Kritik: The Walking Dead 3.13 „Arrow on the Doorpost“ / „Das Ultimatum“.

„This fight… it would go down to the last man.“

Tonal ist The Walking Dead wahrlich ein Wechselbad der Gefühle: Mal reflektiert man kühl und gelassen über die apokalyptische Welt, mal passiert so viel Action auf einmal, dass man dazwischen kaum Luft holen kann, und manchmal, so wie in „Pale Horse„, auf deutsch weniger kryptisch schlicht „Das Ultimatum“ getauft, passiert eigentlich fast gar nichts.

Walking Dead 3.13 discussion

Nach zwölf Episoden der dritten Staffel ist es endlich so weit: Der Governor und Rick stehen sich von Angesicht zu Angesicht gegenüber. Die zwei Anführer wollen über die Missverständnisse und Fehler reden, die passiert sind, und auch womöglich für Frieden sorgen. Dafür hat der Governor allerdings eine Bedingung…

Ab hier gibts wie immer volle Spoiler für die Episode.

Zeitmanagement.

Ich will nicht, wie ich es sonst so gerne tue, lang um den heißen Brei herumreden: „Arrow on the Doorpost“ ist die mit Abstand fadeste Episode der Staffel. Ich könnte den Inhalt dieser 40 Minuten mit einem Satz zusammenfassen, ohne viel auslassen zu müssen: Der Governor unterbreitet Rick ein unrealistisches Ultimatum, weshalb Woodbury und Gefängnis zum Krieg rüsten. Klar, wir haben lange auf dieses Treffen gewartet, und das hätte mit Bestimmtheit ein Highlight der Staffel werden können – aber doch nicht auf eine gesamte Folge gestreckt!

Es ist keinesfalls alles schlecht an „Arrow on the Doorpost„. Besonders gut gefielen mir die neuerlichen Parallelen zwischen Woodbury und Gefängnis, diesmal in den Formen von Daryl und Martinez. Ihr verbaler Austausch ist genauso unterhaltsam wie der Wettstreit, wer eine Bande von Zombies auf elegantere Weise den Garaus machen kann. Martinez‘ artistischer Umgang mit seinem Baseballschläger ist zwar leicht übertrieben, passte aber gut zu diesem ohnehin humorvollen kleinen Wettbewerb, bei dem sie sich ständig versuchten zu überbieten. Gewinner wäre dann wohl Daryl mit seinem Doppel-Kill, als ein Pfeil den ersten Zombie durchbohrte und in den zweiten einschlug. (Man, Zombies sind ganz schön durchlässig geworden.)

Das gemeinsame Rauchen der Zigaretten, obwohl Martinez im Grunde nicht will, verdeutlicht, dass die beiden eigentlich hätten gute Freunde sein können, gemeinsam ein paar Walker schnetzeln und anschließend ein kühles Bier trinken und so weiter, wenn sie da nicht in diesen dummen, sinnlosen Krieg gespannt wären. Martinez erwähnt es sogar direkt, was für eine Farce das Ganze ist, dass die Menschen an der Macht bloß ihren Tanz vollführen und sich dann ohnehin nichts ändert, und im Prinzip tun der Governor und Rick das auch in dieser Episode: Muskeln flexen. Es ist nicht einmal so, dass Martinez und Daryl unterschiedliche Ideologien haben, die ein Bündnis verhindern würden, sondern schlichtweg der Schwur auf den jeweiligen Anführer. Ein fast poetischer Moment, der durchaus noch mehr ausgespielt werden hätte können, aber auch so handelt es sich dabei um einen schönen Moment der Verbundenheit.

Walking Dead 3.13 fight

Hershel und Milton bilden ein gutes Gespann für die Dauer ihres Gesprächs. Das kommt unerwartet, der Vergleich war bislang einfach zu abstrus, doch in Fleisch und Blut finden die beiden erstaunlich viele Themen, in denen sie übereinstimmen. Die Wichtigkeit beispielsweise, die Geschichte festzuhalten. Falls die Zivilisation je wieder aufgebaut wird, wird Archäologie ein sehr ergiebiger Job sein, und Miltons Büchlein könnte da durchaus ein echtes Artifakt sein. Wirklich schön, die Leute trotz der ernsten Angelegenheit so ausgelassen miteinander umgehen zu sehen und solch ungewöhnliche Berührungspunkte wie Hershels Amputation zu finden.

Währenddessen treffen Rick und der Governor aufeinander. Das Auftauchen dessen in der leeren Hütte ist eine echte Überraschung, wie auch überhaupt die Entscheidung, dieses Meeting so unangekündigt einberufen zu haben – eine gute Art, die Geschehnisse nach vorn zu schwingen. Grund für den Überraschungseffekt ist allerdings, dass sich The Walking Dead hier mal wieder vom Wunsch, Dramatik zu erzeugen, auf Kosten der Glaubwürdigkeit hat einlullen lassen – wenn man hinter jeder Ecke einen Walker vermutet ist es nicht gerade die klügste Idee, mysteriös aus der Dunkelheit herauszutreten, ohne einen Warnlaut von sich zu geben. Andererseits ist der Governor schon häufig solch großen Risiken eingegangen (Konfrontation mit der Armee, Angriff aufs Gefängnis), sodass dies vielleicht einfach seinem Charakter zuzuschreiben ist – wie schon mehrmals betont allerdings definitiv nicht mein Lieblingsattribut des Governors.

Das Gespräch selbst ist allerdings ziemlich enttäuschend. Ja, es werden die Standpunkte der zwei Anführer und wichtige Eckpunkte des aufkommenden Kriegs erläutert, aber das hätte man auch viel viel kürzer und knackiger haben können. Wie auch überhaupt das ganze Set des Treffens ist auch das Innere der Hütte toll dekoriert, und dass der Tisch, an dem Governor und Rick sitzen, wie auf einer Theaterbühne stehen zu scheint, verleiht dem Ort eine tolle Atmosphäre. Ich verstehe, dass sie in ihrem Gespräch viele plotrelevante Dinge (wie etwa der Vorschlag der territorialen Aufteilung, ironischerweise mit einer Landkarte, als ob die Inkonsistenz bezüglich der fragwürdigen Geographie von The Walking Dead auch den Drehbuchautoren im Nachhinein auffiel) adressieren müssen, doch das geschah ziemlich zäh und dröge. Am Schwächsten war dabei die Geschichte des Governors, wie er seine Frau in einem Autounfall verlor – ja, das erzählt uns mehr über seine Figur, allerdings nicht seine Motive oder seine Vorgehensweise. Es erklärt nicht, warum er so auf Rache aus ist, es erklärt nicht, warum er den Krieg herbeisehnt, es erklärt nicht, warum er so wenig Mitgefühl mit seinen Mitstreitern hat. Es fühlt sich an wie ein Versuch, „Das Ultimatum“ in die Länge zu strecken, und das gelingt. Ich konnte nicht umhin, an Breaking Bad zu denken: Während man dort bedrohlich seine Forderungen offen macht hätte, labern und labern Rick und der Governor die gesamte Folge darüber.

In der Zwischenzeit.

Es ist ein witziger Moment, als Rick und der Governor Andrea rausschmeißen und sie vom Verhandlungsgespräch ausschließen. Es ist fast wie ein Metakommentar, wie inkonsequent Andreas Aktionen meist sind. Das wird auch durch eines der größeren Plotlöcher dieser Woche deutlich, als Andrea bemerkt, sie könne nicht mehr zum Gefängnis zurückkehren. Warum? Das letzte Mal, als wir sie gesehen haben, hat sie doch genau das gemacht! Und seither hat sich auch nichts mehr in Woodbury verändert.

Dass sie allerdings nach dem Äußern dieses Bedenkens Woodbury erneut aufsucht ist hingegen eine sehr clevere Entwicklung. Sie geht damit ganz und gar nicht dem Governor oder ihren Gefühlen (?) für ihn auf den Leim, sondern tut das auf Geheiß Hershels hin, der einwirft: Wenn Andrea mit ins Gefängnis ginge wäre ein offener Krieg der einzig mögliche Ausgang. Ohne es in Worte zu fassen deutet er damit an, dass Andrea jene Person ist, die da etwas daran ändern kann, und zwar hinter den Reihen.

Hershel ist mittlerweile neben Daryl der MVP (der Wertvollste) in Ricks Team geworden, und ist auch jene Figur, die die besten Zeilen zugeschrieben bekommt. Er scheint auch die Vertrauensfigur für Rick geworden zu sein, nachdem weder Lori noch Shane noch am Leben sind. Hershel ist als Großvaterfigur wirklich spitze realisiert, den freien Platz von Dale nahtlos füllend: Er scheint einen (interessanten) Draht zu fast jeder Figur zu haben, selbst Merle! Je weiter seine Rolle ausgebaut wird, umso größer wird das flaue Gefühl im Magen, dass Hershel eines der mehreren angekündigten Opfer der finalen Schlacht in dieser Staffel werden könnte.

Ansonsten passiert nicht viel. Merles kleine Rebellion führt zu nichts, während Glenn und Maggie ihre Beziehung mit einem Schäferstündchen wieder aufleben lassen. The Walking Dead ist da vergleichsweise sehr scheu, was sexuelles Material betrifft, nur wirklich kreativ ist die Szene nicht umgesetzt. Bis auf den offenen Schlitz hinter den beiden – ich hätte schwören können, dass da noch eine Zombiehand kommen wird, aber sie wollte und wollte nicht erscheinen. Gut verlockt, The Walking Dead.

Im Gegensatz zum Gespräch zwischen Rick und Hershel, das als Ende der Folge recht deplatziert war, hätte die Sequenz davor ein formidables Finale für eine sonst eher enttäuschende Episode sein können. In letzter Zeit hat die Serie öfter Musik verwendet als zuvor, und ich muss sagen: das gefällt. Die Rückkehr der zwei Anführer in ihre Lager und ihre Unterbreitung der vorgeblich gescheiterten Verhandlungen fühlten sich so richtig episch an. Einerseits kommt das Gefühl auf, dass hiermit wirklich das Endspiel dieser Season eingeleitet wurde, andererseits sind die respektiven Lügen fesselnd: Der Governor hat von Anfang an ein falsches Spiel mit Rick gespielt, und dieser, die Lunte riechend, erzählt seinen Freunden die Forderung des Governors nach Michonne überhaupt nicht.

Als Setup-Folge funktioniert „Arrow on the Doorpost“ ausgezeichnet, denn die daraus resultierende Ausgangslage ist äußerst spannend: Andrea ist im Lager des Governors, die womöglich mit Hilfe von Milton Tyreese und Co zum Überlaufen überzeugen möchte, und das unter den wachsamen Augen des Governors. Der Governor plant einen mächtigen Überfall bei dem in 2 Tagen geplanten nächsten Treffen, während Ricks Truppe die Falle erahnt. Spannend! Leider im Gegensatz zu den ersten 35 Minuten der Folge.

Bla:

– Mittlerweile geht Andrea ganz schön furchtlos, um nicht zu sagen leichtfertig, mit den Walkern um. In Staffel 1 hatte man noch Angst, ein Walker könne einen kratzen, jetzt stellt sich Andrea mit ihrem Messer frontal dem Zombie entgegen.

– Einbeinig fährt Hershel Auto. Gut, dass es in Amerika so viele Automatik-betriebene Autos gibt.

– „You’re the town drunk, […], nothing more.“ Der Governor erzählt Rick dann zwar, dass er nicht klar sehen könne, holt dann allerdings dennoch eine Whiskeyflasche hervor.

– Dass die Hauptmotivation des Governors eigentlich die Vergeltung für Michonnes Tat ist, ist ein interessanter und gewitzter Twist zu den Comics. Insbesondere die Forderung, Michonne am Leben zu halten, ist gruselig, wenn man bedenkt, was mit der Comic-Michonne passiert ist…

– Tolle Kameraarbeit und Koordination, als die zwei Wagen synchron voneinander wegfahren.

– Eine der wenigen Szenen von The Walking Dead, in der Chekhov’s Gun (die Handfeuerwaffe, die der Governor unter dem Tisch versteckte) nicht abgefeuert wurde.

– In letzter Zeit hat sich The Walking Dead so sehr auf den Konflikt mit Woodbury konzentriert, dass die Gefahr durch die Zombies gar nicht mehr ernst genommen wird, und das scheint sich auch auf das Filmen auszuwirken. Es hat mich gestört, wie locker und unbemerkt Daryl mit seiner knatternden Maschine durch das Eingangstor des Gefängnisses fährt.

– „We’re going to war.“

Fazit: 7,0 von 10 Punkten.

Das Ultimatum“ ist die gefühlt längste Episode der Serie. Die Dialoge sind gestreckt, es passiert nicht viel – keine Schlechte Folge per se, aber weder in Sachen Atmosphäre noch Action eine Glanzleistung.

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Ein Gedanke zu “Kritik: The Walking Dead 3.13 „Arrow on the Doorpost“ / „Das Ultimatum“.

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