen würde, und so bricht Matt den beinah eingeleiteten Sexualakt ab, als er erfährt, dass Shoshanna noch Jungfrau ist. Er schläfe nicht mit Jungfrauen, gibt sich Matt da ganz elitär, die werden anhänglich und bluten zu viel. Unfassbar, dass sich dieser junge Mann zu gut dafür ist, eine Frau zu entjungfern -ein etwas zu konstruierter Twist, dank seiner auch sonst schon dargestellten grenzenlosen Selbstverliebtheit ziemlich lustig.

Shoshannas Eigenheiten könnten sich auf lange Sicht als One-Trick-Pony herausstellen, sind vorerst aber noch sehr witzig. Egal ob beim Flirten vor dem Fernseher oder im Bett, Shoshannas Redeschwall ist unerträglich, und dabei natürlich witzig. „Okay, um, wow, um, do you wanna have sex, instead, if you want, now?“ zu fragen ist natürlich unheimlich romantisch. Umso lustiger ist Matts Reaktion, der sich daran überhaupt nicht stören lässt: „This is so chill, the way this is happening, I love it!“ Eine nette, witzige Geschichte, die Shoshanna allerdings nach wie vor am gleichen Punkt stehen lässt. Aber das ist okay, so lang sich die Serie genügend um die anderen drei Hauptfiguren kümmert.

Auch eine kleine Nebengeschichte von „Hannah’s Diary„, allerdings mit einem deutlich zufriedenstellenderem Ende, sind Jessas neue Abenteuer als Kindermädchen. Ihr Vorhaben, die Babysitter in einer Organisation zu vereinen, ist ein Paradebeispiel, wie Jessa generell an Dinge herangeht: unorganisiert, spontan, uninformiert, leidenschaftlich. Alle Szenen Jessas, inklusive dem Treffen auf Terry und dem temporären Verlust der Kinder, bauen allerdings hauptsächlich zum abendlichen Gespräch zwischen Jeff und ihr hin, in dem Terry den denkwürdigen Satz fallen lässt: „Hopefully Lola will turn out as well as you did.“ Ich liebe diese Szene, weil es eine der wenigen ist, in denen Jessa wirklich gerührt ist. Für Jessa kommt es sehr unvermutet, dass ein erwachsener Mann solch ein Vertrauen in sie steckt, obwohl sie ganz offensichtlich einen leicht verrückten Umgangston und Lebensstil pflegt. Dass Terry gerade in diesen Dingen etwas Positives sieht und deswegen Jessa einen ungemeinen Respekt entgegenbringt, den sie sonst selten erfährt. Rührend schön, und deshalb auch kein Wunder, dass Jessa in der letzten Szene der Folge so gut aufgelegt ist.

Hannahs Tagebuch.

Marnie selber spielt in „Hannah’s Diary“ nur eine untergeordnete Rolle, ihr sonst so passiver Freund springt dafür, angestiftet durch dessen Freund Ryan, umso mehr in die Bresche. Ryan scheint keine Gewissensbisse zu haben, als sie Marnies und Hannahs Zimmer durchsuchen, und das Tagebuch von Hannah ist da natürlich der Jackpot. Das Tagebuch einer fremden Person zu lesen ist ja schon frech genug, aber was die beiden Burschen damit anstellen ist schlichtweg unverzeihlich.

Als Band („Questionable Goods“) in einem Lied aus Hannahs Tagebuch zu zitieren hat mir schon die Sprache verschlagen, doch spätestens, als Ryan on stage das Tagebuch hervorholt und Charlie daraus zu lesen beginnt, konnte ich mich kaum noch halten. Das war der hysterischste Moment, den ich seit langer Zeit vor der Glotze erleben durfte. Es ist ein einfach so unfassbar gemeiner und verletzender Akt, den die Kerle da begehen, der keinesfalls dadurch gerechtfertigt ist, dass Charlie von Hannahs Worten verletzt ist. Und mit jeder Sekunde, die verstreicht, wird es schlimmer und schlimmer.

Unheimlich witzig: Ryans ernster Blick auf sein Instrument, als würde es sich um notwendiges, rechtschaffenes Übel handeln.

Unheimlich witzig: Ryans ernster Blick nach unten, als würde es sich beim Vorlesen um ein notwendiges, rechtschaffen(d)es Übel handeln.

Unbezahlbar sind dabei die Gesichter von Hannah und Marnie, die sich zuerst noch geehrt fühlen, gemeinsam in einem Lied erwähnt zu werden, spätestens bei den Worten „What does it feel like to date a guy with a vagina?“ alarmiert werden, wie ernst der Text doch ist, und sich zunehmend mehr verkrampfen, versuchend, die Wahrheit der Worte auszublenden. Hannah muss es bald schon erkennen, dass es sich beim Liedtext um ihre eigenen Worte handelt, spätestens, als Ryan das Tagebuch zückt fällt es auch Marnie auf, obwohl sie sich anfangs noch wehrt, den Worten zu glauben. Oder überhaupt zu glauben, dass ihr Freund gerade auf der Bühne aus dem Tagebuch ihrer Mitbewohnerin und besten Freunde zitiert, dass sie beide Schluss machen sollten.

Dabei ist es doch völlig normal, dass Hannah solche Gedanken hegt. Es wird zwar nie deutlich, dass sie Charlie für schwanzlos hält, aber das behält sie für sich, weil sie Marnies beste Freundin ist, weil sie Marnie nicht verletzen möchte. Soll sie sich dafür schämen, so über die Beziehung von Marnie und Charlie zu denken, und sollte sie das bekämpfen, selbst vor ihrem Tagebuch verheimlichen? Sie betrifft keine Schuld, die liegt eindeutig bei der zügellosen Neugier der Jungs sowie Charlies Bedürfnis, seine Beziehung möglichst öffentlich zu ruinieren und dabei Hannah zu verletzen – und dennoch bekommt Hannah die Cocktaildusche ab. Und selbst wenn Charlie an dieser Misere Schuld ist, so hat er sich das nicht ausgesucht – schließlich ist er es, der durch diese Darstellung seiner Person am meisten leidet, weshalb er erst das Konzert als Ventil auswählt.

Das ist die unfaire Welt von Girls, in der blöde Zufälle einfach passieren, in der die Figuren in Situationen geraten, die niemanden zufrieden stellen, egal wie man sich entscheidet. Der Zauber dieser Szene ist, wie wahnsinnig hysterisch und gleichzeitig tief deprimierend diese Begebenheit ist, ein wahres Wechselbad der Gefühle. Zum zweiten Mal in Folge endet Girls auf äußerst hoher Note, die mich noch Minuten nach dem Ende der Episode fasziniert von den Figuren träumen lässt. So muss Fernsehen sein.

Bla:

– Diesen Gag mit Hannahs Augenbrauen/ Makeup habe ich nicht recht verstanden. Ihre Kolleginnen schienen doch recht nett zu ihr sein, sodass ich kaum glauben kann, dass sie Hannah einen Streich spielen wollten und sie absichtlich hässlich schminkten. Oder ist das in New York Mode? Oder ist das einfach nur ein, sagen wir mal, eigentümlicher Geschmack, den diese Damen da zu Tage legen? Oder wollten sie Hannah möglichst unattraktiv für ihren Chef schminken?

– Typisch Kinder: Sobald sie wieder bei den Eltern sind steht das Petzen gleich an vorderster Stelle. Wobei Jessa das wohl ohnehin zugegeben hätte.

– „ohehehe DING DING DING!“ Wenn das nicht das diabolischste Lachen überhaupt ist.

– Warum Hannah die Belästigung nicht meldet? Vielleicht ist in Selbstwert durch Adam schon so erniedrigt, dass sie sich nun generell von Männern ausnützen lässt, ohne sich groß zu melden. Dennoch hat es mich verwundert, wie schnell sie es als Status Quo akzeptierte.

– „Is this a love song?“

– Schade, dass wir nicht mehr aus Hannahs Tagebuch vorgelesen bekommen haben, das würde mich wirklich interessieren. So gemein ihre Worte bezüglich Charlie auch waren – schön formuliert waren sie auch.

Fazit: 9,5 von 10 Punkten.

Der vierte Hit in Folge für Girls. Selten werden solch zum Schreien ärgerliche Geschehen wie sexuelle Belästigung oder das Publikwerden eines Tagebuchs so faszinierend festgehalten wie in „Hannahs Tagebuch„.

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Ein Gedanke zu “Kritik: Girls 1.04 „Hannah’s Diary“ / „Hannahs Tagebuch“.

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